Von Ulli Kulke
In die Redaktionen kommen bisweilen Verlagsankündigungen von Büchern hereingeflattert oder hereingemailt, bei denen die Entscheidung schwer fällt, ob man lachen oder weinen soll. Vorausgesetzt, man nimmt sie angesichts der Fülle überhaupt wahr. Bei der Presseankündigung des Verlages Hoffmann und Campe, hier komme die „Erste literarische Antwort auf Fukushima“, wird man da natürlich hellhörig. Darauf haben wir schließlich gewartet. Die energiepolitische Antwort auf Fukushima ist noch offen, die umweltpolitische ebenso, da ist eine literarische Antwort schon mal hilfreich. Der Literat darf ja alles schreiben, deshalb ist er auch so schnell. Dass das marktschreierische „erste literarische Antwort…“ angesichts der Katastrophe in Japan so ähnlich klingt wie das geflügelte Wort, das man immer der berühmten Boulevardzeitung unterschob, „Bild sprach zuerst mit dem Toten“, stimmte da nur noch neugieriger.
Das Motto; das die Pressestelle ihrem Buchhinweis voranstellt, kommt denn auch gleich schwergewichtig daher: „Wir sind in die Falle gegangen, haben an einem System mitgewirkt, von dem wir wussten, dass es einen grausamen Tod bringen wird.“ Das hat der angepriesene Autor, der Schweizer Daniel de Roulet, in seinem Buch geschrieben. Aha. Da kommt zunächst mal Überraschung auf darüber, dass da der Literat schon die Auswirkungen von Fukushima besser zu kennen scheint als die Experten vor Ort. Was die gesundheitlichen Auswirkungen angeht, so sind wir derzeit auf einer Stufe, dass die Nachricht, jetzt sei eine zweite Arbeiterin auf dem Gelände von Fukushima mit dem Eineinhalbfachen der zugelassenen Dosis bestrahlt worden, am Montag der Zeitung „Die Welt“ eine große Meldung auf der „Vermischten“-Seite wert war. Vielleicht wirft der Literat hier auch die Todesursachen durcheinander, und vergisst, dass es in Japan ein gewaltiges Erdbeben und einen Tsunami gab, die zusammen 30000 Todesopfer forderten – die Roulet aber irrtümlich dem Atomunfall zuschreibt. Denn Irren, das weiß der gute Roulet selbst besser als jeder andere, zählt zu seinen Stärken. Aber dazu später.
Entscheidender ist allerdings der Duktus jenes Satzes: „…haben an einem System mitgewirkt, von dem wir wussten…“. „Wir?“ geht es wieder um Kollektivschuld, diesmal aller Menschen? Roulet sitzt doch nicht im Aufsichtsrat der Atomkonzerne. Und warum „haben mitgewirkt“? Ist es denn schon vorbei, das Atomzeitalter? Kein Zweifel, die Verlagsankündigung arbeitet hier – bewusst oder unbewusst (eher ersteres) – an der Assoziation mit der ganz großen Zeitgeschichte. Es ist mal wieder so weit: Die Zeit des Faschismus, in diesem Fall eben des Atomfaschismus, egal, ist vorbei. Fukushima ist für die Welt ungefähr das, was der 8. Mai 1945 für die Deutschen war, und die waren auch alle dabei. Jetzt, 2011, gilt es nur noch kollektiv zu bereuen und kollektiv Besserung zu geloben, um gut durch die neue Entnazifizierung (Entatomisierung?) zu kommen. Wie es allerdings aussieht, will die übrige Welt vorerst noch faschistisch bleiben.
Mit diesen Assoziationen tut man dem Autor Unrecht? Keineswegs.
Die Presseerklärung von Hoffmann und Campe hat da nämlich noch kapitalere Sätze auf Lager: „Kernkraftwerke sind für Daniel Roulet Ausdruck der Maßlosigkeit und stehen in ihrem Zynismus den Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts nicht nach.“ Na also. Der RWE-Chef Großmann und seine Kameraden, sie sind die neuen Himmlers, Görings, Goebbels und Heydrichs, die Menschheitsverbrecher des 21. Jahrhunderts. Und wir waren dabei und unser Stromverbrauch ist so was Ähnliches wie Völkermord.
Der Autor Daniel de Roulet bringe da einiges durcheinander? Genau.
Vor allem, wenn es um das große Ganze geht in der Zeitgeschichte, nämlich um den für die besonders flotten, die „ersten“ Literaten so beliebten Faschismus, da nimmt es unser Daniel de Roulet schon immer nicht so ganz genau. 1975 hat er – als immerhin schon 30jähriger – gemeinsam mit seiner Freundin das Ferienhaus des Verlegers Axel Springer in den Schweizer Bergen angezündet und komplett in Schutt und Asche gelegt. Er tat dies, weil er annahm, dass Springer ein aller Nazi sei. Fast 30 Jahre lang hegte er – von der ahnungslosen Polizei unbehelligt – diesen Irrglauben, und wähnte sich moralisch im Recht. Bis er im Jahr 2003 „durch Zufall“ bei einem Gespräch mit Bundeskanzler Schröder – anlässlich eines Empfangs beim Schweizer Verleger Ringier – erfuhr: Springer war gar kein Nazi. Aha, sagte er sich, auch gut – und schwieg weiter und schrieb ein Buch über seine Tat damals, seinen Irrtum und wie er heute darüber denkt. Natürlich selbstkritisch, warum auch nicht, kommt ja immer gut. Wenn auch nicht mit seinem jetzigen Duktus über den Atomfaschismus, nach der Devise: „…wir haben an einem System mitgewirkt…“ Und vor allem auch nicht sofort. Roulet wartete mit seinem öffentlichen Bekenntnis lieber noch, bis sein Anschlag 30 Jahre her war, und brachte das Buch 2006 heraus. Man kann ja nie wissen, Strafgesetzbuch, Schadensersatzklagen…
Es soll ja Leute geben, die, nachdem sie sich so kolossal in ihrem Antifaschismus vergaloppiert haben, damit öffentlich auch noch kokettieren und Bücher darüber verkaufen, sich danach lieber anderen Themenbereich zuwenden. Die erstmal vorsichtiger mit diesem Totschlags-Topos umgehen. Mit anderen Worten: die, aus Schaden klug geworden, einfach mal die Klappe halten. Roulet scheint nicht dazu zu gehören.