Manche Menschen trinken ihren Kaffee „To Go“. Ich gehöre nicht zu dieser evolutionären Sackgasse. Kaffee im Pappbecher, den man im Gehen balanciert, um ihn sich dann bei der nächsten Bodenwelle über die Hose zu schütten – nein danke. Und diese Deckel! Man weiß schon im Voraus ganz genau, an welcher Stelle der Zunge man sich gleich die Haut wegbrennen wird. Kaffee trinkt man im Sitzen, im Bistro, mit einer echten Tasse vor sich. Punkt.
Am vergangenen Wochenende um diese Zeit war wieder Stadtfest in Aschaffenburg. Ein Pflichttermin, hieß es. Eigentlich will ich da nie hin. Aber man kennt das ja: Der Ehefrau zuliebe gibt man sich einen Ruck, denkt sich „Ach komm, einmal rundherum, dann ist es vorbei“ und trottet mit. Meine Frau weiß natürlich, wie sie mich kriegt. Sie lockt mich schon Tage vorher mit einer detaillierten Aufzählung aller essbaren Verlockungen, bis ich im Vorfeld so auf den Geschmack komme, dass ich selbst sage: „Da müssen wir hin!“
Vor Ort dann: Brechend voll. Wären wir Autos, auf unseren Stirnen hätte das Wort „Stauschilde“ rot aufgeleuchtet. Normaler Schrittgänger-Takt war utopisch, streckenweise ging es nur noch in Zeitlupe voran. Ich, der ich meinen Radar und den Rundumblick permanent auf Empfang geschaltet habe, scannte die Lage, damit mir ja nichts entgeht.
Die erste präventive Warnung meiner Frau ließ nicht lange auf sich warten: „Du brauchst gar nicht erst zu erwähnen, dass du hier keine Vielfalt siehst, das sehe ich auch.“ Tja, was soll ich sagen? Sie hatte recht, ich hätte es ihr genau so prophezeit. Also sparte ich mir den Satz. (Die Deutschlandtürken erwähne ich an dieser Stelle übrigens nicht – die waren natürlich da, gehören seit Jahrzehnten zum Inventar und fallen unter normale Normalität).
Nachdem ich mich unentwegt durch die kulinarische Meile gefuttert hatte, verabschiedete ich mich beim Pizzamann meines Vertrauens mit einem lässigen: „Bis Weihnachten, wir sehen uns!“. „Stopp!“, rief er mir hinterher. „Ich bin aber nur jeden zweiten Tag da!“. Ich konterte: „Egal, wir sind fast täglich da!“ Alles lachte, die Stimmung war gut, wir gingen weiter.
„Deutsche Grillhendls“
Nun suchte mein Blick nach Kaffee. Richtig gutem Kaffee, keinem Beiprodukt von irgendeinem Bierstand. Und siehe da: In einem der Bistros wurde tatsächlich ein Tisch frei. Direkt an der Straße, beste Lage, quasi mit „Mehrblick“ auf den asphalthaltigen Passantenstrom. Eigentlich die Einkaufsmeile, aber nur zweihundert Meter lang.
Meine Frau scannte sofort meine Gedanken und diktierte mir die Verhaltensregeln in den Block: „Jetzt kannst du deiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen. Du sitzt in der ersten Reihe. Aber bitte behalte deine Beobachtungen für dich. Ich möchte nicht alles kommentiert haben. Weder, ob irgendwelche Frauen dringend zur Pediküre müssten oder schöne Hände haben, dich angelächelt haben, noch ob Frauen mit Kopftuch vorbeilaufen. Nichts davon.
Das war eine Ansage. Ich verstand und schluckte jeden Kommentar tapfer hinunter. Als sie dann noch nachschob: „Und noch was: Bitte fang keine Gespräche mit Nachbartischen an, die dann wieder in Diskussionen münden“, war das Bild komplett. Ich sollte für den Rest des Abends den Taubstummen mimen – und als Bonus am besten auch noch den Blinden.
So saßen wir nun da. Der Kaffee war gut, die Kehle trocken, und mein Blick fiel auf den Nachbartisch. Dort saßen zwei klassische „deutsche Grillhendls“. Diese Gattung Mensch hatte meine Frau in ihrer Verbotsliste glatt vergessen aufzuzählen. Sie kennen sie: Menschen, die in den Sommerurlaub fliegen, um sich in der Sonne brutzeln zu lassen, während sie zwischendurch anfänglich kaltes, zur Mitte hin lauwarmes und am Ende kochend warmes Bier in sich hineinschütten, nur um sich danach nahtlos weitergrillen zu lassen.
Ein erster Blickkontakt, ein erstes Hallo. Ich konnte nicht an mich halten: „Bei Ihnen muss ich nur fragen, wo Sie im Urlaub waren, so braun wie Sie sind. Hahaha, hohoho, das Eis war gebrochen. „Wir waren in der Türkei, in Alanya!“, flöteten sie. Als ich das Wort „Alanya“ hörte, gingen bei mir die Lichter an – und bei meiner Frau aus. Ich konnte förmlich sehen, wie ihre Augäpfel nach hinten rotierten.
Aus-Schalter gedrückt
Das Grillhendl-Paar legte sofort los und pries mir Alanya in den schillerndsten Farben an. Obwohl Alanya meine letzte Station in der Türkei war und ich dort buchstäblich jeden Winkel kenne, zeigte ich mich hoch erfreut darüber, wie schön es dort doch sein müsse. Um den Abend mit meiner Frau zu retten, beschränkte ich mich diplomatisch darauf zu erwähnen, dass ich in Istanbul geboren bin und auch schon mal zu Urlaubszwecken in Alanya war.
Dann holte der Ehemann tief Luft: „Wissen Sie aber, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Das Hotel war voller arabischer Touristen. Und wissen Sie, die sind ganz eigen, gar nicht so wie wir.“ Ich schwieg und kommentierte nicht. Er redete sich warm: „Außerdem grassiert dort die Armut. Die Hotelangestellten haben uns erzählt, dass der Mindestlohn unter der Armutsgrenze liegt. Und dass sie nicht einmal den bekämen, weil sie schwarz arbeiten. Das war nun so speziell, dass ich mein landsmannschaftliches Fachwissen einfach nicht mehr zurückhalten konnte: „Dann waren das aber Syrer. Denn nur die dürfen in der Türkei schwarz arbeiten, ohne Strafen befürchten zu müssen.“ „Ja, es waren Syrer! Ach, deshalb dann!“, stellte Frau Grillhendl erleichtert fest. „Auch wohlsituierte türkische Touristen haben über Erdogan geschimpft“, legte er nach. „Die Wirtschaft wäre am Boden, sagten sie.“
Sie gaben noch etliche Weisheiten darüber zum Besten, wie schlimm es für die Türken in der Türkei sei und welche Probleme das Land habe. Ich sah meine Zeit gekommen und stellte die Gegenfrage: „Und wie ist Ihre Meinung zu Deutschland? Wie läuft es denn hier bei uns?“ „Ach, wissen Sie“, meinte er jovial, „da sind schon einige Dinge, die nicht richtig laufen. Aber so im Großen und Ganzen: besser als in der Türkei.“ Ich dachte mir im Stillen: Was für ein grandioser Vergleich. Um das Bild der deutschen Glückseligkeit endgültig abzurunden, schob Herr Grillhendl prompt hinterher: „Die wahre Gefahr ist die AfD, wissen Sie. Man kann nur hoffen, dass die nicht an die Macht kommen.“
Bumm. In diesem Moment hatten sie bei mir den Aus-Schalter gedrückt. Das ist so eine Sache bei mir: An diesem Punkt reagieren meine Fabrikeinstellungen. Mein System blockiert augenblicklich jede weitere Diskussion. Wer im aktuellen Deutschland alles super findet bis auf ein paar „Kleinigkeiten“, die sie nicht einmal benennen können, weil es ihnen zu gut geht, wer aber gleichzeitig das Heil der Welt nur durch eine einzige Partei bedroht sieht, mit dem muss man nicht weiterdiskutieren. Das ist die unerschütterliche Spezies der selbsternannten Gutmenschen, gegen deren moralische Festung man mit Logik ohnehin nicht ankommt.
Als wir kurz darauf aufstanden und uns freundlich von den Grillhendls verabschiedeten, raunte mir meine Frau im Gehen zu: „Danke, dass du dich kurzgefasst und keine Diskussion angefangen hast.“ Wenn sie wüsste, dass daran nicht meine Disziplin schuld war, sondern einzig und allein meine implodierten Fabrikeinstellungen.

Zum Schmunzeln.
Immer wieder schön zu lesen…
Es dürfte ca 30-35 Jahre her sein, als das mit dem Cafe Togo aufkam. Ich habe seinerzeit immer lustigerweise nachgefragt ob der Kaffee aus Togo kommt. Mit einem Kaffee untern gehen zu trinken konnte ich auch nichts anfangen.
Lieber Herr Dener,
danke für Ihren herzerfrischenden Artikel, über den ich mich köstlich amüsiert habe!
Weniger lustig: Ich habe genau solche Menschen kennengelernt – alle über 80, alle medienverbl..dummt.
Die deutlichste Aussage lautete, dass die AfD eine Nachfolgepartei der NSDAP sei; ich erfuhr auch, dass die AfD alle Ausländer rauswerfen wolle („Dann haben wir doch kaum noch Pfleger in den Heimen und Krankenhäusern, und der Grieche, zu dem ich immer hingehe, ist doch so nett!“).
Meine Nachbarin war fassungslos, als ich – auf Nachfrage – äußerte, dass meine Sympathie nur der AfD gelten würde.
Sie hatte ganz offensichtlich große Probleme damit, ihre stets freundliche, hilfsbereite Nachbarin als AfD-Sympathisantin erkennen zu müssen – bei dem hässlichen Bild, das in den öffentlich- unredlichen Medien über die AfD, deren Politiker und deren Anhänger geradezu presslufthammerartig in die Gehirne gerammt wird.
Das passte doch nicht zusammen!
Nun – sie hat den Schock überwunden, und unsere gutnachbarschaftliche Beziehung wurde nicht getrübt.
Leider kenne ich in meinem Umfeld nur Long-Tagesschau- Menschen; darum freue ich mich jedesmal wieder auf meine kleinen Auszeiten in des Faltenpfaffen Gaucks „Dunkeldeutschland“ , wo ich stets auf Menschen treffe, die noch nicht gehirngewaschen sind. Eine Wohltat!
So ist es,„ ein kluger Mann hört auf seine Frau.“
Ich wähle nur solche Parteien, die diejenigen NGOs finanzieren, die Brandanschläge auf Umspannwerke unterstützen. Denn das ist gut für die ganze Welt, und Hauptsache, nicht die AfD. Von den anderen Wohltaten der Parteien der demokratischen Mitte brauch ich da gar nicht erst anzufangen.
Hallo Ahmet, auch beim Aschaffenburger gutmenschlichen links-grünen „KOMMZ“-Festival keine Spur von Vielfalt. Publikum bestand zu fast 100 Prozent aus weißen Nordeuropäern. Antifa, Alt-Hippies etc… Alles da. Aber die einzige „People-of-Color“, die ich zu Gesicht bekam, war die farbige Sängerin einer Band. Ob es wohl deshalb so friedlich verlief?
Autor Dener sollte über die Binnenmigration nach Blauland nachdenken. Beim Ossi lernt der Osmane Missmut vom Marktführer!