Nach 500 Jahren wollte ein arte-Dokumentarfilm erstmals die Rolle der Frauen im Bauernkrieg gebührend würdigen. Dumm nur, wenn sich dann kaum Belege für die gewünschte Erzählung finden lassen.
Der Bauernkrieg, der "Aufstand des gemeinen Mannes" – ohne Frauen wäre er undenkbar gewesen. Erstmals beleuchtet ein Dokumentarfilm die Rolle von Frauen in den Unruhen, die sich im Jahr 1525 verdichten. Freiheit, Teilhabe, Selbstbestimmung: Das treibt Frauen wie Katharina aus dem thüringischen Mühlhausen oder Margarete, "die schwarze Hofmännin" aus Böckingen bei Heilbronn, um.
So die Ankündigung der – soweit erkennbar – einzigen Dokumentation, die der öffentlich-rechtliche Sender „arte“ zum 500. „Jubiläumsjahr“ des Bauernkriegs (der genau genommen von Sommer 1524 bis Sommer 1526 dauerte) beizusteuern hat, „Die Frauen des Bauernkrieges“. Beim Bauernkrieg handelte es sich, im Unterschied zu einer großen Anzahl anderer Ereignisse in den davorliegenden Jahrzehnten, auch nicht lediglich um den „Aufstand“, sondern sehr wohl um die „Revolution des Gemeinen Mannes“, die auf weitreichende gesellschaftliche und vor allem geistig-religiöse Veränderungen abzielte. Es war die mit Abstand größte europäische Erhebung vor der Französischen Revolution.
Darüber gäbe es viel zu sagen. Über einzelne Ereignisse, verschiedene Stränge der Bewegung in den verschiedenen Regionen, Strittiges aus der Forschung und über Biographien von Protagonisten beider Seiten. Oder über Phänomene, die sich wohl nie zufriedenstellend klären lassen werden, etwa die Frage, warum die Aufständischen mehrfach für sie äußerst vorteilhafte Positionen aufgaben und es ihren Gegnern sehr leicht machten, sie im besseren Fall zu disziplinieren, im schlechteren niederzumetzeln.
Allein: „arte“ interessiert sich für die „Rolle von Frauen in den Unruhen“. Die traurige Wahrheit ist: Mit Blick auf den gesamten Bauernkrieg, das große historische Ereignis, haben Frauen kaum eine Rolle gespielt, eine irgend relevante Rolle schon gar nicht. Das kann man gut oder weniger gut finden, aber es war so. Dass Frauen in den Quellen nur äußerst selten erscheinen, hat möglicherweise den lapidaren Grund, dass es nicht allzu viel zu sagen gibt. Im Gegensatz zur „arte“-Ankündigung war und ist der Bauernkrieg „ohne Frauen“ sehr wohl denkbar.
"Immer mal eingebunden in Aufstände"
Ist man allerdings von seiner „Es-muss-doch-anders-gewesen-sein“-These überzeugt und bemüht Lupe und Mikroskop, dann finden sich tatsächlich Spuren. Das Anliegen der „arte“-Dokumentation, eine bedeutende, bislang marginalisierte Rolle von Frauen im Bauernkrieg wenn schon nicht zu beweisen, so doch wenigstens zu suggerieren, berührt bereits in den ersten Sequenzen peinlich. Die Spielszenen mit geifernden, mistgabelbewehrten Frauen sollen den Zuschauer auf die richtige Spur schicken. Die Historikerin Lyndal Roper lässt sich dazu mit der bahnbrechenden Feststellung vernehmen: „Frauen gab es im Bauernkrieg überall und ohne sie kein Bauernkrieg natürlich.“
Besonderer Höhepunkt der Spielszenen: Bauersfrauen, die wild gestikulierend gemeinsam eine Flugschrift lesen. Sind die Macher der „arte“-Dokumentation auch auf Erkenntnisse gestoßen, die unser bisheriges Wissen über den Alphabetisierungsgrad in den Dörfern des frühneuzeitlichen Mitteleuropa auf den Kopf stellen? Später wird mittels Off-Stimme erklärt, 90 Prozent der Bevölkerung seien des Lesen unkundig gewesen. Viel Sorgfalt wurde offenbar nicht auf die Erstellung der öffentlich-rechtlich finanzierten Dokumentation gelegt.
Vier Namen werden zu Beginn genannt, die wir nur deshalb kennen würden, „weil sie durch ihren Widerstand aktenkundig geworden sind“: Magdalena Gaismair aus Tirol, Katharina Kreutter aus Thüringen, Margarete Renner aus Württemberg und Else Schmid aus Oberschwaben. Dramatisch wird gefragt: „Was war ihre Rolle? Waren sie wirklich die Verbrecherinnen, die uns aus den Quellen anblicken? Und warum wurden sie so lange von der Geschichtsschreibung missachtet?“ Die letzte Frage lässt sich nicht beantworten. Denn „missachtet“ wurden sie nicht, nur eben in dem Umfang berücksichtigt, der ihrer Bedeutung angemessen ist. Anhand dieser vier Frauen und zweier weiterer, später in die Dokumentation eingeführter – Ottilie von Gersen und Magdalena Scherer – soll die – bisher so schimpflich übergangene – Bedeutung von Frauen im Bauernkrieg aufgezeigt werden.
Drei von ihnen sind – auch wenn man sich bei „arte“ redlich um Ausschmückung bemüht – letztlich lediglich an der Seite bzw. als Unterstützerinnen ihrer Ehemänner bekannt. Ottilie von Gersen war die Frau von Thomas Müntzer, der die Bewegung in Thüringen maßgeblich vorantrieb. Von ihr ist zumindest eine selbstständige Pöbelei während eines Gottesdienstes überliefert. Magdalena Gaismair war mit Michael Gaismair verheiratet, der die Aufstände in Tirol anführte und eine „Landesordnung“ entwarf, die mitunter überspitzt als frühes „kommunistisches Manifest“ bezeichnet wird. Bei „arte“ fragt man unwissend, aber suggestiv: „Welchen Einfluss seine Frau Magdalene wohl auf ihn ausgeübt hat?“ Else Schmid, (laut „arte“ war sie „offensichtlich auch immer mal eingebunden in Aufstände“) war die Frau von Joß Fritz, der Jahre vor dem Bauernkrieg mehrfach Bundschuhaufstände plante, die allesamt im Vorfeld verraten wurden.
"Ansätze einer Diffamierung"
Margarete Renner, geläufig unter dem Namen „Schwarze Hofmännin“ (ihr Mann war Gutspächter, also ein „Hofmann“, daher die Bezeichnung) habe sich, so die „arte“-Dokumentation, „schon früh gegen Unterdrückung und Ausbeutung“ gewehrt. Sie verweigerte Abgaben. Die „Schwarze Hofmännin“ gehört zu den ganz wenigen bekannteren Frauen des Bauernkrieges. An der Seite von Jäcklein Rohrbach, dem Anführer der Neckarbauern, wirkte sie. Rohrbach zeichnete verantwortlich für die „Weinsberger Bluttat“, das sadistische Vorgehen der Aufständischen gegen den Grafen Ludwig von Helfenstein und weitere Adelige, und er gilt auch unter Sympathisanten der Bauernseite als – gelinde gesagt – eher problematische Erscheinung.
Die „Schwarze Hofmännin“ agitierte und radikalisierte. In der Stadt Heilbronn sollte ihrer Meinung nach „kein Stein auf dem anderen bleiben“, die Stadt sollte „zu einem Dorf werden“. In der Dokumentation klingt das alles etwas anders, visuell unterstützt durch Spielszenen. Bei Heilbronn etwa soll es nur um die Stadtmauern gegangen sein. Überliefert und bekannt ist vor allem, dass sich die „Schwarze Hofmännin“ nach dem Tod des Grafen Helfenstein damit rühmte, sie habe „den Leichnam herumgewendet, mit ihrem Messer in ihn geschnitten; sein Schmer [Fett] sei herausgequollen, mit dem habe sie ihre Schuhe geschmiert“. Etwas unappetitlich, vor allem, wenn es um die positive Rolle von Bauernkriegsfrauen gehen soll? Glücklicherweise hat „arte“ eine Expertin eingebunden, die erklärt: „Ob wir da jetzt tatsächlich ne Aussage haben, die wir ernst nehmen können, da wär ich sehr vorsichtig und würde sagen, hier haben wir sicherlich auch Ansätze, die einer Diffamierung von Margarete Renner das Wort reden sollen.“ Verflixt. Erst kommen Frauen in den Quellen zu wenig vor. Jetzt mit Taten, die nur bedingt ein Identifikationsangebot bieten. Gut, dass „arte“ die Dinge endlich richtig einordnet! In Böckingen, woher sie stammt, gibt es eine Skulptur von der „Schwarzen Hofmännin“, hier gilt sie offenbar als vorbildtauglicher Bezugspunkt.
Katharina Kreutter ist die einzige der hier behandelten Frauen, die tatsächlich vergleichsweise selbstständig im Sinne der längerfristigen Anliegen des Bauernkrieges, mehr noch im Sinne der Reformation, wirkte. In Mühlhausen soll sie Anhänger mitgerissen und sogar die Messe gehalten haben. Sie ließ sich neu taufen. Resümierend heißt es bei „arte“ über die damaligen Bestrebungen: „Die Frauen wollen eine Kirche nach ihren [eigenen] Vorstellungen.“ Nun ja. Katharina Kreutter wurde immerhin – im wörtlichen Sinne – später für ihr Engagement gebrandmarkt. Magdalena Scherer wiederum ist dafür bekannt, dass sie ihre Rückseite vor den Truppen des Schwäbischen Bundes entblößt hat. Für „arte“: Ein „Akt des Widerstandes“.
Engagement und Mut – ohne Wertung nach moralischen Kategorien – der sechs genannten Frauen sollen nicht in Abrede gestellt werden. Aber ist deren Betätigung – noch einmal: gemessen am Gesamtereignis – wirklich geeignet, um von den „Frauen des Bauernkrieges“ zu sprechen? Immerhin hat die „arte“-Dokumentation sich bemüht, das beste überlieferte Material zu verarbeiten.
Neunzig Minuten mit einem Materialproblem
Abseits der konkreten, biographisch belegbaren Betätigung der sechs mehr oder weniger intensiv betrachteten Frauen bleibt die „arte“-Dokumentation vage. Offensichtlich auf Vermutungen gründen sich – zudem hilflos wirkende – Aussagen wie diejenige, Frauen „waren dazu da, um Nachrichten zu überbringen zwischen den Haufen [den Heeresformationen, in diesem Fall der Bauern], sie haben Gruppen vernetzt, sie haben aber auch zum Aufruhr aufgerufen und waren teilweise Beginnerinnen von Protesten“. Oder: „Man weiß, dass Frauen für die Versorgung zuständig waren, aber auch Sanitätsdienste geleistet haben. Beim Kampf selber waren sie nicht dabei. Sie waren sicher in der Etappe hinten, haben geschaut, dass der Nachschub, dass die Versorgung passt und dass man auch bei der Plünderung zugegen war, um Wertgegenstände abzutransportieren.“
Zeitgeistig korrekt, wenn auch Extreme meidend, spricht die „arte“-Dokumentation von „Christinnen und Christen“, „Bäuerinnen und Bauern“ oder bezüglich der Entstehung des monumentalen Bauerkriegsgemäldes von Werner Tübke von „Assistentinnen und Assistenten“. Die umfangreichen allgemeinen und entsprechend zeitfüllenden Passagen über den Bauernkrieg lassen den Verdacht aufkommen, dass sich bezüglich des beabsichtigten, neunzigminütigen Frauen-Themas ein Materialproblem bemerkbar gemacht hat. Die albern wirkenden Trickfilm-Passagen, die Tatsache, dass mit der Einbindung von Szenen des DDR-Müntzer-Films von 1956 über die Schlacht bei Frankenhausen ein definitiv falsches Bild vermittelt wird (die Schlacht an sich fand gar nicht statt, die Aufständischen, die Müntzer noch angeheizt hatte, flohen panisch und wurden sprichwörtlich abgeschlachtet) kann man getrost beiseite lassen. Quintessenz: Die „arte“-Dokumentation belegt ungewollt: Im Bauernkrieg sind Frauen natürlich auch sichtbar, haben aber nun einmal keine historische Bedeutung, die es rechtfertigen würde von den „Frauen des Bauernkrieges“ zu sprechen. „Cherchez la femme“ ist mitunter die Lösung. Aber eben nicht immer.
Dr. Erik Lommatzsch ist Historiker und lebt in Leipzig.
Beitragsbild: Pixabay

@Herr Szabo: große Klasse, ein interessantes Vergnügen! Danke für beide, ja auch mit erheblicher Mühe geschriebene, Komments. Ich habs mit dem ReligionsSektenSh*t, auch, nicht so wirklich. Dafür aber mit der geschätzten Frau Grimm – deren Komments ich schon vor 10Jahren genossen habe. Von daher gilt bei mir und zu Ihnen Beiden, ganz QuantenFüßelich: 1+1=2 x gleich liep!!!
Hr.Thomas Szabó an Frau Ilona Grimm
SIE HÄTTEN BESSER SCHWEIGEN SOLLEN !!!!
Ihr „Geschmacksinn“ dürfte völlig irrelevant sein .
@Thomas Szabó, wenn Sie Zeit hätten für eine sachliche Debatte, könnte ich all Ihren mir mehr als geläufigen „Argumenten“ mit Belegen nach forensischen Methoden begegnen. Aber das wollen Sie ja gar nicht. Können Sie BEWEISEN, dass SIE recht haben mit Ihren Behauptungen? Kännen Sie BEWEISEN, dass es den GOTT DER BIBEL nicht gibt? Für Tod und Auferstehung Jesu Christi gibt es viele auch außerbiblische Zeugnisse. Wie diskutieren Sie die weg? Wieso wollen Sie mir das Missionieren absprechen? JEDEN TAG kommen auf der ganzen Welt Menschen zum Glauben an Jesus, die zuvor nichts mit ihm am Hut hatten. Warum und wie passiert das? Können Sie das widerlegen? Hören und sehen Sie sich doch mal z.B. bei Open Doors die Glaubenszeugnisse von verfolgten Christen aus unzähligen Ländern dieser Welt an. Und dann denken sie nochmals nach. Aber wenn Sie gern im feurigen Pfuhl enden wollen, ist das natürlich Ihre Entscheidung. Ich bin so ein Typ, der gerne alle Menschen gerettet sehen möchte, selbst die schlimmsten Ketzer und Spätter der Achse des Guten. @Herrn Gille: Nein, eine mustergültige christliche Ehefrau bin ich tatsächlich nicht. Ich bin nämlich seit 13 Jahren eine Witwe. Wie stellen Sie sich denn eine mustergültige christliche Ehefrau vor?? Fühlen Sie sich irgendwie ertappt durch den antiken Stalinisten?
Korrektur: Die schöne Blonde aus der amerikanischen Jeans-Werbung heißt nicht Disney, sondern Sydney Sweeney. Pardon!
@ Jochen Lindt / 03.08.2025
„ Im Falle des Bauernkrieges waren dass der deutsche Adel und die Kirchen, vorweg die katholische Variante. “
Hier irren Sie:
Es war der geistige „Führer“ der protestantischen Variante, ein Martin Luther, der in seiner Schrift „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ die Fürsten dazu aufrief, die Bauernaufstände mit aller Härte zu beenden.
Wie? Keine PoC*innen dabei? Was ist mit Trans-Personen? Die fehlen gänzlich! Arte, bitte nacharbeiten (und Gendern nicht vergessen)…
Tapfere und kluge Frauen haben die Gleichberechtigung der Frauen in der Gesellschaft erkämpft. Mit Erfolg, denn die Sache ist abgeschlossen und kommt uns heute zugute. Ihnen sei Lob und Anerkennung. Mittlerweile beackern langweilige Tussen, aufgescheuchten Hühnern gleich dieses Feld , auf dem es nichts mehr zu beackern gibt. Frauen, die wissen wohin sie wollen, egal auf welchem Gebiet, brauchen die Wichtigtuerei überflüssiger Feministinnen nicht. Möglicherweise suchen die Letzteren deshalb hysterisch nach Beweisen, dass die Geschichte umgeschrieben werden muss, weil wir ohne Frauen noch in Höhlen leben würden. Den Film habe ich nicht gesehen, aber ich freue mich über den Artikel.