Vera Lengsfeld / 04.09.2016 / 14:16 / Foto: Lionel Allorge / 14 / Seite ausdrucken

Der brave Thomas und die nackte Panik im Kanzleramt

Im Kanzleramt scheint helle Panik zu herrschen. Noch bevor die Wähler ihre Stimme in Mecklenburg-Vorpommern abgegeben haben, muss Thomas de Maizière schon erklären, warum die zu erwartende Niederlage der Kanzlerinnenpartei in ihrem Stammland nichts mit Merkel zu tun hat. Keinen Zusammenhang zwischen Merkels Flüchtlingspolitik und AfD-Wahlerfolgen will der Bundesinnenminister sehen. Eine heile Welt habe es früher auch nicht gegeben. Was will uns Thomas denn damit sagen? Was hat die verfehlte „Flüchtlingspolitik“ mit irgend einer „heilen Welt“ zu tun? Richtig. Nichts. Es geht nur darum vom bevorstehenden absoluten Desaster abzulenken, für das Merkel wieder keine Verantwortung übernehmen will. 

Erinnern wir uns an Kanzler Schröder, der im Vergleich zu seiner Nachfolgerin als geradezu lupenreiner Demokrat erscheint. Nach der krachenden Wahlniederlage in NRW 2005 sagte der damalige Kanzler, er hätte verstanden und rief Neuwahlen im Bund aus. Damit zog er die Konsequenzen aus der Ablehnung seiner Reformpolitik, von der Merkel übrigens profitiert hat, denn Schröders Agenda 2010 hat Deutschland krisenfester gemacht als alle anderen europäischen Staaten. Merkel ist dabei, auch dieses Erbe zu verspielen.

Zurück zu den Versuchen des braven Thomas, die Ursachen für die befürchtete Wahlniederlage anderswo zu suchen. „Die Flüchtlingskrise war nicht die Ursache dafür, dass auch hier die Rechtspopulisten Aufwind bekommen haben“, behauptet der Minister von der traurigen Gestalt. Dahinter würden weniger einzelne politische Entscheidungen, sondern das Unbehagen mancher Menschen mit der Globalisierung und Moderne stecken. „Wir erleben in ganz Europa den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien.“ 

„Globalisierung“, „Unbehagen an der Moderne“, „einzelne politische Entscheidungen“- unkonkreter geht es nicht. Von einem politisch Verantwortlichen würde man, wenn er schon an die Presse geht, gern erfahren, welche politischen Entscheidungen denn einen Einfluss auf das befürchtete Wahlverhalten genommen haben könnten.  Nur in einem ist sich Thomas ganz sicher: Es handelt sich um Rechtspopulisten, die an der Wahlurne für das Debakel sorgen. Es gibt keine Bürger mehr, es gibt nur noch treue Gefolgsleute oder Rechtspopulisten.

Thomas vorauseilender Versuch, das Debakel schon mal präventiv wegzuerklären, dürfte ziemlich einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sein. Heute spricht der Wahlbürger und die Angst vor ihm dampft  Thomas aus allen Poren.

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Wieland Schmied / 05.09.2016

Korrektur: Der Nachsatz mit Dank ist selbstredend an Frau Lengsfeld zu adressieren gewesen. Herr Rietzschel wird mir meinen faux pas sicherlich nachsehen.

Wieland Schmied / 05.09.2016

@ JF Lupus Ihre Rechnung bezüglich der Verantwortlichkeiten zum weiteren Verrat und der fortschreitenden Zerstörung unseres Landes ist fehlerhaft. Sie haben die 19 Prozent CDU vergessen, die bis dato fleissig mitgewirkt hat und es sich nehmen lassen wird, dieses auch in Zukunft weiterhin zu tun. Schande, wem Schande gebührt. Guten Tag. NS.: Sehr geehrter Herr Rietzschel, wiederum ein vorzüglicher Beitrag. Danke.

Karla Kuhn / 04.09.2016

Soweit ich weiß, Herr Herrmann, ist Thomas de Maiziere, geboren in Bonn, nie ein DDR Politiker gewesen. Er wird also wenig von Merkels Treiben in der DDR gewußt haben. Sie meinen sicher den DDR de Maiziere.  Ich habe auch erst durch das Buch, “Joachim Gauck, der richtige Mann”  brisantes über Gauck erfahren, sehr lesenswert !!!! Da ich seit 41 Jahren hier lebe, habe ich von Merkel erst nach der Maueröffnung erfahren. Dass unsere “amerikanischen Freunde” über Merkel Bescheid wissen,nehme ich stark an. Da Merkel die kompetenten Politiker in ihrem Umkreis vergrault hat, sind eben nur noch die mit dem Gummirückgrat vorhanden. Keiner hat den Mumm ihr mal zu zeigen, wo der Hammer hängt, de Maiziere ist auch so eine tragische Gestalt.

JF Lupus / 04.09.2016

30 % SPD und 12 % Linke - DAS ist die wahre Katastrophe. Da nützen die 21 % AfD gar nichts. Unser Land wird weiter verraten und zerstört.

Ilonka Mueller-Getahun / 04.09.2016

Einen Erfolg dieser Wahl,der mir besonders gut gefällt, ist das Ausscheiden der Grünen aus dem LT.So wie sich diese Partei entwickelt hat+ ihres “Spitzen Personals” kann man ihnen keine Verantwortung in diesem Land mehr anvertrauen, auch in der Opposition nicht.

Wolfgang Richter / 04.09.2016

Nach dem jetzt vorliegenden Wahlergebnis ist doch alles gut. Die sog. Etablierten haben zwar alle verloren, aber eigentlich doch gewonnen, weil es immer noch nahezu 50 % Wähler gibt, die die GroKo offenbar so toll finden, daß sie diese gewählt haben u. ihr zumindest eine Mehrheit an Parlamentariern in der Landeskammer beschehren. Und damit können sie erst mal weiter machen bis bisher, als sei nichts gewesen. Die sind die neu ins Parlament einziehenden AfDler am Ende nicht mehr als eine unschöne Fußnote, die um so weniger schmerzt, als die NPD weg vom Fenster ist.

Andreas Rochow / 04.09.2016

Der brave Thomas kann und darf keine fundamentale Kritik an seiner Sonnenkanzlerin üben. Auch darf und kann er nicht das Beispiel eines Kanzlerrücktritts aus der jüngsten Vergangenheit in Erinnerung rufen, wie Sie es tun, verehrte Frau Lengsfeld. De Maizières Statement ist ein Auftragswerk von Mutti: Mach den Wählern in McPomm und Berlin klar, dass die Kanzlerin mit Landespolitik nichts zu tun hat und unbeirrt in bewährter Weise weiter durchregiert wird, egal, wie der Wähler entscheidet. Weshalb sich der Innenminister so benutzen und beschädigen lässt, ist eigenartig. Eine Flucht nach vorn sieht anders aus.

Wlodzimierz Nechamkis / 04.09.2016

brillant!!!

Sye Drarsa / 04.09.2016

Brillante Antizipation auf allen Seiten. Danke für die Einleuchtungen, die ich hier bekomme. Schauen wir, wie es wird. Und wie man irreversible Prozesse wieder umkehren will. Wie einen Zuckerwürfel, einmal aufgelöst, wieder zu dem gleichen Zuckerwürfel zu machen. Das ist selbst Physikerinnen zu schwierig.

Silas Loy / 04.09.2016

Die Misere hat wohl nicht begriffen, daß die sogenannten Rechtspopulisten die ehemaligen eigenen Wähler sind. Abgesehen davon ist es schon lange irrelavant, was dieser Mann den handzahmen Journalisten so alles aufbindet., er gehört wie seine Chefin vor ein ordentliches Gericht, das dann das Regierungsversagen juristisch vollständig aufklärt.

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