“Berlin - arm aber sexy!” Mit diesem Spruch gelang es dem Regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit noch einmal, die letzte Abgeordnetenhauswahl zu gewinnen.
Jetzt möchte Wowereit am liebsten nichts mehr von seinem früheren Finanzminister Thilo Sarrazin wissen, obwohl dieser in seinem ausführlichen Interview mit der Zeitschrift “Lettre International” - neben einigen aus dem Zusammenhang gerissenen politisch inkorrekten Zitaten, über die sich zur Zeit ganz Deutschland aufregt - Wowereits stadtpolitisches Konzept auf das Schönste bestätigt.
Hier nur einige wenige Auszüge zum “Sexappeal” der ehemaligen Front-, jetzt Hauptstadt:
“Die Politik war geprägt von wachsendem Provinzialismus und Kleinlichkeit, also Steglitzer Kreisel, Architektin schläft mit Baustadtrat usw.”
“In den Jahren nach 1989 lebte man im Wolkenkuckucksheim. Man hat den Kopf in die Wolken gesteckt, reichlich öffentliches Geld genossen und lebte nicht auf dem Boden der Tatsachen.”
“Zwanzig Prozent der Berliner leben von Transferleistungen.”
“Berlin ist belastet von zwei Komponenten: der Achtundsechzigergeneration und dem Schlampfaktor.”
“Benachteiligte aus bildungsfernen Schichten, davon hat Berlin besonders viele.”
“Es findet eine fortwährende negative Auslese statt.”
“Der Intellekt, den Berlin braucht, muß also importiert werden.”
“Es kann in einer Stadt, in der man prächtig leben kann, gleichzeitig kompakte und wachsende, ungelöste Probleme geben. Genauso wird es in Berlin werden.”
“Der Weg, den wir gehen, führt dazu, daß der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt.”
“Wäre Wowereit eine Mischung aus Kurt Biedenkopf, Willy Brandt und Freiherr von und zu Guttenberg, könnte er natürlich mehr für die Stadt bewirken.”
In der Tat:
In Berlin stinkt der Fisch vom Kopf her. Bevor der heutige Partybürgermeister Klaus Wowereit Regierender Bürgermeister wurde, hatte er sich seit den achtziger Jahren lediglich als Mitglied der “Schwusos”, der schwulen Jungsozialisten sowie als Baustadtrat im beamtenmiefigen Tempelhof hervorgetan. Von einem längeren Auslandsaufenthalt wowereits, und sei es auch nur in “Westdeutschland”, wie man damals in Berlin zu sagen pflegte, ist bis heute nichts bekannt.
Dagegen mußten alle herausragenden Regierenden Bürgermeister der Stadt von außen “importiert” werden:
Ernst Reuter, Willy Brandt und nicht zuletzt Richard von Weizsäcker. Selbst Walter Momper, der ursprünglich aus Bremen stammt, war verglichen mit Wowereit noch eine weltläufige Lichtgestalt.
“Was ist der Unterschied zwischen dem Pariser Eiffelturm und der Berliner Verwaltung?” - “Beim Eiffelturm sitzen die Nieten unten!” So lautete ein Berliner Witz, zu einer Zeit, in der noch ungefähr 30 Prozent aller Berliner im öffentlichen Dienst beschäftigt waren.
Wenn Berlin, nicht nur von Thilo Sarrazin sondern auch von weiten Teilen der Wirtschaft jahrelang mit dem Begriff “Negative Elite” verbunden war, so war dies nicht zuletzt der äußerst dünnen Personaldecke von autochtonen Politikern geschuldet.
Bei aller Aufregung über die angeblich fremdenfeindlichen Positionen von Thilo Sarrazin ist m.E. vollkommen untergegangen, auf welchem Humus die Probleme der Integration ausländischer Mitbürger, die Sarrazin durchaus zutreffend beschreibt, gewachsen sind, nämlich auf dem einer weitverbreitenen Subventionsmentalität und des Händeaufhaltens, was z.B. Zuwendungen aus dem sog. Länderfinanzausgleich betrifft.
Ein Wunder nur, daß sich in der öffentlichen Diskussion über das Sarrazin-Interview mit “Lettre International” so wenig autochtone Berliner angegriffen und beleidigt fühlen.
Aber so lange sich der autochtone Berliner zwar “arm” aber dennoch “sexy” fühlt, kann es ja um die Belange der Hauptstadt nicht gar so schlecht bestellt sein.