Lieber Herr Broder,
Sie haben einer Kollegin „ein an Höhepunkten armes Leben“ vorgeworfen. Ich finde, das geht nicht. Auch ich habe ein an Höhepunkten armes Leben, aber ich mag es nicht, wenn man mich damit aufzieht.
Stellen Sie sich doch mal so ein Leben vor. Ich wache morgens auf, schaue mich um und suche vergebens nach einem Höhepunkt. So geht es den ganzen Tag weiter. Während um mich herum die Leute sich vor lauter Höhepunkten nicht mehr retten können, schleiche ich von Nichthöhepunkt zu Nichthöhepunkt.
Schon beim Frühstück tut sich nicht viel. Etwas Toast, ein bisschen Marmelade, dazu Tee. Dann schreib ich ein paar Zeilen, die ich aber auch nicht als Höhepunkt des Schreibens bezeichnen möchte. Das Mittagessen ist mittelmäßig. Am Nachmittag versuche ich aufzuarbeiten, was morgens liegengeblieben ist. Aber da schon bei dem Liegengebliebenen kein Höhepunkt dabei war, kann daraus am Nachmittag auch keiner mehr werden. Dann der Tatort am Abend. Nun gut, der ist mein Höhepunkt. Aber das ist nur ein weiterer Beleg dafür, wie arm an Höhepunkten mein Leben ist.
So weit so schlecht. Ich habe mich damit abgefunden, dass sich bei mir nicht viel tut. Aber ich reagiere sauer, wenn man mir das öffentlich vorhält. Ich empfinde das als Diskriminierung. Ich finde Höhepunktlosigkeit ist genauso eine Behinderung wie zum Beispiel Gehörlosigkeit. Würden Sie einem Gehörlosen vor allen Leuten seine Behinderung vorwerfen?
Na, bitte. Darum verstehe ich auch, dass die Kollegin Sie verklagt hat. Ich finde es überhaupt gut, wenn ein Journalist einen anderen verklagt. Irgendwann muss ja mal Schluss sein mit dem bloß verbalen Schlagabtausch. So haben wir mit der Meinungsfreiheit schließlich nicht gewettet. Sie dient doch wohl dazu, dass wir Journalisten die anderen mit unseren Meinungen beglücken, die Politiker, die Wirtschaftsbosse, die Päpste. Aber die Meinungsfreiheit ist sicher nicht dazu gedacht, dass wir Journalisten unter ihr leiden müssen. Irgendwo muss es da eine Grenze geben. Vor allem, wenn es um Diskriminierungen Behinderter geht.
Höhepunktarmut darf kein Gegenstand öffentlicher Debatte sein. Zum Glück gibt es genügend Richter, deren Leben auch an Höhepunkten arm ist. Sie haben einen wachen Sinn für die Diskriminierung, die uns Höhepunktarmen tagtäglich begegnet.
Selbst diesen Brief an Sie, Herr Broder, mit dem ich mir viel Mühe gegeben habe, empfinde ich nicht als einen Höhepunkt. In meiner Verzweiflung möchte ich mich manchmal aus dem Fenster stürzen. Aber leider wohne ich Parterre.
Mit freundlichen Grüßen
Rainer Bonhorst