Alex Feuerherdt / 27.08.2016 / 10:05 / 8 / Seite ausdrucken

ARD: Der Unwille zur Recherche und die Macht des Ressentiments

Manchmal sind es vermeintliche Kleinigkeiten, die Rückschlüsse auf das große Ganze zulassen. Nachdem es reichlich Kritik an einem in der Tagesschau und den Tagesthemen ausgestrahlten Beitrag zum Wassermangel im Westjordanland gegeben hatte, in dem der jüdische Staat in ein ganz schlechtes Licht gerückt worden war, ließ Markus Rosch, Autor des Films und Israel-Korrespondent der ARD, gemeinsam mit seiner Kollegin Susanne Glass eine Stellungnahme auf dem Blog des ARD-Studios Tel Aviv folgen. Darin verteidigten sich Rosch und Glass und thematisierten zum Schluss auch eine von Gerd Buurmann auf seinem Blog verbreitete Äußerung der SPD-Bundestagsabgeordneten Michaela Engelmeier, die den Film auf Facebook mit ungewöhnlich scharfen Worten gerügt hatte. Das Zitat der Parlamentarierin sei für sie, so schrieben die beiden ARD-Leute, „derzeit nicht zu verifizieren“, denn es sei „nicht auf der Facebook-Seite der Politikerin wiederzufinden, die sich – wie dort zu lesen ist – offenbar gerade in Rio befindet“. Die naheliegende Idee, auch mal auf der Facebook-Seite der Tagesschau nachzusehen – wie Buurmann es getan hatte –, kam Rosch und Glass anscheinend nicht. Genau dort fand sich Engelmeiers Statement aber.

Man könnte das als Petitesse abtun, wäre es nicht so symptomatisch für den Unwillen zur Recherche, den man sowohl Roschs Beitrag als auch der Entgegnung des Studios in Tel Aviv auf die Kritik anmerkt. Was der gebührenfinanzierte Sender wider alle journalistischen Grundsätze versäumte, erledigten schließlich andere, allen voran der Nahostkorrespondent Ulrich Sahm (in zwei ausführlichen Texten), die Bild-Journalistin Antje Schippmann sowie Gerd Buurmann und Michaela Engelmeier. Sie prüften die Behauptungen der Familie Osman, die im Film gewissermaßen als Hauptbelastungszeugin herangezogen wurde, und des Hydrogeologen Clemens Messerschmid, der Markus Rosch als Experte diente. Sie recherchierten Zahlen und Fakten zur Wasserversorgung im Westjordanland, gingen den Ursachen für die Wasserknappheit nach, holten israelische Stimmen ein und forschten nach den Hintergründen von Messerschmid, der im ARD-Beitrag eher wie ein politischer Aktivist klang denn wie ein Fachmann.

Eine Blamage für die ARD

Was sie herausfanden, gereicht der Tagesschau und den Tagesthemen zur Blamage. Schon die Aussage von Rosch und Glass, man habe wegen eines „hohen jüdischen Feiertags“ leider keine O-Töne israelischer Experten einholen können und schließlich „der Schnelligkeit den Vorrang gegeben“, mutet befremdlich an. Zum einen gab es in den drei Wochen vor der Ausstrahlung lediglich einen Fastentag, an dem Juden zwar keine Lederschuhe tragen und keinen Geschlechtsverkehr haben sollen, aber durchaus mit Journalisten sprechen dürfen. Zum anderen bestand bezüglich des Filmbeitrags ganz gewiss kein Anlass zur Hast – es handelte sich ja nicht um ein tagesaktuelles Thema, bei dem man notfalls auch ohne Äußerungen derjenigen Seite auskommt, die an den Pranger gestellt wird. „Wie kann seriöser, glaubhafter und unabhängiger Journalismus funktionieren, wenn man gründliche Recherche aus fragwürdigen Zeitgründen vernachlässigt?“, fragt Michaela Engelmeier deshalb völlig zu Recht.

Auch hinsichtlich der im Tagesschau-Beitrag kolportierten Gründe für die Wasserknappheit in Salfit – jenem palästinensischen Dorf, in dem die Familie Osman lebt und Rosch mit seinem Team drehte – sind Zweifel angebracht. In dieser Ortschaft hatte es einige Wochen zuvor einen Bruch an einer Hauptversorgungsleitung gegeben, der – so berichtet es die koordinierende Regierungsbehörde Israels in den palästinensischen Gebieten (Cogat) – dadurch entstanden war, dass palästinensische Bewohner die Rohre zwecks Wasserentnahme angezapft und folgenreich beschädigt hatten. Die Versorgungsengpässe in Salfit – wie auch in den umliegenden israelischen Siedlungen – könnten also damit zusammenhängen. Markus Rosch und Susanne Glass schreiben dazu in ihrer Replik an die Kritiker, dass der Rohrbruch zum Zeitpunkt der Dreharbeiten als repariert „galt“. Zu recherchieren, ob das tatsächlich stimmt, hielten sie offenbar wiederum nicht für nötig.

Schließlich hatten sie dafür ja den deutschen Experten Clemens Messerschmid. Der behauptet, den Palästinensern im Westjordanland mangele es an Wasser, weil die Israelis sie keine Brunnen bauen ließen, da sie das gesamte Grundwasser in der Westbank für sich selbst beanspruchten. Eine überaus heftige Anschuldigung, weshalb es spätestens an dieser Stelle geboten gewesen wäre, einen israelischen Fachmann vor die Kamera zu holen. Haim Gvirtzman beispielsweise, einen Professor für Hydrologie an der Hebrew University in Jerusalem, der zudem Mitglied im Council der israelischen Wasserbehörde und lange Jahre ein Berater des gemeinsamen israelisch-palästinensischen Wasserkomitees (JWC) war. Oder Uri Schor, den Sprecher der israelischen Wasserbehörde. Mit beiden hat dafür Antje Schippmann gesprochen, und was sie zu sagen hatten, widerspricht den Thesen Messerschmids fundamental. Hier geht es weiter.

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Leserpost

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Werner Baumschlager / 28.08.2016

Ich hab schon lange den Verdacht: Was im normalen Leben “Spinnerkartei” heißt, heißt bei unseren Medien “Expertenverzeichnis”.

Jan-Niclas Hein / 28.08.2016

Nun ja, es kann nun wirklich nicht abgestritten werden, dass die israelische Regierung die autonome Wasserversorgungsentwicklung der Palästinenser zumindest verhindert. Im WJL gilt immer noch das Militärrecht und man muss sich eines vergegenwärtigen: Ansässige Militärs müssen jeden geplanten Brunnenbau genehmigen, selbst eine Reperatur. Die Anfragen können ohne Begründung abgelehnt werden. Und so geschieht das in der Praxis wohl auch nicht selten. Die Palästinenser können ihren Wasserbedarf auch aufgrund dieser Umstände nicht selbst decken, und sind auf Wasserlieferungen von Außen angewiesen, vorsorglich aus Israel. Rund 1/4 des von den Palästinensern erworbenen Wassers stammt aus israelischen Siedlungen, die Palästinenser bezahlen also teilweise buchstäblich für ihr eigenes Wasser. Nach Einschätzung der israelischen Regierung seien Wasserprobleme aber hausgemacht, und vor allem der Schlechten Wartung seitens der Palästinenser zu ,,verdanken”. Dabei wird hübsch ausgelassen, dass es augenscheinlich die israelische Militärbesatzung war, die in den vergangenen Jahrzehnten im WJL Modernisierung und Instandhaltung kollektiv vernachlässigt hat, obwohl dies zu deren Pflichten gezählt hätte. In der Tat wäre es aber interessant gewesen zu hören was ein Sprecher der israelischen Regierung entgegnet hätte. Da muss man der ARD durchaus auf die Finger klopfen, obwohl derartiger Aufstand seitens Israel mMn völlig überzogen ist, gerade in Anbetracht der Zustände in der israelischen Presselandschaft.

Andreas Rochow / 28.08.2016

Die Desinformation der ARD ist so effektiv, dass alle Richtigstellungen mehr oder weniger ins Leere laufen. Es ist zum Verzweifeln, aber etwas bleibt hängen und das war schließlich die Absicht. Dass die Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Gebührenvernichter sich so etwas leisten können ist damit erklärbar, dass journalistische Fehlleistungen dieser Art regelmäßig toleriert werden. Widerlich!

Anne Cejp / 27.08.2016

„Antisemitischer Rundfunk Deutschlands“, diesen Ausdruck, den das Team der Selbstverteidiger in der ARD preisgab, hatte ich noch nicht gehört – er passt aber gut. Erst wenn Alex Feuerherdt oder Ulrich Sahm, am besten beide, die Gelegenheit bekommen, für die ARD einen Film zu drehen, in der der gesamte Vorgang   wie es zu dieser Entgleisung (die keine ist) kommen konnte   –  ausgezeichnete Recherchen muss man bei beiden nicht hinterfragen -, dann könnte in meiner Vorstellung etwas davon zurück genommen werden.  Bitte aber zu einer guten Sendezeit und verbunden mit einer Entschuldigung der ARD für diesen unsäglichen Beitrag.

Viola Heyer / 27.08.2016

Die Palästinenser haben ein Wasserproblem. Die ARD hat ein Wahrheitsproblem. Beides ist hausgemacht.

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