Wahnsinnig griechisch sieht er aus, der Tempel, den ich gestern im sizilianischen Segesta besuchte. Vierzhn mal sechs Säulen, perfekte Maße, kein Dach mehr – jedem Athenbesucher kommt das bekannt vor. Aber: Der Tempel ist gar nicht urgriechisch. Gebaut haben ihn die Elymer, als Zeichen der Wertschätzung der griechischen Kultur. Wir sind wie ihr, wollten damit die Elmer den Athenern sagen – und ein Hilfegesuch im Kampf gegen übermächtiger Gegner vorbereiten. Genutzt hat es den Elymern wenig…
Zwar kamen die Athener nach Sizilien, doch nur, um sich selber eine blutige Nase zu holen. Und Segesta erlebte noch einige eher unerfreuliche Jahrhunderte, ehe es schließlich die Vandalen komplett zerstörten. Was diese nette kleine Episode der Welt- und Architekturgeschichte aufzeigt, sind die Grenzen architektonischer Symbolkraft. Hochhäuser am Potsdamer Platz machen Berlin nicht, wie von so vielen in der Hauptstadt ersehnt, zum New York Europas; ein wiedererrichtetes Stadtschloss ist kein Schritt in Richtung eines neuen übersteigerten Nationalbewusstseins, sondern eher Ausdruck einer verzweifelten Suche Berlins nach Identität. Selbstbewusste Moscheen in unseren Städten sind kein weiterer Schritt einer schleichenden moslemischen Machtübernahme. Architektur und Städtebau schaffen keine politischen Fakten. Sie drücken auch nicht aus, was ist, sondern sind eher Spiegelbild kollektiver Sehnsüchte und Ängste.