Als ich vor kurzem in einem Bioladen war, um Brot zu kaufen, fiel mir eine Anzeige an der Theke ins Auge. Coffee to go wird in diesem Laden aufgrund der aktuellen Situation nur noch in Einwegbechern und nicht mehr in eigenen mitgebrachten Behältern verkauft. Die Zeiten ändern sich und damit auch unser Verhalten.
Für die Banalitäten vergangener Wochen gibt es keinen Raum mehr. Es geht jetzt um existenzielle Fragen wie den Schutz der eigenen Gesundheit, die finanzielle und berufliche Absicherung vieler Familien oder welcher Supermarkt gerade neue Lieferungen an Klopapier und Nudeln bekommen hat. Dabei warnt Jens Spahn, dass die aktuellen Zustände zwar noch die Ruhe vor dem Sturm seien, aber es werde auch wieder Zeiten nach Corona geben. Damit hat Herr Spahn natürlich recht. Wir werden irgendwann wieder zu einer neuen Normalität zurückkehren und das Leben wird weitergehen. Aber wir müssen uns auch dringend die Frage stellen, welche Maßnahmen und Änderungen notwendig sind, um ähnliche Zustände zu verhindern.
Einer der Bereiche, dessen kontinuierlich ignorierte Schwachstellen uns jetzt mit aller Härte treffen werden, ist unser Gesundheitssystem. Obwohl Pflegemangel, untragbare Arbeitsbedingungen, ein stetig wachsender Ärztemangel sowie weitere Engpässe im Gesundheitsbereich seit langem kein Geheimnis sind, schien die gesellschaftliche und politische Priorität dieser Themen eher gering. So langsam spürt man nun das böse Erwachen: Nicht genug Pflegekräfte, zu wenig Ärzte, nicht ausreichend Schutzmasken und andere Ausrüstung, Lieferengpässe bei Medikamenten; diese Liste kann man um zahlreiche Punkte noch erweitern. Das Mantra, dass Deutschland bestens vorbereitet sei, wird nun von immer größer werdender Verunsicherung und Verzweiflung abgelöst.
In diesen Tagen kümmert man sich – zu recht – sehr viel um die wirtschaftlichen Folgen der Krise. Aber ich erlebe kaum Auseinandersetzung mit Änderungen im Gesundheitssystem. Von Geklatsche wird jedoch kein Pfleger die Miete bezahlen können, und gegen Unterbesetzung und rekordverdächtige Überstunden hilft das auch nicht. Wir brauchen spätestens jetzt die dringend überfällige Debatte um unser Gesundheitssystem.
Ärztemangel trotz vieler Studienbewerber
Auch im ärztlichen Bereich zeichnet sich – bereits vor Corona – ein düsteres Bild ab. Dr. Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes (also des Berufsverbands deutscher Ärzte) forderte im November 2019 mehr Medizinstudienplätze: „Wir haben zu wenig medizinischen Nachwuchs, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Wer den Ersatzbedarf ignoriert, der durch die Babyboomer-Ruhestandswelle der nächsten Jahre auf uns zukommt, verkennt schlichtweg die Realität.“
Dabei gibt es beim Medizinernachwuchs in Deutschland ein unverständliches Paradoxon: Einen immer größer werdenden Ärztemangel trotz vieler Studienbewerber. Es bewerben sich jährlich etwa 45.000 Anwärter auf knapp unter 10.000 Medizinstudienplätze deutschlandweit. Warum bei eindeutigen Zeichen von höherem Bedarf nicht mehr Studienplätze geschaffen werden, wird häufig mit den hohen Kosten eines Medizinstudiums begründet. So koste die Ausbildung eines Arztes an einer staatlichen Universität um die 250.000 Euro – die privaten Hochschulen in Deutschland veranschlagen dafür maximal 90.000 Euro, die jedoch komplett vom Studenten getragen werden müssen. Wodurch sich die Differenz ergibt, ist unklar.
Wenn ein Abiturient jedoch Genderwissenschaften, Kulturwissenschaft oder Europäische Studien studieren möchte, dann kann er dies meist ohne große Hürden oder Aufnahmebeschränkungen tun. Natürlich sind diese Studiengänge viel weniger kostenintensiv als die Ausbildung eines Mediziners, aber – und das wird oft vergessen – eben auch nicht umsonst. Und wie viele studierte Europäer braucht ein Land? Wie viele Soziologen und Kulturmanager helfen uns durch die Coronakrise? Zusätzlich sprießen neue Studiengänge, über deren Sinn und Nutzen diskutiert werden muss, wie Pilze aus dem Boden. Die Uni Regensburg plant zur Zeit ab diesem Jahr den neuen Masterstudiengang „Perimortale Wissenschaft“, laut Website ein „Zukunftsthema“.
Schon heute können in ländlichen Gegenden einige Hausärzte nicht mehr in den Ruhestand gehen, da sie keine Nachfolger für ihre Praxen finden. Auch in der Coronakrise sehen sich viele pensionierte Ärzte – in Anbetracht des Kapazitäten unseres Gesundheitssystems – dazu gezwungen mitzuhelfen, nachdem sie unter anderem von der Landesärztekammer Schleswig-Holstein dazu aufgerufen wurden. Für ein Land wie Deutschland sollten das keine tragbaren Zustände sein, da Pensionäre wegen des Alters selbst zur Risikogruppe gehören.
Ein Teufelskreis der Unvernunft
Der Medizinische Fakultätentag sieht aber keine Notwendigkeit in der Schaffung weiterer Medizinstudienplätze, denn die Ursache soll bei den vielen Ärzten (und besonders Ärztinnen), die in Teilzeit arbeiten, sowie in der falschen Verteilung der vorhandenen Ärzte zu finden sein. Wo ist der Aufschrei aller Feministen bei dieser frauenfeindlichen Ansicht? Dass die Medizin immer weiblicher wird, ist nichts Neues, und dass auch diese Frauen Kinder und Familie haben und dementsprechend weniger arbeiten, ist verständlich.
Tatsächlich haben sich durch die Wiedervereinigung die Medizinstudienplätze sogar reduziert, da einige Städte in den neuen Bundesländern – wie die einst bedeutende Medizinerstadt Erfurt – ihre medizinischen Fakultäten verloren haben und ein heutiger Wiederaufbau zu teuer sein soll.
Inzwischen merken die Bürger den Ärztemangel immer häufiger im Alltag: Monatelange Wartezeiten bei bestimmten Fachärzten oder gar Aufnahmestopps von neuen Patienten, überlastete Krankenhäuser und Ärzte, die auf Grund mangelnder Deutschkenntnisse Schwierigkeiten haben, mit Patienten und Kollegen zu kommunizieren. Die Vorschläge der Einwanderung von Ärzten aus dem Ausland sind eine bodenlose Frechheit, da Deutschland mit vergleichsweise guten Gehältern Ärzte anlocken kann, aber damit einen Ärztemangel in den Ländern vor Ort bewirkt. Die Ausbeutung des Auslands darf nicht die Lösung für mangelnde personelle Ressourcen in Deutschland sein. Daraufhin werden dann die „Ärzte ohne Grenzen“ aus Deutschland in ihrer Freizeit in diese Länder fahren und bei der medizinischen Versorgung helfen. Ein Teufelskreis der Unvernunft.
Jetzt ist Corona hier, und wir werden mit diesen eigentlich schleichend erwarteten Veränderungen aller Voraussicht nach sehr schlagartig konfrontiert werden. Nicht zu vergessen ist aber, dass sich trotz Corona auch die „regulären“ Erkrankungen und Unfälle nicht plötzlich in Luft auflösen. Fehlendes Material lässt sich in einigen Wochen bis Monaten herstellen und neu produzieren, aber die wertvollen menschlichen Ressourcen müssen langfristiger geplant werden. Ausbildungen und Studienzeiten dauern mehrere Jahre.
Was ist, wenn nun Ärzte – wie auch in China, Italien und Spanien – selber an Corona erkranken und ausfallen? Oder in Quarantäne müssen, weil sie Kontakt zu Infizierten hatten? Wie lange wird unsere Personaldecke das aushalten? Corona hat keinen Ärztemangel erschaffen, Corona macht ihn nur noch bemerkbarer. Dabei prognostizieren Studien und der Marburger Bund den wirklichen Crash, sobald die Babyboomer ins Rentenalter kommen, da diese Generation einen Großteil der in Deutschland tätigen Ärzte – besonders in der hausärztlichen Versorgung – ausmacht.
Das Thema ist für mich auch sehr persönlich, weil ich selber gerne Ärztin werden möchte. Aber ich kann Sie (nicht) beruhigen: ich skizziere nicht aus Frust wegen ein paar Ablehnungen ein Horrorszenario, ich weise auf reale Probleme hin. Gerade viele Gleichaltrige denken, dass sie diese Angelegenheit nicht betrifft, da sie jung und gesund sind; aber aktuell zeigt Corona, dass es jeden plötzlich treffen kann. Wenn die medizinische Versorgung, die Studienplatzsituation, die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung aller medizinischen Berufe in unserem Land nicht verändert wird, dann sollte die Regensburger Uni über eine Ausweitung des Studiengangs „Perimortale Wissenschaft“ nachdenken, denn dann wird es wirklich ein Studium mit Zukunft.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Jugend und Schülerblog Apollo News.
Michal Kornblum ist Studentin aus Münster.
Wir brauchen nicht mehr Ärzte. Im Zuge der Digitalisierung kommt es (endlich) zur Automatisierung in Operationssälen. Rund-um-die-Uhr Operationen sind möglich in meistens besserer (genauerer) Qualität. Videokonferenzen - wenn die Ärzte endlich einen PC bedienen können - könnte man sich den Gang zum Hausarzt sparen und handelte auch im Sinne der Corona-Quarantäne. Warum denken Sie so kurz ?
Verehrte Frau Mann, ich weiß nicht, ob dieser Leserbrief zu der fortgeschrittenen Tageszeit noch durchgeht: Wollen Sie tatsächlich einer hart an ihrem Studium bzw. Weiterbildung zur Fachärztin arbeitenden Medizinerin noch zumuten, einen arbeitslosen, zu Hause sitzenden, Gender- oder Kulturwissenschaftler mit durchzufüttern, so bald als möglich nach Schwangerschaft und Entbindung wieder arbeiten zu gehen um Kind/er UND Kulturwissenschaftler weiter zu ernähren? Bei aller Emanzipation bekommen nun mal die Frauen die Kinder und sollten sich ohne von der Gesellschaft erzeugtes schlechtes Gewissen um diese kümmern können. Danach folgt noch eine sehr sehr lange Lebenszeit der Frau, in der sie sich ihrem beruflichen Fortkommen widmen kann. Skandinavien und Frankreich machen es uns vor, dass bei entsprechend strukturiertem Tagesablauf Mutterschaft und Berufstätigkeit in Einklang zu bringen sind. Krankenschwestern arbeiten Schicht und sind dennoch Ehefrauen und Mütter. Ein Großteil der ambulanten aber auch stationären Medizin ist tatsächlich mit Terminen in strukturierten Sprechstunden tagsüber „Nine to Five“ darstellbar. Wirklich medizinisch notwendige Hausbesuche sehe ich so gut wie gar nicht, das ist Landarztklischee aus dem Vorabendkintopp. Echte medizinische Notfälle sind viel weniger als man denkt. Wer 27 Jahre im fachfremden kassenärztlichen Zwangs-Bereitschaftsdienst verbringen musste hat so viele durch Anspruchsdenken, Freibiermentalität, Faulheit und Blödheit der Leute induzierte Pseudo-Notfälle gesehen, die alle hätten zur normalen Sprechzeit in die Hausarztpraxen gehen können, dass es für mehrbändige Bücher ausreicht.
Mehr Mediziner ausbilden? Höheres Angebot an Dienstleistung? Demzufolge Konkurrenz und - Gottseibeiuns - gar Wettbewerb, niedrigere Vergütungen? Ach, wer kann dies wollen? Ganz bestimmt nicht diejenigen, die an der Quelle sitzen. Die Anwaltsbranche hat es vorexerziert. Früher hatten wenige Anwälte ein gutes Auskommen - dank BRAGO/RVG ein bisschen über Sozialhilfe- heute wird BRAGO/RVG von hunderten Junganwälten unterlaufen. 200 Euro für Erstberatung? Das war einmal. Eben wegen der Anwaltschwemme. Noch ist das Modell bei den Ärzten anders: Verknapptes Angebot, jahrelang Sklavendienst und dann können diejenigen, die das durchstehen, noch 30 Jahre lang absahnen. Nur diejenigen, die in der Warteschlange stehen, finden das Ungut. Hat da jemand gesagt, das es auch Patienten gibt? Die hätten ja auch Interessen! Ach wie provinziell. So denkt ein Landarzt. Ein Arztfunktionär denkt wesentlich standesbewusster!
Liebe Michal, statt über die Studenten der Gender- und Kulturwissenschaften zu spotten, sollten Sie sich unter diesen lieber nach einem Mann umsehen. Dann könnte es klappen mit dem Unter-einen-Hut-bringen von Arbeit, Haushalt, Ehe, Kindern und nebenbei Facharztausbildung und Promotion. Sollten Sie auf einem Medizinmann bestehen, wird eines oder mehrere der genannten Dinge womöglich auf der Strecke bleiben. Es sei denn, Sie können sich einigen, wer Übervollzeit arbeitet und wer verkürzt oder gar nicht. Wie auch immer - von Herzen alles Gute für Sie!
Neben Ärztinnen, Teilzeit, Abwanderung ins Ausland, Einsatz in Verwaltungen und Krankenkassen etc. ist sicher auch noch ein anderer Aspekt zu überdenken. Wenn -wie hier von einem Foristen geschrieben- nach z.B. 14 Wartesemestern mit dem Studium begonnen wird, ist die realistisch zu erwartende Lebensarbeitszeit als Mediziner viel zu kurz anzusehen. Angenommen mit 19 Jahren ist das Abitur erreicht und es werden 7 Jahre mit Wartesemestern (bestenfalls mit einer medizinischen Berufsausbildung untersetzt) verbracht, so ist ein Studienbeginn mit 26 Jahren möglich. Die Ausbildungszeit bis zum "richtigen" Arzt beträgt dann nochmals 10 Jahre? Dann ist der junge Mediziner also rd. 37 Jahre alt und kann bis zum Ruhestand noch etwa 28-30 Jahre tätig sein. Auszeit für Kindererziehung etc. nicht eingerechnet... Stimmt das so oder habe ich einen Denkfehler?
Die Autorin hat richtig in ein Wespennest gestochen. So viel Frauenfeindlichkeit (Frauen arbeiten nur Teilzeit und deswegen gibts den Ärztemangel, Quote für Männer), Menschenverachtung (eine neue Hüfte mit 90 ist nicht ok) und den Wunsch nach Sozialismus und Freiheitsberaubung (Verpflichtung zu arbeiten, nicht auswandern ) kann man selten auf einem Fleck sehen wie hier in manchen Kommentaren. Ich bin über 30 Jahre im ärztlichen Beruf tätig, habe 2 erwachsene Kinder und habe immer Vollzeit gearbeitet. Ich habe bis zu 12 Nachtdienste pro Monat gemacht und 36h Dienste geschoben. Um über die Runden zu kommen, habe ich in der Freizeit in der Pflegeschule unterrichtet und ich wünsche so ein Leben keinem. Ich hatte das Gefühl ein Zugpferd zu sein. Und nun ein Wort zur Berufswahl: das Grundgesetz garantiert gleiche Rechte für Männer und Frauen, Arbeitsgesetze müssen für medizinische Berufe genauso gelten wie in jeder anderen Branche. Aktuelle Statistiken des Marburger Bunds von 2018 zeigen, dass 40% der Berufstätigen Ärzte zwischen 48-60h pro Woche arbeiten, 20% bis zu 80h pro Woche. Es gibt kaum Teilzeitler, die tatsächlich Teilzeit arbeiten. Berufskraftfahrer, Piloten etc. dürfen nicht mehr als vorgeschrieben arbeiten, von Ärzten wird das erwartet. Hier sollte auch an die Patientensicherheit gedacht werden. Bezüglich der Zulassung zum Studium: das ist der größte Unfug mit dem NC. Ich habe sehr viele junge Ärzte kennengelernt, die nach vielen Wartesemestern endlich ihren Studienplatz gekriegt haben (dazwischen sind auch Frauen) und sie sind oft viel talentierter, zielstrebiger, menschlicher als die 1,0 Mädchen und auch Jungs, die überwiegend sehr anpassungsfähig durchs Leben gehen. Und bitte nicht vergessen, dass hinter starken Männern in der Medizin oft „schwache“ Frauen stehen, die ihren Job aufgegeben haben oder nur in Teilzeit arbeiten können. Eine Demokratie muss dieses Risiko tragen, dass nicht alle Studenten anschließend im Beruf in DE Vollzeit arbeiten.
Der Ärztemangel ist ja wirklich ein Stück weit weiblich. Nahezu 2/3 aller Studenten sind weiblich und die Ausbeute an Lebensberufstätigkeit ist nun mal bei Frauen erheblich kleiner als bei Männern. Das sind Fakten und Fakten sind nicht frauenfeindlich sondern Fakten. Volkswirtschaftlich gesehen ist es absolut wünschenswert, dass wieder mehr Männer Medizin studieren (übrigens sind Männer auch eher bereit auf's "unattraktive" Land zu gehen als Frauen). Frauen haben im Schnitt die besseren Noten - aber nicht weil sie klüger sind, sondern weil das System immanent Frauen fördert. Also her mit den Gleichstellungsbeauftragten, die sich zur Abwechslung mal der Männer annehmen. Das wäre gendergerecht und hilft gegen den Ärztemangel. Daneben sollte man selbstverständlich mehr Studienplätze schaffen, gegen den heimlichen Widerstand der Funktionäre, die sich ihre Pfründe nicht verwässern lassen wollen (immerhin hat ein Niedergelassener, der sich in der Regel nicht überarbeitet, im Schnitt ca. 150.00 pro Jahr und zwar NACH Praxiskosten).