Henryk M. Broder / 09.02.2023 / 11:00 / Foto: Acgut.com / 29 / Seite ausdrucken

Antisemitismus findet am Wochenende statt

Den Antisemitismusbeauftragten geht die Arbeit nicht aus. Sie führen Strichlisten, erarbeiten Statistiken, organisieren Seminare, setzen Zeichen, geben Denkanstöße – und kommen doch nicht von der Stelle. Wie auch, wenn sie nur an den Symptomen des Problems herumdoktern.

Wie die Stuttgarter Nachrichten berichten, „wird in Baden-Württemberg im Schnitt fast jeden Tag eine antisemitische Straftat begangen“. Nach Angaben des Innenministeriums habe sich die Zahl der Straftaten in den vergangenen Jahren „mehr als verdreifacht“, von 99 im Jahre 2017 auf 337 im Jahre 2021. Die Zahlen für 2022 liegen noch nicht komplett vor. Die Polizei steht vor einem Rätsel. „Nicht immer sieht die Polizei ein politisches Motiv, nicht immer wird klar, was eigentlich dahintersteckt.“

Ja, was kann es nur sein? Ist es eine besondere Art der baden-württembergischen Willkommenskultur? Stecken mal wieder die Reichsbürger und Querdenker dahinter? Hat es etwas mit dem schönen Brauch der Kehrwoche zu tun? Der Innenminister von BW sagt, er habe sich getäuscht, „der Antisemitismus war nie weg, er ist da, im Netz und auch auf deutschen Straßen und Plätzen“. Die Stimmung gegen „Juden und Jüdinnen“ werde „durch die gesellschaftlichen Herausforderungen“ angetrieben. „Es wird ein Schuldiger gesucht für das Elend in der Welt.“

Das mag sogar stimmen, beantwortet aber nicht die Frage, warum es mal wieder die Juden sein müssen. Warum nicht mal zur Abwechslung die Montenegriner, die Vegetarier oder die Schrebergärtner? Warum sind immer die Juden für das Elend in der Welt zuständig? Auch die Erklärung, die der Antisemitismusbeauftragte von BW anbietet, geht am Kern der Sache vorbei. Er sagt, die Zahl der Antisemiten in BW sei zwar nicht angestiegen, „aber die digitale Radikalisierung der Verschwörungsgläubigen eskaliert“, ein kulturtheoretisch interessanter Ansatz, der so dünn ist wie ein ausgerollter Pfannkuchen beim Cannstatter Volksfest.

Wo kam der Antisemitismus vor der Digitalisierung her? Waren die analogen Tage frei vom Judenhass?

Keine Kausalität, aber doch eine Koinzidenz

Ebenso gut könnte man einen anderen Zusammenhang konstruieren. Seit Anfang 2018 hat BW einen „Antisemitismus-Beauftragten“. Es sieht aus, als würde die digitale Radikalisierung der Verschwörungsgläubigen mit seiner Ernennung zeitlich zusammenfallen. Das ergibt noch keine Kausalität, aber die Koinzidenz gibt doch zu denken. Wäre die Zahl der antisemitischen Vorfälle in BW rückläufig, würde der Antisemitismusbeauftragte nicht zögern, diese Entwicklung auf sein segensreiches Wirken seit 2018 zurückzuführen. Andersrum ist das nicht der Fall. Da ist es „die digitale Radikalisierung“.  

Der Antisemitismus scheint ein relativ neues, kaum erforschtes Gelände zu sein, „Neuland“ würde Merkel sagen. Die Ursachen liegen im Dunkel, für die Folgen sind bundesweit zwei Dutzend Antisemitismus-Beauftragte zuständig, allein in Berlin sind es sechs: Der Beauftragte des Bundes, der Beauftragte des Landes, der Beauftragte der Polizei, der Beauftragte der Generalstaatsanwaltschaft, der Beauftragte für den Bezirk Lichtenberg und der Beauftragte der Jüdischen Gemeinde. Ein schlimmer Verdacht drängt sich auf – obwohl immer mehr Katzen auf Mäusejagd gehen, nimmt die Mäusepopulation eher zu als ab. Auch hier gilt offenbar das Gesetz von der Erhaltung der Masse.

Die Arbeit der Antisemitismus-Beauftragten würde Sisyphos alle Ehre machen. Wie schon Albert Camus wusste, muss man sich Sisyphos als einen „glücklichen Menschen“ vorstellen. Auch wenn der Stein, den er einen Berg hinaufrollt, immer wieder ins Tal zurückrollt. Oder gerade deswegen. Den Beauftragten geht die Arbeit nicht aus. Sie führen Strichlisten, erarbeiten Statistiken, organisieren Seminare, setzen Zeichen, geben Denkanstöße – und kommen doch nicht von der Stelle. Offiziell sind sie „Ansprechpartner“ für jüdische Menschen und jüdische Gemeinden, die nicht wissen, an wen sie sich im Falle eines antisemitischen Übergriffs verbaler oder brachialer Art wenden sollen. In solchen Momenten oder Notlagen betritt der Antisemitismusbeauftrage die Bühne, wobei er nicht nur an den Symptomen herumdoktert, sondern „mutig und couragiert“ (Merkel) die Ursachen angeht.

Treitschke muss weg!

Ende 2021 legte der Berliner Antisemitismus-Beauftragte Samuel Salzborn ein Dossier mit 290 Berliner Straßen und Plätzen vor, die Namen von historischen Persönlichkeiten tragen, „die heute als Antisemiten gelten, sich antisemitisch geäußert oder judenfeindliche Ressentiments vertreten haben“.

Diese Orte sollten „umbenannt“ oder „kontextualisiert“, also in einen historischen Zusammenhang gestellt werden. Unter den Namensgebern ist auch der Historiker und Staatsrechtler Heinrich Gotthard von Treitschke (1834–1896), der den Satz „Die Juden sind unser Unglück“ in die Welt gesetzt hatte, das Glaubensbekenntnis aller Antisemiten der Neuzeit.

Das Dossier ruht inzwischen in irgendeiner Ablage der Senatsverwaltung für Justiz, Vielfalt und Antidiskriminierung und zieht Staub an. Dass es jemals umgesetzt wird, ist so wahrscheinlich wie die Hoffnung, die Olympischen Spiele von 1936 könnten in einer politisch korrekten Form wiederholt werden, mit jüdischen Sportlern und Sportlerinnen, People of Colour und Vertretern der LGBTQIA+Szene.

Tatsächlich gibt es derzeit Wichtigeres als die Umbenennung oder Kontextualisierung von Straßen, die Namen von Antisemiten tragen. In Berlin häufen sich antisemitische Vorfälle, an Schulen, in Fußballvereinen und im Straßenleben. Nur wer lebensmüde oder komplett irre ist, würde es wagen, mit einer Kippa auf dem Kopf in Neukölln zu flanieren. (Nicht weniger gefährlich ist das offene Tragen eines Kreuzes.) 

Prävention, Intervention und Repression

Und was macht der Berliner Antisemitismus-Beauftragte in einer solchen Situation? Er nimmt Haltung an und gibt dem RBB ein Interview (hier ab 3:10), in dem er mit keinem Wort die Quelle erwähnt, aus der der Judenhass sprudelt. Das ist schon eine beachtliche Leistung, vor allem, wenn man hört und sieht, wie penibel er gendert, nicht nur gegenüber den „Jüdinnen und Juden“, den „Beamtinnen und Beamten“, sondern auch den „Antisemitinnen und Antisemiten“. 

Auf die Frage der Moderatorin „Haben wir Judenhass auf Sportplätzen in Berlin?“ antwortet der Antisemitismus-Beauftragte der Stadt Berlin: „Nicht nur in Berlin, sondern bundesweit“, und beruft sich auf „Forschungen, die zeigen, dass gerade im Amateursportbereich, im Amateurfußball, Antisemitismus allgegenwärtig ist und im Prinzip jedes Wochenende stattfindet“. Deswegen müsse man „nicht nur über Prävention reden, sondern auch über Intervention und Repression“.

Aber das kann nicht alles sein! Wir brauchen vor allem mehr Antisemitismus-Beauftragte, die keine Hemmungen haben, die Täter beim Namen zu nennen: „Antisemitinnen und Antisemiten“.

Gut, dass wir das klargestellt haben!

Foto: Achgut.com

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

K.Behrens / 09.02.2023

Flanieren und Neukölln ist ein Widerspruch in sich, Flanieren als Vergnügen sieht die moslemische Folklore schon mal gar nicht gern. Neukölln steht exemplarisch für die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Zivilisatorischer Rückschritt, erstarrte Lebensformen, Ablehnung des Rechtsstaats, Verachtung anderer Religionen, Hass auf Israel zeichnet eine nicht zu unterschätzende moslemische Strömung aus. Höchst kriminelle moslemische Familien haben Neukölln, Wedding und Moabit längst unter Kontrolle. Terroristischen Anschläge im Namen Allahs überziehen ganz Europa. Staatsversagen heißt das Zauberwort und nicht irgendwelche Strichlisten von naiven -ismus Beauftragten. Innere Sicherheit sah in Deutschland mal anders aus, da beißt die Maus keinen Faden ab!

Thomas Hechinger / 09.02.2023

Wir brauchen keine Antisemitismusbeauftragten. Wir brauchen Bürger, die ihr Maul aufmachen und widersprechen, wenn ein Kollege, ein Bekannter, ein Verwandter antisemitische Äußerungen macht. Wir brauchen eine Polizei, die antisemitische Straftaten konsequent und mit hoher Aufklärungsquote verfolgt. Wir brauchen Staatsanwaltschaften, die ohne Ansehen der Person gegen antisemitische Straftaten vorgehen und sie vor Gericht bringen. Und wir brauchen Gerichte, die solche Straftaten angemessen ahnden, und zwar egal, von welcher politischen Richtung, welcher Weltanschauung oder welchem religiösen Bekenntnis sie ausgehen.

W. Renner / 09.02.2023

Gut dass es in Stuttgart keine Michael Blume Strasse gibt. Sonst müsste man die glatt umbenennen..

Burkhart Berthold / 09.02.2023

Bedauerlicherweise ist die “Bekämpfung des Antisemitismus” vielfach kein Ziel, sondern ein Mittel.

Thomas Kache / 09.02.2023

Na, ein kleiner Schritt für die Anti- Beauftragten von Bund & Ländern, aber ein großer im Kampf gegen Reichsbürger*innnen und andere Antisemitinnen dürfte ja dann die im kommenden Jahrhundert zu erwartende Digitalisierung bei den zuständigen Behörden sein. Dann gibt es endlich zu jeder Hausnummer den zuständigen Bot als Anti für alles Beauftragten. Wie schade, das als mittlerweile alter weißer Mann ich’s nicht mehr erleben werde, das jedem Antisemiten (m, w, d) ein Chip eingepflanzt wird. Fancy, übernehmen sie.

Marion Sönnichsen / 09.02.2023

Ein Hinweis zum Thema: Die Februar-Kolumne von Rafael Korenzecher, Herausgeber der Jüdischen Rundschau, ist da! Thema: Judenhass und Antisemitismus in der Geschichte und der Gegenwart. Jede Kolumne von ihm übrigens einfach brillant! Ich warte jeden Monat sehnsüchtig drauf.

Franz Klar / 09.02.2023

@ricardo sanchis : “Wenn ich an Juden denke, dann denke ich nicht an Rachel, Esther oder Sarah sondern an alte weiße Männer mit Hut und Schillerlocken” . Höchst bedenklich , Ihre Assoziation : “Schillerlocken sind enthäutete, geräucherte Bauchlappen des Dornhais. Beim Räuchern rollen sich die etwa 20 Zentimeter langen, dünnen Lappen röhrenförmig ein und krümmen sich am Ende. Die Form erinnere an die Frisur Friedrich Schillers mit langen Nackenlocken, daher der von ihr entlehnte Handelsname” ( Quelle Wikipedia ) .

Marc Blenk / 09.02.2023

Lieber Herr Broder, „Forschungen, die zeigen, dass gerade im Amateursportbereich, im Amateurfußball, Antisemitismus allgegenwärtig ist und im Prinzip jedes Wochenende stattfindet.“ Das ist antisemitische Kreisklasse. Was würde Walter Sobchak dazu sagen? “Diese bekackten Amateure!” Die echten Profis machen das geschickter und eleganter. Die gratulieren den Mullahs zum Terrorstaatsjubiläum, stimmen bei jeder Gelegenheit in der UN gegen Israel, finanzieren die Angehörigen von Judenmördern, lassen tausende Islamisten in Hamburg für ein Kalifat demonstrieren, sind erklärte Freunde Arafats und kümmern sich darum, dass wir jedes Jahr mehr ebenso professionelle Antisemitismusbeauftragte haben, die dann Statistiken über rechte toxische Männlichkeit in Auftrag geben….

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Henryk M. Broder / 24.02.2024 / 12:15 / 35

Eilmeldung! Herr Schulz ist aufgewacht!

Im Büro der Bundestagsabgeordneten und Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses Marie-Agnes Strack-Zimmermann war nach einem Bericht von Achgut.com die Luft heute morgen offenbar besonders bleihaltig. Richtet man…/ mehr

Henryk M. Broder / 24.02.2024 / 06:00 / 125

Frau Strack-Zimmermann hat Cojones, ist aber not amused

Es spricht für Marie-Agnes Strack-Zimmermann (MASZ), dass sie mein Schaffen verfolgt. Deshalb hat sie noch eine Rechnung mit der Achse offen. Marie-Agnes Strack-Zimmermann (MASZ) hat…/ mehr

Henryk M. Broder / 22.02.2024 / 10:00 / 80

No News aus Wolfsburg in der Tagesschau

In Wolfsburg stellt sich der VW-Chef auf die Bühne, um Weltoffenheit zu demonstrieren. Die Belegschaft hat derweil andere Sorgen. Die Tagesschau meldet, auch an diesem Wochenende hätten tausende…/ mehr

Henryk M. Broder / 18.02.2024 / 11:00 / 57

Eine Humorkanone namens Strack-Zimmermann

Ja, wenn einem deutschen Politiker oder einer deutschen Politikerin nichts einfällt, irgendwas mit Juden fällt ihm/ihr immer ein. Dass immer mehr Frauen in hohe politische…/ mehr

Henryk M. Broder / 13.02.2024 / 06:00 / 186

Panikmache im Konjunktiv, Gehirnwäsche im Schleudergang

Gesetze zum Schutz der Demokratie sind das Vorspiel zur Abschaffung der Demokratie mit gesetzlichen Mitteln. Dazu müssen nur neue „Tatbestände“ erfunden werden, etwa die „verfassungsschutzrelevante…/ mehr

Henryk M. Broder / 06.02.2024 / 09:00 / 82

Eine Fürbitte für Nancy

Das Gerichtsurteil gegen das Innenministerium zu meinem Fall freut mich natürlich, obwohl ich mich keinen Moment der Illusion hingebe, die Blamage könnte die Amtszeit der…/ mehr

Henryk M. Broder / 27.01.2024 / 12:00 / 36

Wenn sogar der grüne Elefant leise kichern muss

...dann ist er auf einer Pressekonferenz von Josef Schuster und Felix Klein zur Antisemitismus-Bilanz. Zum 79. Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz gaben der Präsident…/ mehr

Henryk M. Broder / 26.01.2024 / 12:00 / 70

Frau Assmann denkt über 1945 hinaus

Eine „Expertin für Erinnerungskultur“ möchte die Erinnerung an die Shoa mit der an die Nakba verbinden. Den Palästinensern wäre mehr geholfen, wenn Deutschland ihnen ein…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com