Stefan Frank / 07.07.2019 / 12:05 / 16 / Seite ausdrucken

Antisemitismus, die verfolgende Unschuld

Der Deutsche Bundestag hat am 15. Mai mit grosser Mehrheit festgestellt, dass es antisemitisch ist, zum „Boykott“ israelischer Juden aufzurufen. „Der allumfassende Boykottaufruf führt in seiner Radikalität zur Brandmarkung israelischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger jüdischen Glaubens als Ganzes“, heißt es in der Resolution mit dem Titel „Der BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten – Antisemitismus bekämpfen“.

Dass diese Resolution überhaupt nötig war und dass manche Zeitgenossen nun darin einen Angriff auf die Meinungsfreiheit sehen wollen, zeigt nur, wie stark und tief verwurzelt der Antisemitismus in Deutschland ist. Boykotteure stilisieren sich zu Opfern einer angeblich von Israel gelenkten Verschwörung. Gleichzeitig werden die Menschenrechte israelischer Juden in Frage gestellt.

Wenn es nach manch einem Kolumnisten geht, dann ist der Aufruf zur Ausgrenzung und Diskriminierung israelischer Juden legitim, die Kritik daran aber nicht. Jeremy Issacharoff, der israelische Botschafter in Deutschland, hat diesen Irrsinn auf den Punkt gebracht: „Es ist unhaltbar und sogar scheinheilig zu behaupten, dass Kritik an Israel ein Produkt der Redefreiheit ist, die Verteidigung Israels aber der Zensur gleichkommt.“

Es geht um den Boykott von Menschen

Wobei es, wenn wir von „BDS“ sprechen, eben nicht um „Kritik“ geht, sondern um den Boykott von Menschen – darum, israelische Sportler, Künstler , Wissenschaftler und Unternehmen notfalls mit Gewalt daran zu hindern, außerhalb Israels in Erscheinung zu treten. So offensichtlich das eigentlich ist, so muss man es trotzdem immer wieder sagen.

Denn diejenigen, die in deutschen Redaktionen, Parlamenten und Rathäusern immer noch dafür streiten, den Boykotteuren den öffentlichen Raum zu öffnen, vermeiden in der Regel tunlichst, den Gegenstand beim Namen zu nennen: dass es um Boykott geht, um Ausgrenzung israelischer Juden und deren Diffamierung und Stigmatisierung, weil sie israelische Juden sind. Diejenigen, die in der Öffentlichkeit Verständnis für den Boykott wecken wollen, sprechen meist einfach nur von „BDS“ oder gar von „Israelkritikern“ oder einer „israelkritischen Initiative“ (was dem antisemitischen – und leicht zu widerlegenden – Klischee Nahrung gibt, Kritik an Israel werde in Deutschland nicht geduldet oder gar „kriminalisiert“).

Einen Sänger nicht auftreten lassen, weil er Ire ist, eine Fussballmannschaft boykottieren, weil sie aus Spanien kommt, einen Wissenschaftler von akademischen Veranstaltungen ausschließen, weil er Türke ist – das und vieles mehr ist verbotene Diskriminierung. Es ist glücklicherweise undenkbar, dass Organisationen, deren erklärte Zielsetzung es ist, Iren, Spanier oder Türken von künstlerischen, sportlichen oder akademischen Veranstaltungen auszuschließen, in Deutschland öffentlich für ihre Ziele werben. Oder dass sie sogar darauf rechnen könnten, dass der Staat sie dabei auch noch unterstützt, indem er etwa Veranstaltungsräume zur Verfügung stellt oder sie mit Geld fördert. Es gibt nur eine einzige Gruppe von Menschen auf dieser Erde, deren ausdrückliche Diskriminierung und Herabwürdigung manchen immer noch als diskutables und schützenswertes Anliegen erscheint: israelische Juden.

Kritik wird kriminalisiert

Unter der Überschrift „Ein freier Diskurs wird erstickt“, brachte die Frankfurter Rundschau kürzlich ein Interview mit dem BDS-Propagandisten und ehemaligen Mitarbeiter des „Jüdischen“ Museums Berlin, Yossi Bartal. Darin sagte dieser unter anderem: „Das Klima in Deutschland erlebe ich so, dass jede grundlegende Kritik an den Verhältnissen in Israel/Palästina ausgeschlossen oder gar kriminalisiert wird. Am meisten betroffen sind progressive jüdische Kräfte und Palästinenser.“

Kriminalisiert? Saß Bartal schon mal im Gefängnis oder musste ein Bußgeld zahlen, weil er Israel kritisiert hatte? So große Gefängnisse könnte man gar nicht bauen, dass alle, die auf Israel schimpfen, darin Platz fänden. Und wenn sie Bußgelder zahlen müssten, wären die Staatskassen allzeit voll.

Es findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt. Diejenigen, die Juden boykottieren wollen, beklagen, sie würden boykottiert. Die Taktik ist nicht so neu, wie sie scheinen mag. Es gehört seit mindestens 140 Jahren zum Wesen des Antisemitismus, dass er sich als eine ohnmächtige Rebellion gegen die vermeintliche Allmacht der Juden darstellt und darüber klagt, die Juden wollten ihn unterdrücken, zensieren und mundtot machen. Die These passt so gut ins Weltbild des Antisemitismus, weil der Glaube an eine von den Juden kontrollierte Presse und Regierung ja zu dessen ideologischen Kernbestandteilen gehören.

Auch Marr meinte, er werde zensiert

Schon Wilhelm Marr (1819-1904), der den Begriff „Antisemitismus“ geprägt hat und einer der Wortführer des Antisemitismus in den ersten beiden Jahrzehnten des Deutschen Kaiserreichs war, klagte über die Schikanen, unter denen er angeblich gelitten habe:

„Als ich zu Anfang der Sechziger Jahre in meinem ‚Judenspiegel’ indigniert über die Folgen der Judenemanzipation, leidenschaftlich aber sachlich, den Kampf gegen die Verjudung der Gesellschaft führte, entstand ein Sturm wider mich, als ob das Orchester von Jericho um 1000 Posaunen verstärkt worden wäre. Aus der ‚Journalistik’ wurde ich förmlich hinauszumanövrieren versucht und bis auf den heutigen Tag ist mir ein selbständiges Wort, über was immer für eine Frage, in der verjudeten Tagespresse nicht möglich. (Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum)

Marr meinte ebenfalls, er werde zensiert:

„Der Ingrimm gegen die Verjudung der Gesellschaft ist umso intensiver, als er sich in der Presse nicht Luft machen kann … Wir sind so mundtodt gemacht, dass wir in der Presse nicht einmal an das menschlich-ethische Gefühl der Juden appelliren können.“

Auch ein anderer berüchtigter Demagoge hatte es im Leben schwer: Theodor Fritsch (1852-1933), Autor zahlreicher antisemitischer Bücher und Traktate. Im Vorwort zu dem auf der Grundlage von Fritschs Antisemiten-Katechismus (1887) 1939 herausgegebenen Handbuch der Judenfrage schrieb die Redaktion des nationalsozialistischen Hammer-Verlags:

„So ist es unleugbare Tatsache, dass jeder, der gegen den Juden Stellung nimmt, in schärfster Weise boykottiert wird; nicht nur der Einzelne, wie etwa die Judengegner in den Jahrzehnten vor dem Umsturz in Deutschland, sondern auch ganze Staaten, wie wir es in den Jahren nach dem nationalsozialistischen Umsturz erleben konnten. … Es war äusserst schwer für Theodor Fritsch, mit seiner Zeitschrift gegen die Zerstörung jedes deutschen Empfindens zu arbeiten. Das Judentum ging von Anbeginn an mit rücksichtslosen Mitteln gegen ihn vor.“ 

Antisemiten sehen sich als Opfer

So, wie heute gegen die armen Boykotthetzer. Antisemitismus ist die verfolgende Unschuld. Seine Anhänger predigen den Boykott gegen israelische Juden und wähnen sich selbst als Opfer, weil sie nicht genug Bühnen bekämen. Sie beklagen „enger werdende Räume“ und sind doch selbst diejenigen, die, wo sie zur Macht gelangen, Räume für israelische Juden sperren. In Spanien hat kürzlich eine Richterin entschieden, dass der Bürgermeister von Cadiz verfassungswidrig handelte, als er ein israelisches Filmfestival absagte, weil er keine Israelis in seiner Stadt wollte. Damit, so die Richterin, habe er gegen zahlreiche von der Verfassung geschützte Grundrechte verstoßen. Es ist an der Zeit, dass wir in Deutschland auch mal wieder in die Verfassung schauen. In Artikel 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik steht:

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Das scheint eine klare Sache zu sein. Die Resolution des Bundestages gegen den Judenboykott sollte somit eigentlich überflüssig sein, weil redundant. Man kann sie als eine Art Handreichung für die Begriffsstutzigen verstehen. In seiner Anti-BDS-Resolution hat der Bundestag ausbuchstabiert, was über den Weg des Syllogismus eigentlich jedem klar sein müsste:

  1. Menschen dürfen nicht aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert werden.
  2. Israelische Juden sind Menschen.
  3. Also darf man israelische Juden nicht diskriminieren.

Die Empörung, die sich an dem Bundestagsbeschluss entzündet, zeigt, dass es Leute gibt, die entweder das Verbot der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft im Allgemeinen ablehnen – oder aber die Aussage, dass israelische Juden Menschen sind. Beides ist schockierend.

Zuerst erschienen auf audiatur-online.ch

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Leserpost

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S. Marek / 07.07.2019

Liebe Herr Stefan Frank, danke für diesen Artikel, den ich bereits auch auf audiatur-online.ch gelesen habe. Die Deutschen haben beste Erfahrung mit, unter Anderem, zur Propagandazwecken von der SS organisierten “Kulturveranstaltungen” in Vernichtungslagern durch deren dort eingepferchten Juden Europas, um der Weltgemeinschaft Ihren “Humanitären” Einsatz vorzugaukeln. Nichts anderes sind die im Bundestag Stattfindende Debatten, Erfindung von s.g. Antisemitismus Beauftragten und die jetzt verabschiedete Beschluß zum BDS Verbot. Dabei wollen die rot-grün, mit voller Unterstützung ehemals “konservative” Parteien, verkleideten Faschisten mit einer zusätzlichen Keule auf die oppositionelle Meinung im D-Land einschlagen. Eine zum Himmel stinkende Heuchelei und leider auch die israelischen, links angehauchten, Medien haben es nicht als solche erkannt.

Manfred Westphal / 07.07.2019

Zur Resolution des Bundestages ist anzumerken: Parteien und einzelne Abgeordnete haben einschränkende “Persönliche Erklärungen”  dazu abgegeben. Meines Wissens hat keine der Parteien weitergehende Aktionen zur Umsetzung der Resolution durch die Bundesregierung gestellt.

Sabine Schönfelder / 07.07.2019

Es ist antisemitisch zum ‘Boykott’  israelischer Juden aufzurufen? Um diese nahezu tautologische Aussage erkenntnisreich festzuschreiben,  berät sich der Deutsche Bundestag gerade einmal 70 Jahre nach dem entsetzlichen Holocaust, nach gewissermaßen einem ‘Fliegenschiß’ an geschichtlicher Vergangenheit? Das ist so erbärmlich und zeigt den mittlerweile verrotteten Zustand dieser politisch linksdominierten Altparteienlandschaft. Man fühlt sich bemüßigt, unter der wachsamen Beobachtung der jüdischen Gemeinden und Israel, unter dem ‘globalen Auge’ des world-wide-net, als das Land mit der ehemals best organisierten Judenvernichtungsmaschinerie weltweit, den engagierten linken Antisemiten aus der der BDS-Bewegung entgegenzutreten; allerdings verhalten, ohne jegliche Verve, zum oberflächlichen Mitschreiben, kraftlos in reiner Symbblik abgefaßt, heuchlerisch dargeboten durch muslimfreundliche Antisemitismusbeauftragte, deren wahren Auftrag man nicht näher wissen möchte. Es wird eine Farce aufgebaut für eine Selbstverständlichkeit, das ist das eigentlich Verwerfliche. Von jemandem der gerne Alkohol trinkt kann man nicht erwarten, daß er ein tragfähiges Alkoholverbot durchsetzt. Das nennt man Interessenskonflikt!

sybille eden / 07.07.2019

Danke Herr Niersberger ! Genauso sehe ich es auch. Zur infantilen Befindlichkeit vieler Deutscher kann ich nur das wunderbare Buch von Günter Ederer empfehlen,- mit dem Titel: Die Sehnsucht nach einer verlogenen Welt”.

Dr. Gerhard Giesemann / 07.07.2019

Ich denke, dass DE ein überaus philosemitisches Land ist - eine derartige, kritiklose Araberliebe sehe ich sonst nur noch bei den Arabern selbst. Die mögen sich selbst bis hin zur Inzucht. Wenn man hierzulande zusammen mit den Arabern was gegen die Juden hat - na, vielleicht ein Streit unter Verwandten. Frage mich nur, was uns das angeht. Sind wir mit den Semiten verwandt? Wahrscheinlich schon, sonst könnte man es wohl besser leiden, das schwarze Schaf ... .

Marc Brewisch / 07.07.2019

1. Menschen dürfen nicht wegen ihrer politischen Anschauung diskriminiert werden. 2. Nationalsozialisten sind Menschen. 3. Also darf man Nationalsozialisten nicht diskriminieren. Oder auch: 1. Menschen dürfen nicht wegen ihrer religiösen oder politischen Anschauungen diskriminiert werden. 2. Anhänger des islamischen Staats sind Menschen. 3. Also darf man Anhänger des islamischen Staats nicht diskriminieren. Ich könnte noch fortfahren, aber man sieht, dass Ihr rechtlicher Syllogismus wahrscheinlich nichtmal von Ihnen selbst befürwortet werden würde, sobald Ihre persönlichen Feindbilder im Fadenkreuz sind. Sobald es um Nazis oder Islamisten geht, kommt die Kiste mit den Ausreden zum Vorschein. Das nennt man “Doppelstandards”. Falls dies nicht zutrifft, so fügen Sie bitte an, dass sie nichts gegen eine erneuerte NSDAP, sowie eine islamistische Jihadistenpartei im Bundestag einzuwenden hätten. Vielleicht sollte man mal zu der Erkenntnis gelangen, dass das Recht auf Diskriminierung notwendig ist, und als Erweiterung der Versammlungsfreiheit gelten sollte. In dem Fall nicht als Freiheit ZU, sondern VON Versammlung. Diskriminierung ist der freiheitlichste Ansatz, mit sozialen Problemen umzugehen. Ohne Diskriminierung muss man soziale Probleme den Staat regeln lassen, und der machts schlecht, und hat schon viel zu viel Einfluss. Ich persönlich halte wenig davon, gegen Juden als Ganzes zu diskriminieren, aber dies ist lediglich meine Meinung. Mehr nicht, und Meinungen sind irrelevant. Darüber hinaus unterstütze ich jedermanns Recht auf Diskriminierung, egal wogegen gerichtet, solange der Staat sich raushält. Und ab diesem Zeitpunkt kann man darüber diskutieren, ob die Diskriminierung angemessen und vorteilhaft ist. Nicht selten ist sies, und jedem, der das liest, werden auf Anhieb Beispiele dafür einfallen, wo mehr Diskriminierung vorteilhaft wäre. Deshalb ist das Gesetz, auf das sich ihr Syllogismus bezieht, ein eher schlechter Lebensratgeber.

Marc Blenk / 07.07.2019

Lieber Herr Frank, die Trittins, Cheblis, Maas (der wegen des Holocaust in die Politik gegangen sein will) und auch unser durch und durch antisemitischer Präsident bestimmen hier die antijüdische Richtung. Die SPD ist zur Hälfte schon islamisiert und die deutsche Linke ist insgesamt dabei, mit dem Islam zu fusionieren. Noch nie war sie so vulgär.Der neue Faschismus kommt also in neuem Gewand und schimpft sich links. Jeder weiß, wenn noch mehr islamische Migration kommt, das jüdisches Leben in Deutschland unmöglich wird.

Martin Landner / 07.07.2019

Könnten wir jetzt auch feststellen lassen, dass es irgendwie rassistisch ist, Deutsche als “Affen und Schweine”, “unethisch”, “dumm”, “Deutsche Schlampen” usw. zu titulieren? Ich könne mir nämlich vorstellen, dass einige so was auch gerne als “Meinungsfreiheit” verteidigen wollen.

Sofie Lauterbach / 07.07.2019

Zitat aus dem Online-Tagebuch vom 13. Juni 2019 des bekannten Kochkünstlers Vincent Klink:  “Jude ist ja ein Schimpfwort, muss es aber nicht sein, denn ein Israeli ist etwas anderes als ein Jude der in Deutschland lebt.”

Dr. Klaus Rocholl / 07.07.2019

„ ... zur Brandmarkung israelischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger jüdischen Glaubens als Ganzes“, heißt es“ ... Wenn es nicht so traurig wäre, müßte man sich totlachen! Im übrigen glaube ich, daß Israel recht gut auf das „gendergerechte“ deutsche Geseiere verzichten kann - israelische F-15 Jets über Auschwitz sind da - denke ich - das wesentlich stärkere Signal an alle, die meinen Israel bedrohen - oder mit solchen Beschlüssen „beschützen“ -  zu müssen.

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