Im Mittelpunkt des Gedenkens an den 20. Juli 1944 steht der Name Stauffenberg. Andere ebenso konsequente Regimegegner, die auch auf das Engste mit dem 20. Juli verbunden sind, stehen noch immer oder wieder im Schatten. Einer von ihnen ist Henning von Tresckow.
„Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“ Oder: „Wo das Müssen anfängt, hat das Fürchten aufzuhören.“ Markige Worte, die zu denken geben sollten, weil sie von einem stammen, der durch sein Wirken und mit seinem Leben dafür eingestanden hat: Hennig von Tresckow. Als am 20. Juli 1944, auf den Tag genau vor 81 Jahren, in der Lagebaracke im Führerhauptquartier Wolfschanze um 12.42 Uhr die von Claus Schenk Graf von Stauffenberg platzierte Sprengladung detonierte, die Hitler bekanntlich kaum verletzte, geschweige denn tötete, war Generalmajor von Tresckow fernab vom Geschehen. An seinem Wirkungsort an der Ostfront, als Stabschef der 2. Armee, erfuhr er am Nachmittag von der Ausführung des Attentats und nach Mitternacht von dessen Scheitern.
Neben Hans Oster, der in seiner Stellung im Amt Ausland/Abwehr, dem militärischen Nachrichtendienst, schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs nahezu rastlos am Sturz des NS-Regimes arbeitete, war Tresckow die treibende Kraft des Widerstandes schlechthin. Gleichzusetzen bezüglich Engagement und Konsequenz ist beiden noch der – von den Nationalsozialisten 1936 abgesetzte – Oberbürgermeister von Leipzig, Carl Goerdeler, der allerdings ein Attentat ablehnte und Hitler vor ein Gericht gestellt sehen wollte sowie der 1938 auf eigenen Wunsch verabschiedete Generalstabschef des Heeres Ludwig Beck.
Stauffenberg kommt das Verdienst zu, den einzigen Anschlag in Gang gesetzt zu haben, der das Anlaufen eines Staatsstreichs nach sich gezogen hat und den Hitler nur aus einer Reihe von erklärlichen Umständen und unerklärlichen Zufällen überlebte. Der „Führer und Reichkanzler“ sprach hier – wie auch sonst gern – von einer „Bestätigung des Auftrages der Vorsehung“. Angesichts der über 40 (!), zum Teil minutiös geplanten und ominös gescheiterten Attentatsversuchen fällt hier Widerspruch schwer, so gern man ihn äußern möchte. Einige der Attentäter – etwa Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff oder Ewald-Heinrich von Kleist – waren bereit, sich selbst zu opfern, um Hitler mit in den Tod zu reißen.
Eine Reihe der besagten Anschlagsplanungen geht auf Henning von Tresckow zurück, der den Tyrannenmord auch selbst ausgeführt hätte. Geboren 1901 in Magdeburg, verbrachte er seine Jugend auf dem elterlichen Gut Wartenberg in der Neumark. Der Familientradition folgend, schlug er die militärische Laufbahn ein. 1918 wurde der Weltkriegsfreiwillige der jüngste Leutnant des deutschen Heeres.
Einem Intermezzo mit nationalökonomischen sowie rechts- und finanzwissenschaftlichen Vorlesungen, einer Tätigkeit bei einem Bankhaus und einer Weltreise, die allerdings aufgrund der wirtschaftlichen Schieflage des Familienbesitzes abgebrochen wurde, folgte 1926 der Wiedereintritt in die Reichswehr, in das Infanterieregiment Nr. 9, das ob seines überproportionalen Adeligen-Anteils gern als „Graf Neun“ bezeichnet wurde. Der begabte, wenig mit der Republik sympathisierende Tresckow machte Karriere und hoffte zunächst im aufkommenden Nationalsozialismus auf eine Anknüpfung an das Bismarckreich und die Zukunft Deutschlands.
Vom Mitwisser zum Verschwörer
Das Gebaren des NS-Staates, etwa der sogenannte Röhmputsch von 1934 oder die Blomberg-Fritsch-Krise vier Jahre später und nicht zuletzt die Tatsache, dass Reichswehr bzw. Wehrmacht die Ermordung und die Entehrung prominenter Generale klaglos hinnahmen, ließen ihn deutlich auf Distanz gehen. Die Kriegsplanungen hinsichtlich der Ansprüche gegenüber der Tschechoslowakei sowie die Novemberpogrome von 1938 trieben ihn weiter in das Lager des Widerstands. Nach Kriegsbeginn verstärkte sich die Ablehnung durch das Vorgehen der Einsatzgruppen gegen die Zivilbevölkerung der eroberten Gebiete oder Anweisungen wie den Kommissarbefehl. Die für Deutschland später immer fataler werdende Kriegslage kam hinzu.
Eine frühe Publikation der Bundesrepublik über den Widerstand trägt den Titel „Aufstand des Gewissens“. Damit ist mit Sicherheit auch der Hauptantrieb Tresckows erfasst, der jedoch als Offizier auch an der – anfänglich äußerst erfolgreichen – Eroberungspolitik des NS-Regimes mitwirkte. Ein klassisches Dilemma? Ein Quittieren des Dienstes, das mit dem nahezu vollständigen Verlust seiner Einflussmöglichkeiten verbunden gewesen wäre, dürfte nicht ernsthaft in Frage gestanden haben.
War Tresckow bei der sogenannten Septemberverschwörung des Jahres 1938, als deren Motor Oster wirkte, noch lediglich Mitwisser, so nutzte er seine spätere Stellung an der Ostfront, zuletzt als Chef des Stabes der 2. Armee innerhalb der Heeresgruppe Mitte, zur Organisation von Attentat und Staatstreich. Er versammelte entsprechend geneigte Offiziere, knüpfte Kontakte mit dem zivilen Widerstand um Goerdeler und Ulrich von Hassell und trug maßgeblich dafür Sorge, dass der Plan „Walküre“, der offiziell zur Niederwerfung innerer Unruhen gedacht war, zur Grundlage eines Staatsstreichs umgearbeitet wurde. Der Plan, der am 20. Juli 1944 anlaufen sollte. Schwer enttäuscht war er von der Zurückhaltung der höheren Generalität, die sich trotz gleich- oder ähnlichlautender Beurteilung der Situation dem Widerstand verweigerte.
Über Hitler sagte Tresckow: „Die Welt muss von dem größten Verbrecher aller Zeiten befreit werden. Man muss ihn totschlagen wie einen tollwütigen Hund.“ Als dieser am 13. März 1943 zur Heeresgruppe Mitte nach Smolensk kam, hatte Tresckow gleich vier Attentatspläne, von denen schließlich nur der letzte in Gang gesetzt werden konnte. Ein Begleiter Hitlers wurde gebeten, ein Paket mit Cognacflaschen für einen anderen Offizier mitzunehmen. In Wirklichkeit befand sich darin ein Sprengsatz, der auf dem Rückflug detonieren sollte. Wohl aufgrund der Kälte im Frachtraum versagte der Mechanismus. Noch im selben Monat erklärte sich Gersdorff – einer der Offiziere, die auf Tresckows Initiative zur Heeresgruppe Mitte gekommen waren – bereit, Hitler während einer Besichtigung von Beutewaffen in Berlin zu töten. Allein: Hitler hastete ungewöhnlicherweise und aus nicht nachvollziehbaren Gründen durch die Ausstellung, so dass die Ausführung des Anschlags nicht möglich war. Nur zwei der besagten ominösen Begebenheiten, die den „Führer“ entkommen ließen.
"Das Attentat muss erfolgen"
Mit der Landung der westlichen Alliierten in der Normandie im Juni 1944 galt die militärische Lage für Deutschland als kaum noch aussichtsreich, seit der Konferenz von Casablanca von Januar 1943 stand zudem die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation. Stauffenberg ließ bei Tresckow anfragen, ob ein Attentat überhaupt noch Sinn habe. Tresckows Antwort:
„Das Attentat muß erfolgen, coûte que coûte (koste es was es wolle). Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“
Es ist gescheitert. Tresckow wählte am 21. Juli 1944 bei Ostrów Mazowiecka den Freitod, um Mitwisser zu schützen, Resignation dürfte zweifelsfrei ebenso ein Motiv gewesen sein. Er hatte es so aussehen lassen, als ob er bei einem Zusammenstoß mit Partisanen umgekommen wäre. Davon, dass er einer der maßgeblichen Gegner des Nationalsozialismus gewesen war, sollte das NS-Regime erst später erfahren. Seinen Mitstreiter Fabian von Schlabrendorff ließ er noch wissen:
„Jetzt wird die ganze Welt über uns herfallen und uns beschimpfen. Aber ich bin nach wie vor der felsenfesten Überzeugung, dass wir recht gehandelt haben. Ich halte Hitler nicht nur für den Erzfeind Deutschlands, sondern auch für den Erzfeind der Welt. Wenn ich in wenigen Stunden vor den Richterstuhl Gottes treten werde, um Rechenschaft abzulegen über mein Tun und mein Unterlassen, so glaube ich mit gutem Gewissen das vertreten zu können, was ich im Kampf gegen Hitler getan habe. Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass Gott Deutschland um unseretwillen nicht vernichten wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Wer in unseren Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen.“
Und: „Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“
Dr. Erik Lommatzsch ist Historiker und lebt in Leipzig.
Beitragsbild: Bundesarchiv, Bild 146-1970-097-76 / CC-BY-SA, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons

Man kann an dieser Stelle vielleicht auch Georg Elser erwähnen, den ausgerechnet Wolfgang Thierse für sich in Beschlag genommen hat. Einige Jahre her. Als ob er nicht genug gelitten hätte. Obwohl, so schätze ich ihn eigentlich gar nicht ein. Stimmt es, daß die SPD inzwischen vom Verfassungsschutz beobachtet wird? Manche Gerüchte sind einfach putzig. MfG
@Th. Weller – Schon mal was von der Bekennende Kirche gehört ? Oder von Dietrich Bonhoeffer ????????
Zweifellos stand unglaublicher Mut hinter dem Attentat. Gleichzeitig wissen wir heute, dass auch ein Erfolg zu keiner positiven Veränderung geführt hätte.
Das Deutsche Reich war keine 1-Man-Show! Hätte Stauffenberg Hitler erwischt, hätten Göring, Hess, Göbbels, Hinz und Kunz, Kreti und Pleti weiter gemacht.
Das war eine kollektivistische Bewegung! Hitler wäre zum Märtyrer und „sein Kampf“ umso vehementer weiter geführt worden.
Wir sollten diese Massenphänomene realistisch analysieren, wie Erik Hoffer das in „The true beliefer“ getan hat.
Moin Herr Dr. Lommatzsch, der Widerstand war einfach selten dämlich. Wie Sie klar ausführen, handelte es sich hierbei meist um degenerierte Adlige, Militärs, die militärisch sicher Kompetenzen besaßen, aber 0 von Geo-Politik verstanden. Was Hitler den „Demokraten“ vorwarf, waren die oligarchen Strukturen, die heute noch Staaten lenken, aber dem demokratischen Gedanken auch so gut wie keinen Raum lassen. Hitler war der Überzeugung, man könne solch einen Wasserkopf einsparen. Von Tresckows Überzeugungen waren selten dämlich, gelinde gesagt lächerlich. Welche moralische Überlegenheit sollte denn von den westlichen Kolonialmächten oder der Sowjetunion ausgehen? Auch die Tschechei-Frage im Sinne Deutschlands zu lösen, wäre heute noch berechtigt. Was haben die Tschechen in unserem Land verloren? Die Nachfrage von von Stauffenbergs bezüglich der Sinnhaftigkeit eines Attentats auf Hitler, kam von Canaris, der sich zu dieser Zeit aus dem sogenannten Widerstand zurückzog. Canaris war es, der seine Leute in Genf checken ließ, was denn für Deutschland rausspringe, wenn man Hitler beseitigte. Die Alliierte Antwort war „Unconditional Surrender“. Der klügere Canaris verstand besser spät als nie, daß der II. Alliierte Weltkrieg gar nicht Hitler & den Nationalsozialisten galt, sondern der Vernichtung Deutschlands, wie dem Raub Deutscher Patente, was Hitler quasi rechtfertigte. Geo-Politisch waren es die Briten mit Frankreich im Rücken, die 2x im letzten Jahrhundert Krieg gegen Deutschland führten, dieses & Europa, wie das eigene Imperium zerstörten & die geo-politische Dominanz auf die USA & die Sowjetunion übergehen ließen. Die Sowjetunion ist schon Geschichte & die USA werden zu einer Regionalmacht verkommen, Europa in die Bedeutungslosigkeit von Schwellenländern absinken. Deswegen kann man sich das Gedenken an völlig verblödete Offiziere sparen.
@ P. Werner Lange ua – „dass der deutsche Verteidigungsminister, ein Herr Pistorius (SPD), am Jahrestag des Attentates einmal salutierend vor der Regenbogenflagge am Bendlerblock stehen würde?“ Um dem noch eine weitere Pointe anzufügen „nachdem er Tage vorher medial verkündet hatte, daß deutsch Soldaten nun wieder bereit seine, auf Russen zu schießen“ (jedenfalls so in etwa) , natürlich im Falle der Bedrohung durch dieselben.
Da sind die eher ungebildeten Selbstmordattentäter der Neuzeit aber erfolgreicher als die katholisch-adelig-humanistisch-maturierten Schnösel, deren kriegerische Tradition in der Familie lag. Elser hatte soweit ich weiß ohne besonderen Background auch einen vermasselten Anschlag hinbekommen. Stauffenberg und Co. hatten vielleicht Skrupel mit der „Ehrlosigkeit“ des Krieges- aber ohne Skrupel tausende Soldaten in den Tod geschickt. Oder haben sie während ihrer „Tätigkeit“ etwa Befehle anders interpretiert? Hätten diese ganzen feinen Herren sich zu Beginn des Krieges selbst gerichtet, wäre er womöglich kürzer geworden.
Völlig überbewertet…
…das lustige ist auch, jeder Offizier sieht sich in edler Tradition dieser heroischen ‚Widerstandskämpfer’…und nicht als schnödes Werkzeug kriegsgeiler Politiker…