Deborah Ryszka, Gastautorin / 26.11.2020 / 16:00 / 11 / Seite ausdrucken

„AnnenMayKantereit“: Liturgischer Weltschmerz

Von Deborah Ryszka.

Mit „12“ bringt die Band „AnnenMayKantereit“ ihr drittes Album heraus. Man hört: Corona hat den Sound merklich beeinflusst.

Wir leben in apokalyptischen Zeiten. Zumindest gefühlt. Hier der unausweichliche Klimawandel, dort der unkontrollierte Machtausbau Chinas und hüben wie drüben die schicksalhafte Spaltung demokratischer Gesellschaften. Aber es ist nicht mehr 5 vor 12. Es ist schon 12. Zumindest, wenn es nach den Jungs von „AnnenMayKantereit“ geht.

Wie sonst kann man den Titel ihres neuen Musikalbums „12“ und seine düstere und dunkle Endzeitatmosphäre verstehen? Der Weltschmerz mutet fast liturgisch an. Er überkommt einen als Schauder. Eiskalte Klaviertöne, schwere Gitarrenchords, die rauchige Stimme Henning Mays. Daran ändern Songs, wie „Aufgeregt“ oder „Ganz egal“, die musikalisch wie textlich einige Hoffnungsschimmer bieten, wenig. Der Sound bleibt wie er bleibt. Schwer und gedämpft über das ganze Album.

Wie verzweifelt es beginnt, so ernüchternd endet es auch. Es ist die Konsequenz eines emotionalen Reifungsprozesses, der mit dem letzten Song seinen Höhepunkt erreicht. Während das „Intro“ musikalisch-minimalistisch einführt, schafft es May, im „Outro“ das Unsagbare sprachlich zu fassen. Gefühle und Gedanken werden geordnet und sortiert. Das Kafkaeske wird akzeptiert: „Jeder glaubt es besser zu wissen. Sogar beim Küssen.“

Ist das der neue Zeitgeist?

Währenddessen überwiegen zwischen „Intro“ und „Outro“ schwerfällig-träumerische Töne. Das Hier und Jetzt überfordert offensichtlich zu sehr. Wie in „Gegenwart“ mit „Morgen könnte alles anders sein oder bilde ich mir das ein?“

Die Sehnsucht nach der Vergangenheit keimt auf. Mit ihr aber auch das schmerzerfüllte Wissen, dass sich die Uhr nicht zurückdrehen lässt. „So, wie es war, so wird es nie wieder sein“ hören wir in „So wies war“ und „Zukunft“.

Diese Melancholie findet ihren verzweifelten Höhepunkt in „Die letzte Ballade“. Weltuntergangsstimmung ist ihr Sujet. Da ist die Rede von „Meer von Plastik“, „Hanau“ und anderen Desastern. Hoffnung, Zuversicht, Kampfeswillen hören wir nicht. Weder in der samtenen, rau-tiefen Stimme von Henning May noch in einem fetzigen Gitarrenriff oder vollmundigen Klavierakkorden. Gesang und Klavier scheinen mit Resignation zu erklingen.

Das lässt die Frage aufkommen: Ist das der neue Zeitgeist? Oder nur eine Phase? Wie dem auch sei. Wer sich bei dem novemberuntypischen Wetter nach etwas Winter-Blues sehnt, der sollte in das neue Album von „AnnenMayKantereit“ reinhören. „12“ ist das dunkelste und niedergedrückteste ihrer bisherigen Alben. Es ist Apokalypse zum Hören.

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Hjalmar Kreutzer / 26.11.2020

Oh, nee, nicht schon wieder Berufsjugendliche mit Weltschmerz, die nicht aus der Pupppertäät finden!  HaPe Kerkeling: „Äs bästeht keinä intälläktuällä Zugank zu diesä Arrt von moddärrnä Kuuunst. - Hurz!“

Dieter Kief / 26.11.2020

Apokalypse für Schneeflöckchen. Dauert nicht lange. Ihr Schmelz ist zu zart.

Thor Neumann / 26.11.2020

Während des Anhörens und Anschauens hatte ich kapp 40 min. Zeit meinen Kommentar gedanklich zu formulieren. Aber die ersten 6 Kommentare haben alles gesagt. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Volltreffer, Leute! Hab laut schallend gelacht vor Freude. Nur kurzer Nachsatz: Alle Kinder sollten ein Instrument lernen, das ist nie verkehrt. Alle Jugendlichen sollten 1 Jahr in einem landwirtschaftlichen Betrieb oder auf einer Baustelle oder in einer richtigen Fabrik, wo was herstellt wird, oder in einem Krankenhaus ARBEITEN müssen. Dann regelt sich der Rest von selbst. Schöne Adventszeit wünsche ich Euch allen hier!

Harald Unger / 26.11.2020

Die vertikale Bill Viola Tryptichon Ästhetik des Videos, wirkt für Millennials merkwürdig aus der Zeit gefallen. Kann es sein, daß hier eine Avantgarde den Szenenwechsel einläutet? Weg vom Zwang des pausenlos Zuckenden und Geblitzten, wo jedes Bild, das länger als eine 10tel Sekunde ungeblitzt stillsteht, als Zumutung für die perforierte Hirnmasse weggezappt wird? - - - Für die Jungs von AMK kann ich nur Mitleid empfinden. Im Zeitalter der totalen Gleichschaltung, wo sich kultureller ‘Protest’ nur noch in der Forderung nach noch mehr Gleichschaltung äußern darf, geht den Invertebrata aka Millennials also jetzt schon die Puste aus. - - - AMK ahnen, was ihnen bevorsteht: Der Weg der argen Erkenntnis. Noch können sie das, was in dieser Gegenwart mit ihnen gespielt wird, nicht erfassen oder wahrhaben. Noch müssen sie zu den konditionierten Plattitüden und Stereotypen greifen. Eine gehirngewaschene, belogene, betrogene und missbrauchte Jugend, abgerichtet zu applaudieren, wenn ihnen alle friedlichen Zukunftschancen unterm Hintern weggezogen und vor der Nase weggeblasen werden. - - - “Weltuntergangsstimmung” übrigens, herrscht bei den Herren Hyper-Milliardären von Silicon Valley, Davos und Beijing ganz und gar nicht. Dort könnte man nicht besser drauf sein.

Wilfried Cremer / 26.11.2020

Die waren auf derselben Schule wie ich. Da kann nichts draus werden.

RMPetersen / 26.11.2020

Das ist nun alles Geschmacksache. Auch Leonard Cohen machte Musik für Deprimierte, aber die texte waren jedenfalls tiefgründig. Text: “Ich such die Möwen, aber wo ist das Meer ...” Da empfehle ich einen Besuch zur nächsten Groß-Müllkippe, da findet man sie.

Milan Chudaske / 26.11.2020

Statt solcher Herzschmerzschnuffeltuchschmonzetten empfehle ich das neue Werk von Inquisition “Black Mass for a Mass Grave”. Das ist Weltuntergangsstimmung, kosmisches Desaster, Hoffnung, Zuversicht, Kampfeswillen…

Jörg Themlitz / 26.11.2020

“Ist das der neue Zeitgeist? Oder nur eine Phase?”; Für die Musiker vielleicht nur eine Phase. Gesamtgesellschaftlich erleben wir einen Abgesang. Letzte Woche im Fernsehen, Sender egal, ein einseitiger Buchkritiker der die Bücher in einer leeren Fabrikhalle aus Deutschlands erfolgreichster Industriezeit besprach. Eine Buchvorstellung in der verfallenden Akropolis gut, aber in dem Steinbruch wo die Säulen aus dem Fels gebrochen wurden? Ich habe diverse Messen, Kulturveranstaltungen, Produktpräsentationen, Weiterbildungen etc. in solchen leeren Fabrikhallen erlebt. Die Schäbigkeit, Billigkeit lasse ich hier mal aussen vor. Die Antwort auf meine Anmerkung dazu: ´Es werden doch ständig neue Industrie Hallen gebaut.` Mein Hinweis, ja, ja, in Osteuropa und in Asien schon. In DE sind das in der Mehrzahl Umschlags- und Lagerhallen für importierte Produkte. In naher Zukunft nutzen wir nur noch die äußeren Funktionen der Produkte, ohne ihre inneren Abläufe zu verstehen. In Ermangelung der Technologie können wir selbst solche Produkte nicht mehr herstellen. Eine kostspielige Abhängigkeit. Und in den nach linkem Sprech schon vor hundert Jahren unmenschlichen Hinterhöfen von Berlin schießen reihenweise Startups aus dem Boden und zerplatzen in der Berliner Luft. Drapiert mit Bio-, Umwelt- und Ökösiegel in allen denkbaren Formen und Farben.

Volker Kleiophorst / 26.11.2020

Es ist schon 12? Meiner Meinung kann man schon die Röte des ewigen Morgens sehen. PS.: Ich nenn diese Schneeflocken gerne Heulsusen Bands. Und lege dann ne Scheibe von Leonard Cohen auf. Z.B. The Future v. 1993: “I ve seen the Future, it is Murder.” (Aus dem Titelsong). “Everybody knows the war is over, everybody knows the good guys lost.” (I’ m your Man, 1988). Da passt es auch mit den Texten. Traurig,, wahr aber nicht diese peinliche “Karl der Käfer”-Betroffenheitslyrik.

Rainer Niersberger / 26.11.2020

Ich wuerde sagen, dass es sich hier um den typischen “Umgang” einer Generation mit tatsaechlich oder vermeintlichen Problemen oder “Herausforderungen” handelt.  Zumindest, wenn sie sich nicht an “Mutti” herankuscheln koennen.  Die Muster und Mechanismen betreffen alle Fragen des (täglichen) Lebens, keineswegs nur die grossen existentiellen. Die Unsicherheit der “Kinder”, zudem noch kraeftig in Panik versetzt, und deren Unfähigkeit, samt wie ein Erwachsener Homo sapiens umzugehen, fuehrt zu Klagegesaengen, die man eigentlich eher aus frueheren Zeiten kennt, und zum Jammern, zugleich aber auch zu gewissen (untauglichen) Kompensations- und Fluchtversuchen.  Das kann noch interessant werden, wenn “Mutti” und “Vati” nicht mehr helfen koennen. Nur eine der Folgen einer gewollten Infantilisierung. Aber die von derlei Zweifeln eher befreiten, glaubenstarken Retter aus dem Morgenland stehen schon bereit, den identitaetslosen Suchendenden Lösungen anzubieten. Derartige Klagegesaenge hoeren dann, jedenfalls ausserhalb des Harems, zumindest auf.

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