Georg Etscheit / 19.03.2021 / 12:00 / Foto: Carlos Noble / 2 / Seite ausdrucken

Anleitung zum Ungehorsam (3): Die EDSA-Revolution auf den Philippinen

Revolutionen finden nicht im Internet statt, sondern auf der Straße. Ganz analog. Solange sich noch Menschen von einem Ort zu einem anderen bewegen können, wird sich das nicht ändern, auch nicht in Zeiten von Homeoffice und Videoschalte. „Revolutionäre Massen“ können sich nur durch körperliche Anwesenheit innerhalb eines bestimmten Raumes ihrer selbst vergewissern, wobei die Vielzahl der Teilnehmer, wie bei einem Vogelschwarm, dem Einzelnen Schutz bietet. In der Vielzahl schöpft der vereinzelte Mensch Mut, er überwindet seine Ohnmacht in einem mitunter berauschenden Gefühl kollektiver Tatkraft.

Die revolutionären Massen müssen ihrem Gegner, der Staatsmacht, buchstäblich auf die Pelle rücken. Und sie, die Mächtigen, müssen, wenn sie aus den Fenstern ihrer Schaltzentralen auf die mit Menschen gefüllten Straßen und Plätze blicken, das Gefühl bekommen, dass ihnen diese Massen, im körperlichen Sinne, gefährlich werden können. „Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift“, sagte Karl Marx.

Die Macht „der Straße“ ist eine politische Kraft, mit der auch in demokratisch strukturierten Systemen zu rechnen ist. Wobei das freie Demonstrationsrecht die Bildung einer kritischen Masse, die imstande ist, politische und soziale Verhältnisse binnen Stunden oder Tagen radikal zu verändern, im Grunde genommen erschwert. Die Möglichkeit, unter Maßgabe der Versammlungsgesetze jederzeit und an jedem Ort demonstrieren zu können, atomisiert, kanalisiert und zähmt die Macht der Straße. Das Demonstrationsrecht als in der Verfassung verbrieftes Jedermannsrecht wirkt systemstabilisierend, gewissermaßen anti-revolutionär.  

Ungeheure Verschwendungssucht des Marcos-Clans

In autoritären Staaten und Diktaturen sind öffentliche Demonstrationen nota bene unerwünscht oder verboten, doch wenn wachsender öffentlicher Unmut einen bestimmten Punkt erreicht und die Angst vor Repressalien im Schutz der revoltierenden Massen weicht, gibt es oft kein Halten mehr. Dann reißt die Macht der Straße wie ein Tsunami alles mit sich, was ihr im Wege steht. Menschenmassen, die gegen Regierungsgebäude anbranden, gehören zum Topos einer jeden Revolution, auch einer friedlichen. Es gibt sogar eine Revolution, die nach jener Straße benannt ist, auf der die größten Demonstrationen stattfanden: Die EDSA-Revolution (auch Peoples Power Revolution) auf den Philippinen, die vom 22. bis 25. Februar 1986 zum Sturz des Diktators Ferdinand Marcos und seiner Frau Imelda führte. Benannt wurde sie nach der Epifanio de los Santos Avenue in Manila, eine den Stadtkern der philippinischen Hauptstadt umschließende, vielspurige Ringstraße.

Die Geschichte der Philippinen war Jahrhunderte lang von Fremdherrschaft bestimmt. Zuerst kommandierten die Spanier für mehr als 300 Jahre den riesigen Archipel, dann kamen Amerikaner und Japaner. Seit der faktischen Unabhängigkeit im Jahre 1946 wechselte sich ein gutes Dutzend einheimischer Staatsoberhäupter ab, am längsten regierte der Jurist und Karrierepolitiker Ferdinand Marcos, der 1965 durch reguläre Wahlen an die Macht kam und ab 1972 das Land zusammen mit seiner Frau und einer kleinen Clique einflussreicher Familien diktatorisch regierte – per Kriegsrecht. Der Glamour, den die einstige Schönheitskönigin verbreitete und dem Staatsmänner reihenweise verfielen, konnte nicht vergessen machen, dass nach anfänglichen wirtschaftlichen Erfolgen seiner Politik das Land zum Hort von Korruption und Vetternwirtschaft wurde, die ihresgleichen suchte. Politische Gegner wurden drangsaliert, inhaftiert, ermordet. Die ungeheure Verschwendungssucht des Marcos-Clans, Guerilla-Aktionen nicht-christlicher Minderheiten sowie die Aktivitäten zunehmend gewalttätiger Studentenorganisationen spalteten und schwächten das Land, bis der gewaltsame Tod des Oppositionspolitikers Benigno Aquino junior, dessen Witwe Corazon Aquino 1996 Marcos‘ Nachfolgerin werden sollte, jener Funke war, der vor allem in der Millionenmetropole Manila zur Bildung einer breiten Bürgerbewegung führte.

Niccolò Machiavelli lehrte, dass ein Herrscher, um seine Macht zu sichern, früh und entschlossen handeln müsse. Erkenne man das „Übel“, die Rebellion und den drohenden Machtverlust, erst, wenn es schon für alle offen zutage liege, habe es bereits gesiegt. In diesem Sinne handelten die chinesischen Machthaber richtig und konsequent, als sie aufkeimenden Massenprotest, inspiriert von den Reformbestrebungen in der Sowjetunion, Polen und Ungarn, am 3. und 4. Juni 1989 mit Panzergewalt brutal niederschlugen. Ein kurzer, schmerzhafter Hieb gerate alsbald in Vergessenheit, lehrte Machiavelli. Und wirklich: Der rasante wirtschaftliche Aufstieg der folgenden Jahre überstrahlte das düstere Kapitel des Massakers vom Platz des Himmlischen Friedens und sicherte der Kommunistischen Partei bis heute die Macht im Reich der Mitte.

Revolution ohne einen Schuss

Marcos zögerte, wich zurück, verkündete aufgrund des politischen Drucks Neuwahlen, die er dann offensichtlich zu seinen Gunsten fälschen ließ. Dies brachte rebellische Gruppen innerhalb des philippinischen Militärs dazu, sich zu organisieren und den Schulterschluss mit der Opposition, insbesondere der katholischen Kirche, zu suchen, die auf den Philippinen bis heute großen Einfluss besitzt. Über den illegalen Sender Radio Veritas meldete sich auch Kardinal Jaime Lachica Sin, Erzbischof von Manila, zu Wort und forderte die Bevölkerung auf, die meuternden Truppen friedlich zu beschützen. Als menschliche Schilde fluteten sie zu Hunderttausenden die Straßen Manilas und blockierten entlang der EDSA-Avenue die Stützpunkte Marcos treuer Truppen. Ein Feuerbefehl des regulären Befehlshaber General Artemio Tadiar wurde von Offizieren und Soldaten ignoriert. Das Spiel war aus. Auf Anraten der Amerikaner ließ sich Marcos zusammen mit seiner Frau ausfliegen. Der „Schmetterling aus Stahl“, wie Imelda im Volksmund genannt wurde, ließ ihre gigantische Schuhkollektion zurück, sie ist heute Teil eines Schuhmuseums in Manila, das die frühere First Lady 2001, Ironie der Geschichte, selbst eröffnete.

Nur vier Tage hatte die EDSA-Revolution gedauert, kein Schuss war gefallen, kein Toter zu beklagen. Doch auch eine friedliche Revolution muss nicht zu stabilen Verhältnissen führen. Gerade erst, zur Feier des 35. Jahrestages der Peoples Power Revolution, appellierte der frühere philippinische Präsident Fidel V. Ramos an seine Landsleute, den Geist von 1986 wachzuhalten. Die Revolution sei nicht vorbei, das Werk erst erfüllt, wenn alle Filipinos ihre in der Verfassung verbrieften Rechte wahrnehmen könnten und die Demokratie gesichert sei. Davon sind die Philippinen heute weit entfernt.

Weitere Teile dieser Reihe:

Solidarność

Die Nelkenrevolution

Der arabische Frühling

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RMPetersen / 19.03.2021

“Doch auch eine friedliche Revolution muss nicht zu stabilen Verhältnissen führen.” Wie wahr, wie wahr.

Harald Unger / 19.03.2021

Als “Anleitung zum Ungehorsam”, lassen sich die Befreiungsbewegungen früherer Jahrzehnte, heute nicht mehr anwenden. Die tragende Motivation der Machthaber, unsere Gesellschaften der islamischen/afrikanischen Invasion preiszugeben, wurde vor 68 Jahren von Bert Brecht formuliert: “Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?” - - - Die Gelbwesten Proteste waren alsbald von den Banlieues gekapert, die Corona Proteste in den Niederlanden waren auf der Stelle von den arabischen Jugendbanden dominiert, dort ihrer Gier nach risikoloser Gewalt nachzugehen. - - - Egal zu welcher Zeit oder Ort in Westeuropa, sobald irgendwo eine Menschengruppe zusammenkommt, sind die neuen Herren des Straßenterrors innerhalb von Minuten zur Stelle, Gewalt gegen die Ursprungsbevölkerung auszuüben. - - - Im digitalen Raum sind Zusammenkünfte noch weniger realisierbar, dafür sorgt schon allein das GAFAT-Kartell. - - - Eine heutige Befreiungsbewegung kann sich also weder öffentlich noch digital formieren. Sie wird m.E. erst möglich, wenn die bestehende Ordnung zusammengebrochen ist, was angesichts der islamischen/afrikanischen Landnahme nur eine Frage der Zeit ist. - - - Die vor uns liegenden, dunklen Jahrzehnte der Europäischen Befreiungskriege vom islamischen, afrikanischen und chinesischen Joch, werden in Europa kein Stein auf dem anderen lassen. Sollten die EU Kurfürsten bis 2030 die nationalen Armeen aufgelöst und zu ihrer Privatarmee umfunktioniert haben, wird es noch brutaler, da deren Soldateska sich hauptsächlich aus Fachkräften rekrutieren wird. Die kein Problem damit haben werden, gegen uns verhasste Europäer und Ungläubige vorzugehen. Was ja der Zweck der Übung ist.

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