Im Sommer 1975 boomte der Tourismus in Portugal. Es war ein Tourismus der besonderen Art. Denn die ausländischen Gäste waren weniger an den Stränden der Algarve-Küste interessiert oder der grandiosen Lissaboner Altstadt, wie später die Heerscharen, die sich aus den Kreuzfahrtmonstern in die steilen Gassen ergießen. Im Gegenteil, sie lockte es in die Vorstädte der portugiesischen Metropole und den Industriegürtel der Tejo-Region, die sich gerade anschickten, zum Labor sozialistischer Experimente zu werden. Ultralinke Gruppen hielten dort revolutionäre Volksversammlungen ab, gründeten „Volkskindergärten“, „Volkskliniken“ und „Kulturhäuser“. Kommunisten, Sozialisten, Maoisten – Linke aller Lager strömten als „Revolutionstouristen“ ins Land und debattierten darüber, wieder einmal, wie sich via Basissozialismus und direkte Demokratie die klassenlose Gesellschaft verwirklichen ließe.
Es waren die Jahre der „Nelkenrevolution“, die im April 1974 ihren Anfang genommen hatte und die das von der kolonialen Weltmacht zum „Armenhaus“ am Rande Europas herabgesunkene Land schlagartig ins Licht der Weltöffentlichkeit rückte. Der Umsturz verlief alles in allem friedlich. Es gab offiziell nur vier Tote zu beklagen. Sie starben bei einer Schießerei, die sich letzte regimetreue Truppen vor dem Sitz der berüchtigten Geheimpolizei PIDE, einst nach dem Vorbild der Gestapo organisiert, mit Demonstranten lieferten. Nur 17 Stunden und 25 Minuten hatte es gedauert, bis die damals älteste faschistische Diktatur Europas Geschichte war. Ein Jahr später begann auch in Spanien nach dem Tode Francisco Francos der langsame Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Auch für den Sturz der rechtsgerichteten Militärjunta in Griechenland galt die „Nelkenrevolution“ als Fanal.
Wie kommt es überhaupt zu einer Revolution, mag sie nun friedlich verlaufen oder in einem Blutbad enden? Zunächst: Auch diktatorische oder autoritäre Systeme, mögen sie noch so rücksichtslos agieren, sind nicht für die Ewigkeit gebaut. Auch sie sind letztlich auf die Zustimmung der Bevölkerung angewiesen, die sie sich (wie natürlich auch demokratisch gewählte Regierungen) durch materielle Versprechungen – oft ungedeckte Schecks auf die Zukunft – oder außenpolitische Abenteuer zu sichern suchen, flankiert von Propaganda und Repression. Doch wenn es nicht mehr gelingt, die Menschen mit Brot, Spielen und Gewalt bei der Stange zu halten, staut sich Unmut auf. Meist sind es akute wirtschaftliche Probleme, die zur Explosion führen.
Militärputsch beendet eine fast 50 Jahre währende Diktatur
Salazar war es zunächst gelungen, die Wirtschaftskrise, die ihn nach einem 1926 angezettelten Militärputsch an die Macht gebracht hatte, einzudämmen. Doch sein „Estado Novo“ („Neuer Staat“) erstarrte bald zum repressiven Ständestaat, der sich auf Großgrundbesitzer, Militärs und ein paar mächtige Familien stützte und große Teile der Bevölkerung in Unmündigkeit hielt. Zunehmend blutige Kolonialkriege gegen aufständische Gruppen in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau zehrten das Land aus und mehrten die Unzufriedenheit innerhalb des Militärs. Auch Salazars Nachfolger Marcelo Caetano, der 1968 an die Macht gekommen war und die Zügel innenpolitisch ein wenig lockerte, gelang es nicht, die ökonomischen und militärischen Probleme in den Griff zu bekommen.
Das Signal zur Revolution kam am 25. April 1974 um 0:25 Uhr Ortszeit über einen Radiosender: „Grândola, Vila Morena“ („Grandola, braungebrannte Stadt, Heimat der Brüderlichkeit. Das Volk ist es, das am meisten bestimmt in Dir, oh Stadt“), das verbotene antifaschistische Kampflied des Musikers Jose Alfonso, komponiert nach dem Vorbild des traditionsreichen Cante Alentejano, wurde zur Hymne des Aufstands. Es wurde auch 2013 wieder bei Protesten gegen die von der EU dem Land auferlegte Sparpolitik nach der Finanzkrise angestimmt.
Für die Angehörigen des Movimento das Forcas Armadas (MFA), das sich vor allem aus unterprivilegierten Soldaten in den Überseegebieten rekrutierte, sowie die Widerstandsgruppen der illegalen Kommunistischen Partei Portugals war der Song das vereinbarte Signal zum Sturz der Diktatur. Als die Truppen der MFA, begleitet von bewaffneten Arbeiterbrigaden, wenige Stunden später durch die Avenida da Liberdade in Lissabon marschieren, versammelten sich Zehntausende jubelnder Portugiesen am Straßenrand. Weil die Märkte damals voll waren von roten Nelken, steckten sich viele Soldaten die Blumen in die Gewehrläufe. Die Revolution hatte ihr Symbol.
Gegen Mittag waren die wichtigsten Ministerien und das Oberkommando des Heeres besetzt. „Was wir heute erleben, ist das wichtigste historische Ereignis seit dem Aufstand gegen die spanische Besatzung 1640“, ließ der aufständische General Antonio de Spinola verlauten, der sich zunächst als neuer starker Mann Portugals etablieren konnte. Ein System, das fast ein halbes Jahrhundert mit Zensur, Propaganda und blanker Gewalt die Bürger Portugals in Unmündigkeit gehalten hatte und unerschütterlich schien, war wie weggeblasen.
Sozialdemokraten schaffen die Grundlagen
Doch Spinola stand nicht der Sinn nach sozialistischen Experimenten, wie sie im Zuge von wilden Landbesetzungen und „Arbeiterkomitees“ in den Unternehmen bald überall im Lande grassierten. Sein Vorbild war eine starke Präsidialherrschaft nach dem Vorbild des französischen Generals de Gaulle. Es kam zu erbitterten Machtkämpfen innerhalb des revolutionären Zweckbündnisses linker Parteien und Teilen des Militärs, in deren Folge diverse provisorische Regierungen verschlissen wurden. Diese Zeit der Wirren gipfelte am 11. März 1975 in einem Putschversuch konservativer Militärs um Spinola, bis sich 1976 nach den ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen Mário Soares, der charismatische Führer der Sozialistischen Partei (PS) Portugals, durchsetzen konnte, die unter tatkräftiger Mithilfe Willy Brandts in Bad Münstereifel gegründet worden war.
Als Ministerpräsident und späterer Staatspräsident erteilte Soares radikal-linken Welterlösungskonzepten eine Absage und steuerte einen sozialdemokratischen Kurs nach westeuropäischem Vorbild. Seine Regierung entließ die Kolonien in die Unabhängigkeit, verabschiedete sich endgültig von der „Weltmacht“ Portugal und schuf damit die Basis auch für einen ökonomischen Neubeginn. 1994 wurde das PIDE-Aktenöffnungsgesetz verabschiedet, drei Jahre nach dem Stasi-Öffnungsgesetz, das den Umgang mit den Akten des früheren DDR-Staatssicherheitsdienstes regeln sollte.
Für linke Revolutionsadepten war die „kapitalistische“ Entwicklung Portugals, die 1986 in die EU-Mitgliedschaft mündete, eine herbe Enttäuschung. Nicht ganz zu unrecht vermuteten sie dahinter auch handfeste machtpolitische Interessen der USA, die nicht daran interessiert waren, dass sich auf der Iberischen Halbinsel auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges womöglich eine kommunistische Volksdemokratie hätte etablieren können. Der ehemalige RAF-Terrorist Karl-Heinz Dellwo, der heute als Verleger tätig ist, brachte 2012 in seinem Verlag „Laika“ in der Reihe „Bibliothek des Widerstandes“ einen Sammelband zur portugiesischen „Nelkenrevolution“ heraus. Vielleicht ein Eingeständnis, dass man mit Blumen mehr erreichen kann als mit Kalaschnikows.
Weitere Teile dieser Reihe:
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Wenn das herrschende Regime seinen Funktionären und Anhängern in der Mittelschicht keine wirtschaftlichen und sonstigen Privilegien mehr bieten kann, verliert es deren Unterstützung und der Niedergang beginnt… War auch in der ExDDR so.
„Auch diktatorische oder autoritäre Systeme … sind letztlich auf die Zustimmung der Bevölkerung angewiesen“ – - – In der Merkel-Despotie hat die große Mehrheit der ursprünglichen Bevölkerung endlich wieder ganz zu sich selbst gefunden. Konnte endlich die Bundesrepublik Deutschland (*1949 ✝2015), die ein von den verhassten Amerikanern aufgezwungener Irrtum der Zeitgeschichte war, überwinden. – - – Ein weiterer glücklicher Umstand ist, daß es allein die marxistischen Regimes sind, die aus der Geschichte der Konterrevolutionen gelernt haben. So hat die Invasion Westeuropas durch die Bevölkerungen der OIC und AU Staaten dazu geführt, daß homogene Willensbildungen von Staatsvölkern, wie z.B. ’74 in Portugal oder ’89 in der DDR, der Vergangenheit angehören. – - – Will man mit Hilfe der Vergangenheit einen Blick in die Zukunft werfen, so ist die Niederschlagung der chinesischen Konterrevolution, im Tian’anmen-Massaker von 1989, richtungsweisend, die zum beispielhaften Meisterstück der Niederschlagung der Hongkong Aufstände führte. – - – Gleichzeitig werden die Bevölkerungen des Westens darin erzogen, sich an ihren künftigen Status als Besitzlose zu gewöhnen: „Own Nothing and Be Happy“: The Great Reset’s Vision of the Future World Economic Forum’s video tells us about the plans for humanity in the year 2030.
1. geht es den Leuten hierzulande materiell so gut, dass die Armen anderer Länder in Scharen hierher strömen, damit es auch ihnen besser geht. Wer wollte es ihnen verdenken?
dass
2. dieses materielle Gutgehen auch viel damit zu tun, hat dass vieles was mal solide war, nun bunter Flitterkram ist, das merkt man aufgrund der schieren Menge des Flitterkrams seltenst.
da aber
3. die Leute wie hypnotisiert von dem bunten Flitterkram sind, werden sie nicht resoluzzen sondern weiter Netflix gucken und an den Regalen mit 50 Sorten Chips vorbeifahren und denken dass es ihnen doch gut, ja sogar sehr gut geht
und
4. bewaffnete Arbeiterbrigaden? Hierzulande? Wo sollen die denn herkommen?
Militär das sagt „So nicht! und sich mit dem Volk solidarisiert“ wo soll das denn bitte herkommen?
Ich verstehe den Sinn des Artikels nicht, außer dem in linker, alter Revolutionsromantik zu schwärmen und zu übersehen, dass die Protagonisten solcherart Romantik zur Zeit das Sagen haben und das einfach zu einer neuen Nomenklatura geführt hat, die aber propagandistisch sehr geschickt ist, weil siehe oben Punkt 1ff
Was keiner hier wissen tut, auch der Autor nicht. Die Linken haben bereits vor der 1974-Revolution die Presse unterwandert, erfolgreich. Also genau das, was wir heute hier in Deutschland erleben und warum so viele Achgut lesen wollen, wegen der verlogenen gleich geschalteten linken Lügenpresse. Das gibt es in Portugal bereits vor 1974. ++ Was die verlogenen linken Blumen Portugal gebracht haben. Ein Drittel aller Portugiesen ist emigriert, hat das Land verlassen. (Den Rumänen geht es ähnlich, übrigens!). Grob gezählt: 5 Millionen Portugiesen leben im Ausland. 10 Millionen in Portugal. ++ Die reichste (!!) Partei in Portugal soll die Kommunistische Partei (KP) sein. ++ Die KP verlangt von den Bürgern die Zahlung einer Grundsteuer, die in den letzten Jahren menschenverachtend erhöht worden ist, übrigens, mit fürchterlichen Nebenwirkungen, die die linke Lügenpresse in Portugal NICHT interessiert. ++ Kommt das den Deutschen heute bekannt vor? ++ Die gleiche KP (und wohl auch andere Parteien) zahlen aber KEINE Grundsteuer. Fein, nicht wahr? Die Elite zahlt nicht. Die Plebejer müssen. Ist das gerecht? ++ Die 5 Millionen port. Bürger, die im Ausland arbeiten, und den sozialistischen Stümpern und Banditen regelmäßig Devisen nach Hause schickten, Jahr für Jahr, werden ENTRECHTET und mit Tritten in den Hintern belohnt. ++ Die Menschen emigrieren, weil der Sozialismus keine gut bezahlten Arbeitsplätze schafft und das Wenige den Menschen verleidet, durch schlechte Arbeit und gewissenlosen Gaunern an der Macht: sehr schlecht bezahlte Jobs. Und als Belohnung werden die eigenen Bürger (Emigranten) entrechtet. Wer im Ausland lebt und wählen tut, dessen Stimme gilt NIX, NICHTS, NADA. Das Gewicht von 5 Millionen im Ausland sehr gut arbeitender Portugiesen wird ausgekontert, indem diese 5 Millionen nur 4 Abgeordnete ernennen dürfen. Toll dieser menschenverachtende Sozialismus, nicht wahr?
Ein wenig differenzierter hätte die Darstellung der sogenannten „Nelkenrevolution“,die in Wahrheit ein Militärputsch einer Gruppe eher links stehender Offiziere war,schon sein können inklusive der Person Salazars. Als in Portugal 1910 die Monarchie gestürzt wurde,erlebte das Land 18 Jahre lang katastrophale Zustände mit ständig wechselnden Regierungen und Militärdiktaturen. Gleichzeitig wuchs der Schuldenberg auf eine Grösse von 600 Mio Dollar;damals eine gigantische Summe. Erst Salazar -der übrigens in Coimbra als Professor Volkswirtschaft lehrte-stabilisierte als Finanzminister und später als Ministerpräsident zunächst die Finanzen und dann das Land; konnte es auch aus dem 2.Weltkrieg heraushalten. zudem gab es in Portugal keine Judenverfolgungen. Die Bezeichnung „faschistisch“ passt m.E. nicht für seine Regierung,auch wenn er hart gegen politische Gegner vorging. Letztendlich wurde ihm und seinem Nachfolger aber das zu lange Festhalten an den Kolonien zum Verhängnis;die Kosten einschliesslich der Kriege verschlangen zuletzt ein Drittel des Staatshaushalts.- Unabhängig davon zeichnete sich Salazar während seiner Regierungszeit auch durch aussergewöhnliche Bescheidenheit und strenges Pflichtbewusstsein aus. Das hatten wohl auch viele Portugiesen nicht vergessen.Als im Jahre 2007 das portugiesische Fernsehen eine Umfrage zur Wahldes bedeutendsten Portugiesen der Geschichte startete,landete Salazar mit 40 Prozent Zustimmung auf dem ersten Platz,noch vor den bekannten Entdeckern und Weltumseglern. An seinem Geburtshaus in einem kleinen Dorf nahe Coimbra wurde eine Tafel mit folgender Inschrift angebracht: „ In diesem Haus wurde am 28.April 1889 Dr. Oliveira Salazar geboren.Ein Herr,der regierte und nichts raubte.“-Von welchem der vielen heutigen Politiker lässt sich das noch sagen…?
In Deutschland ist derzeit nicht Revolution, sondern Reaktion bei Politikern und ihren Hofschranzen politisch-kastrierten Medien angesagt:
Zurück zur Energieversorgung mit Windmühlen. Zurück zum authoritären Durchregieren am Parlament vorbei. Zurück zu Ausgangssperren, Meinungsunterdrückung und Denkverboten. Dank Merkel und ihren politischen und Medialen Helfershelfern leben wir in einer gesamtdeutschen DDR 2.0.
Und die Erinnerung an den letzten Versuch, Europa unter deutscher Führrrung zu einigen erzeugt nicht unbedingt Begeisterung im Ausland.
Auch den Glauben, dass am deutschen (jetzt grünen) Wesen, noch ein mal (bedeutet: eines Tages) die Welt genesen werde, gab es schon unter dem letzten Kaiser.
( 2 ) Ich musste mich also beruflich umorientieren. Mein Verfahren vor dem Verwaltungsgerichtshof endete etwa zwei Jahre später mit dem Urteil: ‚Verfassungsfeind‘ – ohne Revisionsmöglichkeit.
Eine Reise nach Portugal und eine Unterschrift für Frieden und Abrüstung (von der DKP initiiert, wie ich las) hatten meinem Leben eine völlig neue Wendung gegeben.
Ich bin auf Ihren morgigen Bericht gespannt, denn mit der Solidarnosc -Bewegung setzte die Ernüchterung (die Wahrnehmung der Realität) ein, allmählich verabschiedete ich mich von meinem Ideal eines demokratischen Sozialismus . Als dann im Dezember 1981 das Kriegsrecht in Polen verhängt wurde, war endgültig Schluss mit meinem sozialistischen Flirt. Ich trat aus der DKP aus. Damals war ich in meinem 31. Lebensjahr. Seitdem beschäftigte ich mich ernsthaft mit Ökonomie, wovon ich in meiner Jugend so gut wie keine fundierten Kenntnisse hatte. Seit langer Zeit bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass eine sozialistisch organisierte Wirtschaftsordnung nicht funktionieren kann. Dennoch bedarf es in einer Demokratie beider politischer Lager, sowohl einer demokratischen Rechten als auch einer demokratischen Linken , denn nur so können Extreme verhindert werden.
So, und jetzt ist es Zeit, wieder mal die Jose Afonso CD zu suchen, GRÂNDOLA VILA MORENO zu hören, sich den Erinnerungen hinzugeben und über das Leben nachzudenken.