Vielleicht haben Sie vergangene Woche eine prominente Politikerin vermisst. Sie wissen schon: eine nette ältere Dame, die sehr gerne rosa Blazer trägt und ein wenig an Dolores Umbridge aus Harry Potter erinnert. Nicht nur vom Aussehen her, sondern auch von der Art, Politik zu betreiben. Was sie unstrittig kann.
Korrekt, die Rede ist von „Mutti“, die diese Woche leider gar keine Zeit für uns brave Bürgerlein hatte. Seit den Morden von Würzburg am 25. Juni war von der beliebtesten Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland nichts zu sehen und nichts zu hören. Kein Statement, kein Wort des Trostes, nicht einmal das sang- und klanglose und kniebeugende Ausscheiden der „Schaft“ gegen England war der Chancelorette ein Wort wert. Oder die Rückkehr der letzten Soldaten aus Afghanistan. Ich hatte ursprünglich vor, ab Dienstag eine Vermisstenanzeige aufzugeben, aber – eigentlich habe ich sie ja nicht vermisst und habe es gelassen.
Aber sie ist wieder da. Auf großer „Angela-Merkel-Abschiedstournee“. Sie wird noch einmal all ihre beliebten Hits wie „Alternativlos durch die Nacht“, „Wir schaffen das“ oder „Nun sind sie einmal da“ spielen. Stand heute gastiert die beste Bundeskanzlerin, die Deutschland je hatte, in London und trinkt schön Kaffee mit der Queen und wird sich auch nochmal mit Boris Johnson treffen – schätzungsweise, um sich daran zu weiden, wie schlecht es den Engländern geht, seit sie aus der EU ausgetreten sind.
Deutschland war Merkel immer egal. Und die Union auch
Man stelle sich eine Rede von Angela Merkel wie die des österreichischen Bundeskanzlers Kurz vor, nachdem ein 13-jähriges Mädchen „zuerst unter Drogen, dann missbraucht, dann getötet und wie ein Stück Abfall an einen Straßenrand geworfen wurde“. Können Sie nicht? Ich auch nicht. Ehrlich gesagt, bin ich tatsächlich dankbar, dass Angela Merkel den Mund gehalten hat, denn, ganz offen? Jedes einzelne Wort wäre geheuchelt gewesen. Es haben ja auch genug ihrer Lakaien verkündet, „wo ihre Gedanken sind“. Mit Angela Merkel tritt eine Kanzlerin ab, die in der langen Reihe von Bundeskanzlern tatsächlich diejenige gewesen ist, die dieses Land am nachhaltigsten verwüstet hat.
Nach 16 Jahren Merkel haben wir eine Gesellschaft, die heute gespaltener ist, als es das geteilte Deutschland jemals war. Denn bis 1989 waren wenigstens die Grenzverläufe des Sag- und Denkbaren sichtbar. Die heutigen unsichtbaren Grenzen laufen durch Köpfe und Herzen der Menschen und verschieben sich permanent. Wer gestern noch völlig unbedarft ein richtiges Wort sagte, findet sich heute Morgen plötzlich auf der ganz ekelhaften, ganz rechtsextremen Seite. Ein Satz wie „Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen“ würde heute Helmut Schmidt seine SPD-Mitgliedschaft kosten. Franz-Josef Strauß würde definitiv wegen „Volksverhetzung“ im Knast landen.
Es hat sich viel verändert in Deutschland. Betroffen sind davon allerdings nicht die, die sich „über Veränderungen freuen“, sondern die, die dafür ihre Gesundheit oder ihr Leben lassen mussten und trotzdem tapfer die Veränderungsfreudigen mit ihren Steuergeldern verhältnismäßig hoch alimentieren. Betroffen sind die, die sich nach Einbruch der Dämmerung nicht mehr in die Stadtparks oder Fußgängerzonen trauen. Und das nicht, weil es da so schrecklich viele Nazis gäbe. Betroffen sind die, deren Stadtteile zu NoGo-Areas geworden sind und die keinen einzigen Namen am Klingelschild des eigenen Wohnblocks mehr aussprechen können. Und deren Kinder Deutsch als erste Fremdsprache lernen.
„Mutti“ ist das egal. Sie hat es hinter sich. Im Grunde glaube ich, dass Deutschland Angela Merkel immer egal war. So, wie ihr auch die Union egal war. Ohne Angela Merkels Politik gäbe es heute keine AfD. Posten und Partei waren ihr nur Mittel zum Zweck, um irgendwie in die Geschichtsbücher zu kommen – und das möglichst positiv. Sie hatte immer ein höheres Ziel und das hieß Europa. Diesem Europa hat Angela Merkel ihr Land, ihre Bürger und deren Ein- und Auskommen geopfert. Mögen sie toben und schreien, die deutschen Kleinbürger oder mögen sie einfach den Mund halten und weiterwursteln – es interessiert die Kanzlerin nicht. Sie tritt ab, bevor sie abgetreten wird. Falls sich überhaupt jemand fände, der sie so ablöst, wie sie einst Helmut Kohl abgelöst hat.
Ich werde sie keine Sekunde vermissen
Es ist nicht so, dass Angela Merkel es nicht angekündigt hätte: „Wenn wir uns jetzt noch entschuldigen müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land". Und sie hat dies auch konsequent immer wieder gezeigt. Angela Merkel wird als große Kanzlerin und große geschichtliche Persönlichkeit aus dem Amt scheiden – eine echte deutsche Bundeskanzlerin war sie ebenso wenig, wie die „Mannschaft“ die „deutsche Nationalmannschaft“ ist. „Ihr“ Volk und „ihr“ Land hat es nie gegeben. Es gab auf der einen Seite Angela Merkel und auf der anderen Seite Deutschland. Was ihre Politik mit dem Land und den Menschen macht, die darin leben und von dem sie qua Amtseid „Schaden abwenden“ sollte, war nie ihr Thema. Es dürfte Bücher füllen, sämtliche diesbezüglichen Handlungen aufzuführen. Mutmaßlich wird dies auch passieren.
Angela Merkel dachte immer in viel größeren Zusammenhängen, viel multidimensionaler. Nur Deutschland war ihr viel zu klein! Sie hat es aber geschafft, dies lange, viel zu lange, zu verbergen. Auch, was sie da konkret denkt. Ich vermute, irgendetwas mit der Überschrift „Legende der europäischen Geschichtsschreibung“. So eine Art multilateral erbautes Pharaoninnengrab, dessen Reden und Vertrags- und Gesetzestexte Myriaden von künftigen Studenten der Politologie durchvertikutieren dürfen.
Ich habe keine Ahnung, was in 50 Jahren über sie in den Geschichtsbüchern stehen wird – allein deshalb schon, weil ich bis dahin Teil der Friedhofserde sein werde – ich kann von mir selbst aber sagen, dass ich sie keine Sekunde vermissen werde. Sie mich auch nicht. Es ist mir durchaus bewusst, dass keiner ihrer drei potenziellen Nachfolger einem Helmut Schmidt oder einem Willy Brandt das Wasser wird reichen können – aber das konnte und wollte sie ja auch nicht. So werden wir also im September keinen besseren Kanzler und keine bessere Politik bekommen – allerdings wäre ich für meinen Teil schon zufrieden, wenn es nicht noch schlechter würde. Ich bin bescheiden geworden: Ein deutscher Bundeskanzler oder eine deutsche Bundeskanzlerin würden mir genügen. Leider tritt diesbezüglich niemand an. Suchen wir uns also den nächsten Kanzlerdarsteller heraus, dem zu Würzburg und den Konsequenzen seiner Politik so gar nichts einfällt. Wenn er oder sie denn nur generell den Mund hält…
(Weitere Packungen des Autors unter www.politticker.de)
Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.

Hoffe Herr Schneider, sie sind am 01.08 in Berlin und sehen wie Merkels Stasi jede Oposition niederknüppelt……
Dann ihren Beitrag bitte…
Vielleicht bereuen sie dann ihr AfD-bashing?
Lieber Herr Schneider, die Opfer von Würzburg (so sie überlebt haben bzw. ihre Angehörigen) können aufatmen. Nach dem Attentat vom Breitscheidplatz durften die Opfer exakt 1 Jahr minus 1 Tag warten, bis Mutti sich zu einem Wort des Trostes oder was auch immer herabließ. Diesmal besteht der Trost darin, dass Mutti nach einem Jahr wirklich Geschichte ist, so viel Hoffnung habe ich immerhin noch. Die Opfer und wir anderen alle müssen uns also nach einer gottlob ausfallenden Ansprache nicht den Finger in den Hals stecken.
Weniger nett ist die Zielvorgabe an die Motivrechercheure, dass die Tat kein Terrorakt ist. So spart der Bund Entschädigungsleistungen, die z. B. dafür aufgewendet werden können, dass unsere Dauergeduldeten noch besser integriert werden. Hier hatte unlängst der Bundesinnenminister Defizite angemahnt. Der bayrische Innenminister hat außerdem auf das doppelte Fehlverhalten der Messeropfer hingewiesen („zur falschen Zeit am falschen Ort“), vielleicht auch noch unislamische Kleidung? In diese Richtung muss dringend weiterermittelt werden!
Hoppla, Herr Schneider, was ist mit Ihnen passiert? Wo sonst gedrechselte Abgrenzungen gegen Rechts den schwarzen Nazipeter in ebendiese Richtung weiterreichen nun so etwas wie Klartext? Sie wollen am Ende nicht mehr mitspielen und von „Mutti“ in ihren vielfältigen Manifestationen lieb gehabt werden? -Willkommen im Klub!
Sie hat doch schon beim Massaker auf dem Breitscheidplatz ihre Gleichgültigkeit deutlich gemacht, indem sie 1 JAHR gebraucht hat, um den Angehörigen zu kondolieren. Und ihre Abscheu für Deutschland (noch im Netz zu sehen) konnte man doch schon sehr genau sehen, als sie 2013 (BT-Wahl) Herrn Rühe eine Deutschlandflagge abgenommen und mit heruntergezogenen Lefzen in den Müll geworfen hat. Trotzdem waren viele von ‚Mutti‘ begeistert Zu dieser Frau fällt mir nichts Positives ein. Ihre Fehlentscheidungen zum Atomausstieg nach Fukushima und zur Energiewende lassen mich zweifeln, ob sie überhaupt Physikerin ist.
Zurück zu dem schrecklichen Attentat von Würzburg: ihr Nichtverhalten ist einfach nur erbärmlich. Auch der Bundespräsident schweigt dazu (macht lieber Reklame für linke Popgruppen (Chemnitz) ) Und zur Rückkehr der deutschen Soldaten aus Afghanistan halten sich beide geschlossen und auch AKK schweigt dazu. Was ist nur aus Deutschland geworden?
Am schlimmsten finde ich immer den Satz: „In Gedanken bin ich bei den Angehörigen“. Was für eine Heuchelei. Wie soll ich „bei jemandem sein“ den ich nicht kenne? Wer ist Angehöriger? Auch der Onkel vierten Grades? Einfach mal die dämliche Schnauze halten und endlich richtig handeln!
Lieber Herr Schneider, ich wette mit Ihnen um eine Flasche Limo, daß diese Frau mit dem Namen Mutti noch ein halbrs Jahr nach der Wahl geschäftsführend im Amt sein wird! Wir werden sie genausowenig los wie die Nordkoreaner die Familie Kim!
Ich habe Indubio gehört und Tilo Schneider gelesen. Und mir war hinterher richtig schlecht.
Ich dachte an das Interview von Merkel, in dem sie sagte,wir brauchen weniger Querdenker
und ein bißchen mehr China,dann stünden wir besser da. Und bei Kretschmann denke ich
an Ulbricht ,der die Panzer rollen ließ und Großvater erst nach ein paar Tagen mit Wunden
im Gesicht und Kopf nach Hause kam. Ich denke an den Mann der nach meiner Geburt rief,
wollt ihr den totalen Krieg . Ich denke an den Ruf von jetzt. Wollt ihr den totalen Sozialismus,
wollt ihr ein bißchen mehr China , den Platz des himmlischen Friedens eingeschlossen.
Liebe Gläubige, Jesus Christus war Kommunist darum haben wir auch unsere Kreuze ab genommen und verneigen uns vor seiner Weisheit. Mir ist ganz schlecht ,denke ich an meine
Urenkelchen . Was werden sie erleben ,wärend ich der Friedhofsruhe anheim sein werde. Wird
es so kommen wie Bärbel Bohley in einem Interview mit Chaim Noll (Achgut-Artikel) sagte.
„aber die geheimen Verbote werden wieder kommen, das Beobachten, der Argwohn,die Angst
das Isolieren und Ausgrenzen ,das Brandmarken und Mundtotmachen derer, die sich nicht anpassen – das wir wiederkommen . Man wird Einrichtungen schaffen,die viel effektiver arbeiten
viel feiner als die Stasi . Auch das ständige Lügen wird wiederkommen, die Desinformationen,
der Nebel, in dem alles seine Kontur verliert. War der Stasiknast vergebens ,der Herbst 89,
der Kampf und das Streben nach Freiheit nach Demokratie . Mir ist immer noch schlecht.