Nehmen wir einmal an, jemand betreibt einen Bahnhofskiosk, der morgens um sechs Uhr öffnet und belegte Brötchen anbietet. Dann wird er mit seinem Bäcker vereinbaren, dass dieser just zu diesem Zeitpunkt 200 frische Brötchen liefert. Zuverlässig und pünktlich wenn sie gebraucht werden. Schafft der Bäcker das nicht und bringt seine Ware nachmittags um vier, dann lässt der Besteller das Gebäck zurückgehen und bezahlt nicht. Der Bedarf muss gedeckt werden, wenn die Nachfrage vorhanden ist, basta. Wer das nicht sicherstellen kann, der ist schnell aus dem Geschäft.
Außer er liefert in Deutschland Strom. Wer mit Solarzellen oder Windrädern Strom erzeugt, der kann morgens um vier seinen Saft liefern, selbst wenn der nachmittags um fünf gebraucht wird. Macht nix, er kriegt sein Geld garantiert. Elektrizität wird hierzulande konsequent am Bedarf vorbei produziert. Zeitlich und räumlich. Wenn in München Strom gebraucht würde, dann kann es sein, dass er in Husum geliefert wird – oder gar nicht. Die Devise der Lieferanten heißt im Englischen: „Take your money and run“. Dem Land wird zu unberechenbaren Zeiten Strom in großen Fuhren vor die Tür gekippt, fertig. Die Folgen sind der Branche völlig egal, ausbaden dürfen es ja andere.
Das heißt: Andere sollen einen kompletten Kraftwerkspark in Reserve unterhalten, für den Fall dass der erwünschte Strom mal wieder nicht fließt. Das wäre so, also würde man - um beim Eingangsbeispiel zu bleiben - einen zweiten Bäcker dazu zwingen, jeden Tag vorsichtshalber mit seiner Bäckerei als Reserve für einen unzuverlässigen und überbezahlten Konkurrenten bereitzustehen. Kein normaler Mensch würde sich auf so einen Job einlassen. Deshalb steht jetzt beispielsweise zur Debatte, dass in Bayern eines der fortschrittlichsten Gaskraftwerke der Welt abgeschaltet wird. Der Betrieb der Anlage als Lückenbüßer ist unter den gegenwärtigen Bedingungen einfach nicht mehr rentabel.
Vorschlag zur Güte: Wie wär’s wenn nur noch der garantierte Wind- und Sonnenstrom staatlich gefördert würde? Wer einen Windpark unterhält, sollte nur noch für jene Strommenge subventioniert werden, die er zuverlässig liefern kann, wann und wo die Kunden ihn brauchen. In der Praxis würde das heißen, dass ein Windparkbetreiber selbst ein Gaskraftwerk als Backup unterhalten müsste. Das wäre eine kleine Gesetzesänderung mit einer garantiert fulminanten Wirkung.
Erschienen in DIE WELT am 03.05.2013