Maxeiner & Miersch / 04.05.2013 / 19:14 / 0 / Seite ausdrucken

Angebot ohne Nachfrage

Nehmen wir einmal an, jemand betreibt einen Bahnhofskiosk, der morgens um sechs Uhr öffnet und belegte Brötchen anbietet. Dann wird er mit seinem Bäcker vereinbaren, dass dieser just zu diesem Zeitpunkt 200 frische Brötchen liefert. Zuverlässig und pünktlich wenn sie gebraucht werden. Schafft der Bäcker das nicht und bringt seine Ware nachmittags um vier, dann lässt der Besteller das Gebäck zurückgehen und bezahlt nicht. Der Bedarf muss gedeckt werden, wenn die Nachfrage vorhanden ist, basta. Wer das nicht sicherstellen kann, der ist schnell aus dem Geschäft.

Außer er liefert in Deutschland Strom. Wer mit Solarzellen oder Windrädern Strom erzeugt, der kann morgens um vier seinen Saft liefern, selbst wenn der nachmittags um fünf gebraucht wird. Macht nix, er kriegt sein Geld garantiert. Elektrizität wird hierzulande konsequent am Bedarf vorbei produziert. Zeitlich und räumlich. Wenn in München Strom gebraucht würde, dann kann es sein, dass er in Husum geliefert wird – oder gar nicht. Die Devise der Lieferanten heißt im Englischen: „Take your money and run“. Dem Land wird zu unberechenbaren Zeiten Strom in großen Fuhren vor die Tür gekippt, fertig. Die Folgen sind der Branche völlig egal, ausbaden dürfen es ja andere.

Das heißt: Andere sollen einen kompletten Kraftwerkspark in Reserve unterhalten, für den Fall dass der erwünschte Strom mal wieder nicht fließt. Das wäre so, also würde man - um beim Eingangsbeispiel zu bleiben - einen zweiten Bäcker dazu zwingen, jeden Tag vorsichtshalber mit seiner Bäckerei als Reserve für einen unzuverlässigen und überbezahlten Konkurrenten bereitzustehen. Kein normaler Mensch würde sich auf so einen Job einlassen. Deshalb steht jetzt beispielsweise zur Debatte, dass in Bayern eines der fortschrittlichsten Gaskraftwerke der Welt abgeschaltet wird. Der Betrieb der Anlage als Lückenbüßer ist unter den gegenwärtigen Bedingungen einfach nicht mehr rentabel.

Vorschlag zur Güte: Wie wär’s wenn nur noch der garantierte Wind- und Sonnenstrom staatlich gefördert würde? Wer einen Windpark unterhält, sollte nur noch für jene Strommenge subventioniert werden, die er zuverlässig liefern kann, wann und wo die Kunden ihn brauchen. In der Praxis würde das heißen, dass ein Windparkbetreiber selbst ein Gaskraftwerk als Backup unterhalten müsste. Das wäre eine kleine Gesetzesänderung mit einer garantiert fulminanten Wirkung.

Erschienen in DIE WELT am 03.05.2013

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Maxeiner & Miersch / 24.11.2014 / 22:19 / 4

Cash fürs Gucken

Die kulturelle Innovation des Jahres kommt aus Hamburg und wurde von einem Veganer erdacht, der seinen Mitmenschen das Fleischessen abgewöhnen möchte. Dafür hat er einen…/ mehr

Maxeiner & Miersch / 16.11.2014 / 10:00 / 6

Kuscheln im Schoße des Staates

Einst waren sie groß und mächtig: Energiekonzerne wie RWE, Eon und Vattenfall verdienten Milliarden, ihre Aktien galten als sichere Bank. Dann kam die Energiewende. Atomkraftwerke…/ mehr

Maxeiner & Miersch / 08.11.2014 / 19:43 / 8

Orientalische Nostalgie

Der Früher-war-alles-besser-Mythos gedeiht in Deutschland in allen Schichten. Viele glauben, Omas Welt sei sicherer, gesünder und gemütlicher gewesen. Die Grünen und die AfD leben von…/ mehr

Maxeiner & Miersch / 04.11.2014 / 14:00 / 5

Alles grün und gut im Taz-Café

Einladung zur Buchpremiere und Podiumsdiskussion am 6. November im taz.Café in Berlin »ALLES GRÜN UND GUT? Eine Bilanz des ökologischen Denkens« (384 Seiten, erschienen am…/ mehr

Maxeiner & Miersch / 26.10.2014 / 06:00 / 1

Die Träumer waren Realisten

Nachher ist man immer klüger. Auch wir haben manchmal das Gefühl, irgendwie hätten wir den Mauerfall kommen sehen oder zumindest so ein bisschen geahnt. Gedächtnis…/ mehr

Maxeiner & Miersch / 18.10.2014 / 19:31 / 13

Die Einsamkeit des Carnivoren

Das feuilletonistische Segment der globalisierten Gesellschaft zieht es jedes Jahr zur Frankfurter Buchmesse. Es versammeln sich sehr belesene und sehr schwarz gekleidete Menschen, die am…/ mehr

Maxeiner & Miersch / 15.10.2014 / 12:03 / 9

Neo-Multikulti

Vor ein paar Jahren wurde der Multikulturalismus von seinen Kritikern für tot erklärt. Der sympathische Gedanke, eines friedlichen Miteinanders, in dem jeder in seine kulturelle…/ mehr

Maxeiner & Miersch / 08.10.2014 / 10:24 / 1

Wir sehen uns in Frankfurt

Noch fünf Tage, dann liegt „Alles grün und gut?“ in jedem Buchladen. Wer vorher schon mal reinschauen möchte, kann dies am KNAUS-Stand auf der Buchmesse…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com