Vera Lengsfeld / 06.09.2016 / 11:14 / 8 / Seite ausdrucken

Anetta macht die Wildsau

„Es gibt kein Recht auf Hassreden“, lässt Anetta Kahane in einer Kolumne in der Frankfurter Rundschau verlauten. Das ist der Beginn einer Philippika gegen die Meinungsfreiheit, die man selbst als einen Hassausbruch gegen Andersdenkende lesen kann. Der Stil erinnert mich an stalinistische Hetzartikel der fünfziger Jahre unseligen Angedenkens. „Öffentlich hassen zu dürfen, als gäbe es kein Morgen. Alles sagen zu können, einfach alles. Das, so liest man in diesen Tagen, bedeutet Freiheit,“ schreibt Kahane.

Wo bitte liest „man“ so etwas „in diesen Tagen“? Wo bitte werden denn in diesem Land Hassparolen am laufenden Band produziert – wenn man mal von linksextremistischen Blogs wie Indymedia und ihren rechtsextremistischen Pendants absieht? (Die Hasser von der Antifa lässt Kahane gewohnheitsgemäß links liegen). Frau Kahane zielt vielmehr auf die Demokraten, die immer noch der Meinung sind, das Grundgesetz sei der Maßstab für Meinungsfreiheit und nicht die selbstverfügten Vorgaben der Antonio-Amadeu-Stiftung und ihrer Chefin.

Kahane schreibt, in den Kontroversen über die Flüchtlingspolitik würde Hass ins Gesicht „geschmiert“.  Wieder bleibt die Frage unbeantwortet, wer denn so etwas außerhalb der oben genannten Extremistengruppen tut. Kahane betreibt, was sie bei ihren einstigen Stasi-Lehrmeistern von der Pike auf gelernt hat: Denunzieren. Diesmal nicht einzelne Personen, sondern ganze Bevölkerungsgruppen, die sie vorsichtshalber nicht näher spezifiziert, sieht man von dem Adjektiv „neurechts“ ab. Belege für ihre hanebüchnen Behauptungen? Fehlanzeige. Null. Nada.

Wirre Exkurse und eine irre Keule

Nach einem wirren Exkurs über Hass und andere menschliche Gefühle gehen, höflich gesagt, die Emotionen mit der Autorin völlig durch. Sie schreibt: Es „entsteht jenseits des Juristischen ein Klima, das weit Gefährlicheres mit sich bringt als ein Wettrennen von wildgewordenen Säuen, die durchs Dorf getrieben werden. Im Netz soll Hasssprache unwidersprochen zum Gewohnheitsrecht, ja zum Naturrecht der Freiheitsliebe erklärt werden.“

Wieder ohne jeden Beleg, aber der klaren Assoziation, dass jeder, der Kahane widerspricht, gefährlicher ist als eine „wildgewordene Sau“. Diese Diktion erinnert an finsterste Zeiten. Am Schluss holt Kahane dann die ultimative Keule aus ihrer rhetorischen Trickkiste: „Die Neue Rechte will diesen Konsens der Nachkriegszeit brechen. Sie will nun endlich, endlich – nach dem viel zu langen Büßen für den Holocaust – wieder die ‚Wahrheit’ sagen dürfen. Ohne Zwang und Zensur.“

Merke: Wer Kritik an der so genannten Flüchtlingspolitik übt, will den Holocaust leugnen. Ist Kahane wirklich nicht klar, was für eine unappetitliche Instrumentalisierung des größten Naziverbrechens sie da betreibt? Der Schluss ihres Beitrages in der FR ist von unfreiwilliger Komik: „Darauf zu reagieren, zu debattieren, zu streiten – und das ohne Beleidigung, Rassismus und Volksverhetzung – ist wichtig… Also Vorsicht vor freilaufenden Säuen. Wenn sie erst einmal losgelassen sind, werden sie jeden überrennen, der ihnen im Wege steht.“

Meint sie damit womöglich sich selbst?

Dieser Text erschien in ähnlicher Form zuerst auf "Fredom is not free"

Lesen sie zu diesem Thema auch das Achgut.com-Dossier "Zensur 4.0" hier.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Sabine Weinberger / 08.09.2016

Menschen wie Frau Kahane machen mir zugegebenermaßen Angst. Oder, halt - ich muss korrigieren: Angst macht mir eher, dass sie als eine Art ‘moralische Instanz’ mit dem Segen politischer Führungseliten ihre unseligen Ideologien ausbreiten darf, und das ausgerechnet vor dem Hintergrund ihrer eigenen Vergangenheit. Angst macht mir, was mittlerweile willkürlich als ‘Hatespeech’ verurteilt werden darf, von wem und durch wen legitimiert… Quo vadis, Germania? Es scheint eine in mehrfacher Hinsicht ungesunde Zukunft vor diesem Land zu liegen.

Tilo Bley / 07.09.2016

Wenn man bedenkt, wie nach der “Wende” (wohin eigentlich, müßte man sich mit Abstand von reichlich 25 Jahren fragen) selbst der kleinste IM aus allen Behörden, Zeitungen etc. “eliminiert” wurde (was ja im Prinzip auch richtig war, dennoch hätte eine Einzelfallprüfung schon mal gut getan, denn es gab nachweislich auch Fälle, bei denen IM ganz klar zur Zusammenarbeit erpreßt wurden, sie es also nicht freiwillig taten, also als “Überzeugungstäter”), so kann es einen nur noch höchstlich befremden, wenn eine Frau Anetta Kahane, die nach allem, was so bekannt ist, nicht zu den kleinsten IM-Lichtern gehörte und auch nicht gezwungenermaßen “dienstleistete”, sich heutzutage in einer quasi-öffentlich(-rechtlichen???) Position als Hüterin der Demokratie und korrekten Sprache aufspielt und festlegt, was “Haßreden” sind. Drastischer als an ihrem Beispiel kann man eigentlich nicht mehr vorführen, wohin unsere Gesellschaft im letzten Vierteljahrhundert gekommen ist, insbesondere in den letzten 10 Jahren. Dieses Land als Absurdistan zu bezeichnen ist fast noch geschmeichelt. Gottseidank gibt es noch ein paar Vernunftstimmen wie die Ihre, Frau Lengsfeld, die einen gerade noch so davor bewahren, endgültig zu verzweifeln.

Michael Hufnagel / 07.09.2016

Was soll man von einer Ex-Stasi-IM schon Anderes erwarten?

Thomas Blümel / 06.09.2016

Die passende Erwiderung für Frau Kahane bietet Salman Rushdie: “Nobody has the right not to be offended.” Und was derzeit in den Medien, sozialen Netzwerken und von Politikern pauschal über (vermeintliche) AfD-Wähler/Unterstützer (ganz zu schweigen von ihren politischen Vertretern) ausgekübelt wird, verlangt von den Adressaten sicher auch ein recht dickes Fell…

Franck Royale / 06.09.2016

Ich glaube, man kann das alles nur psychologisch erklären: Kahane gehört wie Merkel zu den Frauen in Deutschland, welche - selbst keine Kinder - vermutlich eine Projektionsfläche für mütterliche Gefühle gesucht haben, und in den “Flüchtlingen” tatsächlich so etwas wie ihre Kinder entdeckt haben. Der Auslöser für diese Gefühle war bei Merkel ganz sicher die Begegnung mit Reem Sahwil letztes Jahr in Rostock, ich denke das kam für sie total überraschend und hat sie überwältigt. Bei Kahane weiß ich es nicht, das Schicksal von Antonio Amadeu war es sicherlich nicht. Aber sie ist ja schon zu DDR-Zeiten viel in der Welt rumgekommen - was sehr außergewöhnlich war - und berichtete von verschiedenen Begegnungen und Ungerechtigkeiten, welche sie erlebt hat. Seit der Wende scheint sie getrieben und macht daraus auch keinen Hehl, den Osten durch “Schwarze” bzw. “Minderheiten” zu besiedeln und dadurch kulturell zu erneuern (sie nennt das die “zweite Wende”), wobei ihr der Vorschlag von Kretschmann (Grüne), mehr Flüchtlinge in Ostdeutschland unterzubringen, im letzten Jahr sehr zu gegen kam.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Vera Lengsfeld / 24.05.2019 / 13:00 / 24

Die alltägliche Korruption in der deutschen Politik

Nach der Veröffentlichung des Strache-Videos wurde von Politikern und Kommentatoren immer wieder Abscheu vor der Bereitschaft Heinz-Christian Straches zur Korruption geäußert. Bemerkenswert daran ist, wie…/ mehr

Vera Lengsfeld / 15.05.2019 / 06:12 / 87

Europawahl: Hingehen, wählen, unbedingt!

Die Analysen meines Freundes Roger Letsch schätze ich sehr. Meistens stimme ich mit ihm völlig überein. Das trifft auch auf seinen Beitrag vom 9. Mai…/ mehr

Vera Lengsfeld / 03.05.2019 / 15:26 / 49

Kevin ist nicht allein zu Haus

Die Enteignungsphantasien eines unbedarften Jusochefs, der trotz aller historischen Erfahrung meint, das Heil wieder im Sozialismus suchen zu müssen, sind nicht das Problem. Es ist…/ mehr

Vera Lengsfeld / 23.04.2019 / 17:00 / 28

Die Feuerschrift an der Wand

In der Karwoche brannte die Notre Dame in Paris. Verheerender als der Brand waren die Stellungnahmen der Politiker, allen voran der französische Präsident Emmanuel Macron.…/ mehr

Vera Lengsfeld / 12.04.2019 / 06:15 / 30

Seehofers neuestes Placebo

Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, ist einer der verlässlichsten Leitsprüche der Politiker. Wenn es einen Wettstreit geben würde, welcher Volksvertreter die größte Differenz…/ mehr

Vera Lengsfeld / 26.03.2019 / 15:15 / 27

Die Flucht der Politikversager in die Phrase

„Phrasen vermitteln den irrigen Eindruck, sie wären das Ergebnis eines längeren Nachdenkens; dabei stehen sie dessen Beginn breit und fest im Weg. Stoppschilder sind sie,…/ mehr

Vera Lengsfeld / 21.03.2019 / 16:00 / 15

Der deutsche Herbst 2015 ist nun Alltag

Alexander Meschnig schrieb im August 2016: „Inzwischen weiß ich nicht mehr, was mich wütender macht: Die immer gleichen Ausflüchte und Beileidskundgebungen der politisch Verantwortlichen; die Arroganz…/ mehr

Vera Lengsfeld / 11.03.2019 / 13:00 / 11

Der Palast der Republik als Symbol der Unbelehrbaren

„Das stolzeste Symbol der DDR ist wieder da: Das Haus der Berliner Festspiele hat sich zum 'Palast der Republik' umdekoriert und präsentiert drei Tage lang Diskurse…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com