Rainer Bonhorst / 21.11.2014 / 19:12 / 11 / Seite ausdrucken

An die Angst vor keiner Inflation müssen wir uns erst noch gewöhnen

Gerade lese ich: Draghi will Inflation mit allen Mitteln anheizen! Und zwar wegen der schwachen Teuerungsrate in der Euro-Zone. Die Inflation anheizen! Wegen der schwachen Teuerungsrate! Ich finde, diese Nachricht hat was. Endlich wird energisch gegen die Preisstabilität vorgegangen. Wo kämen wir hin, wenn die Preise weiter stabil blieben! Undenkbar.

Aber irgendwie komisch ist das doch. Oder?

Ja, ja, ich weiß: Das kann nur einer sagen, der von Wirtschaft und Finanzen keine Ahnung hat. Volks- und finanzwirtschaftlich hat der Kampf für mehr Inflation durchaus seine Richtigkeit. Schließlich geht die Sorge vor einer Deflation um. Und jeder Ökonom weiß, dass die gesunde Preisstabilität in der Nähe von zwei Prozent Inflation liegt. Mit anderen Worten: Die ideale Preisstabilität ist keine Preisstabilität sondern Inflation. Das muss man einfach wissen.

Trotzdem: Ich find’s komisch. Und ich würde das auch gerne mal meiner Oma erklären, wenn sie noch unter uns weilen würde. Die Oma hat in ihrem Leben die tollsten Inflationskapriolen miterlebt und erlitten. Und sie war nicht allein. Irgendwie hat sich bei uns Deutschen die Angst vor einer Inflation festgesetzt. An die Angst vor keiner Inflation müssen wir uns erst noch gewöhnen.

Woran nur erinnert mich diese neueste Kapriole? Ich hab’s: Als Ronald Reagan in Amerika beschloss, mit Steuersenkungen mehr Geld in die Staatskassen zu holen, warf man ihm Voodoo-Ökonomie vor. Könnte es sein, dass nicht nur Reagans Ökonomie sondern die gesamte Wirtschafts- und Finanzpolitik eine Art Voodoo-Zauber ist? Die Fachleute sprechen von Psychologie. Aber das ist ja auch nur ein anderes Wort für Voodoo.

Hoffen wir also, dass der Präsident der Europäischen Zentralbank ein tüchtiger Voodoo-Priester ist. Und dass er den Kampf gegen die Preisstabilität gewinnt. Und dass die Inflation wunschgemäß ansteigt. Und dass sie dann an der gewünschten Marke aufhört anzusteigen. Wir wollen es ja nicht Goethes Zauberlehrling nachmachen.

Aber was, wenn es doch so kommt? Wenn Draghi die Geister, die er rief, nicht mehr los wird? Wenn die liebe Inflation einfach die Zweiprozentmarke überspringt? Und immer weiter hoch geht? Bis die liebe Inflation eine böse Inflation ist? Dann muss der Zauberer zeigen, was er drauf hat. Sonst stehen wir plötzlich als blöde Zombies da. Wäre ja nicht das erste Mal.

Als blöder Zombie komme ich mir sowieso schon vor, wenn ich lese, dass immer mehr Banken Strafzinsen auf Guthaben verlangen? Hä? Wir werden dafür bestraft, dass wir der Bank unser Geld in Verwahrung geben? Sind wir endgültig im Voodoo-Land angekommen? Haben Shakespeares Hexen recht? Ist inzwischen das Gute das Schlechte und das Schlechte das Gute? Ist der Sparsame der Dumme und ist Preisstabilität blöd?

Wenn das so ist, und ich auf mein Geld Strafzinsen zahlen muss, dann müsste ich eigentlich Geld dafür bekommen, wenn ich bei der Bank Schulden mache. Das wäre doch ein sauberes Gegengeschäft. Das scheint man aber in Bankkreisen anders zu sehen.

Aber ich kann mich ja wehren. Was mache ich, wenn ich Strafe dafür zahlen muss, dass ich der Bank mein Geld leihe? Na, klar: Ich heb es ab und hau es auf den Kopf. Hole mir ein neues Auto oder ein paar neue Socken. Und zack, heize ich die Wirtschaft an. Und was passiert dann? Dann treibe ich die Preise wieder hoch. Und endlich haben wir wieder Inflation.

Da freut sich der Draghi. Jetzt muss er nicht mehr die Preisstabilität bekämpfen, jetzt darf er wieder die Inflation bekämpfen.

Und der Tanz geht von vorne los. Gibt es ein Entrinnen aus dem Voodoo-Tanz? Nein. Am besten ist, man glaubt dran und tanzt fröhlich mit. Es ist wie mit dem lästigen Löwenzahn auf dem Rasen. Den kann man nicht loswerden, den kann man nur zu seiner Lieblingsblume erklären. Sonst dreht man durch.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Roland Stolla-Besta / 21.11.2014

Da hätte ich doch eine bessere Idee: machen wir es wie Frau Alice, die Schwarzer,  und Uli, der Hoeneß, bringen wir unser Erspartes ins Ausland. Ob der Renminbi beser ist als der Euro? fast habe ich diesen Eindruck. Der Zinssatz der Bank of China dürfte allemal höher sein als im gesegneten Germanien.

Günter Fuchs / 21.11.2014

Sehr gute Kolumne! Immer wenn ich über die Äußerungen und Maßnahmen des Herrn Drahgi lese, denke ich ich stehe im Wald. Eine Zentralbank sollte doch eigentlich für die Stabilität einer Währung sorgen! So war das jedenfalls früher zu DM-Zeiten mit der Bundesbank. Auch an “Strafzinsen” für Spareinlagen konnte man zu diesen Zeiten nocht nicht einmal träumen! Das zeigt doch nur, wie weit wir mittlerweile mit der Schwachsinns-Währung Euro gekommen sind. Deutschland hätte sich schon längst von dieser Währung verabschieden müssen! Die offiziell genannten Inflationsraten haben auch nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Gehen sie mal in einen Baumart, Supermarkt oder Discounter einkaufen, dort erlebt man dann die reale Inflation!

Michael Lorenz / 21.11.2014

Bei Negativzinsen das Geld abzuheben und es auf den Kopf zu hauen, ist eine Möglichkeit. Was empfahl doch noch “Mr. Dax” am Ende eines desillusionierenden Interviews, was man denn nun mit seinem Geld machen soll? “Renovieren Sie Ihr Bad.” :-) Die andere Möglichkeit ist, es gegen echtes Geld einzutauschen. “Gold ist Geld, alles andere ist Kredit!” (J. P. Morgan) Und wieso es wohl gerade Banken + Politiker sind, die vor Gold warnen? Übrigens vor kurzem noch mit der interessanten Begründung, es werfe ja keinen Zins ab!  

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Rainer Bonhorst / 09.04.2022 / 10:00 / 40

Der doppelte Dieseltod

Der Erfinder Rudolf Diesel nahm ein ebenso rätselhaftes Ende, wie nun der von ihm erfundene Motor nehmen soll. Ob er in einem depressiven Anfall das…/ mehr

Rainer Bonhorst / 07.08.2021 / 14:00 / 30

Ein Inselreich schwimmt davon

Johnson und die Seinen haben sich für eine "splendid isolation" entschieden. Seither bewegt sich das Königreich in einem Krisenmodus, der alles andere als splendid ist.…/ mehr

Rainer Bonhorst / 11.06.2021 / 10:00 / 43

Boris Johnson und der peinliche Besuch aus Amerika

Boris Johnson, der Oliver Cromwell des (noch?) vereinigten Brexitreichs, hat hohen, aber auch etwas peinlichen Besuch. Das planende Schicksal hat es so gewollt, dass am…/ mehr

Rainer Bonhorst / 27.01.2021 / 13:30 / 9

Hätte Shakespeare für den Brexit gestimmt?

Der Brexit zeigt seine ersten praktischen Macken. Die Grenzen zwischen England und dem Kontinent sind auf einmal wieder Grenzen geworden. Das tut weh, aber so…/ mehr

Rainer Bonhorst / 13.01.2021 / 12:00 / 24

Nix wie weg: Die Deutsche Bank macht Schluss mit Donald

Donnerwetter! Die Deutsche Bank will, berichtet die Agentur Bloomberg, ihre Geschäftsbeziehung mit Donald Trump beenden. Das wäre das abrupte Ende einer wunderbaren Freundschaft. 20 Jahre…/ mehr

Rainer Bonhorst / 28.12.2020 / 06:25 / 63

In the Year 2025

Der Jahreswechsel naht. Man blickt zurück aber mehr noch in die Zukunft. Ins kommende Jahr und darüber hinaus. Meine Vorhersage ist bescheidener als die damalige…/ mehr

Rainer Bonhorst / 15.12.2020 / 06:20 / 16

Der große europäische Fisch-Krieg?

Am ersten Januar 2021 könnte es so weit sein. Nehmen wir an, die Freihandelsgespräche zwischen England und der EU scheitern. Auch die vertrackte Fischfrage bleibt…/ mehr

Rainer Bonhorst / 22.04.2020 / 11:30 / 21

Der Klopapierindex macht Hoffnung

Das Schlimmste scheint vorüber zu sein. Wieso? Darum: Als ich heute meinen Supermarkt betrat, erfreute mich ein Anblick, den ich schon auf Nimmerwiedersehen in die…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com