Gerade lese ich: Draghi will Inflation mit allen Mitteln anheizen! Und zwar wegen der schwachen Teuerungsrate in der Euro-Zone. Die Inflation anheizen! Wegen der schwachen Teuerungsrate! Ich finde, diese Nachricht hat was. Endlich wird energisch gegen die Preisstabilität vorgegangen. Wo kämen wir hin, wenn die Preise weiter stabil blieben! Undenkbar.
Aber irgendwie komisch ist das doch. Oder?
Ja, ja, ich weiß: Das kann nur einer sagen, der von Wirtschaft und Finanzen keine Ahnung hat. Volks- und finanzwirtschaftlich hat der Kampf für mehr Inflation durchaus seine Richtigkeit. Schließlich geht die Sorge vor einer Deflation um. Und jeder Ökonom weiß, dass die gesunde Preisstabilität in der Nähe von zwei Prozent Inflation liegt. Mit anderen Worten: Die ideale Preisstabilität ist keine Preisstabilität sondern Inflation. Das muss man einfach wissen.
Trotzdem: Ich find’s komisch. Und ich würde das auch gerne mal meiner Oma erklären, wenn sie noch unter uns weilen würde. Die Oma hat in ihrem Leben die tollsten Inflationskapriolen miterlebt und erlitten. Und sie war nicht allein. Irgendwie hat sich bei uns Deutschen die Angst vor einer Inflation festgesetzt. An die Angst vor keiner Inflation müssen wir uns erst noch gewöhnen.
Woran nur erinnert mich diese neueste Kapriole? Ich hab’s: Als Ronald Reagan in Amerika beschloss, mit Steuersenkungen mehr Geld in die Staatskassen zu holen, warf man ihm Voodoo-Ökonomie vor. Könnte es sein, dass nicht nur Reagans Ökonomie sondern die gesamte Wirtschafts- und Finanzpolitik eine Art Voodoo-Zauber ist? Die Fachleute sprechen von Psychologie. Aber das ist ja auch nur ein anderes Wort für Voodoo.
Hoffen wir also, dass der Präsident der Europäischen Zentralbank ein tüchtiger Voodoo-Priester ist. Und dass er den Kampf gegen die Preisstabilität gewinnt. Und dass die Inflation wunschgemäß ansteigt. Und dass sie dann an der gewünschten Marke aufhört anzusteigen. Wir wollen es ja nicht Goethes Zauberlehrling nachmachen.
Aber was, wenn es doch so kommt? Wenn Draghi die Geister, die er rief, nicht mehr los wird? Wenn die liebe Inflation einfach die Zweiprozentmarke überspringt? Und immer weiter hoch geht? Bis die liebe Inflation eine böse Inflation ist? Dann muss der Zauberer zeigen, was er drauf hat. Sonst stehen wir plötzlich als blöde Zombies da. Wäre ja nicht das erste Mal.
Als blöder Zombie komme ich mir sowieso schon vor, wenn ich lese, dass immer mehr Banken Strafzinsen auf Guthaben verlangen? Hä? Wir werden dafür bestraft, dass wir der Bank unser Geld in Verwahrung geben? Sind wir endgültig im Voodoo-Land angekommen? Haben Shakespeares Hexen recht? Ist inzwischen das Gute das Schlechte und das Schlechte das Gute? Ist der Sparsame der Dumme und ist Preisstabilität blöd?
Wenn das so ist, und ich auf mein Geld Strafzinsen zahlen muss, dann müsste ich eigentlich Geld dafür bekommen, wenn ich bei der Bank Schulden mache. Das wäre doch ein sauberes Gegengeschäft. Das scheint man aber in Bankkreisen anders zu sehen.
Aber ich kann mich ja wehren. Was mache ich, wenn ich Strafe dafür zahlen muss, dass ich der Bank mein Geld leihe? Na, klar: Ich heb es ab und hau es auf den Kopf. Hole mir ein neues Auto oder ein paar neue Socken. Und zack, heize ich die Wirtschaft an. Und was passiert dann? Dann treibe ich die Preise wieder hoch. Und endlich haben wir wieder Inflation.
Da freut sich der Draghi. Jetzt muss er nicht mehr die Preisstabilität bekämpfen, jetzt darf er wieder die Inflation bekämpfen.
Und der Tanz geht von vorne los. Gibt es ein Entrinnen aus dem Voodoo-Tanz? Nein. Am besten ist, man glaubt dran und tanzt fröhlich mit. Es ist wie mit dem lästigen Löwenzahn auf dem Rasen. Den kann man nicht loswerden, den kann man nur zu seiner Lieblingsblume erklären. Sonst dreht man durch.