Als die Agenturen am vergangenen Samstag den Tod von Amy Winehouse meldeten, hätte ich gern gewettet. Darauf nämlich, dass man am nächsten Tag in Zeitungen und Internetmedien lesen und auf Sendern allenthalben hören würde, die 27-jährige britische Sängerin sei ein „Opfer der Musikindustrie“ geworden. Natürlich wurde aus der Wette nichts. War keiner so dumm, dagegen zu halten. Anderntags las sich die Chose, wie es sich gehört. Von der Künstlerin, die „zum Opfer einer Industrie wurde, die mehr von ihr verlangte, als sie leisten konnte“ (Spiegel online) bis zum „Showgeschäft, das seine Problemkinder frisst“ (der Tenor vieler Kommentatoren) reichte die Palette flink herbei gezauberter Gründe für den Tod. Deren Bandbreite passt ungefähr auf den Nagel eines kleinen Fingers.
Offenbar halten Journalisten den Gedanken für ganz abwegig, ein Selbstmord - etwa durch Drogen - könne eine freiwillige Handlung sein. Nicht mal in sog. Künstlerkreisen, wo man von jeher etwas radikaler lebt und stirbt. Wäre der Fall des Heinrich von Kleist gestern passiert, so würde er vermutlich nicht Kleists eigener Entscheidung zugeschrieben, sondern vor allem einer hartherzigen Verwaltung angelastet werden, die ihm, Kleist, eine Anstellung verweigert hatte. Und Hemingway? Der langjährige Kraftprotz hätte sich nach aktueller Lesart nicht deshalb in den Kopf geschossen, weil er keine Lust hatte, sein Leben als bejammernswerte Ruine zu Ende zu führen. Sondern er wäre, sagen wir, ein Opfer der amerikanischen Waffenindustrie geworden, die ihm den Besitz einer Schusswaffe ermöglich hatte. Vielleicht auch ein Opfer der Rum-Industrie, die seine Leber zerstörte?
Alle sind immerzu Opfer, in Deutschland. Kein Wunder, dass ein beliebtes Schmähwort deutscher und migrationshintergründiger Problemjugendlicher (die selbstredend ihrerseits Opfer sind) „du Opfer!“ lautet. Aber Opfer sein ist nicht genug, es muss auch der richtige Täter her. „Die Industrie“ gibt ein Täterprofil ab, das einfach zu allem passt. Die Autoindustrie ist für die Opfer des Straßenverkehrs verantwortlich, die Lebensmittelindustrie für Fresssüchtige, die Kosmetikindustrie für Allergiker usw. Und die Musikindustrie? Treibt ihre Stars/Opfer in den Tod, weil sie für die Kohle, die sie den Vertragspartnern zahlt, verkäufliche Ware verlangt. Möglicherweise von den Acts sogar fordert, auf Tourneen nicht andauernd besoffen von der Bühne zu fallen. Hätte sich Joe Cocker nicht irgendwann am Riemen gerissen und anno 1982 ein furioses Comeback hingelegt, wäre er stattdessen zugedröhnt auf irgendeinem Parkplatz in seinem Wohnmobil in der eigenen Kotze geendet, so hätte auch er als erschröckliches Opfer-Exempel in die Annalen der Musikindustriekritik eingehen können.
Ein paar Amy Winehouse-Stücke fand ich genial. Dumm finde ich, dass die üblichen Hersteller von gesellschaftlichem Rührquark sich nun die Deutungshoheit über das Ableben der A.W. anmaßen. Fakt ist, manche Künstler-Prototypen haben schon immer Drogen aller Art eingeworfen und ihr Leben so gestaltet, als hätten sie mehrere davon. Einige sind darüber zugrunde gegangen, andere nicht. Psychische Stabilität gehört leider nicht zu den ausgeprägten Eigenschaften hoch kreativer Köpfe im Musikgeschäft. Das ist ein uralter Song, und „die Industrie“ hat damit höchstens am Rande zu tun. Dass Amy Winehouse eine Kerze im Wind war, konnte wohl keiner übersehen.
Wäre gut, man ließe die Frau, die das unerhörte Lied „Back to Black“ eingespielt hat, posthum in Ruhe und hielte es mit Billy Joel. „Only the good die young“.