Moritz Mücke, Gastautor / 02.11.2016 / 14:25 / Foto: Tim Maxeiner / 6 / Seite ausdrucken

Amerikas Wahl zwischen Globalismus und Nationalismus

Von Moritz Mücke.

Der größte Fehler, der den deutschen Medien bei ihrer Begleitung des amerikanischen Wahlkampfs unterläuft, ist ihr weitgehendes Versagen, die Welt mit den Augen Donald Trumps zu sehen und auch nur ein Stückchen nachzuempfinden, welche legitimen Anliegen knapp die Hälfte des amerikanischen Volkes dazu bringen, ihn zu unterstützen. Vor einigen Wochen ist es Anne Will gelungen, einen deutschsprechenden Amerikaner aufzutreiben, der Trump „mit Bauchschmerzen“ unterstützt. Der Rest der Talk-Runde war Trump gegenüber feindlich eingestellt. Wie soll so eine einseitige Diskussion zu einem besseren Verständnis von Trump und seinen Unterstützern beitragen?

Eine der wichtigsten programmatischen Aussagen Trumps im bisherigen Wahlkampf – frei zugänglich für alle, die ihn ernst zu nehmen bereit sind – ist seine Ankündigungen, das amerikanische Volk nicht länger „dem falschen Lied des Globalismus“ auszusetzen. Der Nationalstaat bleibe die „wahre Grundlage von Glückseligkeit und Harmonie“. Für deutsche Journalisten mag das plakativ klingen, aber im Gegensatz zu mir leben deutsche Journalisten auch nicht in einer ländlichen Gegend in Michigan, die von stillgelegten Fabriken und Industrieruinen sowie deren entlassenen Arbeitern geprägt ist. Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, mit diesen Verlierern der Globalisierung – dem Trumpenproletariat – zu sympathisieren, auch wenn es bedeutet, mit Donald Trump zu sympathisieren.

Dank eines fetten Handelsüberschusses ist Deutschland in einer glücklicheren Situation. Es kann vom Welthandel profitieren, ohne dafür einen Preis zu zahlen (mit Ausnahme der zunehmenden Abhängigkeit von ausländischen Konjunkturentwicklungen). Aber die Vereinigten Staaten, die in der weitgehenden Abwesenheit globaler Konkurrenten in der unmittelbaren Nachkriegszeit von einem ähnlichen Überschuss profitierten, sind heute in düstereren Gefilden. Trump zu beschuldigen, das amerikanische Handelsdefizit zu thematisieren, ist unehrlich und wohlfeil – dem Wohlfühlsozialisten Bernie Sanders hat man diesen Vorwurf nie gemacht.

Warum zeigt der erzlinke Michael Moore Sympathie für Trump?

Aber auch in anderer Hinsicht hat Trump dem amerikanischen Wahlkampf einen Rahmen aufgedrückt („framing“), der im krassen Kontrast zu den politischen Konflikten der amerikanischen Moderne steht. Spätestens seit den 60er Jahren geht es um ein Rennen zwischen den „linken“ Erben des amerikanischen Progressivismus (Verächtern der amerikanischen Verfassung wie Theodore Roosevelt, im Übrigen, wie Trump, ein beinharter Nationalist) auf der einen Seite und „rechten“ Konservativen (wie Ronald Reagan oder Ted Cruz) auf der anderen. Doch Trump hat die Gleichung längst verwandelt – er ist weder progressiv noch konservativ, sondern schlicht ein Nationalist, während er Hillary Clinton ganz bewusst in die „Globalismus“-Ecke stellt.

Mit anderen Worten: Trump ist es gelungen, das Paradigma der nationalen amerikanischen Politik geradezu zu revolutionieren. Vieles kann man dem Tycoon vorwerfen, aber in dieser Hinsicht hat er – sogar ohne offizielles Mandat – zu einer größeren politischen Verwandlung beigetragen, als das Milchgesicht Mitt Romney oder der ewige Zentrist John McCain es jemals gekonnt hätten. Es ist ein Offenbarungseid, dass Romney nun für die Demokratin stimmt und ausgerechnet der erzlinke Michael Moore Sympathie für Trump zeigt. Trump hat Amerika auf den Kopf gestellt.

Warum kommt der Nationalismus zurück? Es kann nicht nur an Trumps Kommunikationsgenie liegen, über das ich an dieser Stelle unlängst berichtet habe. Trumps Schlüssel zum Erfolg liegt auch im geschickten Schmieden einer neu-alten Koalition, die während der Glanzzeiten des Neokonservatismus unter der politischen Oberfläche schlummerte, und der nur vergleichsweise leise Geister wie der paleokonservative Patrick Buchanan von Zeit zu Zeit Stimme verliehen. Nun liegt der Neokonservativismus, blamiert vom Totalversagen im Nahen Osten und der Enttäuschung über Freihandelsabkommen und offene Grenzen, darnieder und fächert die antike Flamme des Paleokonservativismus an, der von einer Skepsis gegenüber Kriegen, Freihandel, und Immigration geprägt ist.

Eine Antwort auf die Frage, warum der Neokonservatismus gescheitert ist, hatte der Journalist Steve Sailer schon im Januar 2003, also noch vor der Irak-Invasion, auf Lager: Die neokonservativen Eliten wussten viel zu wenig über die gesellschaftlichen Strukturen im Nahen Osten, die der Idee eines demokratischen Gemeinwesens geradezu feindlich gegenüberstehen. Die verkrusteten und dennoch quicklebendigen Clan-Strukturen, der Tribalismus, religiöser Fanatismus und nicht zuletzt der biologische wie soziale Marker, der diese Strukturen betoniert: Verwandtenehen. Vor einigen Jahren hatte ausgerechnet die taz den Mut, über die negativen gesellschaftlichen Konsequenzen letzterer Praxis hierzulande ehrlich zu berichten. Dies freilich vor der großen Völkerwanderung, die uns Angela Merkel, in völligem Unwissen der gesellschaftlichen Folgen, gesetzeswidrig beschert hat.

Amerika ist weit von multiethnischer Harmonie entfernt

Wenn die großen Denker des Neokonservatismus, wie Bill Kristol, sich jetzt über Donald Trumps Nationalismus beschweren, so sollten sie auch vor ihrer eigenen Türe kehren. Sie waren schlicht naiv. Ihr großer Moment ist verloren und vorbei – zumindest in der Republikanischen Partei. Vielleicht sollten sie sich rückbesinnen auf das Erbe der amerikanischen Gründungsväter, die, ebenfalls „nationalistisch“ beseelt, keinen Finger regten, um die naturrechtlichen Prinzipien ihrer Revolution zu exportieren. John Quincy Adams hat sein Verständnis von der Außenpolitik Amerikas so formuliert: „She goes not abroad in search of monsters to destroy”.

Es wäre auch an der Zeit, die Frage zu stellen, ob ein Nationalismus à la Trump nicht auch bescheidener ist, als Kristols (und Clintons) Globalismus. Ist der Neokonservatismus nicht gerade eine Art Supernationalismus, ein Versuch, dem Rest der Welt die eigenen, nationalen Formen und Inhalte aufzudrücken? Ist Trumps Nationalismus nicht eigentlich ein redlicher Versuch, den eigenen Pflichten nachzukommen, die Grenzen zu schützen, darauf zu achten, dass Handelsabkommen den nationalen Interessen dienen, und Immigration auf solche Individuen zu beschränken, die mit den eigenen zivilisatorischen Prinzipien im Einklang zu stehen bereit sind?

Damit wären wir dann auch beim nächsten, schwierigsten Thema angelangt. Jene, die die Vereinigten Staaten als Musterbeispiel für Immigration und Integration heranziehen, ignorieren nicht nur, dass dieses Model, insofern es erfolgreich ist oder war, nicht auf Deutschland angewendet werden kann. Auch vergessen sie, dass Amerika weit von multiethnischer Harmonie entfernt ist. Das Jahr 2016 ist voll von einigen der schlimmsten Rassenunruhen in der jüngeren Vergangenheit. Diese Unruhen – in Ferguson, Baltimore, Milwaukee und anderen Orten – geschehen gleichsam in einer Zeit, in der das Land sowohl über einen afro-amerikanischen Präsidenten, als auch über eine afro-amerikanische Justizministerin verfügt.

Die bittere Wahrheit ist, dass multiethnische Gesellschaften immer reichlich Sprengstoff bergen. Dies liegt in der überraschenden Tatsache begründet, dass unterschiedliche Gruppen unterschiedlich sind. Ich habe bereits darüber geschrieben, wie Deutschland auf dem Weg ist, diese Lektion nicht zu lernen (oder zu verlernen). Wie der Bildungsforscher Heiner Rindermann es gegenüber dem Focus im letzten Jahr ausdrückte: „Durch Migration steigt die oft positiv bewertete Diversität. Auf gesellschaftlicher Ebene hängt höhere Diversität aber mit mehr Einkommensungleichheit, Staatsfragilität, höheren Verbrechensraten und mit weniger Vertrauen zusammen“.

Dieses Phänomen ist nicht nur kulturell begründet, sondern auch evolutionär. Deutsche Intellektuelle haben kein Problem damit, zu begreifen, warum westafrikanische Sprinter einen biologischen Vorteil bei den Olympischen Spielen haben, aber halten es für es für Häresie, dass ähnliche Prozesse für das gute Abschneiden von Ashkenazi bei Fields-Medaillen und (unpolitischen) Nobelpreisen verantwortlich sein könnten. Unsere Wissenschaftsleugner leiden hierbei unter einer erheblichen kognitiven Dissonanz. Sie glauben, dass die Evolution für Unterschiede bei relativ simplen Systemen (die Beinmuskeln eines Sprinters) sorgt, aber keinerlei Einfluss auf relativ komplexe Systeme hat (das Gehirn, von dem man uns doch immer wieder berichtet, es sei das komplizierteste Gebilde im ganzen Universum).

Die amerikanischen Anthropologen Gregory Cochran und Henry Harpending formulieren es in ihrem Buch „The 10 000 Year Explosion: How Civilization Accelerated Human Evolution“ folgendermaßen: „Die biologische Gleichheit […] ethnischer Gruppen ist nicht zwangsläufig: Um genau zu sein, sie ist so wahrscheinlich wie eine Hand voll Münzen, die, auf den Boden geworfen, alle auf dem Rand landen. Es gibt wichtige, gut verstandene Beispiele biologischer menschlicher Ungleichheit: Manche Bevölkerungen können (durchschnittlich) viel besser [far more] mit bestimmten Situationen umgehen, als andere. “ (S. 157). Sie können das Buch kaufen und lesen. Ich empfehle es gerade deshalb, weil ich mich vollständig von seinen politischen Implikationen distanziere. Lassen Sie sich beim Lesen nur nicht von Kommissar Maas erwischen.

Dank WikiLeaks wissen wir, dass Hillary Clinton von “offenem Handel und offenen Grenzen“ in der westlichen Hemisphäre träumt und wie einst Machiavelli davon überzeugt ist, dass sie eine öffentliche und private Meinung braucht. Clinton repräsentiert wie sonst kaum jemand das globalistische Establishment. Nachdem sie aus dem Amt schied, verdiente sie ihr Geld nicht wie Donald Trump mit Wolkenkratzern und Golfkursen, also greifbaren Werten, sondern mit bezahlten Reden an Großbanken und international verflechtete Organisationen. (Sie können sich die Dokumentation „Clinton Cash“, die sich mit den Machenschaften der Clinton-Stiftung beschäftigt, hier auf YouTube anschauen.

Dank Trumps Verwegenheit und Hillary Clintons Korruption ist diese Präsidentschaftswahl mehr als ein Echo der Vergangenheit. Es ist nicht mehr nur eine Wahl zwischen den Küstenstaaten und dem „heartland“. Es ist ein Rennen zwischen Globalismus und Nationalismus, zwischen Außen und Innen, zwischen Massenmedien und Selberdenkern, zwischen der Schlagzeile und der Kommentarspalte.

Im Jahre 1995 krönte die New York Times Trump den „Comeback King“. Nach dem elften September waren sogar deutsche Medien in der Lage, ihn wie ein menschliches Wesen zu behandeln. Seit er in der Politik mitmischt und sich gegen das Establishment auflehnt, hasst ihn die halbe Welt. Vielleicht ist es Zeit, ihm endlich zuzuhören, und nicht den selbstgefälligen Journalisten, die ihn grundlos zum Risiko für den Weltfrieden erklären, ohne dabei nachzuhaken, wozu genau eigentlich Clintons Syrienpolitik führen soll. 

Moritz Mücke studiert Politik an der Graduiertenschule des Hillsdale College in Michigan. 2015 ist er ein Publius Fellow am Claremont Institute.

Foto: Tim Maxeiner

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manfred holzer / 02.11.2016

ist ja so schoen ruhig hier auf dieser seite. von trump reden,ihn vieleicht sogar erklaeren zu wollen. igit. da schuettelt sich der brave michel. was wuerde frau emcke dazu meinen?oder frau roth? wer die haelfte des amerikanischen volkes ausgrenzt,hat auch bei den 15% anders gesinnten hier keine probleme damit. es ist anders und doch auch wieder vieles gemein. danke fuer diesen prima artikel

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