Das Gespenst, das in Europa umgeht, heißt Populismus. In Deutschland lauert es hinter der Brandmauer in Gestalt der AfD. Gegen sie, so hören wir von Vertretern des ordre établi, gilt es „unsere Demokratie“ zu schützen. Sprachkritisch betrachtet, kommt im Possessivpronomen - hinter dem moralisch getönten Gemeinschaftsappell - nichts anderes als der eigene, im Parteienstaat verfestigte Machtanspruch zum Vorschein. Auch der freiheitlich klingende Begriff „liberale Demokratie“ – heute vor allem gegen die von Viktor Orbán proklamierte „illiberale Demokratie“ ins Spiel gebracht – verbirgt einen Widerspruch. Nicht nur, dass die Liberalen des 19. Jahrhunderts ihre Verfassungsforderungen auf die Volkssouveränität gründeten, während sie die demokratische Konsequenz, das allgemeine Wahlrecht, nur widerwillig akzeptierten. Auch der das Gesicht der demokratischen Staaten prägende Liberalismus von heute ist hinsichtlich der Ausweitung von Individual- und Minderheitsrechten ohne Frage „liberal“, in der institutionalisierten – auf Abwehr und Ausschluss unliebsamer politischer Konkurrenz zielenden – Praxis de facto illiberal und/oder undemokratisch.
Vom Begriff her beansprucht die Demokratie, diejenige Herrschaftsform zu sein, in welcher das Volk, der demos, selbst herrscht und „herrschaftsfrei“ nur sich selbst gehorcht. Den – immerhin in der Einleitung zu seinem Traktat benannten - Widerspruch glaubte Rousseau durch den Contrat social aufzuheben – eine theoretische Scheinlösung. Die - auf andere Weise bereits von John Locke entwickelte - Vertragstheorie ist „Augenwischerei, weil sie den Unterwerfungsakt verschweigt, der jeder Ordnung vorausgeht,“ schreibt Jörg Baberowski in seinem jüngsten Buch (S. 19). Macht und Herrschaft sind zeitlose Bedingungen sozialer Existenz, konstatiert er im Gefolge Max Webers. Zum theoretischen Repertoire gehört zudem die Staatslehre Carl Schmitts.
Etablierte Herrschaft wird ausgeübt von den Repräsentanten staatlicher Macht. Ihre Herrschaft beruht auf Legitimation, auf der Anerkennung seitens der Regierten. Baberowski spitzt das Problem zu: Jede Art von Staatlichkeit trägt die demokratische Herausforderung in sich. Auf den Begriff gebracht wurde sie als „Volkssouveränität“ - als Antithese zur monarchischen Souveränität und zum Gottesgnadentum – bereits in der Ära des Absolutismus. Seit dem Zeitalter der demokratischen Revolutionen bildet sie den theoretischen Eckpfeiler der politischen Metaphysik, auf die sich beide Seiten – die Eliten auf der einen, das Volk, genauer: seine populistischen Wortführer, auf der anderen – berufen. Doch in Wirklichkeit gibt es „keine transzendentale Letztbegründung, auf die sich eine Theorie der Demokratie berufen könnte.“ (S.33)
Das Paradox der „modernen“ Demokratie liegt nicht nur im alten Spannungsverhältnis von Freiheit und Gleichheit, sondern im Faktum fortbestehender Herrschaft. „Von Anfang an war die Repräsentation das Prinzip einer Herrschaft, die vom Volk spricht, es aber nicht entscheiden lassen möchte.“ (55) Die Präambel zur amerikanischen Verfassung von 1787, dem Gemeinschaftswerk von 55 Delegierten aus zwölf – der Staat Rhode Island fehlte – Staaten, beginnt mit den Worten „We, the People of the United States...“ Anders als nach populärem Missverständnis ging es den Founding Fathers nicht um die Begründung einer Demokratie, sondern um die Errichtung einer Republik, in der die seit der Antike bekannten Gefahren der Demokratie - die „Tyrannei der Mehrheit“ - durch „checks und balances“ gebannt werden sollten. Nicht zufällig waren die USA der Geburtsort des Populismus, abgeleitet von der 1892 aus agrarischem Protest hervorgegangenen „People´s Party“.
Wer oben ist, bleibt auch oben?
Für den Anarchisten Michail Bakunin war der Staat, ob Monarchie oder Republik, eine Zwangsanstalt. Die Unterdrückung in der Republik - „und sei es [die] demokratischste“ - finde „jetzt nur im Namen des Volkswillens“ statt. „Aber für das Volk wird es keineswegs leichter, wenn der Stock, mit dem man es schlägt, Stock des Volkes genannt wird.“ (Zit. 22) In allen Demokratien wird Herrschaft durch einen Beamten- oder Funktionärsapparat ausgeübt, d.h. durch Bürokratie, nach Hans Kelsen „die größte Gefahr für die Demokratie. Alle Bürokratie neigt notwendigerweise zur Autokratie.“ (Zit. 20)
Ihren Siegeszug erlebte die Demokratie erst im industriellen Massenzeitalter im Zeichen des allgemeinen Wahlrechts. Sozialisten, Nationalisten und Suffragetten erhoben „von unten“ die demokratische Forderung nach Gleichheit und politischer Teilhabe. „Von oben“ erfolgte die patriotische Mobilisierung der Massen im Ersten Weltkrieg. Sie mündete - über Massenheere und Massentode – in die Demokratisierung der europäischen Gesellschaften. Faktisch bedeutete die Durchsetzung der Demokratie die Übertragung der Volkssouveränität an Parteien und an Parteiapparate. Deren Rechtfertigung steht bei Hans Kelsen: „Die Demokratie ist notwendig und unvermeidlich ein Parteienstaat.“ (Zit. 66f.)
Zu den fatalen Folgen der Massendemokratie gehörte - parallel zu Doktrin und bolschewistischer Praxis der „Diktatur des Proletariats“ - der Aufstieg der faschistischen Bewegungen und die Machtübernahme durch Mussolini und Hitler. Aus der Erfahrung Weimars schufen die „Väter und Mütter“ des Grundgesetzes im westdeutschen Nachkriegsstaat eine Verfassung, die das Prinzip der Volkssouveränität zugrundelegt, zugleich institutionell erheblich einschränkt. Heute erscheint Deutschland in Europa geradezu als die Mutter der „eingehegten“ Demokratie.
Das Modell, getragen von stabilem Wirtschaftswachstum, repräsentiert von mit Privilegien ausgestatteten Berufspolitikern und Parteiapparaten, und ideologisch abgeschirmt vom „antipopulistischen Ethos der Eliten“ (78), wurde vom Volk akzeptiert, solange Wirtschaft und Staat Wohlstand und Sicherheit garantierten. „Das alles ist Vergangenheit.“ (81) Der Mauerfall 1989 fiel zusammen mit dem Ende des keynesianischen Zeitalters. Die Globalisierung im Zeichen neoliberaler Wirtschaftsdoktrin eröffnete den Eintritt in die „runaway world“ (Anthony Giddens). In den alten Industrieländern brachen die Arbeitsplätze weg, es öffnete sich erneut die Schere von Arm und Reich, zwischen der privilegierten, sozial und kulturell abgeschlossenen „overclass“ (Michael Lind) und dem Rest der Gesellschaft. Zu Recht befindet der französische Geograph Christopher Guilluy, die Rede von der „offenen Gesellschaft“ sei eine Lüge. Wer oben ist, bleibt auch oben.
Folgen der Entfremdung der Eliten
Ulrich Beck, der Soziologe der „Risikogsellschaft“, wollte in der Globalisierung den Anfang einer neuen Demokratie jenseits der Nationalstaaten sehen. (84) In Wirklichkeit bedeutete die - im Gegenzug zur unvorhergesehen Wiedervereinigung Deutschlands vorangetriebene - Aufhebung des Nationalstaats die Übertragung demokratischer Teilhabe an einen übermächtigen Leviathan, bestehend aus EU-Kommission, Zentralbank und EuGH. „Europa ist das unbestimmte Bild einer ausufernden Bürokratie,“, befand anno 2013 Pierre Rosanvallon, „von der man man nicht mehr wahrnimmt als eine ständig wachsende Produktion normativer Auflagen.“ (Zit.110) Die Parlamente der EU-Staaten sind zu Vollzugsorganen Brüssels geworden, Parteiapparate mediatisieren die politische Willensbildung, die Justiz wirkt immer weniger als Kontrollinstanz, sondern als verlängerter Arm der Exekutive.
Baberowski schöpft aus einer Fülle von Literatur – von Jacques Ranciere über Richard Rorty, über Charles Taylor bis zu Chantal Mouffe und Philip Manow -, um den Populismus, den „immerwährenden Schatten“ der Volkssouveränität, theoretisch zu erhellen und seine Vorstellung positiver - „elektoraler“ - Demokratie zu entwickeln. Im Anschluss an Hannah Arendt versteht er Demokratie als „eine Staatsform, die der Lust, frei zu sein, einen Raum zur Entfaltung gewährt.“ (33) Natürlich bedarf es dafür eines Grundkonsenses. Dieser könne aber - was in der vorherrschenden Werte-Rhetorik negiert wird - nicht normativ begründet werden, sondern sei ständiger Veränderung unterworfen. Wo die kulturell-soziale Veränderung mit dem „ununterbrochenen Gespräch, in dem wir sind, nicht angehalten...werden kann“ (ibid.), verknüpft wird, hat dies nichts mit dem vermeintlich herrschaftsfreien Diskurs des soeben verewigten (im Buch unerwähnten) Habermas zu tun.
Der demokratische Grundkonsens erwachse aus wechselseitigem Vertrauen, wiederum begründet auf der abstrakten, aber allseits geteilten Vorstellung einer – jenseits aller realen Unterschiede – vorhandenen Gemeinschaft gleichberechtigter Staatsbürger, d.h im historisch gewachsenen Nationalstaat. Vonnöten ist ein durch Grenzen nach innen und außen (!) gesichertes Maß an Solidarität. „Die Menschheit ist eine leere Formel,“ schreibt Seyla Benhabib. „Zur Demokratie gehört der „Demos“, das Volk, zu ihr gehören Inklusion und Exklusion.“ (Zit. 89)
Die Wirklichkeit des etablierten Parteienstaates - verstärkt von lautstarken, staatlich finanzierten NGOs -, sieht so aus: „Man geht zur Wahl, aber man hat keine Stimme.“ (103) Zur Demokratie gehört das Vertrauen in Wahlen - warum verweigerte der Wahlausschuss des Bundestags die vom „populistischen“ Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) geforderte Neuauszählung? - , d.h. Vertrauen in das Verfahren zur Repräsentation von Herrschaft, von Herrschaft auf Zeit. Die aus Wahlen als „Sieger“ hervorgegangenen Herrschaftsträger akzeptieren - und die Unterlegenen vertrauen darauf -, dass sie beim nächsten Mal in der Herrschaft abgelöst werden können. Hier klingt der Historiker Baberowski mit seinem Plädoyer für die elektorale Demokratie fast wie ein glaubensstarker Politikwissenschaftler.
Dass er den Populismus nicht als Todsünde wider die Demokratie perhorresziert, sondern aus der Entfremdung der Eliten samt der abgeschotteten classe politica – vom souveränen Volk erklärt, dass er populistischen Protest als Faktum hinnimmt, gar „demokratisch“ legitimiert, wird bei den Protagonisten politischer Bildung – Apologeten des etablierten Politikbetriebs - wenig Beifall finden. Diese wollen weder die ungehörten Stimmen des Volkes hören, noch die Defizite „unserer Demokratie“erkennen. N.B.: Der Name AfD kommt in Baberowskis Buch nicht vor.
Jörg Baberowski: Am Volk vorbei. Zur Krise der liberalen Demokratie, München (C.H.Beck) 2026, 208 Seiten.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Globkult

Karlheinz Deschner
„Recht ist der Fortschritt des Faustrechts in Paragraphen, die Maske der Gewalt eine Prozedur, bei der die Willkür als Kür auftritt.“
Eine Georg Büchner Justizhure ist schon vorhanden.
Jetzt wollen Vereine das Viren, Bakterien, Würmer, Gräser, Pilze u.a. eine demokratische Teilhabe haben.
Und diese Verfassungsfeinde im Reichstag finanzieren diese NGO mit 50k Euro.
Eigendarstellung „Organismendemokratie e.V.“
„Die Öffnung der Demokratie für die 2-10 Millionen anderen Arten von Lebewesen, die gleichzeitig mit der dominanten Wirbeltierspezies Mensch den Planeten besiedeln, war ein unvermeidlicher und längst überfälliger Schritt.“
organismendemokratie org
Die würde ich allesamt in die geschlossene Abteilung verbringen.
Siehe Drucksache 21/5277, 07.04.2026
Dort sind einige fragwürdige „Projekte“ aufgeführt.
Vielen Dank! Zustimmung zur Analyse der Parteienherrschaft. Enttäuschung darüber, dass das wesentliche Element, das die Parteienherrschaft herstellt, das sog. Verhältniswahlrecht, nicht benannt wird. Und dass Deutschland allein wegen dieses Verhältniswahlrechts keine Demokratie ist, beziehungsweise keine Demokratie sein kann beziehungsweise darf. Die Einführung der Demokratie in Deutschland ist eigentlich die einzige Forderung, die politisch Sinn ergibt. Sie erhebt aber keiner, nicht einmal die AfD. Die Forderung nach Einführung des Mehrheitswahlrechts ist die Forderung nach Einführung der Demokratie in Deutschland. Ein Hinweis darauf, dass es in Deutschland zu wenige Demokraten gibt, ist der Umstand, dass offensichtlich niemand die Forderung erhebt. Obwohl, und das kommt bestürzend hinzu, jedem klar sein müsste, dass die mittelbare Wahl von 50 Prozent der Abgeordneten über Parteien („Listen“) dem Artikel 38 des Grundgesetzes diametral zuwiderläuft. Dieser fordert eine unmittelbare Wahl. Das Mehrheitswahlrecht ist Voraussetzung jeder Demokratie. Beziehungsweise ist das sog. Verhältniswahlrecht die Voraussetzung desen, was Baberowski offenbar beklagt.
Ein ergänzender Gedanke: Gleichmacherei kann nicht zur Diskussion stehen. Heinrich Mann läßt seine Hauptfigur Diederich Heßling im „Untertan“ eine wichtige Erkenntnis äußern: „Wer gleichmacht, tötet.“ Gewisse Ideologien tendieren zur Gleichmacherei und negieren die Individualität der Menschen. In der Geschichte gibt es viele Beispiele für Katastrophen, die der Gleichmacherei entspringen…
Deshalb: Demokratie darf niemals auf Gleichmacherei
beruhen ! Das hieße sie miss zu verstehen und würde sie irreparabel beschädigen ….
Herr Ammon, – auch die Namen Ludwig von Mieses, Friedrich von Hayek und Karl Popper
kommen leider nicht vor. Dabei haben diese längst eine Lösung für einen Politik und ideologiefreien Staat erarbeitet. Da muss der Herr Baberowski noch mal nachbessern, oder ?
Ich glaube, fast jeder Monarch (Beispiel: Wilhelm I.) hat – aus Furcht vor Gott und der Revolution, aus Ehrfurcht vor seiner Aufgabe, aus praktischer Vernunft, aus Liebe zu seinen Untertanen und seinem Land, aus dem Wunsch, gemocht zu werden und als Wohltäter in die Geschichte einzugehen – besser für das Volk gehandelt, als diese Unseredemokraten, denen es um Macht, Wiederwahl, fette Schnarchjobs, Geld und dreckige Geschäfte mit ihren Kumpels geht.
Gleichheit vor dem Gesetz und Rechtsstaatlichkeit. Mehr will und brauche ich nicht. Die Pest der Berufs- und Parteienpolitik sollte man abschaffen – zugunsten einer Großen Volksversammlung mit direkt gewählten Abgeordneten die eine geschäftsführende Regierung von Beamten einsetzt.
Demokratie ist nur ein Feigenblatt zum Schutz der Herrscher, die so ihren Bürgern vorgaukeln können, stets gemeinsame Sache mit ihnen zu machen. Sind die Interessen der Strippenzieher der Regierung jedoch stärker gegen als für das Volk gerichtet, läßt diese ihre völlige Rücksichtslosigkeit erkennen und hält sich nur so lange, wie ihre bedrängten Anhänger sich selbst betrügen, um so länger je angenehmer die Zeiten vorher waren.