Jesko Matthes / 21.08.2018 / 16:00 / 5 / Seite ausdrucken

Am Grunde der Moldau rollen die Steine…

Reinhard Veser schreibt heute in der FAZ über die Auswirkungen des „Prager Frühlings“.

"Zeitungen brachen politische Tabus, bis dahin unverrückbare ideologische Dogmen wurden öffentlich in Frage gestellt, vor kurzem noch allmächtig scheinende Politiker mussten sich öffentlich Kritik und Rücktrittsforderungen gefallen lassen".

Der Prager-Frühling sei, weil weitgehend von Kommunisten getragen, ideologisch überformt, heterogen und gewiss nicht so schwarz-weiß, wie die gleichfarbigen Fotos von Unbewaffneten, die Sowjetpanzern gegenüberstehen, es suggerieren.

Tja, so ist das nun einmal. Auch auf dem Platz des Himmlischen Friedens und in Leipzig demonstrierten 1989 keine homogen-antikommunistischen Stoßtrupps, sondern schlicht die unzufriedenen Bürgerinnen und Bürger: „Dissidenten“. So wurde lange zuvor im ehemaligen Jugoslawien Milovan Djilas zum Regimekritiker, in der damaligen UdSSR Andrej Sacharow, der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe, und so entstand aus dem kommunistischen Liedermacher Wolf Biermann der „Drachentöter“.

Die Erkenntnis ist also nicht, dass deren Biographien heterogen wären (was sie sind), sondern dass sie alle, nicht nur die Intellektuellen in der damaligen CSSR, unter Verhältnissen lebten, die ihrer persönlichen Entwicklung und Entfaltung keinen Raum boten außer dem staatlich definierten Raum der Repressalien. Man lese es daher noch einmal, ganz langsam, man stelle es sich vor:

Zeitungen brachen politische Tabus, bis dahin unverrückbare ideologische Dogmen wurden öffentlich in Frage gestellt, vor kurzem noch allmächtig scheinende Politiker mussten sich öffentlich Kritik und Rücktrittsforderungen gefallen lassen.

Wenn das eines Tages auch in der FAZ tatsächlich passieren würde, dann klänge es nicht mehr wie eine Binsenweisheit, es klänge wie Bert Brecht: Am Grunde der Moldau rollen die Steine… 

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Dieter Schilling / 21.08.2018

Vielseitig informiert durch Zeitung,DLF und Fernsehen über den heutigen Jahrestag des “Prager Frühlings, hätte ich zu gern auch etwas über Reaktionen in der ehemaligen Sowjetunion erfahren.Leider nichts, nada,niente .

Hans-J. Haupt / 21.08.2018

Sehr geehrter Herr Matthes, leider haben Sie übersehen, daß die Steine bei Brecht “Am Grunde der Moldau wandern…!!!” und nicht rollen, klingt auch blöd. Schätze Ihre Artikel eigentlich sehr, aber bei Brecht bin ich pingelig und bzgl. dieses Artikels besonders, da ja auch Ihr Link trotz “rollender Steine” zu den wandernden Steinen führt. Beste Grüße Hans-J. Haupt.

Dirk Jungnickel / 21.08.2018

Brecht hat in seinem Gedicht mitten im 2. Weltkrieg den politischen Wandel herauf beschworen.  Dabei hat er natürlich nicht den sozialistischen sondern den nationalsozialistischen Terror avisiert. Auch wenn der Prager Frühling - nach dem Deutschlandfunk heute der “sogenannte” !!! - vom (Reform - ) Kommunisten Dubcek ermöglicht wurde: Ich habe 1968 auf dem Prager Wenzelsplatz keine Kommunisten erlebt, oder Menschen, die für ihn agitierten. Erlebt habe ich einen wohltuenden Hauch der Freiheit, und ich nahm Hoffnung mit nach Hause. Der Spagat von J. Matthes vom Prager Frühling über die FAZ zum Brecht - Gedicht ist leider vollkommen an den Haaren herbei gezogen.

Werner Arning / 21.08.2018

Ach, was wäre es schön, wenn die FAZ politische Tabus bräche und ideologische Dogmen in Frage stellte. Dann müssten sich einige allmächtig scheinende Politiker öffentlicher Kritik stellen und Rücktrittsforderungen würden wohl nicht ausbleiben. Und das wäre das Normalste der Welt. Halb Deutschland wahrscheinlich, wartet darauf. Wie wärs FAZ? Trau dich. Sei eine mutige Zeitung. So mutig wie die Prager Panzerkletterer.

Susanne antalic / 21.08.2018

Und so fühle ich mich in heutigen Deutschland. Propaganda wo man hinschaut, Erziehung durch ÖR, denunzierung von Linientreuen “Journalisten” gegen die kritische Kollegen, Gerichtsurteile nur in Sinne der Herrschenden, unbequeme Bücher finden keinen Verleger, manipulieren,relativieren, modifizieren und Lügen der ÖR, Stellen werden nur von linientreuen besetzt, etc. aber der Unterschied zum Deutschland heute war, das der” gemeine” Volk in der CSSR das alles nicht geglaubt hatte ,das Antisemitismus nicht vorhanden war und die Kirchen waren an der Seite des Volkes, leider hatte das auch nicht geholfen.

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