Zu Frohsinn besteht in diesen schönen Frühlingstagen wenig Anlass. Der zu Ende gehende Monat warf ein paar bezeichnende Schlaglichter auf den Zustand des Landes.
Die Verszeile "April is the cruellest month" schrieb T.S. Eliot in seinem Gedicht the „The Waste Land". Tatsächlich mochte der keineswegs ungewöhnliche Wintereinbruch Klimaskeptikern (a.k.a. „Klimaleugner") für ein paar Tage ein schwaches Argument liefern. Doch ging es T.S. Eliot nicht um die unberechenbare Natur, sondern um Selbstreflexion und den geistigen Zustand des Abendlands nach dem Großen Krieg. Mehr als hundert Jahre nach seiner Entstehung erweist sich das Poem in seinen so düsteren wie bitter-ironischen Passagen im Blick auf die gründeutschen Lande, auf EU-Europa und die Außenwelt als zeitlos aktuell.
Als erstes fällt uns, die schon länger hier leben, das Erscheinungsbild deutscher Großstädte ins Auge: Vermüllte Bürgersteige und Bushaltestellen, „Graffiti“, sprich Schmierereien, allerorten, an frisch getünchten Fassaden, an den Rollläden noch bestehender oder leer stehender Geschäfte, an U-Bahn-Waggons, an Straßenschildern, Briefkästen usw., dazu monokulturell verhüllte Frauengestalten inmitten des multikulturellen Gewoges auf Straßen und Plätzen und eine wachsende Zahl von Obdachlosen in schmuddeligen Schlafsäcken unter Brücken und Unterführungen.
Als nächstes kommen andere Phänomene des politischen Alltags in den Sinn: die Statistiken zu Wirtschaft und Finanzen, zu Demographie und Sicherheit. Mit einem auf knapp über null Prozent geschrumpftem Wachstum befindet sich Deutschland am unteren Ende der Skala in Europa. Die Infrastruktur (Straßen, Brücken, Schienennetz) liegt darnieder, das flache Land leidet an fehlender Verkehrsanbindung, Ärztemangel und dergleichen. Die Staatsschulden liegen mit 2,6 Billionen Euro exorbitant hoch, die deutschen Privatvermögen hingegen niedriger als anderswo. Das Rentensystem ist auf Dauer nicht mehr finanzierbar, die Geburtenquote ist 2023 mit 1,46 Kinder pro gebärfähiger Frau erneut gesunken, während die registrierte Zahl der Abtreibungen anno 2023 mit 106.000 gegenüber dem Vorjahr erneut gestiegen ist. Die – um petty crimes bereinigte – Kriminalitätsrate ist seit 2015 zwar gesunken, doch ist eine "neue Gewaltdynamik" (FAZ v. 08.04.2024, S. 1) zu verzeichnen, die – um politisch unerwünschte Nachfragen zu vermeiden – statistisch nicht weiter aufgeschlüsselt wird.
Missmut und Mahnungen
Ungewissheit überlagert die große Politik. Wie es im Gaza-Krieg – und danach – weitergehen soll, weiß Israels Ministerpräsident Netanjahu womöglich selbst nicht. Ein Ende des Krieges in der Ukraine ist nicht abzusehen. Besorgnis bereitet die schwindende Widerstandskraft der Ukraine, während Putin eine Sommeroffensive vorbereitet. Damit schwinden von Tag zu Tag Aussichten auf einen Waffenstillstand, der von realen oder vermeintlichen „Putinverstehern“ beschworen wird.
Mehr noch: Wir („Wir“ – der peinlich kollektivistisch, „rechts“ klingende – Titel des Buches unseres Bundespräsidenten), wir, die friedensgewohnten Deutschen, werden von dem – laut Umfragen – populären Verteidigungsminister Pistorius ermahnt, wieder „kriegstüchtig“ zu werden. Ob „wir“ – gemeint ist die Bundesregierung unter Kanzler Scholz – bereit sind, die von Selenskyj geforderten „Taurus“-Raketen zu liefern, um Putins Sieg zu verhindern, hängt nicht von „uns“, sondern vom politisch-strategischen Kalkül der westlichen Führungsmacht USA und unserer NATO-Verbündeten ab. Immerhin gibt es auch in und außerhalb der Ampelregierung hinreichend Befürworter einer – naturgemäß als defensiv deklarierten – Eskalation der Kriegstechniken zum Schutz der Ukraine. Wie reagiert der Westen, wenn sich der militärische Zusammenbruch der – in Teilen kriegsmüden – Ukraine abzeichnen sollte?
Kurz: Zu Frohsinn besteht in diesen schönen Frühlingstagen wenig Anlass. Was den Missmut befördert, sind die wie stets auf Kritiklosigkeit des Wahlvolks zielenden Plakate der Parteien zur Europa-Wahl im Juni. Die Banalität der Slogans (SPD: „Mitte, Maß und Frieden“; In Stadt und Land – und Wir-Gefühl (sic!) Grüne: „Klima schützen, Wirtschaft stärken“; CDU: „Europa braucht uns“, FDP mit Konterfei von Strack-Zimmermann: „Europas Rückgrat“ usw.) soll über die Fehlentscheidungen, Unterlassungen und Anmaßungen deutscher Politik seit der Ära Merkel – Nährstoff der „in Teilen rechtsextremen“ AfD – hinwegtäuschen. In zentralen Fragen – obenan Migration, Energiegewinnung, innere und äußere Sicherheit – hat die etablierte Politik seit langem an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft verloren.
In deutschen Feuilletons vertrocknet
Last but not least geht es um den Kern der immer deutlicher werdenden Misere. Ungeachtet des historischen Glücksfalls der Wiedervereinigung fehlt es der deutschen res publica – entgegen aller Betonuung „unserer Werte“ – an innerer Substanz. Sinnfällig wurde die geistige Leere der Bundesrepublik beim jüngsten Staatsbesuch des Bundespräsidenten, als er dem türkischen Präsidenten Erdogan als Gastgeschenk einen gefrorenen Dönerspieß überreichte. Dass sich hierzulande niemand über diese peinliche Geste mokierte, bestätigt nur das Bild – das beschädigte Selbstbild – eines waste land.
So führt jegliche Betrachtung der deutschen Gegenwart auf den von Deutschen inszenierten „Zivilisationsbruch“ (Dan Diner) im Zweiten Weltkrieg zurück, der wiederum – von seinen tiefliegenden ideologischen Wurzeln abgesehen – aus der europäischen Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs hervorging. Im Zeichen der jüngsten ideologischen Mode der decolonization, die – bittere Ironie – de facto in der radikalen Kriminalisierung der neuzeitlichen Geschichte Europas die geschichtliche Einzigartigkeit der Nazi-Verbrechen relativiert, ist nicht zu hoffen, dass es noch zu einer Regeneration des „öden Landes“ in der Mitte Europas kommen könnte. In den Bologna-Universitäten Westeuropas und in den deutschen Feuilletons vertrocknet alles, was nicht lila-grün-wokem Saatgut entsprungen ist.
Herbert Ammon, geb. 1943 in Brieg (Schlesien), ist ein deutscher Publizist, Historiker, Studienrat a.D. Er engagierte sich in den 1980ern in der damaligen Friedensbewegung, u.a. als Repräsentant des „Offenen Briefes“ des DDR-Regimekritikers Robert Havemann an den sowjetischen Staats- und Parteichef Leonid Breschnew. 1981 zusammen mit Peter Brandt Herausgeber des Buches „Die Linke und die nationale Frage“. Mitgründer und Mitglied im Kuratorium der Deutschen Gesellschaft e.V. zur Förderung politischer, kultureller und sozialer Beziehungen in Europa.
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Wie will ein Land, ein Volk, eine Bevölkerung auch in schwierigen Zeiten in Bruderschaft und Frieden mit anderen Ländern und Völkern leben, wenn es sich selbst nicht mag?
Wie kann ein solches Land eine liberale und stabile Demokratie auch durch schwierige Zeiten steuern, wenn es sich selbst, seine Kultur und Geschichte nicht nur kritisch sieht, sondern geradezu verabscheut?
Kurze Antwort: das geht nicht!
@Günter H. Probst: Zum Glück haben wir ja die AfD, die fünfte Kolonne Moskaus, die haarklein die Russen über den hier vom Autor beschriebenen erbarmungswürdigen Zustand dieses failed staates informieren. Wie ich aus gut informierten Kreisen der AfD weiß, hat Putin bereits deren Bitte für die Befreiung Deutschlands vom rotgrünen Faschismus abgelehnt, er braucht weder dieses kaputte Land noch ein sich abzeichnendes Kalifat. Sie können also Ihren Luftschutzbunker einer anderen Verwendung zuführen, der Russe kommt nicht. Sie müssen sich schon selbst um Ihre Befreiung kümmern.
Nicht jammern! Wählen! Kein Defaitismus nach dem Motto „Es hat ja doch keinen Sinn“ ! Wählen! Wer nicht wählen geht, hat schon verloren! Sämtliche Politblasen angefangen von der Kreisstadt über die Landeshauptstadt, die Bundeshauptstadt bis hin nach Straßburg und Brüssel gedeihen vorallem so prächtig wegen der Bequemlichkeit der Nichtwähler und auch wegen der 5%-Hürde. Wählen, aber aufhören strategisch zu wählen, denn das macht absolut keinen Sinn, solange man doch immer nur Grün bekommt.
1. Der von der NATO und den USA initiierte russische Einmarsch in der Ukraine hätte schon 2022 beendet sein können, hätte man nicht Johnson beauftragt, die Verhandlungen in Istanbul zu beenden.
2. Der Autor stellt auch hier die niemals anhand von Beispielen belegte „rechtsextreme “ Haltung der AfD fest. Bringt doch endlich eimal Fakten, die das belegen. Es ist wohl eine Floskel wie zu DDR-Zeiten, wo permanent „Der Sozialismus siegt“ in Texten zu verwenden war.
3. Ansonsten ist sehr viel Wahrheit im Artikel.
Sowas wie „Taurus“ sollen die ehemaligen Verbündeten Stalins liefern, nicht wir, die sie zu gemeinsamer Hand fertig gemacht haben wie ‚nen Schick. Soll die Slawerey zusehen, wo sie bleibt. Mir wären die Russen eh lieber als die Söhne Allahs, ich schwör’s by my white shiny ass.
Endlich erwähnt mal jemand die schreckliche Abtreibungsfrage. Danke dafür. Solange wir unschuldige Kinder im Mutterleib töten, wird es in D immer weiter bergab gehen. Unübersehbar ist der totale Niedergang: Betrug, Misstrauen, KIndesmissbrauch, Vergewaltigungen, schwindelerregende Kriminalitätsrate – die vorgeburtliche Kindstötungen haben weitere Bösartigkeiten nach sich gezogen. Wie Mutter Teresa so treffen formulierte: Abtreibung ist der schrecklichste Krieg – und viele Menschen tun so, als wäre da gar nichts dabei….
So verfahren und unerträglich die Situation in Deutschland auch geworden ist, und der politische wie gesellschaftlicher Unfug einem ins Gesicht klatscht wie kalter Nieselregen im April, erinnern wir uns doch an die weisen Worte von Frau Baerbock: „Irgendwie gibt es immer einen Schweinespeck der Hoffnung (Bacon of Hope)“.