Das Agitprop-Theater zuckt zwar noch, ist aber längst mausetot – doch wo Sänger einfach singen dürfen, feiert das Publikum den reinen Klang.
Wo gibt es so etwas, dass der Jubel schon keine Grenzen kennt, wenn das Publikum noch dabei ist, seine Plätze einzunehmen. So geschehen bei den gerade zu Ende gegangenen Tiroler Festspielen in Erl, einem Dorf nahe Kufstein an der deutsch-österreichischen Grenze, bekannt durch seine Passionsspiele und ein längst über alpine Gefilde hinaus gelobtes Opern- und Musikfestival, das seit kurzem von „Startenor“ Jonas Kaufmann geleitet wird.
Der Jubel galt dem italienischen Bariton Luca Salsi, der im Publikum Platz nahm und von demselben für seinen „Rigoletto“ gefeiert wurde, den er am Abend zuvor gleichen Orts gegeben hatte. Selbst in Jeans und engem Sakko wirkt Salsi so raumgreifend wie die Sängerinnen und Sänger, die an diesem Abend auf die Bühne treten, um Verdis „Il Trovatore“ zu interpretieren als Teil einer konzertanten Darbietung der wohl bekanntesten Verdi-Reißer: „Rigoletto“, „Il Trovatore“ („Der Troubadour“) und „La Traviata“.
Nicht ohne Grund spricht man hier von der „Triologia popolare“, denn die drei Meisterwerke sind seit ihrer Uraufführung in den Jahren 1851 bis 1853 zuverlässige Publikumsmagneten, woran auch die unbegabtesten Regisseure nichts ändern können. Das einzige, was man braucht, sind gute Sänger. Enrico Caruso sagte, es sei eigentlich ganz einfach, den „Trovatore“ zu besetzen. Man brauche nur die vier besten Sänger der Welt.
Während die Festspielsaison in Erl schon zu Ende ging, hat sie in Bayreuth und Salzburg gerade erst begonnen. Bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth gab es eine Neuinszenierung der „Meistersinger“ in Form einer kunterbunten Revue, die dem Rezensenten der dpa missfiel, weil sie allzu eskapistisch daherkomme, nicht „auf den Wahnsinn der Welt“ reagiere, „auf die Gefahren für die Demokratie, auf zunehmenden Antisemitismus, Rassismus“.
Agitproptheater ist längst mausetot
In Salzburg dagegen zog dieser Vorwurf nicht, weil der nur noch im Westen arbeitende russische Regisseur Dmitri Tscherniakow Georg Friedrich Händels „Giulio Cesare“ mit der Extraportion Haltung inszeniert und in einen Luftschutzbunker in einer Kriegsregion verlegt hatte. In Bayreuth droht unterdessen die letzte Aufführungsserie des Nibelungen-„Rings“ in der Deutung von Valentin Schwarz, dem designierten Co-Intendanten des Deutschen Nationaltheaters Weimar, der angesichts der „bekannten“ politischen Lage in Thüringen ebenfalls auf Haltung schwört: „Als Theater sind wir nicht dafür da, eine herrschende Stimmung nur zu reproduzieren, sondern wir müssen eine Position einnehmen. Wir müssen sagen: Wir stehen für eine offene, freiheitlich-demokratische Ordnung und Grundverfassung.“
Haltung ist längst ein bequemes Substitut für Inhalt, für ernsthafte, auch handwerklich stimmige Auseinandersetzungen mit künstlerischen Stoffen. Aber im Grunde genommen ist diese Art von Agitproptheater längst mausetot. Niemand kann und will sie mehr hören und sehen die immer gleichen Appelle an „unsere Demokratie“, die ermüdenden Fanale gegen Übel, die jene, die heute appellieren und Zeichen setzen, zum nicht geringen Teil selbst geschaffen haben, wenn man nur an den importierten Antisemitismus denkt, der das Land überschwemmt.
Auch von Dekonstruktion hat das Publikum die Nase gestrichen voll. Niemand will mehr einen ganzen, langen Opernabend darüber rätseln müssen, was ein x-beliebiger Regisseur eigentlich gemeint habe, niemand will mehr in der Pause angestrengt im Programmheft blättern müssen, um sich in jede Verästelung des Interpreten hineindenken zu können. Außerdem fehlt für eine wie auch immer sinnvolle Dekonstruktion beim Publikum heute vielfach die Kenntnis jener Stoffe, die es zu dekonstruieren gilt. Am Ende bleibt die große Rat- und Orientierungslosigkeit.
Wucht der Dramatik
Doch dann erlebt man einen Abend wie in Erl. Plötzlich stimmt wieder alles, obwohl da nur eine Handvoll Sängerinnen und Sänger an der Rampe steht, ohne Kostüme, nur in Frack und Abendkleid, und alles um einen herum vergessen lässt. Am Anfang ist man vielleicht noch etwas belustigt über das unverstellte, von keinem Regiekonzept eingehegte Pathos, das in Text und Musik auf das Publikum einstürzt. Doch irgendwann wird man mit Haut und Haaren gepackt von einer Wucht der Dramatik, wie sie letztlich nur die Oper bieten kann.
Da ist die opferbereite Liebe der Leonora, die kampfbereite Liebe des Manrico, die blutrünstige Eifersucht Graf Lunas oder die zwischen wütender Anklage und naiver Hingabe hin- und hergerissene Azucena, die mitten im kriegerischen Getümmel von einer lichten, bukolischen Zukunft träumt. Und wenn Manrico, der Troubadour, seine berühmte Stretta „Di quella pira“ zuverlässig mit einem hohen „C“ krönt, zieht ein wenig Stierkampf-Atmosphäre in die Opernarena ein, wie ein Rezensent treffend bemerkte.
Nach diesem umjubelten Abend stellt man sich einmal mehr die ketzerische Frage, wozu es einer Regie eigentlich bedarf, wenn große Sängerdarsteller mit sparsamsten Gesten und durchschlagender Stimmgewalt direkt ins Herz treffen. Man muss sie nur lassen.
Georg Etscheit ist Autor und Journalist in München. Fast zehn Jahre arbeitete er für die Agentur dpa, schreibt seit 2000 aber lieber „frei“ über Umweltthemen sowie über Wirtschaft, Feinschmeckerei, Oper und klassische Musik. Er schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss, und auf Achgut.com eine kulinarische Kolumne.
Beitragsbild: Christian Michelides - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

„Niemand kann und will sie mehr hören und sehen die immer gleichen Appelle an “unsere Demokratie„, die ermüdenden Fanale gegen Übel, ….. Niemand will mehr einen ganzen, langen Opernabend darüber rätseln müssen, was ein x-beliebiger Regisseur eigentlich gemeint habe, niemand will mehr in der Pause angestrengt im Programmheft blättern müssen, um sich in jede Verästelung des Interpreten hineindenken zu können.“ Ja, niemand will, aber das spielt keine Rolle. Das gegenwärtige deutsche Theater, genauso wie die deutschen Staatskirchen, existieren nicht für das Publikum bzw. für die gläubigen Christen, sonder einzig und allein für den Staat. Es ist ihnen völlig egal, auch wenn kein einziger Mensch zur Vorstellung bzw zum Gottedienst kommt; man muss nur im Mainstream sein, und der Steuerzahler deckt alle Kosten.
Moin Herr Etscheit, haben Sie das Thema schon mal mit Ihrem Kollegen, Herrn Buurmann, besprochen? Welche Kultur, Theater, Operette, Oper oder Musical kommt denn noch ohne Zuwendungen der Öffentlichen Hand aus? Dasselbe gilt natürlich auch für die meisten Produktionen des Öffentlichen Schundfunks. Sobald das Überleben der Kulturschaffenden sich nicht dem Wettbewerb aussetzen muß, wird das nichts mit der Kundenorientierung. Nach meinen kommunalen Erfahrungen, macht es nur Sinn, Vereine & Kultur zu sponsern, wenn die Protagonisten zwischen 2/3 & 3/4 ihres Kapitalbedarfs von privaten Sponsoren ergattern. Das gehört einfach zum Geschäft dazu. Warum bekommt denn Wacken keine nennenswerten Subventionen? Das Gegenteil ist der Fall, das Wacken-Festival fördert die Gemeinde Wacken. Auch Sie, Herr Etscheit, verstehe ich ich nicht wirklich. Wenn Sich Herr Broder gegen Anti-Semitismus & für Israel stark macht, ist das für den Leser nachvollziehbar. Denn, Er ist persönlich betroffen. Bei den meisten Autoren hingegen, zB jetzt bei Ihnen oder wie die Tage bei Frau Beppler-Spahl, artet das in Pro-Semitismus aus, denn ich gehe davon aus, Sie Beide sind nicht nur Paß-Deutsche. Der politische Fakt ist, daß unsere Junta, wie auch Massen an Migranten anti-germanisch agieren, deutschfeindlich sind. Wenn Sie etwas für Israel & die in Deutschland lebenden Juden tun wollen, vertreten Sie völkisch unsere, also vordergründig Deutsche Interessen. Denn, wer ein fremdes Volk mehr schützen will, als sich selbst, wird gegenüber Außenstehenden nie glaubwürdig rüberkommen. Und nur weil es in der Vergangenheit legitim war die Interessen Israels völkisch zu vertreten & die Deutschlands nicht, ist das noch lange kein Grund, dem Unsinn gerecht zu werden. Sie sehen doch, die alten Regeln gelten nicht mehr & wir müssen uns neue Regeln (mit Sinn) erkämpfen. Kleiner Tip, suchen Sie Sich alte (Verdi-) Aufnahmen mit Fritz Wunderlich raus. Zumindest laut Pavarotti war Wunderlich der größte Tenor aller Zeiten.
Zitat: „Man muss sie nur lassen.“ Was erlauben Herr Etscheit? ;-) Ohne Oberlehrer, betreutes Denken, kranke und qualifikationslose Genderhirne, NGOs, niederträchtige Schmierfinken der Mainstream-Medien geht das in Deutschland doch nicht. Deshalb: Sachen packen, auswandern. Warum? Wegen der Lebensfreude, die dort wartet.
Sie müssen, müssen, müssen! – „“Als Theater sind wir nicht dafür da, eine herrschende Stimmung nur zu reproduzieren, sondern wir müssen eine Position einnehmen. Wir müssen sagen: Wir stehen für eine offene, freiheitlich-demokratische Ordnung und Grundverfassung.„ --- Ich wette, dass es sich um nicht Orgasmusfähige handelt. Die kônnen zwar wichsen, kriegen aber hôchstens einen stockend flachen und anstrengenden Orgasmus zusammen. Schon bei dem linken Alfred Adler hieß es, dass Sex keine Privatsache sei. – Solange es Semiten gibt, wird es Antisemiten geben! I’m
Erl ist das neue Salzburg und Bayreuth!
Mehr als fehlende Regisseure vermisse ich fehlende Dramaturgen. Viele Zuschauer wissen heute garnicht mehr was das ist.
Nun, unter dem Deckmantel der Kulturförderung strebt der Kulturstaat nach kultureller Vorherrschaft. Die ´Star´-Regisseure des Regietheaters und das assoziierte Agitprop-Feuilleton fungieren dabei als gatekeeper des Staatskulturapparats. Ähnlich den Kommissaren bei den Sowjets. Die Inhalte stets antiwestlich und revoluzzernd, aber letztlich beliebig, denn vor allem geht es darum, das individuell-expressive Element der historischen westlichen Kulturproduktion zu neutralisieren, es in irgendwelche möglichst abstrusen ´Diskurse´ einzubinden und deren individuell-subversives Potential, welches für repressive Regimes (nicht nur das gegenwärtige) stets problematisch war, zu ersticken. Das Kuratorenunwesen in den Bildkünsten und eine zu plattem Kulturkritizismus verkommene Kunstpseudowissenschaft haben exakt dieselbe Funktion. Es steht zu vermuten, daß die sauerkrautige Kulturbonzokratie tatsächlich Angst hat, Angst vor strömendem Melos, einer zweckfrei schönen Koloratur oder entsprechenden Erscheinungen in der Bildkunst, vor zweckfrei fließendem Farblicht in der Malerei zum Beispiel. Eine komplett irrationale Angst, zweifellos, aber dennoch bezeichnend, denn in kollektivistischen Regimes gilt das kleinste Anzeichen von Individualismus stets als höchste Gefahr für das Regime.