Alte Wärme im Meer und neue Kälte im Wohnzimmer

Von Fritz Vahrenholt.

Im Januar 2019 erschien in Science eine lesenswerte Arbeit mit dem Titel „The Little Ice Age and the 20th-century deep Pacific cooling". Das Ergebnis: der Pazifik hat sich in der Tiefe abgekühlt von 1870 bis heute, der Atlantik nicht. Die Zirkulation der Tiefsee bringt es mit sich, dass die pazifischen Tiefen noch heute von der mittelalterlichen Warmperiode ("MWP"), etwa 950 bis 1250, und dem Übergang zur kleinen Eiszeit (etwa 1500 - 1800) beeinflusst werden. Das erwärmte Wasser von vor 1.000 Jahren braucht so lange, bis es im Pazifik in Tiefen um 3.000 Meter ankommt! Das impliziert zweierlei: Die mittelalterliche Warmperiode war eine globale Erwärmung von vergleichbarer Größe der heutigen Erwärmung, wie wir es auch im Projekt MWP und in mehreren Veröffentlichungen (hierhierhier) nachweisen. Die IPCC-Modelle können diese Erwärmung nicht abbilden, sie versagen in der Rückschau.

Warum ist diese Veröffentlichung so wichtig? Im Jahre 1750 war das Klima eben noch nicht im Gleichgewicht, wie es die Modelle voraussetzen. Weil die Modelle die Erwärmung seit 1750 auf anthropogene Anteile zurückführen, vernachlässigen sie, dass noch Restwärme aus der MWP in den Tiefenwässern des Pazifik vorhanden war. Das Wachstum im Gesamtwärmeinhalt der Ozeane bis heute ist also kleiner, als die Modelle annehmen. Anders ausgedrückt: Die Empfindlichkeit des Klimas gegenüber CO2 ist deutlich kleiner als bisher angenommen.

Der IPCC-Bericht müsste also grundlegend überarbeitet werden. Es spricht viel dafür, dass die Temperaturerhöhung bei Verdoppelung von CO2  nicht 1,85°C (IPCC) sondern eher allenfalls 1,3°C beträgt. Eine Überschreitung der 1,5°/2°C- Ziele in diesem Jahrhundert ist nicht zu befürchten. Wir hätten also wesentlich mehr Zeit – bis zum Ende des Jahrhunderts, um auf eine CO2-arme Energieversorgung umzustellen. Diese Erkenntnis hätte umwälzende Auswirkungen auf die Politik, wenn diese sich nicht allein auf Berater wie Hans Joachim Schellnhuber stützen würde, der uns ja eine Erwärmung von 6 bis 8°C prophezeit: "Einige Kipppunkte sind vielleicht schon überschritten. Umso wichtiger ist es, die 2-Grad-Grenze zu verteidigen. Geben wir die auf, kann es sein, dass das Holozän mit seinen milden Temperaturen bald ferne Vergangenheit ist und wir in einen selbstverstärkenden Treibhauseffekt mit 6 oder 8 Grad Erwärmung rutschen".

Der Kohleausstieg und der Preis der Panik 

Die Bundesregierung hat die Ergebnisse der Kohlekommission begrüßt und wird diese umsetzen. Danach werden bis zum Jahre 2022 Kohlekraftwerke mit 12.700 Megawatt stillgelegt, bis 2038 insgesamt 52.100 MW (einschl.Kernkraftwerke). Die heutige Höchstlast beträgt etwa 75.000 Megawatt. Die Kosten werden auf 80 Milliarden Euro geschätzt.

Eine selbst von der Kommision eingeräumte Strompreiserhöhung von 1,5 €ct/kwh wird den Industriestrompreis für die Aluminium-, Stahl-, Metall- und chemische Industrie um 40 Prozent erhöhen. Das hat Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit dieser Industrien. Die Bundesregierung will diese Preiserhöhung aus dem Bundeshaushalt kompensieren. Ob die EU-Kommission das mitmacht, steht in den Sternen. Wirtschaftsminister Peter Altmaier erklärte zum Kohleausstieg: "Die Versorgungssicherheit ist gewährleistet." Er weiß es besser und sollte uns nicht anlügen.

Schon Mitte Januar konnte in Deutschland die Stromversorgung nur dadurch gesichert werden, dass Grossverbraucher wie die Aluminiumindustrie mit 1.025 MW für drei Stunden vom Netz genommen wurden. Bereits in 2018 musste die Aluminiumindustrie 78 Abschaltungen erdulden (siehe meinen Vortrag vor der Stiftung Marktwirtschaft  vom 8.2. 2019). Die Bundesnetzagentur befürchtet ab 2022 "erhöhte Wahrscheinlichkeit von Lastabschaltungen, erhöhtes Risiko von Großstörungen".

Wie will die Kommission den Wegfall von gesicherter Leistung ausgleichen?
"Um die Nachfrage jederzeit zu decken..., muss die Flexibilisierung der Nachfrage vorangetrieben werden" (Seite 21 des Abschlussberichts der Kommission "Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung"). Das bestätigt meine Vermutung, dass der Lastabwurf zum neuen energiepolitischen Credo erhoben wird, also die Abschaltung von Industriebetrieben und Regionen, so wie wir es aus Schwellenländern kennen.

Das nächste Mittel zum Ausgleich ist "der Einsatz von Erneuerbaren Energien, Speichern und Power-to gas" (Seite 8 des Berichts). Damit wir wissen, worüber wir reden: Um eine zehntägige Windflaute durch Batteriespeicher zu überbrücken, brauchen wir etwa 16 Terawattstunden Strom. Dies erfordert bei Speicherkosten von 100 €/kwh (die heute noch nicht erreicht werden) 1.600 Milliarden an Investitionen. Um die Schwankung eines Jahres auszugleichen, 4.000 Milliarden Euro Investitionen – alle acht bis zehn Jahre. Der Strom wäre dann dreimal so teuer wie heute. Zur Einschätzung der Wirtschaftlichkeit von Power-to-gas reichen zwei Zahlen: Heutige Gestehungskosten etwa 50 €ct/kwh. Börsenpreis heute 4 bis 4,5 €ct/kwh.

Gesicherte Leistung durch Windkraft?

Ernst machen will man mit dem Zubau durch Windkraftanlagen: Es "müssen für Windenergieanlagen und Freiflächen-PV Flächen in relevanter Göße ausgewiesen, akzeptiert und genehmigt werden" (S. 21 des Berichts). Bei Verdoppelung der Windkraftanlagenzahl steht durchschnittlich alle 2,7 Kilometer eine Windkraftanlage. Naturschutz? Bürgerbetroffenheit? Muss akzeptiert werden. Dabei sollte zumindest die Bundesregierung wissen, dass heutzutage schon nahezu die Hälfte der erzeugten Windenergie ins Auslands verschoben wird. Wir zahlen 27 Milliarden EEG-Kosten pro Jahr, und fast die Hälfte der ach so stolzen 18 Prozent Windstrom aus 2018 gehen über die Grenze aus Netzstabilitätsgründen (Seite 6 der Präsentation "Ist die deutsche Energiewende kosten- und umweltfreundlicher gestaltbar?").

Aber wir retten das Klima. Wirklich? Für 80 Milliarden Euro Steuergelder werden die heutigen Emissionen von 256 Millionen Tonnen aus dem Stromsektor auf etwa 100 Millionen Tonnen reduziert, denn ohne teurere Gaskraftwerke (mit der Hälfte der CO2-Emission wie Steinkohlekraftwerke) – das sieht selbst die Kohle-Ausstiegs-Kommission – geht es ganz und gar nicht. Das sind also etwa 500 Euro pro Tonne CO2. Der heutige CO2-Preis liegt bei 20 €/t. Es geht also nicht um Wirtschaftlichkeit, Wettbewerbsfähigkeit, es geht um den spektakulären Vorgang des Aussteigens, Abschaltens, Stillegens.

Aber wir wollen ja ein Vorbild sein. Für wen? Bis 2030 bauen China mit 280.000 MW und Indien mit 174.000 MW die zehnfache Kohlekapazität auf. Woher ich die Zahlen habe? Das sind die offiziellen Notifizierungen zum Pariser Klimaschutzabkommen durch China und Indien. Wir sparen 150 Mio. Tonnen ein, und China wird bis 2030 10 Milliarden Tonnen zusätzlich ausstoßen. In 62 Ländern der Erde werden in den nächsten Jahren 1.600 Kohlekraftwerke gebaut. Viele davon mit chinesischer Hilfe.

Aber die Bürger scheinen das alles gut zu finden. 59 Prozent sprechen sich für einen baldigen Ausstieg aus der Kohle aus. Die Grünen liegen in den Umfragen bei 20 Prozent und die neunmalkluge Greta Thunberg wird von den deutschen Medien gefeiert. Was die Bürger wahrscheinlich nicht wissen, ist, dass zwei Drittel der Kohlekraftwerke durch Kraft-Wärme-Kopplung für Haus-und Industriewärme sorgen. Dann müssen wir uns wohl warm anziehen.

Fritz Vahrenholt ist Honorarprofessor an der Universität Hamburg im Fachbereich Chemie und war bis 1997 Umweltsenator der Freien und Hansestadt Hamburg. Von 1998 bis 2013 war er in Vorstandsfunktionen im Bereich der Erneuerbaren Energien bei der Deutschen Shell AG, der Repower Systems AG und der RWE Innogy. Er ist Vorsitzender der Deutschen Wildtier-Stiftung

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost

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F. Hoffmann / 08.02.2019

Man kann aus einem Industriestaat durchaus ein Dritte-Welt-Land machen, man muss es nur wollen. Was dann aus den demonstrierenden Kinderchen wird, die von uns ins warme Nest gesetzt wurden und jetzt eine “bessere Welt” wollen? Tja, vielleicht mögen sie das venezolanische Modell, das scheint doch sehr klimafreundlich zu sein…

R. Nicolaisen / 08.02.2019

Politiker gehen mit Summen wie 40, 80, 200 Mrd. so um, als seien es 40, 80, 200 Mark.  Es gibt dort überhaupt kein Bewußtsein mehr für die Größe und Bedeutung solcher Summen, solcher Zahlen.

Andreas Mertens / 08.02.2019

Na mal wieder vielen Dank werte “Achse des Guten”. Mit dem Vorschlaghammer der wissenschaftlichen Realität auf den Thalamus .. voll ins Schmerzzentrum.  Natürlich tut es nur weh wenn man da auch was im Kopf hat. Den öko-religiös Beseelten tut Garnichts mehr weh. Da ist ja auch nichts zwischen den Ohren das den Schmerz der täglich vorgetragenen Dummheit wahrnehmen könnte. Und ich sage explizit öko-religiös weil es eine Religion ist. Eine junge radikale bilderstürmerische Religion. Allerdings hat sie schon die Fleischtöpfe der Macht erobert ... jetzt muss sie nur noch die letzten verbliebenen Häretiker, Zweifler und Leugner ausmerzen. Denn wie steht es schon in Matthäus 12,30 geschrieben: “Und es sprach der Herr: Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich!” Der “Malleus maleficarum” zur Recognition und Torquierung klimaleugnerischer Maleficari findet sich bei Wikipedia unter dem Suchbegriff “Leugnung der menschengemachten globalen Erwärmung” Ein Lesegenuss ... wenn man vorher ein paar Aspirin mit reichlich Wodka runterspült. Prost!

Dr. Gerhard Giesemann / 08.02.2019

Wer braucht so viel Strom aus Sonne und Wind - es ist der Mensch, mit seinem Kind. Bei Nacht und bei Flaute da hofft er auf Raute - den Kopf in den Sand wird’s dunkel im Land.

Oliver Hoch / 08.02.2019

Wenn man für Inkompetenz und Hybris anständig Geld bekäme, dann wäre Deutschland immer noch “ein reiches Land”, wie uns Schwatz-Rott-Grünn unentwegt vorbeten. Das Klima ist im Wandel - seit 15-20 Mrd. von Jahren, seit das Universum existiert (vielleicht schon ein paar Trillionen Jahre länger, aber dazu gibt es derzeit keine gesicherten Informationen). Was die Menschen damit zu tun haben? Wenig. Nicht einmal unsere selbsternannten Klimaschütz(enpanz)er. Und die begehen ja nun wirklich jede Dummheit, welche menschenmöglich ist

Karla Kuhn / 08.02.2019

Herr Gartner, Sie treffen ins Schwarze ! “So lange unsere gesamten Medien das CO2 zum Klimakiller ( was immer man auch darunter verstehn mag ) machen, wird sich nichts ändern. Die Wähler sind zu unwissend, um erkennen zu können, dass wir einen falschen, verhängnisvollen Weg beschreiten. ” JEDER Bürger in diesem Land hat die Möglichkeit sich kundig zu machen, nicht nur über das Klima /Kohle / Strom, sonder über ALLE brisanten Themen! Ich habe auch keine Ahnung davon aber ich lasse mich gerne von WIRKLICHEN Experten belehren, es ist sehr interessant, was ich da erfahre.  Wenn ALLE Unwissenden sich informieren würden, hätten WEDER bestimmte Medien noch bestimmt Politiker eine Chance uns weiterhin ihre oft unqualifizierten Meinungen aufzudrängen. JE MEHR jeder weiß, um so weniger haben diese Menschen Macht über uns, das Volk !  “Wenn mein starker Arm es will…”

toni Keller / 08.02.2019

Die Menschheit ist von der Höhle in den Wolkenkratzer, von guturalen Lauten um damit gemeinsam das Mammut einkreisen zu können zum Smartphone mitsamt den Emojis gekommen, indem sie sich dem beständig wechselnden Klima angepasst hat. Man sollte den Demonstranten und den Politikern mal klar machen,  dass es immer wieder das Ausstreben bestehender Fauna und Flora gegeben hat (Stichwort Big five der Erdgeschichte) und es dennoch immer wieder weitergegangen ist. Wenn wir allerdings weiter 8 Milliarden Menschen ernähren wollen und für die 5 Milliarden die nicht im Westen leben, vergleichbare Lebensbedigungen herstellen wollen, wie wir sie haben, dann muss man noch mehr Technik verwenden. Was nun das angeblich so nette Leben im nur mäßig industrialisierten Zustand angeht, so sollten doch diejenigen die das wollen, sich mit ihren Lieblingen mal darüber unterhalten, warum diese Leute ihre Länder wirklich verlassen haben,

Günter H. Probst / 08.02.2019

Sie müssen mehr die positiven Seiten der Energieversorgung mit Wind- und Solaranlagen für die Wirtschaft schildern, womit D. Vorbild für die ganze Welt wird: “Wirtschaft nach Wetterlage”. Scheint die Sonne und weht der Wind ,wird gearbeitet, Nachts und bei Windstille bleiben alle zu Hause. Das wird auch wegweisend für die Entschleunigung des modernen Lebens, was der Gesundheit zu Gute kommt. Damit sind schon mal fast alle Frauen politisch gewonnen, und die Grünen regieren das Land. Hier haben am Wochenende 100 Irre von Ende Gelände am Kohlekraftwerk demonstriert, an dem auch die Fernwärme von einigen Zehntausenden Bürgern hängt, die jahrelang von den Stadtwerken mit dem Slogan: Sichere und umweltfreundliche Wärme für ihr Heim für den Anschluß geworben wurden.

Gertraude Wenz / 08.02.2019

@ Wolfgang Kaufmann. Ich denke wie Sie. Wenn Deutschland sich endgültig abgeschafft hat, sollte man es posthum mit dem Darwin Award “ehren”. Dieses Land ist der heißeste Anwärter auf diese “Auszeichnung”. Ich kenne kein anderes Land auf dieser Erde, das sich so freiwillig und mit Jubelgeschrei ins Aus katapultiert, wie es dieses Land mit Inbrunst zelebriert. Nur her mit dem Preis! Aber ein bisschen müssen wir noch warten. Der Kandidat muss wirklich das Zeitliche gesegnet haben.

H.Roth / 08.02.2019

Nachdem dann alles abgeschaltet wurde, was abgeschaltet werden kann, müssen die Hohepriester der deutschen Klimarettung nur noch den Windkreislauf neu organisieren. Denn der Westwind weht uns die schmutzige Luft der Franzosen um die Ohren, und gleichzeitig unsere teuer gereinigte Luft den Polen in die Nasen. Ostwind ist noch schlimmer, denn Osteuropa kauft gerade eine Menge gebrauchte Dieselfahrzeuge aus Deutschland. Und Windstille geht gar nicht!

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