In Russland wurde der Charleston von der Sowjetregierung verboten; als Ersatz hat die Regierung einen neuen Tanz eingeführt, der den Namen “Die Maschine” führt und bei dem die Arme das Ventil einer Dampfmaschine imitieren, während die Füße gleichzeitig den Schmiedehammerschlag dazu stampfen. Die dazu komponierte Musik imitiert die Geräusche von Fabriken. Muss das schön sein!
Dieses hat 1927 Herbert Müller-Guttenbrunn geschrieben. Er war Anarchist, Vegetarier und überzeugter Anhänger von Landleben, Landwirtschaft und Selbstversorgung. 1927-1934 hat der Karl-Kraus-Verehrer die Zeitschrift „Das Nebelhorn“ herausgegeben. Sie wurde wegen „Beleidigung einer gesetzlich anerkannten Kirche“ eingestellt.
Eine Auswahl seiner im „Nebelhorn“ erschienenen Sentenzen und Glossen zur geistigen Situation der Zeit wurde 2007 unter dem Titel „Alphabet des anarchistischen Amateurs“ bei Matthes und Seitz veröffentlicht.
Müller-Guttenbrunn war der Sohn des deutschnationalen, aus dem Banat stammenden Wiener Schriftstellers Adam Müller-Guttenbrunn. Sein Bruder war der einflussreiche Nazi- Schriftsteller Roderich Müller-Guttenbrunn, der wohl auch seine schützende Hand über ihn hielt.
Herbert Müller-Guttenbrunn wurde im April 1945 vor seinem Haus in Klosterneuburg von einem Rotarmisten erschossen. Über den Hergang der Sache gibt es drei Versionen. So heißt es, er sei des Nationalsozialismus verdächtigt worden, es habe einen Streit wegen einer Lederhose gegeben, im Haus sei eine Waffe gefunden worden.
Ich neige dazu, zu denken, dass es um die Lederhose ging, was wiederum mit dem verbotenen Charleston rein gar nichts zu tun hat. Trotzdem frage ich mich, ob der Rotarmist, auch wenn der Charleston nicht verboten gewesen wäre und er die Gelegenheit gehabt hätte, ihn tanzen zu lernen, wegen dieser peinlichen österreichischen Lederhose einen Menschen erschossen haben könnte.