Überall, wo Menschen mit Menschen in Kontakt treten, entsteht ein unsichtbares Band, das die Kommunikation [1] und den Austausch unter ihnen ermöglicht. Dabei spielen zahlreiche Einflussfaktoren eine Rolle. Jedoch erst die Häufigkeit der Begegnungen führt zu einer tragbaren Beziehung, sei es im Geschäftlichen wie im Privaten.
Im Arbeitsleben habe ich grundsätzlich keine Wahl, mit wem ich zusammenarbeiten muss und in eine Beziehung gelange. Die Menschen und die organisatorischen Teams sind meist vorhanden oder vorgegeben. Als Individuum und als Mitarbeiter muss ich mich in diesen Gemeinschaften zurechtfinden. Den Freundeskreis hingegen kann ich selbst bestimmen. Ich wähle idealerweise diejenigen Menschen aus, die mir guttun und mir auf gleicher Augenhöhe begegnen. Verändert sich dieses Wohlgefühl zum Negativen, steht es mir frei, den Kontakt und die Beziehung zu beenden.
Fallsituation 1: Leitungsgremium einer Schule
Das oberste Gremium ist stets unter Beobachtung. Ihre Vorbildrolle zeigt sich insbesondere auch im Umgang mit anspruchsvollen Themen und Konflikten. Von ihnen als Führungspersonen wird erwartet, dass sie gut miteinander funktionieren, sich gegenseitig stützen, als Team auftreten und zum Wohl der Institution agieren.
Beispiel: An einer großen Bildungsinstitution treffen sich die Führungspersonen einmal pro Monat im Umfang eines Halbtages zur Schulleitungskonferenz. Die Sitzung ist gut organisiert und folgt einer Traktandenliste. Nach dem Meeting erfolgt die höfliche Verabschiedung. Das monatliche Zusammentreffen ist freundlich, jedoch wenig freundschaftlich. Die merkliche Distanz zwischen den Leitungspersonen führt zunehmend zu einer Unzufriedenheit und ruft nach einer neuen Lösung.
Veränderung: Das Führungsgremium beschließt eine Musterbrechung. Man entscheidet sich für wöchentliche Vormittags-Konferenzen mit kürzerer Dauer. Die erste Viertelstunde dient dem so genannten Bilateralen. Im Anschluss an das Meeting folgt ein gemeinsames Mittagessen. Vor 14.00 Uhr werden grundsätzlich keine Verpflichtungen abgemacht. Am Mittagslunch wird ausschließlich über Privates gesprochen. Hierin liegt das große Potenzial, den Menschen hinter dem Funktionsträger besser kennenzulernen. Die zwischenmenschliche Nähe führt zu einer besseren und nahezu freundschaftlichen Zusammenarbeit.
Wirkung: Das Ergebnis der Veränderung zeigt sich wie folgt. Die Kontakthäufigkeit des Schulleitungsgremiums wird vervierfacht. Die Beziehungs- und Bindungskraft unter den Mitgliedern nimmt zu. Mit Konflikten wird verständnisvoller umgegangen als vorher. Das Bilaterale dient dazu, kleinere Anliegen zwischen den Führungspersonen rasch und unkompliziert auszutauschen. Beim Mittagslunch wird ausschließlich über Privates gesprochen. Hierin liegt das große Potenzial, den Menschen hinter dem Funktionsträger besser kennenzulernen. Die zwischenmenschliche Nähe führt zu einer besseren und nahezu freundschaftlichen Zusammenarbeit.
Fallsituation 2: Teamleitungen in Schulen
Teams gelten als die wichtigsten Arbeitszellen in einer Organisation. Sie existieren in unterschiedlichen Formen. Als fixe Einheiten respektive Teil der Aufbauorganisation oder als ad-hoc Gruppierungen (Projektteams, Arbeitsgruppen, Themenkreise etc.). Studien belegen, dass häufigere Begegnungen zwischen den Team-Mitgliedern zu qualitativ wirkungsvolleren Ergebnissen führen.
Beschreibung: Die Leitungspersonen der verschiedenen Berufsgruppen treffen sich gemäß Schulordnung einmal pro Semester zu einem vierstündigen Meeting. Auf den Sitzungszeitpunkt hin werden Themen vorbereitet, die besprochen werden. Da es sich um Pflichtanlässe handelt, gleicht die Stimmung jeweils eher einem unmotivierten Dienst-nach-Vorschrift-Termin und löst zunehmend Unbehagen aus. Dem Wunsch nach einer wirkungsvolleren und motivierenden Zusammenarbeit im Team wird nachgegangen.
Veränderung: Einzelne Berufsgruppenleitungen machen den Vorschlag, das Semestermeeting in eine sinnvollere Richtung zu entwickeln: Jeden ungeraden Monat soll ein zweistündiges Themenmeeting und jeden geraden Monat ein einstündiges Teamtreffen ohne Traktanden stattfinden.
Wirkung: Das Ergebnis der Veränderung zeigt sich wie folgt. Die Kontakthäufigkeit der Berufsgruppen-Leitungspersonen wird vervielfacht. Statt einmal pro Semester treffen sich die Mitglieder monatlich respektive sechs Mal. Die häufigeren Begegnungen führen zu einer guten Stimmung an den Themenmeetings und zu qualitativ besseren Ergebnissen. Das am Spätnachmittag stattfindende Teamtreffen im Umfang einer Stunde ist inhalts-offen. Themen, die jemanden aktuell betreffen, werden eingebracht und diskutiert. Im Anschluss des Treffens gehen die Mitglieder nach Bedarf zu einem Umtrunk. Die Kontakthäufigkeit führt zur Stärkung des gegenseitigen Vertrauens. Die Leitungspersonen der Berufsgruppe verschmelzen zu einem echten Team, in dem auch anspruchsvolle Themen Platz haben. Es reicht heute nicht mehr, das Kerngeschäft Unterricht sehr gut zu machen und einen fortschrittlichen pädagogischen Umgang mit den Lernenden zu pflegen.
Fallsituation 3: Lehrpersonen-Teams
Lehrpersonen sind das Fenster nach draußen. Damit wird verdeutlicht, dass der Ruf und das Image einer Berufsfachschule nicht unterschätzt werden dürfen. Es reicht heute nicht mehr, das Kerngeschäft Unterricht sehr gut zu machen und einen fortschrittlichen pädagogischen Umgang mit den Lernenden zu pflegen. Der Kontakt zu den Eltern [2], zu den Ausbildungsbetrieben und zu den Leitungspersonen der überbetrieblichen Kurse (Einführungskurse, die Teil der Schweizer Berufsausbildung sind, Anm. d. Red.) ist wichtig. Wenn der so genannte „Heiße Draht“ zwischen diesen Verbundpartnern funktioniert, lassen sich Konflikte mit Lernenden eher vermeiden und insbesondere rascher lösen.
Beschreibung. Innerhalb einer Fachgruppe, bestehend aus mehreren Lehrpersonen, verweigern sich einzelne Kollegen der Kontaktpflege nach außen. Sie argumentieren, dass dies nicht zu ihrem Kernauftrag gehöre und von den Leitungspersonen der Schule wahrgenommen werden solle. Diese Haltung führt zu Spannungen und Konfliktsituationen. Die Fachgruppe beschließt, das Thema proaktiv anzugehen und eine Lösung zu finden.
Veränderung: Die Mehrheit der Fachgruppe vertritt die Meinung, dass die Kontaktpflege zum Berufsauftrag einer jeden Berufsschullehrperson gehöre. Dies entspricht auch der Erwartung der Schulleitung. Die Lehrpersonen beschließen, innerhalb des ersten Monats nach Ausbildungsbeginn der Lernenden die Eltern und die Ausbildner zu einem Orientierungsanlass einzuladen. Ziel ist es, Einblick in den berufsschulischen Untericht zu ermöglichen. Im Weiteren entscheiden sich Lehrpersonen, einmal pro Semester gemeinsam einen Ausbildungsbetrieb oder einen überbetrieblichen Kurs zu besuchen. Um dem Nachdruck zu verleihen, werden während der Schulferien (freiwillige) Betriebspraktika absolviert.
Wirkung: Das Ergebnis der Veränderung zeigt sich wie folgt. Der Einblick in die berufschulische Ausbildung der Lernenden – es sind dies die Bereiche Berufskunde, Allgemeinbildung und Sport – wird allen interessierten und mitverantwortlichen Personen ermöglicht. Im Sinne der Lernortkooperation verhalten sich die Berufsschullehrpersonen proaktiv und besuchen als Team die berufspraktischen Ausbildungsorte. Das periodische Betriebspraktikum führt zu einer engen Beziehung zu den Ausbildungsverantwortlichen der jeweiligen Firma und den dort arbeitenden Lernenden. Sie entstehen dann, wenn die zwischenmenschliche Chemie stimmt und sich auf einer verlässlichen Basis nachhaltiges Vertrauen entwickelt.
Fallsituation 4: Freundschaften im Privaten
Freundschaften sind sozial tragfähige Gebilde. Sie entstehen dann, wenn die zwischenmenschliche Chemie stimmt und sich auf einer verlässlichen Basis nachhaltiges Vertrauen entwickelt. Echte Freundschaften gelten auch in Krisenzeiten als ein verbindliches Gut.
Beschreibung: Eine Gruppe junger und bergbegeisterter Männer setzt sich das Ziel, gemeinsam einen anspruchsvollen Berggipfel im Rahmen einer mehrtägigen Expedition zu besteigen. Einzelne Teilnehmende kennen sich von früheren Erfolgen und Misserfolgen her. Letztere werden selbstkritisch reflektiert mit der Erkenntnis, dass sie sich zu wenig kannten und in heiklen Situationen das erforderliche Vertrauen fehlte. Diese Negativerfahrungen sollen sich nicht wiederholen.
Veränderung: Da auch neue Teilnehmende zum Expeditions-Team dazustoßen, entschließt sich die Gruppe, eine intensive Vorbereitung auf verschiedenen Ebenen zu machen. Sie treffen sich dafür zu kurzen Meetings, um Aufgabenzuteilungen vorzunehmen und sich besser kennen zu lernen.
Wirkung: Das Ergebnis der Veränderung zeigt sich wie folgt: Die Beziehungen und Bindungen unter den Bergsteigern werden stärker. Für alle wird klar, dass für die Bewältigung eventuell auftretender Herausforderungen – seien es technische, meteorologische, körperliche, psychische und so weiter – ein gegenseitiger Verlass da sein muss. Im Wissen, dass bei Expeditionen zwischenmenschliche Situationen eine besondere Herausforderung darstellen, tauschen sich die Teilnehmenden im Sinne des Konfliktmanagements über mögliche Stresssituationen aus. Daraus werden Lösungsoptionen abgeleitet, zu denen sich alle bekennen. Die Gruppe nützt die Vorbereitungszeit ebenso, auf ihre inneren Stimmen zu hören. Sie reden – mit Blick auf die Gesamtsicherheit und den Expeditionserfolg – offen über auftretende Gefühle gegenüber einzelnen Kollegen. Bei einer unzureichenden Beziehungs- und Bindungsstärke verabschieden sie sich von ihnen.
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung"
Die Bedeutung der Kontakthäufigkeit mit ihrer Wirkung zu stärkeren Beziehungen und Bindungen unter Menschen – sei es im Beruflichen oder Privaten – wird oft unterschätzt. Meist steht das Argument, dass die Zeit für Begegnungen fehle, als Verhinderungsgrund im Wege. Der Zusammenhang – als ein Erfolgsrezept – wird nicht erkannt. Dabei müsste eine hohe Konfliktkompetenz als ein Ziel für alle gelten, die in einer beruflichen oder privaten Beziehung zueinanderstehen. Der jüdische Philosoph Martin Buber (1878-1965) meinte hierzu: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Wenn wir aufhören, uns zu begegnen, ist es, als hörten wir auf zu atmen.“
Anmerkungen
[1] „Man kann nicht nicht kommunizieren.“, Axiom von Paul Watzlawik (1921–2007)
[2] An einer Berufsfachschule (in der Schweiz) ist der Kontakt zu den Erziehungsberechtigten bis zum 18. Lebensjahr der Lernenden (Mündigkeit) möglich.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog Concordet.
Beitragsbild: Jean-François Le Falher - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Das ist vielleicht in der Schweiz darstellbar. Aber in Deutschland fliegen Sie, Her Pichard, einfach aus dem Schuldienst. Mit Linken oder Muslimen ist keine Koexistenz möglich.
In meinem Berufsleben habe ich über 15 lang sowohl als Angestellter als auch als Externer für mehrere große DAX-Konzerne gearbeitet. Klare Lebens-Erfahrung: Es gibt einfach Leute, mit welchen man privat nix zu tun haben möchte, und bei denen es sich verbietet, private Dinge preiszugeben (egal welche). Gemeint sind Ich-Linge-(‚Manager’) mit Radfahrer-Mentalität (hier buckeln, da treten), die andere Leute mit ihrem ins krankhaft-narzisstische übersteigerten Selbstvertrauen ‘penetrieren‚ und sich selber fälschlich für Leistungsträger halten! Ich kann mir nur schwer vorstellen, daß dies im Fall (1) anders ist. Gut ich habe es nie bis ‘in Leitungsgremien‚ gebracht; aber genau dafür bin ich dankbar. Die, sagen wir, ‘Beförderungs-Auslese‚ in DAX-Konzernen habe ich schon vor 25 Jahren als mindestens fragwürdig erlebt. Mich wundert es nicht, daß die deutsche Wirtschaft genau dort angekommen ist, wo sie ist.
Was soll uns das jetzt sagen? Ist es irgendjemand neu, dass der persönliche Kontakt die berufliche und private Beziehung verbessert? Wissen wir das nicht? Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied zwischen der heutigen Schweiz und Deutschland. In Deutschland ist sind die sozialen Beziehungen der Menschen vergiftet durch eine Kultur der negativen Zuschreibungen gegenüber Andersdenkenden und massiver Denunziation durch linke Kreise. Man muss längst befürchten wie weiland in der DDR, angeschwärzt zu werden, regelmäßig sagen mir Menschen, dass sie fürchten, ihre Meinung zu sagen und ich passe auch sehr genau bei meinen Formulierungen außerhalb enger Kontakte. Das heißt, jeder soziale Kontakt wirkt nicht unbedingt zur Verbesserung des Miteinanders, sondern birgt Gefahren und je weniger dieser Kontakte man pflegt, desto sicherer ist man. Offenheit führt oft nicht mehr zur Verständigung, sondern man gerät konkret in Gefahr. Also was will man mit einem solchen Beitrag aus der weitgehend freien Schweiz in einen deutschen Medium in einer längst anderen Gesellschaftsform sagen? Uns belehren, wie man es besser macht, weil wir es eigentlich nicht verstehen würden? Die Gräben in unserer Gesellschaft sind inzwischen von einer nicht zu unterschätzenden Tiefe und das hat seinen Grund. Und solange es Denunziationsstellen und unverhältnismäßige Strafen auf verschiedenen Ebenen für abweichende Meinungen gibt, wird sich daran nichts ändern. Man schaut genau, mit wem man in Kontakt ist und wie nah dieser Kontakt ist. Schönen Gruß in die Schweiz, auf Belehrungen aus dem Nachbarland als Dreingabe können wir verzichten. Trotzdem ein schönes Weihnachtsfest.
Es ist für mich nachvollziehbar, dass mehr Begegnungen eine tiefere Beziehung ermöglichen.
Und dieses die Zusammenarbeit verbessert.
Erstaunt war ich über die Umsetzung, dieser Neustrukturierung mit dem Ziel, Beziehung und dadurch Effizienz zu verbessern, habe ich noch nirgends erlebt.
Eher dass man sich in einer Endlosschleife von Abwehr und Gleichgültigkeit bewegt.
Als Südwestdeutschem aus der Grenzregion ist mir die Schweizer Mentalistät, das Selbstverständnis und auch die demokratische Kultur einigermassen vertraut…die Alemannen funktionieren ähnlich. Als allererstes gilt: Man muss GERNE streiten. Demokratiefähigkeit und Harmoniesucht schliessen einander aus. Man muss von seiner Meinung überzeugt sein, sie als „legitim“ erleben, das Eintreten dafür als berechtigtes Anliegen erachten – UND umgekehrt. So entsteht ein pluraler, demokratischer Wettstreit. Eine Niederlage kann jederzeit vorkommen – vielleicht ist man dann bei der nächsten Abstimmung auf der Gewinnerseite. Harmoniesucht kommt mit diesen pluralistischen Unterschieden nicht zurecht. Sie versucht auszubügeln, „gleich zu glätten“…wenn das nicht gelingt, wird die Gegenseite diskreditiert – „illegitimiert“. Dieser Gendefekt muss irgendwo nördlich der Sprachgrenze beginnen. Dubiose Machtlenker haben es immer wieder mal geschafft, sich diese angeborene Schwäche zunutze zu machen und Volkes Meinung einseitig gegen widerstrebende Meinungen aufzuwiegeln…bisweilen mit bombastischem Erfolg.
Na klar – das hat ja in den letzten 40 bis 50 Jahren unter dem Banner von Meinungsvielfalt, Streitkultur und Dialog hervorragend funktioniert.
Die Gesellschaft ist geeint, Institutionen genießen Vertrauen, der öffentliche Diskurs ist respektvoll, und mit den Ergebnissen sind selbstverständlich alle zufrieden.
Also weiter mit den bewährten Rezepten, die Realität konsequent ausblenden – dann löst sich alles von selbst. Ganz bestimmt.
Mit „Lehrpersonen“ sind Lehrerinnen und Lehrer gemeint, oder?