22. Ich bitte Sie, diese Zahl nicht als Stimmung zu lesen. Sie ist keine Stimmung. Sie ist ein Verwaltungsakt mit Aktenzeichen, rund 65-mal am Tag, jeden Tag, ein Jahr lang. Deutschland ist vermutlich das einzige Land der Welt, das seinen eigenen Niedergang ordnungsgemäß protokolliert. Woanders bricht etwas zusammen. Bei uns wird es zugestellt.
Ich bin Produktmanager. Seit fünfzehn Jahren sitze ich in Räumen, in denen gescheiterte Produkte seziert werden. Das ist ein eigener Beruf mit eigener Methodik: Man öffnet die Haube, liest die Fehlercodes aus, sucht die Ursache statt der Symptome und schreibt am Ende einen Befund, den niemand hören will. Ich habe Produkte gesehen, die auf der Präsentation perfekt aussahen und in der Produktion zusammenbrachen. Ich habe Organisationen gesehen, die diejenigen bestraften, die Probleme meldeten und diejenigen beförderten, die sie versteckten.
Irgendwann habe ich diese Methodik auf mein eigenes Land angewendet. Nicht aus Empörung. Aus Berufskrankheit.
Der erste Befund betrifft die Gründung. In Estland registrieren Sie ein Unternehmen online in fünfzehn Minuten. In Deutschland brauchen Sie einen Notar, einen Termin und Geduld; bei einer GmbH sollten Sie den Zeithorizont großzügig planen. In der Zwischenzeit hat der estnische Gründer eine Firma gegründet, ist gescheitert, hat etwas gelernt und die zweite gegründet. Der deutsche Gründer wartet noch auf den Termin, bei dem er persönlich und vor einem staatlich bestellten Amtsträger beschwören darf, dass er die Person ist, die in seinem Pass steht.
Ein totes Produkt
Das ist kein Fehler im System. Das System hält das für Sorgfalt. Genau daran erkennt man in der Produktentwicklung ein totes Produkt: Die Fehlfunktion wird nicht mehr als Fehlfunktion erkannt, sondern als Qualitätsmerkmal verteidigt.
Der zweite Befund betrifft die Bahn, worüber man üblicherweise auf einem Bahnsteig nachdenkt. Es gibt einen Masterplan zur Wiederherstellung der Pünktlichkeit, dessen Zeithorizont sich Richtung 2070 erstreckt. Ich möchte Sie bitten, die Gelassenheit dieser Zahl auf sich wirken zu lassen. Ein Land, das in diesem Jahrzehnt keinen Zug pünktlich ankommen lässt, hat die Lösung für ein Jahrzehnt eingeplant, in dem die meisten Verfasser des Plans tot sein werden. Eine Grenze weiter südlich kommt der Zug einfach an. Er hat keinen Masterplan. Er hat einen Fahrplan.
Der dritte Befund betrifft die Ärzte. Wir bilden sie vollständig auf öffentliche Kosten aus, und dann fahren sie nach Zürich und bleiben dort. Die Schweizer Spitäler behandeln das längst nicht mehr als Rekrutierungsstrategie, sondern als Versorgungsleitung. Als Industriepolitik betrachtet, ist der Export der eigenen Ärzte eine bemerkenswerte Entscheidung. Es ist die Art von Entscheidung, die ein Land trifft, wenn niemand befugt ist zu bemerken, dass sie getroffen wird.
Keine dieser Tatsachen ist geheim. Jede einzelne stand bereits in einer seriösen Zeitung, pflichtschuldig neben einem Kommentar, in dem stand, man müsse daraus lernen. Das ist die eigentliche deutsche Meisterleistung: Kein Land der Welt dokumentiert seinen eigenen Verfall gründlicher, in dreifacher Ausfertigung, mit Fußnoten. Und dann legt es die Dokumentation ab. Was niemand zusammenzählt, ist die Bilanz. Das ganze Bild, addiert, vorgelesen mit der Trockenheit, die es verdient.
Denn wenn man es zusammenzählt, passiert etwas Unangenehmes mit der Erzählung. Der deutsche Zustand ist nämlich keine Tragödie. Hier trenne ich mich von fast allen, die darüber schreiben, auch von den guten Ökonomen, die den makroökonomischen Befund völlig richtig gestellt haben. Tragödie unterstellt Schicksal, etwas Edles, das von Kräften außerhalb seiner Kontrolle zu Fall gebracht wird. Hier ist nichts außerhalb irgendjemandes Kontrolle. Hier werden 84 Millionen fähige, gebildete, fleißige Menschen von Verfahren sanft in den Boden verwaltet, an deren Beschluss sich niemand erinnert, die niemand verteidigt und die niemand die Befugnis hat abzuschaffen. Das ist keine Tragödie. Das ist eine Farce. Eine hervorragend dokumentierte Farce.
Aufhören, die Nummer weiterzuspielen
Und der Unterschied ist nicht spitzfindig, er ist das ganze Problem. Ein Land, das sich in einer Tragödie wähnt, wartet mit Würde darauf, dass das Wetter umschlägt. Es setzt Kommissionen ein. Es harrt der Rückkehr des Vertrauens, des Wachstums oder des sagenumwobenen politischen Willens. Ein Land, das begriffen hätte, dass es in einer Farce spielt, täte das Einzige, was man in einer Farce vernünftigerweise tun kann: aufhören, die Nummer weiterzuspielen. Den Notar abschaffen. Den 2070-Plan wegwerfen. Die Firmengründung vor der Mittagspause erlauben.
Der tragische Rahmen ist bequem, und genau deshalb greift Deutschland danach. Eine Tragödie verlangt von Ihnen nichts außer Ernst. Eine Farce verlangt das Eingeständnis, dass das, was alle unglücklich macht, kein Schicksal ist, sondern ein Verfahren, und dass Verfahren von jedem abgeschafft werden können, der den Nerv dazu hat. Dieser Nerv ist die einzige Ressource, die Deutschland weder ausgebildet noch subventioniert noch importiert hat.
Dies ist ein Warnhinweis, ausgestellt im Voraus für jedes Land, das gerade glaubt, Kompetenz sei etwas, das ein reicher Staat automatisch behält. Deutschland hat das auch geglaubt. Die Insolvenzen warten nicht, bis wir die Debatte beendet haben. Während Sie das gelesen haben, wurde die nächste angemeldet.
Viktor Scheinmann ist Produktmanager und lebt in Erkrath, Deutschland. Er wurde in der Ukraine geboren und wanderte 1997 nach Deutschland aus. Er ist Vater von drei Kindern. Fünfzehn Jahre lang verdiente er seinen Lebensunterhalt damit, marode Systeme zu prüfen. Nun richtet er seinen kritischen Blick auf das Land, das ihn dreißig Jahre lang besteuert hat. Sein soeben erschienenes Buch heißt „Kaputt regiert: Der Niedergang des modernen Deutschland“. Die englische Ausgabe heißt „Ruled by Idiots“ . Es ist Prüfbericht mit Pointen. Jeder Befund hat eine Quelle, jede Pointe einen Beleg. Wer in der deutschen Industrie arbeitet, wird jedes Kapitel wiedererkennen.
Deutschland ist in der Friedhofsspirale der Deindustrialisierung. UK hat´s vorgemacht und die kommen trotz der Londoner City auch nicht mehr auf die Beine. Faul- und Feigheit, den Menschen von den Parteien seit den 70er Jahren als Kardinaltugenden verkauft, sind die Ursachen. Spannend wird es, wenn das Geld für die Rundumgästeversorgung alle ist.
@Klaus Brand, Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Ich verwende nicht die dumme Google-KI. Diese hat in Ihrem Fall (Unternehmensgründungen 2025) als Quelle das „Handelsblatt“. Deren 130000 Neugründungen beziehen sich lt. Statistischen Bundesamts auf Neugründungen mit größerer wirtschaftlicher Bedeutung. Meine Quelle ist das IFM Bonn (ifm-bonn.org), die die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Grundlage ihrer Forschungsarbeiten für den Mittelstand auswertet. Korrekt sind laut Statistischem Bundesamt für 2025 sogar ca. 640 500 Neugründungen (1754 pro Tag). Egal, mit welcher Zahl der Unternehmensneugründungen wir jonglieren – sie übersteigt weit die Zahl der Unternehmensinsolvenzen pro Jahr.
@Karsten Dörre und Klaus Brand: Destatis meldet in etwa konstante Zahlen der Insolvenzen seit 2014, davor bis zurück ins Jahr 2005 höhere. Einziges Jahr mit geringeren Zahlen der letzten mehr als zehn Jahre war 2020, eventuell aufgrund der „Corona-Hilfen“. Historisch sieht auch der Anstieg der Insolvenzen von 1979 bis 1982 unbedeutend aus; dennoch brach damals die FDP die sozialliberale Koalition – wegen wirtschaftlicher Indikatoren. Denn, und das scheint mir durchaus wichtig, steht bei Destatis nirgends, welche Branchen und wie viele Arbeitskräfte jeweils betroffen waren; das ist nirgends aufgeschlüsselt. Ich denke, es ist schon ein Unterschied, ob mittelständische Dienstleister, Handwerks- oder größere Industriebetriebe Insolvenz anmelden – oder ins Ausland abwandern, wofür ich ebenfalls keine Statistik finde. An den nackten Zahlen der Insolvenzen allein kann man jedenfalls die wirkliche Entwicklung kaum ablesen. Und darum kommentiere auch ich sie hier nicht.
Ein Satz Ihres tollen Artikels bringt den Zustand des Landes perfekt auf den Punkt: „…Organisationen gesehen, die diejenigen bestraften, die Probleme meldeten und diejenigen beförderten, die sie versteckten.“
Genau diese Vorgehensweise wird von Wählern, Medien und den Altparteien samt ihren Verfilzungen durchs Band praktiziert. Wer die Probleme anspricht, wird als ultimativ böse, rückständig, dumm und undemokratisch verklärt und vom gesellschaftlichen und je nachdem beruflichen Leben exkommuniziert. Wenn er Pech hat werden absurde Schauprozesse oder Strafbefehle gegen ihn geführt, schliessen ihm Banken die Konten oder er wandert sogar wegen fingierter Anschuldigungen über Monate oder länger in Untersuchungshaft mit lächerlichem Ergebnis. Die Täter, die das alles veranstalten, werden nie angegriffen. Diese suhlen sich in ihrem gemeinschaftlich ausgeübten, nachhaltig stupiden und offensichtlich haltlosen Selbstbetrug und ihrer scheinbar hohen Moral. Die Deutschen sind allerdings nicht die einzigen. Halb Europa ist von dieser Krankheit erfasst.
Dafür gibt es einfache Erklärung:
KRIMINALITÄT
@A. Sturiano: Für Ihren Neuanfang „woanders“ wünsche ich Ihnen gutes Gelingen in allen Dingen, auf allen Wegen, d.h. ganz viel von Gottes Segen!
@Ralf Rath, Sie haben auf 5. Mose 30 hingewiesen, wo Gott sein Volk daran erinnert, dass es eine Wahl hat: nämlich Segen oder Fluch, wie in 5. Mose 28 im Detail ausgeführt.
Der Segen, „damit du das Leben erwählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen“, ist an eine Bedingung geknüpft, nämlich „indem ihr den HERRN, euren Gott, liebt und seiner Stimme gehorcht und ihm anhangt.“
Das galt und gilt nicht nur für Juden, sondern auch für Nicht-Juden, die sich durch den Opfertod Jesu als Zweig in den Olivenbaum (Metapher für das auserwählte Volk Israel) haben einpfropfen lassen.
Aber wer weiß das heute noch?
Und wer kennt die zahlreichen Warnungen der Bibel bezüglich der „letzten Tage“?
Auch Pfarrer scheuen sich, davon zu reden, weil die Aussichten im Buch „Offenbarung“ gar so finster sind.
Finster sind die Aussichten aber nur für diejenigen, die stolz ihren eigenen Weg wählen und den einzigen lebendigen Gott verachten und verwerfen.
Gott wirft niemanden in die Hölle, der sein Rettungsangebot annimmt – egal, wie spät im Leben.
Gott will nämlich, >>dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, dass dies zu seiner Zeit gepredigt werde.<< (1. Tim. 2)
Das gehört zur Segensverheißung!
Der Fluch Gottes sieht so aus:
In das Höllenfeuer werfen sich aus eigenem Entschluss alle, die das Rettungsangebot ausschlagen (Juden wie Nichtjuden).
♦Und damit sind die Parallelen zum galoppierenden Suizid Deutschlands / Europas und seiner Menschen gezogen.♦
Götzendienst und sexuelle Unzucht waren stets auch ein Sünden-Problem der Juden. Und in unserer Zeit wird beides exzessiver als je zuvor praktiziert.
Manche brüsten sich damit, pinky, schwul und polyamor zu sein, machen sich selbst zu Tieren und nennen es „queer“.
Solches Tun ist für Gott ein Greuel.
Und Ursache für den Fluch.