Gastautor / 08.11.2010 / 16:23 / 0 / Seite ausdrucken

Allah auf der Kanzel

Katharina Hartmann

Ab und zu kriegen mein Mann und ich Lust, in die Kirche zu gehen. Aus topographisch-praktischen Gründen wählten wir eines Sonntags unsere Kiezkirche im Berliner Nordosten. Dort angekommen, wären wir am liebsten gleich wieder umgedreht: Angekündigt war ein Themengottesdienst in Zusammenarbeit mit Amnesty International: “Verfolgt um ihres Glauben willen”. Sprich, es würde wenig um Jesus und viel um Politik gehen. Ich habe nichts gegen Politik, nicht mal gegen evangelische. Aber dafür gehe ich nicht in die Kirche. Wenn ich Politik will, kann ich zu Hause bleiben und die Sonntagszeitung lesen - da sitzt man bequemer, und der Wein ist auch besser. In der Kirche will ich Jesus.

Nun hat Politik in der Kirche im Osten Deutschlands eine besondere - und verdiente - Tradition aus jener Zeit, als “Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist” noch leichter gesagt als getan war. Und speziell diese Kirche zählte in der DDR zu den Zentren des christlichen Widerstands. Wer wären wir als zugereiste Wessis, da zu meckern? Also blieben wir und warteten ab.

Es wurde dann alles ganz typisch evangelisch-scheußlich, genauso freudlos, angestrengt und unfestlich wie in Bielefeld-Brackwede. Zumindest in Sachen Scheußlichkeit ist offenbar längst zusammengewachsen, was zusammengehört. Die Liturgie war “niedrigschwellig” angesetzt; auf Rituale wurde weitgehend verzichtet, gesungen wurde zur Klampfe, statt Glaubensbekenntnis gab es irgendwas von Ernesto Cardinal. Die Amnesty-Gruppe hatte sich ein Happening-Gebet ausgedacht: Einer nach dem anderen ging nach vorne, legte einen Gegenstand (einen Stein, ein Messer, ein Stück Stacheldraht) auf den Altar und erklärte dann feierlich, inwiefern der die Schlimmigkeit von Krieg und Gewalt symbolisierte. Schließlich trat ein fusselbärtiger Mann in einem selbstgestrickten Pullover mit psychedelischem Muster vor, der schon im Ostberlin von 1989 nicht schick gewesen sein konnte. Mein Mann beugte sich zu mir und flüsterte: “Legt der jetzt seinen Pulli auf den Altar?”. Ab diesem Zeitpunkt war es mit meinem spirituellen Erleben leider vorbei.

Als besonderer Programmpunkt war das Referat eines Gastes aus der “Nachbargemeinde” angekündigt. Überrascht erfuhren wir, dass es sich dabei nicht etwa um “Gethsemane” oder “Hoffnung” handelte, sondern um die Heinersdorfer Achmadiyya-Muslime. Die waren in jüngerer Zeit vor allem mit ihrem umstrittenen Moscheebau in Erscheinung getreten sowie mit originellen theologischen Einsichten - etwa, dass man von Schweinefleisch schwul wird (eine Weisheit, die den ziemlich heterosexuellen Heinersdorfer Soljankafans nicht wirklich einleuchtete).

Weniger bekannt ist, dass die Achmadis deshalb ausgerechnet in Heinersdorf ihre Halal-Hammel schächten müssen, weil sie verfolgt werden. Um ihres Glaubens willen, jawohl. Denn die Pakistaner wollen sie nicht als Muslime anerkennen. Nun ist natürlich klar wie Weihwasser, dass es für eine Religionsgemeinschaft katastrophal ist, nicht als Muslime anerkannt zu werden - da könnte man sie ja glatt mit Juden, Christen oder ähnlichem Gesocks verwechseln. Und zumal es weit und breit keine verfolgten Christen gibt (bei den Kopten ging vermutlich mal wieder keiner ans Telefon), war man dankbar, dass der muslimische Nachbar die Aufklärung übernahm.

Der Gast, angetan mit einer überdimensionierten Samtmütze, trat nach vorne und positionierte sich auf der Kanzel - die normalerweise dem predigenden Geistlichen vorbehalten ist und nicht einmal von Gemeindemitgliedern zur Lesung betreten wird. Er setzte eine wichtige Miene auf und begann: “Im Namen Allahs des Barmherzigen…”. Vereinbart war ein fünf- bis zehnminütiger Beitrag gewesen - der Mann holte aber kräftig aus und schaffte es auf eine gute halbe Stunde, womit er sogar die durchschnittliche evangelische Predigt weit in den Schatten stellte. Fragen Sie mich nach irgendeinem Detail zur Verfolgung der Achmadis - ich bin jetzt Expertin.

Im Anschluss an den Gottesdienst stellte sich die Gemeinde brav an den im Kircheneingang aufgebauten Amnesty-Tischen an, um ihre Ablass-, pardon: Protestbriefe abzuholen. Mein Mann und ich schleppten uns in die nächste Kneipe, wo wir an der Bar kollabierten.

Nun könnte man das Verhalten dieses Mannes respektlos nennen. Wieso darf der auf die Kanzel und von da aus Allah anrufen? Kann man im Vorfeld nicht mal ein paar “Ground Rules” klären, zum Beispiel, dass man in der Kirche seine Kopfbedeckung abnimmt - wo doch jeder deutsche Djerba-Tourist in einer Moschee seine Schuhe auszuziehen weiß? Schämen wir uns so sehr für unsere Rituale, dass wir sie vor Gästen verstecken? Und warum ziehen Leute, deren Eltern noch “Sonntagsstaat” kannten, zum Kirchgang ihre ollsten Klammotten an?

Gibt es eigentlich, könnte man sich fragen, in der Multi-Kulti-Gesellschaft überhaupt noch sowas wie christliches Selbstbewusstsein? Warum tragen diese Protestanten, wenn sie sich selbst so doof finden, nicht einfach ein Cilicium und peitschen sich allabendlich aus (schwerzhafter als Klampfenlieder kann das eh nicht sein)? Oder - noch besser - treten gleich zum Islam über? Die Moschee wäre ja praktischerweise bereits vorhanden.

Ich aber sage Euch: Schluss mit dem kulturpessimistisches Gejammer! Ich finde das alles ganz famos. Das ist doch interreligiöser Dialog, Austausch, wechselseitiges Lernen. Und deshalb freue ich mich schon auf die Gegeneinladung. Sicher werden die Achmadis demnächst eine Amnesty-Freitagspredigt “Verfolgt um ihres Glaubens willen” veranstalten und unsere Pastorin als Ehrengast zum Referat bitten - beispielsweise über die Lage der Christen im Irak, in Indonesien oder Pakistan. Ihre roten Haare werden frisch gestylt im Licht des Halbmonds leuchten, während sie in brandneuen Bequemschuhen über die Gebetsteppiche schreitet. Natürlich trägt sie Talar und Kreuzkette. Ihren Vortrag wird sie mit “Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen” beginnen. Und anschließend läd sie alle Anwesenden auf eine Currywurst ein.

Aus lauter Begeisterung fürs Christentum werden die Achmadis diese Veranstaltung sogar auf den Festtag eines Heiligen legen. Wie hieß er noch gleich? Ach ja: Sankt Nimmerlein.

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