Archi W. Bechlenberg / 17.11.2016 / 17:00 / 0 / Seite ausdrucken

Aladin an der Oper Leipzig: Schleierhafte Wunderlampe

Alfred Hitchcock hat einmal auf die Frage, mit was er die Zuschauer ins Kino lockt, geantwortet: „Was will der kleine Mann auf der Straße im Kino nicht sehen? Den kleinen Mann auf der Straße.“ Die Oper Leipzig sieht das anders. Der kleine Mann und das kleine Mädchen im Publikum sollen auch auf der Bühne ihrem immer allahtäglicher werdenden Umfeld in die Augen sehen.

Derzeit können die kleinen Kulturliebhaber Leipzigs samt erwachsener Begleitung bis in den nächsten Januar hinein in einer Inszenierung der Regisseurin Jasmin Solfaghari  der ewig jungen Geschichte des Aladin und seiner Wunderlampe folgen. Das Lyrische Märchen in drei Akten mit der Musik des großen (Film)komponisten Nino Rota böte ohne Frage reichlich Stoff für eine farbenprächtige, unterhaltsame Inszenierung. Doch dem sei die Regie vor, und so schnürt jetzt auf der Leipziger Bühne, neben eher freundlich gekleideten Figuren, eine Gruppe von  schwarzvermummten Gestalten herum. Einer ganz ähnlichen, wenn auch statischeren Gestalt bot zuletzt die Talkschaubetreiberin Anne Will ihre Bühne.

Fragen tun sich auf. Will die Oper Leipzig den – aus Kindersicht zweifellos etwas drögen TV-Talkrunden mit Vermummungsgebot - eine unterhaltsame, kindgerechte Variante der Vollverschleierung ergänzend hinzufügen? Sollen die kleinen Zuschauer bei allem Vergnügen zugleich etwas fürs Leben lernen? Hatte man im Fundus noch ein paar Quadratmeter schwarzen Stoff herum liegen? Vielleicht vom letzten Wave-Gotik-Treffen?

Die Zuschauer blieben brav sitzen und sahen sich den Mummenschanz weiter an

Fakt ist: Auch wenn man auf der Website der Oper Leipzig lesen kann, dass die Geschichte von Aladin „Kinder und Erwachsene in eine orientalische Traumwelt zu entführen“ versteht, darf es offensichtlich bei der Traumwelt nicht bleiben. Ins Theater gehen heißt für das Leben lernen. Auch und gerade für die Sachsen. Diese sind durch den Sterntitel von neulich schwer eingeschüchtert, denn bis auf meine Gewährsperson blieben die Zuschauer brav sitzen und sahen sich den Mummenschanz weiter an.

Nur eine kritische Stimme hat sich laut lesbar im Form eines Beitrags auf der Facebookseite der Gewand-Oper erhoben, aus dem ich zitiere: „Der alte Orient war vornehmlich das persische Reich und zwar das sogenannte Sassanidenreich [...] Dieses Sassanidenreich wurde durch den Einfall der Araber komplett zerschlagen und die Religion ebenfalls so gut wie komplett ausgelöscht. Nachdem die Araber mit Gewalt in das Sassanidenreich eingefallen waren und sehr viele Menschen getötet hatten, zwangen sie die Überlebenden, den Islam anzunehmen. Taten sie das nicht, wurden sie getötet....

...Mit solch einer Inszenierung mit vollverschleierten Frauen wird das Andenken an diese getöteten Menschen mit Füßen getreten und der Sieg der Araber über die Sassaniden verherrlicht und gut geheißen. Wenn man die Geschichte des Orients kennt, ist es ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die dort gelebt haben und nur deshalb sterben mussten, weil sie ihrer Religion treu geblieben sind und nicht zum Islam konvertierten.“

Eine Theaterkritikerin  kann an dem schwarzen Gewusel hingegen nichts von Bedeutung finden, sie sieht nur „poetisch-eindrucksvollen Bilder“, spricht von „orientalischen Gewändern“ und findet, reichlich grotesk angesichts der unübersehbaren Niqāb-Ninjas, der dicke Sultan sei „die einzig groteske Figur des Abends.“ Und ein „Happy End unterm Sternenhimmel“ gibt es natürlich, wenn auch gewiss nicht für diese armen Gestalten unter dem schwarzen Ganzkörper-Kleidungsstück.

„Jetzt regen sie sich schon über ein Bühnenkostüm auf“ höre ich vor meinem geistigen Ohr. So wie über den IKEA Katalog 2017, der immerhin – noch – ohne Vollverschleierte in einer Küche namens Hallaltoeppn oder auf einem Sofa Hurihoelmen auskommt. Ach was. Aufregen. Nehmen wir es einfach als gegeben. Der Sonderzug nach Mekka ist längst unterwegs.

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