Vor zehn Jahren rief die Afrikanische Union (AU), ein Zusammenschluss der 55 afrikanischen Staaten, mit der "Agenda 2063" ein Konzept zur Entwicklung der Wirtschaft ins Leben. Was ist daraus geworden?
Hauptziele der Agenda 2063 sind der Aufbau einer funktionierenden panafrikanischen Wirtschaft zur Beseitigung von Armut, die politische Integration, die politische Unabhängigkeit gegenüber Staaten außerhalb Afrikas und die Stärkung von Sicherheit und Frieden. Als Vision wird ein Afrika mit guter Regierungsführung (bis heute oft nur rhetorische Kosmetik), mit demokratischen Institutionen, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit vorgestellt.
Die AU ist laut ihrer Direktorin für Industrie, Mineralien, Unternehmertum, Ron Osman, bestrebt, den Anteil des Kontinents am Welthandel von derzeit zwei Prozent auf 20 Prozent zu erhöhen. „In Afrika leben 1,5 Milliarden Menschen. Die Bevölkerung unseres Kontinents macht 20 Prozent der Weltbevölkerung aus. Wir wollen, dass afrikanische Unternehmen 20 Prozent des Welthandels ausmachen“, wurde sie am 27. Juni 2025 von der Nigeria Tribune zitiert.
„Afrika ist der Schlüsselmarkt der Zukunft“ (u.a. wegen des größten Arbeitskräfteangebots der Welt ab 2050 und vieler Technologie-Start-ups) schrieb der VW-Markenchef Thomas Schäfer am 3. Juli 2025 im Handelsblatt. Die Aussage kommt mir sehr bekannt vor. Die enormen Chancen werden seit Jahren prognostiziert (vgl. „Afrika bleibt eine Wachstums-Illusion“ Achgut am 13.07.2018).
Kontinentaler Markt mit fast 1,5 Milliarden Menschen
Afrika ist dreimal so groß wie Europa. Nach 17 Jahren Verhandlung wurde 2019 von 54 Staaten (Ausnahme: Eritrea) ein Abkommen über eine afrikanische kontinentale Freihandelszone (AfCFTA) unterzeichnet, das seit 2021 umgesetzt wird. Der innerafrikanische Handel macht derzeit nur rund 15 Prozent des gesamten afrikanischen Handelsvolumens aus (zum Vergleich: in der EU liegt er bei 69 Prozent) und wird überwiegend von der Region südliches Afrika getragen (vgl. „Freihandelszone – eine neue Chance für Afrika“ Achgut, 21.01.2021).
Das Versprechen der Freihandelszone AfCFTA, einen einheitlichen kontinentalen Markt mit fast 1,5 Milliarden Menschen und einem gemeinsamen BIP von 3,4 Billionen US-Dollar zu schaffen, ist sehr ehrgeizig. Einige nordafrikanische Länder wie Tunesien und Marokko, aber auch Südafrika haben Unternehmensstrukturen und sind auch auf dem Weltmarkt präsent. In anderen Ländern, besonders im Sahel und Westafrika, ist der Industrialisierungsgrad gering, und die Infrastruktur hat große Mängel.
Afrika spielt in den globalen Wertschöpfungsketten hauptsächlich als Rohstofflieferant eine Rolle, was die Integration des afrikanischen Marktes erschwert. Auch die beeindruckenden Wachstumszahlen Afrikas in den letzten Jahren haben wesentlich die Entdeckung und bessere Ausbeutung der üppigen Rohstoffe zum Hintergrund – weniger eine solide Ökonomie. Ohne funktionierende Märkte und ohne rechtsstaatliche Grundlagen kann es keine Entwicklung geben. Afrikas Anteil am Welthandel liegt bei dürftigen drei Prozent des Gesamtvolumens von 33 Billionen US-Dollar. Im verarbeitenden Gewerbe, das weltweit 16,2 Billionen Dollar ausmacht, sind es nicht einmal zwei Prozent.
Die AfCFTA-Initiative wird auch durch Spannungen zwischen und innerhalb regionaler Wirtschaftsblöcke gefährdet, die strategisch als Einheiten zur Förderung des panafrikanischen Handels und der Infrastrukturentwicklung sowie der Konfliktlösung gedacht sind. Wenn sich die regionalen Wirtschaftsgemeinschaften als brüchig erweisen, weil sie Handelsströme aufgrund von Konflikten unterbrechen, untergräbt das die AfCFTA-Initiative.
In Westafrika traten nach Militärputschen Niger, Mali und Burkina Faso aus der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) aus, weil sie diese Organisation beschuldigten, ein Agent ausländischer Kolonialmächte (gemeint war Frankreich) zu sein. Die Arabische Maghreb-Union (UMA), der Algerien, Libyen, Marokko, Mauretanien und Tunesien angehören, leidet unter dem ewigen Konflikt zwischen Marokko und Algerien und den Unruhen in Libyen seit 2011.
Es gibt Lichtblicke
Anders als die überschaubare Tatkraft anderswo auf dem Kontinent ist die Ostafrikanische Gemeinschaft (EAC) ein Lichtblick. Sie ist erfolgreich bei der Zusammenarbeit der Länder Kenia, Uganda, Tansania, Südsudan, Ruanda, Burundi, DR Kongo (Kinshasa) und seit 2023 auch Somalia. Es wurden Institutionen geschaffen wie die Ostafrikanische Legislativversammlung (East African Legislative Assembly) und ein Gerichtshof (East African Court of Justice) zur Überwachung der Verträge. Ferner eine gemeinsame Zollunion und ein gemeinsamer Markt. Die EAC ermöglicht den freien Verkehr von Menschen, Waren, Dienstleistungen und Kapital zwischen den Mitgliedstaaten. Bis 2027 ist eine einheitliche Währung geplant.
Positiv ist auch die 2019 gegründete panafrikanische virtuelle Universität (Pan African University/PAU), die afrikanischen Studenten mithilfe von Fernunterricht und E-Learning den Zugang zu Hochschulbildung ermöglicht. Die Institute der PAU wurden an den bestehenden Hochschulen in Nord-, West-, Ost-, Süd- und Zentralafrika eingerichtet. Das Rektorat ist in Jaunde, der Hauptstadt Kameruns, angesiedelt.
Ein weiterer Hoffnungsschimmer ist – sofern diese Schritte ernsthaft angegangen werden – die Erklärung nach dem Sondergipfel der AU in Kampala im Januar 2025, in der die Ernährung in den Mittelpunkt gerückt wurde. Demnach soll bis 2035 die agrarische Lebensmittelproduktion um 45 Prozent gesteigert werden, der innerafrikanische Agrarhandel verdreifacht, die Nachernteverluste halbiert und die extreme Armut um 50 Prozent reduziert werden. (vgl. „Tabus: Warum in Afrika wirklich gehungert wird“ Achgut 18.10.2024)
Geplant ist ein integriertes Hochgeschwindigkeitszug-Netz (Africa Integrale High Speed Railway/AIHSR), das die Hauptstädte Afrikas verbinden und den panafrikanischen Handel stärken soll. 2016 unterzeichnete die AU ein Partnerschaftsabkommen mit China (was eigentlich dem Ziel der Unabhängigkeit gegenüber ausländischen Staaten widerspricht). Drei Pilotprojekte wurden genannt, darunter die Strecke zwischen der tansanischen Hafenstadt Dar es Salaam und Ruandas Hauptstadt Kigali sowie die Route zwischen Kampala in Uganda und Bujumbura in Burundi. Heute stammt ein großer Teil des Netzes noch aus der Kolonialzeit und ist daher nicht auf den Handel innerhalb Afrikas ausgerichtet. Bislang gibt es keine integrierten Eisenbahnsysteme. Technische Normen unterscheiden sich häufig und lassen keine Verknüpfungen zu.
Frieden und Rohstoffe
Erfreulich ist auch das am 27. Juni 2025 zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo (DRK) in Washington unter der Schirmherrschaft der USA unterzeichnete Friedensabkommen. Das Abkommen soll einen dreißig Jahre alten Konflikt beenden, dem Schätzungen zufolge bis zu sechs Millionen Menschen zum Opfer fielen. Der Konflikt im Ostkongo ist eine direkte Folge des Völkermordes in Ruanda 1994, bei dem rund 800.000 Tutsis ermordet wurden. Neben Frieden soll das Abkommen westliche Investitionen in Milliardenhöhe bringen. Präsident Trump warnte vor „sehr strengen Strafen, sowohl finanzieller als auch anderer Art“ („DRC, Rwanda will face very severe penalties“), sollte das Friedensabkommen verletzt werden.
Seit 2022 verfolgt die AU zudem eine Rohstoffstrategie, die darauf abzielt, die Wertschöpfung vor Ort zu steigern und Afrika stärker in globale Wertschöpfungsketten einzubinden: nicht nur Rohstoffe exportieren, sondern vor Ort produzieren, ausbilden, investieren.
Hierbei können sich afrikanische Staaten an Botswana orientieren. Botswana zeigt durch kluge Verträge, dass Afrika sich nicht mit der Rolle als Rohstofflieferant begnügen muss. Die enormen Einkommen aus dem Diamantenabbau fördern die langfristige ökonomische und soziale Entwicklung. Das ist in Afrika bei zahlreichen anderen rohstoffreichen Ländern nicht der Fall. 15 Prozent der Diamanten gehören heute dem Staat, der diese Steine auf eigene Rechnung verkauft. Vor zehn Jahren begnügte man sich noch mit Steuern und Lizenzeinnahmen. Seit 2013 lässt De Beers, der größte Diamantenkonzern der Welt, sein gesamtes Angebot an Rohdiamanten aus aller Welt in Gaborone – statt vorher in London – sortieren und handeln. Gut ausgebildete Fachkräfte und gute Infrastrukturen sind vorhanden. Bereits heute gibt es dort 16 Schleif- und Polierstätten. Wie im benachbarten Namibia ist De Beers in Botswana der größte Steuerzahler.
Namibia hat 2023 den Export kritischer Mineralien wie unverarbeitetes zerkleinertes Lithiumerz, Kobalt, Mangan, Graphit und seltene Erden verboten. Lithium in Batteriequalität soll künftig vor Ort produziert werden.
Gabun beabsichtigt, den Export von unverarbeitetem Mangan ab 2029 zu verbieten und die Ausfuhr von unverarbeitetem Holz zu beschränken. Damit soll auch dort die lokale Wertschöpfung gesteigert werden und die Wirtschaft des Landes stärker vom Abbau und der Verarbeitung von Rohstoffen abhängig machen.
Die DRK hat Ende Februar – nachdem der Preis von Kobalt auf ein Zehnjahrestief gefallen war – die Ausfuhr gestoppt. Die Regierung prüft weitere Schritte, insbesondere dauerhafte Exportbeschränkungen. Im Kongo werden drei Viertel allen Kobalts weltweit gefördert. In der Nähe von Kivu vermuten westliche Konzerne (z.B. Rio Tinto und Kobold Metals) das größte Lithiumvorkommen der Welt.
BRICS setzen auf Afrika
Kobalt ist ein wesentlicher Bestandteil der Lithium-Ionen-Batterien und wird für Batterien in E-Autos, Handys, Laptops und in der Rüstungsindustrie gebraucht. 19 Kobaltminen produzieren im Kongo. 15 davon gehören chinesischen Unternehmen, die sich nicht scheuen, in Hochrisikoländern Investitionen zu tätigen.
Der Austritt der Sahel-Staaten Niger, Burkina Faso und Mali aus ECOWAS mit der Begründung, die Gemeinschaft diene kolonialen Interessen, ist ein Rückschlag für die Bemühungen der AU um Einheit und Integration. Die Länder der Sahelzone nähern sich immer weiter Russland als einem Gegengewicht zum Westen an. Ihr Ziel ist eine größere außenpolitische Autonomie und die bestmögliche Nutzung ihrer natürlichen Ressourcen.
Im Rahmen der Süd-Süd-Kooperation – der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Ländern des Globalen Südens – gewinnt Afrika immer mehr an Bedeutung. So setzt die BRICS-Allianz, ursprünglich bestehend aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, auf Afrika als gleichgesinnten Verbündeten, wenn es um die Neugestaltung der globalen Handels-, Finanz- und Kreditbewertungssysteme geht.
Agenda 2063 als fernes Zukunftsziel
Die hohen Geburtenraten gehen bislang nicht mit der Schaffung von Arbeitsplätzen (es fehlt die industrielle Basis) einher. Das ist neben der fehlenden Bildung ein Nährboden für Radikalisierung und Extremismus. In Nigeria, Kongo, Angola fließen hohe Summen für Rohstoffexporte in die Taschen der Herrschenden, und für die Masse der Menschen im Lande werden keine Einkommensmöglichkeiten geschaffen.
Formelle Arbeitsplätze gibt es in der Mehrzahl der afrikanischen Staaten kaum. Wer arbeitet, ist meist im informellen Sektor tätig: als Bauer, Fischer, Handwerker, verdingt sich als Tagelöhner, treibt mit irgendetwas Handel oder bewacht etwas. Gerade auf dem Land erscheint die Migration nach Europa vielen als einzige Chance für einen sozialen Aufstieg. Sie haben den Traum von einem Europa, das sie aus dem Fernsehen kennen. Die grenzenlos fließenden Informationen mit den Verführungen des westlichen Konsumkapitalismus üben eine große Anziehung aus.
Die Agenda 2063 ist zumindest ein Ansatz, um das Unternehmertum zu fördern. Die Ziele können nur erreicht werden, wenn der Kontinent geeint ist und die handelnden Eliten gemeinsam die Prinzipien verantwortungsvoller Regierungsführung übernehmen. Schlechte Regierungsführung ist noch immer weit verbreitet, Institutionen leiden unter Korruption, ethnischen Spaltungen und allgemeinem Missmanagement. Die Scheu, sich der Wahrheit zu stellen, ist unter den Verantwortlichen noch immer großzügig verteilt. Und Demokratie kann nicht exportiert werden, sie muss aus freien Stücken von den Menschen eines Landes gewollt sein (vgl. „Ist Demokratie das einzig mögliche Modell für Afrika?“ Achgut 07.06.2025). Viele afrikanische Regierungen haben nur ein begrenztes Interesse an weiterer Integration, weil sie mit ihren eigenen innenpolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen beschäftigt sind. Sie haben weder wirksame Beschlüsse gefasst noch Gesetze harmonisiert, um Bewegungsfreiheit und Integration zu erleichtern.
Volker Seitz ist Botschafter a.D. und Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“, dtv, 2021 (11. aktualisierte Auflage).
Das Buch wurde seit dem erstmaligen Erscheinen (2009) mit jeder der zahlreichen Neuauflagen aktualisiert und erweitert. Von der ersten Auflage bis heute haben sich die Seitenzahlen fast verdoppelt. Das Buch hat durch seine Informationsdichte einen hohen Wert. Seine Aussagen gelten nach wie vor. Die so genannte Entwicklungshilfe subventioniert immer noch schlechte Politik. Solange immer Ausreden gefunden werden, warum korrupte Regime unterstützt werden sollen, werden auch die Fluchtursachen nicht verringert werden. Die Profiteure der Entwicklungshilfe behaupten: Hilfe funktioniert. Aber warum gehe es heute den meisten afrikanischen Ländern schlechter als zum Ende der Kolonialzeit, fragt Seitz. Es würden kaum Arbeitsplätze vor Ort geschaffen und das breite Elend werde nicht beseitigt, weil Zielgruppen nicht in die Maßnahmen einbezogen werden. Afrikanische Kritiker würden nicht zu den Kongressen eingeladen.
Hilfsgelder heizten in vielen Ländern die Korruption an und halten Afrika in Abhängigkeit. Deshalb plädiert Seitz aus Respekt vor der Leistungsfähigkeit der afrikanischen Gesellschaften, die bisherige Hilfe durch wirtschaftliche Zusammenarbeit auf der Grundlage beiderseitiger Interessen zu ersetzen. Wirkliche Hilfe würde bei der intensiven Förderung von Geburtenkontrolle beginnen. Weniger Geburten hätten in Teilen Asiens und Südamerikas zu besseren Lebensbedingungen geführt. Er wundert sich über die Ignoranz in der Politik und den Medien, wenn es um das wahre Problem Afrika gehe.
Seitz wird nie pauschal, hebt immer wieder positive Beispiele hervor und würdigt sie im Detail. Ein Buch, das über weite Strecken auch Lesevergnügen bereitet, ist immer noch genauso aktuell wie zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung. Es richtet sich nicht an ein Fachpublikum. Der Autor bedient sich einer Sprache, die klar ist, dass sie auch Lesern ohne jegliche Vorkenntnisse einen Zugang zu der Thematik – die uns alle betrifft – eröffnet.
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@Hr.Sepp
Geschichte scheint nicht gerade Ihre Domäne zu sein. Ich bezog mich natürlich auf das
19. / Anfang 20.Jahrhundert. Und selbstverständlich hatte die Kolonialzeit negative Aspekte, aber eben nicht nur.
@Lutz Liebezeit – Sie fragten nach unseren „Megawatt Entwicklungshilfegelder[n]“. Nun, wir sind weiterhin unverdrossen tätig, um den Klimawandel zu bekämpfen. Zu diesem guten Zweck gaben wir – in diesem Fall via die EU – 500.000 Euro an die „Gambia Wrestling Association“. Nun mögen Sie, und weitere Mitlesende zu Recht fragen, wie man denn mit mehr Wrestling den Klimawandel bekämpft. Ich darf hierzu aus einem Apollo News Artikel („Gegen Klimawandel: EU zahlt 500.000 Euro für Wrestling in Afrika“) zitieren: „Durch die Veranstaltungen sollte Wrestling in Gambia als Kulturerbe unterstützt werden und ein Netzwerk verschiedener Wrestlingvereine aufgebaut werden, mit dem der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden sollte.“ Aha. Leider wusste man auch bei Apollo News nicht, was da die Verbindung mit dem Klimawandel sein könnte, was mich erleichtert hat, denn ich dachte, nur ich sei zu blöd, um den Zusammenhang sofort zu verstehen. Jetzt hat Gambia drei Wrestling-Arenen mehr, und ich vermute, dass man sich dort vor und nach den Kämpfen dann über den Klimawandel unterhält, das liegt nahe, wenn man ohnehin schon einmal zusammensitzt. Ich gestehe, das Projekt hat Charme, und ist derzeit mein Favorit unter den internationalen Klimaschutzprojekten, die mit unserem Geld finanziert werden. (Unangefochten auf Platz 2 weiterhin: der Bau eines Flughafens in Ägypten.) Derweil sah ich gestern hier vor Ort erneut eine alte Dame im Müll nach Pfandflaschen wühlen. Vielleicht brauchen auch wir neue Wrestling-Arenen, das dürfte durstiges Publikum anziehen, da haben die armen Rentner dann mehr Gelegenheiten, Flaschen im Müll zu finden. (Bitte seien sie nicht so verwegen, vorzuschlagen, man sollte vielleicht die Grundsicherung für Rentner erhöhen – denn wie wir von Carsten Linnemann wissen, müssen jetzt auch die Rentner die Ärmel hochkrempeln und mehr arbeiten.)
@ Friedrich Richter Die Russen lassen sich mit Rohstoffen bezahlen.
Was machen eigentlich unsere Megawatt Entwicklungshilfegelder für Afrika so? Das ist wie mit dem jüdisch-christlich-islamischen Dialog, der hat auch nichts gebracht. Fragt eigentlich mal jemand nach Nachweisen? Technisch finanziert doch jeder von uns einen Paten? Auch die Tsunami-Spenden, wo ist der Rechenschaftsbericht? Mich würden die Neubaugebiete interessieren? Ich möchte da hin fahren. Eigentlich sollten die Galas nicht zur Katastrophe veranstaltet werden, sondern bei der Taufe, wenn alles wieder schön ist?
„Ja, glaubst du, dass zum Beispiel uns das Afrika jemals rentiert?“ (Gerhard Polt)
Eher geht das berühmte Kamel durch ein Nadelöhr, als Afrika ein zweites Europa wird. So wie die heutige EU scheitern wird, wird auch ein zentralisiertes
Afrika scheitern ! Zentralismus ist niemals die Lösung, sie ist nur ideologiebedingt.
Lieber Herr Seitz, danke für Ihren Kommentar zu meiner Bücherempfehlung in Ihrem letzten Artikel. Ich bestaune ihre wirtschaftlichen und politischen Kenntnisse, ihre Härtnäckigkeit diese zu vertreten und ihre Liebe für den afrikanischen Kontinent. Warum nur will keiner auf Sie hören? Ich lebe seit 25 Jahren ununterbrochen in Westafrika, meiner selbstgewählten Heimat und versuche im Kleinen mit meinen Mitmenschen das zu tun, was die „große“ Politik tun sollte. NGOs und staatliche Institutionen sind nur für einige Monate oder Jahre hier, leben wie die Könige, kratzen an der Oberfläche, haben keine Ahnung über die tiefgreifende Kultur und Traditionen, halten sich aber für Experten. Nicht alle, aber die meisten. Ich werde bezeichnet als Neokolonialistin. Ich bin absolut dagegen Afrika die westliche Demokratie überzustülpen, das wird nicht funktionieren. Afrika ist genauso demokratisch wie Deutschland und die EU. Man muß Afrika Zeit lassen sich von innen heraus von selbst zu ändern, wenn es dann denn will. Ich finde es vermessen, daß der Westen Afrika vorgibt was er zu tun hat. Aber die Entwicklungshilfe sollte eingestellt, oder zumindest auf das nötigste beschränkt werden, denn solange die Menschen hier wissen, wenn sie lange und laut genug jammern wird ihnen geholfen, werden sie nichts tun. Ich habe nichts gegen Hilfe zur Selbsthilfe. Doch meistens, wenn die sogenannten Entwicklungshelfer das Land wieder verlassen, geht das Projekt den Bach runter, habe es hundertfach erlebt. Dann müssen die Menschen eben damit leben. Vielleicht hilft der Leidensdruck. Ich habe einige Jahre im Busch gelebt, ohne Elektrizität und fließend Wasser. So schlimm ist’s nun auch wieder nicht, hier hilft jeder dem anderen. Vielleicht höre ich mich wie ein Mensch ohne Emphatie an, aber das Gegenteil ist der Fall – ich bin ein Gutmensch. Danke für’s zuhören.