Volker Seitz / 13.05.2020 / 11:00 / Foto: Seitz / 14 / Seite ausdrucken

Afrika: Schüler fragen, Volker Seitz antwortet (3)

Schüler fragen

Ich gehe von Zeit zu Zeit in Schulen und beantworte Fragen nach dem Alltag von Jugendlichen und ihren Familien in afrikanischen Ländern. In der Regel sind es Schüler in den Jahrgangsstufen 10 bis 12. Überrascht bin ich immer wieder über die vielseitig interessierten Jugendlichen, ihre Ernsthaftigkeit und ihre klugen Fragen. Sie sind meist gut vorbereitet, schlagfertig und zeigen ein wachsendes Interesse an den Geschehnissen auf unserem Nachbarkontinent. Dies ist ein großes Verdienst von engagierten Lehrern, die ein überraschend tiefgehendes Grundwissen vermittelt haben. Einige Antworten sind wegen mehrerer Nachfragen länger ausgefallen. Es sind für mich unterhaltsame und inspirierende Diskussionen. 

(Wenn ich „Afrikaner“ schreibe meine ich – wie sich dies auch aus meinen Antworten ergibt – natürlich auch die Afrikanerinnen.) 

Wie entstehen gewaltsame Auseinandersetzungen?

Die Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai aus Kenia schrieb in ihren Erinnerungen „Afrika, mein Leben“: 

Die ethnische Zugehörigkeit ins Spiel zu bringen ist eine bevorzugte Taktik von Politikern, um Afrikaner gegeneinander aufzubringen. 1994 erlebte die Welt den grauenvollen Völkermord in Ruanda, bei dem fast eine Million Menschen ums Leben kam, und durch innerethnische Gewalt in der Region Dafur im Sudan wurden Hunderttausende vertrieben oder getötet. Ich glaube nicht, dass Menschen, die seit Jahrhunderten als Nachbarn miteinander gelebt haben, plötzlich anfangen sich anzugreifen und zu töten, ohne dass die Machthabenden sie dazu aufstacheln und bei ihren Übergriffen unterstützen. Vielmehr wiegeln die Politiker die Menschen auf und nennen ihnen Gründe, weshalb sie anderen Ethnien die Schuld an ihrer misslichen Lage geben sollen. Diese schreckliche Tragödie hat Afrika zahllose Menschenleben gekostet und viele Jahre, in denen man die Entwicklung hätte vorantreiben können.“ (Seite 290) 

Auch in Kenia kam es im Dezember 2007 zwischen ethnischen Gemeinschaften nach den Präsidentschaftswahlen zu blutigen Unruhen. Rund 300 Menschen wurden getötet und 300.000 Flüchteten vor der Gewalt.

400.000 Tote forderte der Bürgerkrieg von 2013-2018 im Südsudan im Nordosten Afrikas. Es ging um die Vorherrschaft zwischen den Volksgruppen der Dinka und Nuer in dem seit 2011 unabhängigen Staat.

Gibt es Landkonflikte zwischen Nomaden und sesshaften Bauern?

 Nur etwa zehn Prozent der ländlichen Flächen in Afrika sind formal dokumentiert. Nutzungsrechte werden in fast allen Fällen mündlich vereinbart. Ressourcennutzungsrechte sind oft nicht an Landrechte gekoppelt. Wachsende Auseinandersetzungen und Konflikte sind deshalb absehbar.  

In Ländern wie Mali, Burkina Faso, Guinea, Tschad, Niger, Nigeria, Benin, Kenia kostet der Konflikt zwischen Ackerbauern und wandernden Viehzüchtern jedes Jahr Menschenleben, wenn sie aneinandergeraten. Typische Konflikte mit sesshaften Landwirten beruhen darauf, dass sich die Nomaden auf Traditionen berufen, während bei den Bauern wegen der Bevölkerungsentwicklung der Bedarf an Ackerland wächst. Tiere laufen frei umher und zertrampeln Ackerland vor oder während der Ernte. Im Grenzgebiet zwischen Äthiopien und Kenia kommt es immer häufiger zu Kämpfen zwischen verschiedenen Völkern. Äthiopische Nomaden überschreiten auf der Suche nach Wasser die Grenze zu Kenia. Das führt zu Konflikten.

Wie bewegen sich Afrikaner fort? 

Transport in Afrika geschieht per Auto, Lkw, Mofa, Fahrrad – oder zu Fuß. Frauen balancieren Säcke, Schüsseln oder Bananenstauden auf dem Kopf. Motorradtaxis findet man in fast allen Ländern, in Kampala, Uganda, heißen sie Bodaboda, Zemidjan in Benin. Taxi Brousse, „Buschtaxis“ in Westafrika, sind häufig kreativ bunt bemalt. Die Platzauslastung hat Vorrang vor Sicherheit. Die Straßen sind schlecht und schmal. Die Abgase der vielen Fahrzeuge verpesten die Luft und machen krank. Umweltschutz ist nur in wenigen Ländern wie Ruanda ein Thema. 

Da es meist keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, gehören Minibusse als Sammeltaxis zu den typischen preiswerten Massentransportern in Afrikas Städten. Unübersehbar beherrschen sie den Straßenverkehr. Der Preis wird vor Fahrtantritt ausgehandelt. Der technische Zustand der Fahrzeuge ist oft mangelhaft. Das Gedränge im überladenen Innenraum groß. Ziegen und Schweine werden aber meist auf dem Dach festgezurrt. Die Fahrer halten sich mit ihrer halsbrecherischen Fahrweise selten an Verkehrsregeln. Aufgemalte christliche oder islamische Segenssprüche sollen vor Unfällen schützen. In Lagos haben die Wagen den Spitznamen: „Danfo“ – „Komm raus und prügel dich!“ 

In vielen Ländern Afrikas sterben mehr Menschen bei Verkehrsunfällen als an Aids oder Malaria. Auf Ghanas Straßen verlieren täglich rund 60 Menschen ihr Leben. 

Es wird schicksalsergeben hingenommen, dass es bei Unfällen kaum funktionierende Rettungssysteme gibt. Dies alles trifft vor allem die Armen. Jedes Auto wird gefahren, bis es wirklich überhaupt nicht mehr fährt oder bei einem der zahlreichen Unfälle zu einem Totalschaden wird. Die Fahrzeuge bleiben dann einfach am Straßenrand liegen und verrosten. Für Schrotthändler aus Europa wären viele Staaten Afrikas ein Paradies.

Warum gibt es so wenig Ärzte? 

Viele afrikanische Regierungen lassen Krankenhäuser in ihren Ländern verkommen, qualifizierte Ärzte, Hebammen und Krankenschwestern verlassen die Länder. In Ghana gibt es eine geringe Ärztedichte, nämlich nur einen Mediziner pro 10.000 Einwohner, das sind etwa 2.600 Ärzte. Mindestens genauso viele ghanaische Ärzte arbeiten in Großbritannien. In Ghana gibt es laut einem kürzlichen Bericht des ghanaischen Unfallchirurgen Dr. Wilfred Labbi Addo so gut wie keine Chirurgen, die auf die Versorgung schwerer Unfallverletzungen spezialisiert sind. Es fehlt nicht nur an geeigneten Krankenhäusern, sondern auch an Krankenwagen. Ghana hat nach einem BBC-Bericht nur 155 Krankenwagen, 100 davon funktionieren nicht, sodass für ganz Ghana nur noch 55 einsatzbereite Fahrzeuge bleiben. 

In Frankreich arbeiten mehr Beniner Ärzte als in Benin selbst. Etwa 12.000 Mediziner aus Sub-Sahara sind in den USA zugelassen. Das sind mehr Ärzte, als es derzeit in den Ländern Ghana, Liberia, Tansania, Uganda, Sambia, Sierra Leone und Simbabwe zusammen gibt. 

In allen afrikanischen Ländern, in denen ich gearbeitet habe, gab es zu wenige Krankenhäuser, mangelnde Hygiene in diesen Häusern, administrative Unzulänglichkeiten, mangelhaft ausgebildetes medizinisches Personal, keine Nothilfestationen, kaum Krankenwagen, keine medizinische Hilfe ohne finanzielle Vorleistung, teure Medikamente, die oft durch unsachgemäße Aufbewahrung unbrauchbar werden. Selbst die größten Krankenhäuser haben nicht immer Strom, fließendes Wasser oder Isolierstationen. Vielen Ländern südlich der Sahara ist gemein, dass Kranke kilometerweit bis zum nächsten Arzt oder Krankenhaus gehen müssen. 

Die Summen, die ein Patient zusätzlich bezahlen muss, um gut behandelt zu werden, können sehr hoch sein. Manche nennen das Korruption, andere machen die schlechte Bezahlung des medizinischen Personals dafür verantwortlich. Es gibt kein leistungsfähiges soziales Sicherungssystem. Krankenversicherungen sind mit Ausnahme von Ruanda weitgehend unbekannt oder bestehen nur ansatzweise, wie zum Beispiel in Kamerun. 

Die Gesundheit der Bevölkerung wird ruiniert. Viele Menschen sterben an Krankheiten, die problemlos heilbar wären oder durch Vorsorge vermieden werden könnten. 

Wenn die Reichen krank werden, ziehen sie es vor, sich in Europa, den USA oder Indien behandeln zu lassen. Deshalb sterben auch so viele afrikanische Staatschefs im Ausland.

 Wie lange leben Afrikaner?

Die Statistik zeigt die durchschnittliche Lebenserwartung eines Neugeborenen nach den heutigen Sterberaten in armen Ländern: Zentralafrikanische Republik Männer 50/Frauen 53; Tschad 51/53; Sierra Leone 51/52; Lesotho 51/56; Côte d’Ivoire 52/53; Nigeria 52/54; Somalia 54/58; Guinea Bissau 54/59; Burundi 55/59; Südsudan 55/57. Politiker, die alle Mittel haben, um sich im Ausland zu kurieren, wurden allerdings deutlich älter: Mugabe/Simbabwe (95), Bongo/Gabun (74) und Eyadema/Togo (70). Einige der amtierenden Präsidenten sind ebenfalls älter als der Durchschnitt der Bevölkerung: Biya/Kamerun (87), Obiang/Äquatorialguinea (78) und Buhari/Nigeria (78). 

Wie werden die Toten beerdigt?

Afrikanische Beerdigungen – wie ich sie erlebt habe – sind für uns ein Erlebnis. Der Glaube an das ewige Leben ist tief verankert. Ahnenverehrung ist bei fast allen Völkern Afrikas südlich der Sahara ein wichtiger Bestandteil der Kultur und Religiosität. Die Verstorbenen sind als Ahnen oft einflussreicher als die lebenden Menschen. Sie steuern – so glauben manche – die Geschicke ihrer noch lebenden Verwandten. 

Die Angehörigen und Freunde sind bei Totenwache, Bestattung und Gottesdienst traurig und fröhlich. Es wird tage- und nächtelang getrommelt, gesungen und getanzt. Die Begräbnisse sind für manche auch wichtige gesellschaftliche Ereignisse, die umgerechnet mehrere tausend Euro kosten können. Die Familie trägt die Kosten für die Verpflegung und Unterbringung der Gäste. 

In Ghana gibt es eine Sargkunst. Holzkünstler zimmern nach Kundenwünschen ungewöhnliche Särge. Meist hat die Form etwas mit der beruflichen Position des Toten zu tun. Ein Busfahrer bestellt sich einen Bus als Sarg, ein Getränkehändler eine Cola oder Bierflasche und ein Obsthändler eine Ananas. 

Welche Feste gibt es in Afrika? 

Viele Feste werden gefeiert. Es gibt die religiösen christlichen und islamischen Feste. Oft wird das Ende der Regenzeit und damit der Beginn der Erntezeit gefeiert. Auch Initiationsfeste (Übergang vom Status des Kindes zum Mann) spielen auf dem Lande eine große Rolle. Feste dienen zum Erhalt und zur Erneuerung von sozialen Bindungen.

Welche Spitznamen haben Fußballnationalmannschaften? 

Afrikaner geben ihren Fußballnationalmannschaften gerne Kampfnamen. Nicht immer sind sie furchteinflößend, wie etwa in Benin und Burundi. Die Namen haben kulturgeschichtliche und mythologische Bedeutung und stammen oft aus dem Tierreich. 

Zum Beispiel Angola: Palancas Negras – Schwarze Antilopen, Äthiopien: Walyas – Die Steinböcke, Äquatorialguinea: Gewittersturm, Bénin: Les Ecureuils – Eichhörnchen, Botswana: Zebras, Burkina Faso: Les Etalons – Die Hengste, Burundi: Les Hirondelles – Die Schwalben, Elfenbeinküste: Les Elephants –Die Elefanten, Gabun: Les Phanthères – Die Panther, Ghana: Black Stars – Schwarze Sterne, Guinea: Le Sily National – Die nationalen Elefanten (Sily ist Soussou, eine der Landessprachen), Kamerun: Les Lions indomptables – Die unzähmbaren Löwen, Kap Verde: Crioulos – Kreolen, Kenia: Harambee Stars – Zusammengerückte Sterne, Kongo (Brazzaville): Diables Rouges – Rote Teufel, Kongo (Kinshasa): Simbas – Löwen (in Suaheli), Madagaskar: Les Scorpions – Die Skorpione, Mali: Les Aigles – Die Adler, Malawi: The Flames – Die Flammen, Marokko: Les Lion de l’Atlas – Die Löwen vom Atlas, Mosambik: Mambas, Namibia: Brave Warriors – Tapfere Krieger, Niger: Mena – Damagazelle (in Haussa), Nigeria: Super Eagles – Mächtige Adler, Ruanda: Amavubi – Wespen, Sambia: Les Chipolopolos – Die Kupferkugeln, Senegal: Les Lions de la Teranga – Die Löwen von Teranga, Simbabwe: The Warriors – Die Krieger, Sudan: Sokoor al-Jediane – Nilkrokodile, Südafrika: Bafana Bafana – Die Jungs, Tansania: Taifa Stars, Togo: Les Eperviers – Die Falken, Tunesien: Les Aigles de Carthage – Die Adler von Karthago, Uganda: The Cranes – Die Kraniche 
 

Müssen Kinder Angst vor gefährlichen Tieren haben? 

Die meisten Kinder in Afrika haben noch nie einen Löwen, Elefanten, Flusspferde oder andere wildlebende Tiere gesehen. Gefährlich können Giftschlangen sein. Die grüne Mamba kann bis zu zwei Meter lang werden, die schwarze Mamba sogar über vier Meter. Sie kommen ausschließlich in Afrika vor und leben in Steinhügeln oder auf Bäumen. 

Als „Big Five“ (die großen Fünf) bezeichneten früher Großwildjäger die Tiere Elefant, Büffel, Nashorn, Leopard und Löwe. Heute sind sie nur noch in Botswana, Kenia, Mosambik, Namibia, Simbabwe, Südafrika, Swasiland und Kamerun anzutreffen.

Gibt es eine afrikanische Mode? 

So genannten Waxprints sind Baumwollstoffe, die in einem Batik-Verfahren maschinell hergestellt werden. In den Fabriken werden, wegen der großen Nachfrage, jede Woche von afrikanischen Designern neue kreative Unikate entworfen und auf den Markt gebracht. Der Name Waxprints kommt vom Produktionsprozess der Textilien. Dabei werden Wachsschablonen genutzt, um Muster auf bereits gewebte Stoffe zu drucken und anschließend einzufärben. Sie gehören zum festen Bestandteil des alltäglichen Lebens und zeremonieller Aktivitäten. 

Hochwertige Waxprints stellen bleibende Werte dar. Die Muster werden mit Bedacht gewählt. Sie transportieren Botschaften über sozialen Status, Zugehörigkeit und Wohlstand. Ein mit Rechtecken strukturierter Stoff in Ultramarin, Bordeaux und Weiß bedeutet: „Wenn du heiraten willst, frage.“ Mit einem anderen Muster weist eine Frau auf die finanziellen Möglichkeiten ihres Ehemanns hin. Es gibt auch Waxprints, die zur Beleidigung einer Rivalin genutzt werden. Die Stoffe werden in allen Bevölkerungsschichten häufig als Wickelkleider getragen.

Andere werden zu Kleidung in westlichem Stil verarbeitet. In frankophonen Ländern werden sie deshalb „pagne“ und in anglophonen Ländern „wrapper“ oder „lapa“ genannt. Bei Feiern von Firmen und Familien oder auch Beerdigungszeremonien wird ein bestimmtes Muster in Auftrag gegeben, damit sich Mitglieder der Gruppe damit einkleiden. Das veranschaulicht die Einheit einer Gruppe. Reiche Frauen ziehen sich bei einer Abendveranstaltung in ihrem Hause bis zu zehnmal um, um ihren Wohlstand vorzuführen und das Ego des Hausherrn zu heben. 

Es gibt verschiedene Traditionen und Kulturen in Afrika. Man spricht von afrikanischer Mode, wenn sie in Afrika produziert und der Designer afrikanischer Herkunft ist. Allerdings gibt es zahlreiche selbstbewusste Modemacher, die in Europa oder den USA produzieren, aber nicht als afrikanische Designer bezeichnet werden möchten. In einigen Ländern müssen Modeschöpfer gegen das Vorurteil vieler Afrikanerinnen kämpfen, dass Qualität nur aus dem Ausland kommen kann. Reiche Afrikanerinnen ziehen es dort vor, französische oder italienische Marken zu kaufen.

Wie halten es die Kinder dort mit soviel Krieg und Armut aus? 

Wenn wir in Europa an Afrika denken, dann legen wir den Schwerpunkt auf „Sorgen und Nöte“. Diese Sichtweise halte ich für sehr problematisch, weil der Eindruck entsteht, dass das Leben in erster Linie damit zu verbinden ist. Sicher gibt es Sorgen und Nöte, aber eine unvoreingenommene Sicht ist nur möglich, wenn gleichzeitig die positiven Aspekte der Lebensweise der Kinder in Afrika erwähnt werden. Die Kinder sind – wenn sie in einem Familienverband im Dorf leben – nicht unglücklich. Sie sind Kinder des Dorfes. Wenn ein Afrikaner seinen Bruder vorstellt, kann dies auch ein Junge aus seinem Dorf sein. Das bedeutet weniger Stress für die Eltern und auch für die Kinder. 

Können Kleiderspenden helfen? 

Wer seine Kleidung spenden will, sollte Altkleider auf keinen Fall an kommerzielle Sammler abgeben oder an karitative Organisationen, die die Ware vollständig für rund 350 Euro pro Tonne an professionelle Verwertungsunternehmen weiterverkaufen. Altkleider sollten den Organisationen gegeben werden, die Rechenschaft über den Verbleib der Ware ablegen und auf den Export verzichten. Nicht nur deutsche Firmen und einige große Hilfsorganisationen verdienen gut an den Kleiderspenden, auch für viele Händler in Afrika sind Altkleiderspenden ein lukratives Geschäft und langfristig wird vielen Schneidern damit die berufliche Existenz genommen. In fast allen afrikanischen Großstädten gibt es diese Märkte. Die britische Zeitung „Guardian“ schätzt, dass mit dem Handel von Gebrauchtkleidung weltweit jährlich 3,7 Milliarden US-Dollar umgesetzt werden. 

Welche kulturellen Missverständnisse kann man als Ausländer erleben? 

Deutsche, die sich über ihr eigenes Land negativ äußern, werden in Afrika nicht ernst genommen. Das habe ich oft gehört. Für Afrikaner kommt dies einer Selbstverleugnung gleich. Darüber hinaus vermuten Afrikaner, dass man sie von seinem Heimatland fernhalten will. 

Vermeintliche Anpassung, zum Beispiel wenn Europäer sich afrikanisch kleiden, wird als Negation der eigenen Herkunft gesehen und stößt auf Unverständnis. Europäer und Europäerinnen machen sich in den Augen der Afrikaner lächerlich, wenn sie „ihre“ Kleidung tragen. Auch Dreadlocks, ursprünglich ein Befreiungs-Symbol, oder Afros werden von Afrikanern als Anbiederung empfunden. Manche Afrikaner empfinden es als kulturelle Aneignung, wenn Weiße als Modeaccessoire Dreads tragen. Die schwarzen Symbole würden dadurch lächerlich gemacht, weil sie durch Weiße umgedeutet würden. 

Dies ist der dritte Teil einer fünfteiligen Serie. Übermorgen lesen Sie den vierten Teil.

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 2 finden Sie hier.

Teil 4 finden Sie hier.
 

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe erschien im September 2018. Drei Nachauflagen folgten 2019 und 2020. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

Foto: Seitz

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Caroline Berthold / 13.05.2020

Dass man Menschen beleidigt, weil man ihre traditionelle Tracht trägt, kann ich nicht nachvollziehen. Für die Waxprints schon gar nicht, die wurden nämlich nach javanischen Mustern zuerst in den Niederlanden gefertigt und dann nach Westafrika exportiert. Heute noch findet man unter den fünf größten Waxprintsherstellern eine niederländische und eine chinesische Firma. Wenn Toleranz auf diesem Gebiet so unglaublich schwer ist, dann fordere ich alle Nichtkaukasier auf, ihre Jeans und Turnschuhe zu verbrennen, um von Gucci und Chanel gar nicht erst zu reden.

Christian Feider / 13.05.2020

Ich trage da jetzt ein wenig selbst erlebte Erinnerung meinerseits,sowie beobachtete von Deutschen Kollegen bei: wer nicht “zum Studium” oder im Auftrag eines “Amtes oder einer NGO” dort ist,sondern ganz einfach einen Arbeitsvertrag dort erfüllt,sei es ein deutscher mit Übersee-Aufenthalt oder ein “free lance” mit einer ansaessigen Firma,wird sehr schnell bemerken, das erstens “Arbeitsmoral” ein unbekanntes Fremdwort gerade für die jüngere Generation ist, das zweitens “Anspruchhaltung” und “Respect-Erwartung” dem diametral entgegen stehen. Lustigerweise waren es gerade die älteren,noch direkt durch Deutsche ausgebildeten Kräfte,die noch am ehesten verinnerlicht hatten,was und warum sie etwas tun und warum es genau sein sollte,um um Ziel zu führen. Zum Thema “Localisation/Fratinisierung”....liegt eindeutig am links-grün-esoterischen Selbstbild der hier in D herangezüchteten “One-World-Spinner”. Einfach mal drüber nachdenken,warum stellen Firmen extrem teure(für lokale Verhältniss) Experten ein? Damit diese als “Rastaman” einen Joint mit dem Personal rauchen? Kaum Diese werden eingestellt,um meistens bereits existente Strukturen nach “lokalen” Übernahme/Weiterbetreibungsversuchen” wieder auf die Spur zurück zum erwarteten Erfolg zu bringen oder eben,um diese Strukturen(zusammen mit dem dazu zeitgleich auszubildendem Personal) erstmal auf zu bauen. Natürlicherweise wird einem distanziert agierendem,sich selbst Bewusstem Deutschen eine satte Portion Respekt und Zurückhaltung entgegen gebracht(die allerdings durch dementsprechende Eignung vor Ort bewiesen verdient werden muss), einem fraternisierendem die Grenzen überschreitendem und nicht stringent handelndem Individuum kann aber sehr schnell jeglicher entgegen gebrachter Respekt verloren gehen. das habe ich in Nordafrika, Arabien sowie Southeast Asia so wieder und wieder erlebt.

Ulla Schneider / 13.05.2020

Hallo Herr Seitz, wahrlich, Sie sollten darüber ein Buch schreiben. In den Geschichtsbüchern fehlt viel über diesen großen Kontinent. Sie schreiben von Waxprints. Ich kenne das unter Tritek? Eine grosse Kunst.  Das mehrfache Eintauchen und wieder überwachsen mit mehreren Farben erfordert eine unglaubliche Übung. Ich habe es während meines Studiums probiert. Alle Hochachtung. Und Mode! Da läuft schon ganz viel und richtig gut. Die Europäer sollten sich das anschauen. Wunderbare Farben und gutes Design. - Vom Verkauf gebrauchter ” Klamotten” halte ich nichts. Der gesamte eigene Textilbereich wir dadurch zerstört.  Den Bereich mitzuhelfen voranzutreiben könnte ich mir besser vorstellen.  Die können das.

J.R. Huels / 13.05.2020

Wer “Europäer und Europäerinnen” schreibt, kann nicht ernst genommen werden.

Volker Seitz / 13.05.2020

@Rolf Mainz. Wenn Frau Maathai von „politisch gesteuerten“ Konflikten gesprochen hat, dann nimmt sie auf die politischen Führer verschiedener Ethnien i n Kenia Bezug. Vom Ausland hat sie nicht gesprochen. Solche ethnischen Konflikte gab und gibt es in einigen Ländern in Afrika. Denken Sie z.B.  derzeit an Südsudan und Kongo.

Volker Seitz / 13.05.2020

15. 06. 2017 Afrikas Mittelstand - Ein Porträt Bei den gestrigen Kommentaren zu den Schülerfragen und Antworten wurde von einigen Lesern die Arbeitsmoral „der“ Afrikaner thematisiert. Ich rege an, meinen oben angeführten Achse- Artikel aufzurufen. Der Mittelstand ist dort sehr weit gefasst und er sagt m. E. auch etwas über die Arbeitsmoral in einiger Afrikaner etwas aus. Eine willkürliche Auswahl, aber - wie ich hoffe - doch interessant. Diese Leute haben in der Regel - trotz manchmal karger Einkünfte - nicht den Wunsch nach Europa auszuwandern. Dieser Artikel ist nach wie vor sehr aktuell.

Volker Seitz / 13.05.2020

@Ilona Grimm Danke Frau Grimm für Ihr Interesse. Ein Buch möchte ich nicht daraus machen, aber ich freue mich, wenn Lehrer das Material nutzen. Einige meiner Texte wurden schon im Unterricht in NRW, in Hamburg und in Bayern behandelt bzw. wurden in Schulbücher übernommen. Ich glaube es war 2011, als ein Kapitel aus meinem Buch „Afrika wird armregiert“ im NRW Abitur genutzt wurde.

Christian Sporer / 13.05.2020

@ Gunter Baumgärtner. Also ganz so sehe ich es nicht. Schwarze Symbole kenne ich nicht. Es gibt nur gewisse Tabus die man nicht antasten sollte wie zB. die Ahnen, die Erde der Vorväter, oder sich in politische oder tribale Dinge einzumischen etc. Aber wenn man das aus Unwissenheit tut wird es einem auch verziehen. Was die jungen Weißen freiwilligen “Helfer” betrifft die sich an die Schwarzen durch Kleidung oder Verhalten anbiedern wollen, so werden diese mit einem gewissen Erstaunen betrachtet. Der normale Schwarze betrachtet seine Zivilisation im Allgemeinen als rückständig und wird es nicht verstehen dass jemand aus dem reichen fortschrittlichen Westen versucht seine Verhaltensweisen nachzuahmen. Aber generell sind die Schwarzen ziemlich tolerant gegenüber uns Weißen. Das ist zumindest meine Erfahrung.

herbert binder / 13.05.2020

Sechzig (60) Verkehrstote in Ghana täglich. Zum Vergleich: in D sind es etwas mehr als acht (8). Ghana hat ca. 2/3 der Fläche und ca. 1/3 der Einwohner Deutschlands. Was für ein Wahnsinn. Zudem: Das mit den Altkleidern, lieber Herr Seitz, konterkariert das nicht evtl. .....  

Friedrich Neureich / 13.05.2020

“Menschen, die seit Jahrhunderten als Nachbarn miteinander gelebt haben”: Friedensnobelpreisträgerin oder nicht - den Hippie-Unsinn, dass Afrika vor der Ankunft der bösen Weißen eine paradiesische Oase des Friedens gewesen wäre, kann ich allmählich nicht mehr ertragen. Krieg und Gewalt sind auf dem tribalen Zivilisationsniveau ein fester Teil des Lebens; die Expansion der Bantu-Völker basierte zu einem wesentlichen Teil auf der Auslöschung der zuvor den größten Teil Afrikas besiedelnden Khoisan (“Buschleute”). Lediglich während der Kolonialherrschaft wurde die tribale Gewalt von den Europäern, die Ruhe im Land haben wollten, unterdrückt; nach der sogenannten Befreiung fiel Afrika lediglich wieder in seine althergebrachten Verhaltensmuster zurück. Ich möchte daran erinnern, dass die von afrikanischen Herrschern (!) als Sklaven verkauften Menschen größtenteils Gefangene aus innerafrikanischen Kriegszügen waren - als Nachbarn miteinander lebte da niemand. Und heute werden die Konfliktquellen durch die Überbevölkerung natürlich noch erheblich verstärkt.

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