Volker Seitz / 13.02.2021 / 15:00 / Foto: Pixabay / 5 / Seite ausdrucken

Afrika-ABC in Zitaten: Widerspruch zwischen eigener Tradition und französischen Werten

Aya Cissoko macht in ihrem Buch „Ma“, Wunderhorn 2017, den Widerspruch zwischen den traditionellen afrikanischen Werten und denen der französischen Gesellschaft zu ihrem Thema. Die Autorin ist in Frankreich geboren, die Eltern kamen aus Mali und waren Analphabeten. Sie studierte Politikwissenschaften in Paris. 2006 wurde Aya Cissoko Amateur-Boxweltmeisterin. 

Zitate aus dem Buch: „Meine Mutter ist tot. Heute wird sie auf dem Pariser Friedhof von Thiais begraben... Zwei Touristenbusse wurden für diesen Anlass gemietet. Sie sind fast ausschließlich mit den Männern der Familie gefüllt, denn sie spielen die Hauptrolle. Ein Begräbnis ist keine Weibersache... Ma starb schon vor drei Tagen. Kaum war ihr Tod bekanntgegeben, strömte die weitläufige Verwandtschaft in unsere Wohnung und machte es sich dort bequem. Sie nahmen alle vier Zimmer in Beschlag, außer dem, wo die Tote lag. Damit nichts von ihren Sachen gestohlen wurde, blieb die Tür zu diesem Raum die ganze Zeit abgeschlossen... Die Männer blieben streng von den Frauen getrennt... Die Frauen putzten und kümmerten sich um das Essen.“ (Seiten 7/8). 

Über das Leben ihrer Mutter: „Es ist schwierig, Ma über Themen zu befragen, die sie nicht selbst gewählt hat... Das Eheversprechen zwischen Ma und Baba wird für sie geschlossen, sie haben dabei kein einziges Wort mitzureden. Wer außer den Eltern wüsste, was für ihre Kinder das Beste ist? Ma ist fünfzehn Jahre jünger als Baba, sie wohnten im gleichen Dorf, kannten sich aber trotzdem nicht. Männer und Frauen leben getrennt. Außerdem ist Baba schon seit ewigen Zeiten in Frankreich.“ (Seiten 36/37). [Auf Seite 45 schreibt die Autorin, dass ihre Mutter für das Visum um drei Jahre älter gemacht wurde. Statt fünfzehn ist sie angeblich achtzehn.] 

„Bei uns in Mali hättest du schon ein Kind auf dem Rücken“

„Während seines ganzen Aufenthaltes in der afrikanischen Heimat hatte mein Vater eine Täuschung aufrechterhalten. In Frankreich zu leben und arm zu sein, das war unvorstellbar! Er hatte sich die Ausstattung für den Erfolg nach westlichem Muster zusammengeliehen: einen Anzug, blanke Schuhe, ein braunes Lederköfferchen. Aus diesem Lederköfferchen zog er Geldscheine, mit denen er die djeli [berufsmäßige Sänger] fürstlich belohnte. Dafür sangen die Griots sein Loblied und das seiner Eltern über mehrere Generationen. Mein Vater nährte damit weiter die Illusion, dass Frankreich ein gastfreundliches Land sei, wo man mit Arbeit gutes Geld verdient. Wer in Frankreich ist, hat Geld. Die haben dort ein schönes Leben. Egal wenn die Wirklichkeit anders aussieht.“ (S. 41) 

„Während wir uns mit unserem Unglück herumschlagen, diskutieren die Männer aus Babas Clan unseren Fall in ihrer Versammlung und hinter Kulissen. Sogar in Frankreich liegt die politische Macht der Gemeinschaft in den Händen der Ältesten. Sie befehlen Ma, nach Mali zurückzukehren. Nachdem ihr Mann tot ist, hat sie in diesem Land nichts mehr zu suchen. Ma lehnt ab. ... Wie kann eine einfache Frau ihre Autorität in Frage stellen, außer sie hat den Verstand verloren?" (S. 75) 

Momuso [die Mutter von Ma]: „In Frankreich ängstigt sie alles, besonders die Maschinen in der Metro, wo man draufstehen und sich festhalten muss und dann laufen sie für dich. Für Momuso ist die Lebensweise der Weißen unbegreiflich: Wie kann man den ganzen Tag in seiner Wohnung eingesperrt bleiben?“ (S. 86) 

„Auch wenn Ma die Wahl meines künftigen Mannes mir überlässt, hindert sie das nicht daran, mir regelmäßig vorzuhalten: Du musst einen guten Ehemann finden... Bei uns in Mali hättest du schon ein Kind auf dem Rücken und ein anderes an der Hand.“ (S. 119) 

Schimpfen auf die Unmoral der Weißen

„Filelikela hat in Afrika das Wahrsagen gelernt... Filelikela beginnt in Mali mit seiner Tätigkeit, aber er hat in Frankreich bessere finanzielle Aussichten... Durch seine Heirat mit Ma kommt er von der Banlieue in die Stadt, denn Pariser Patienten begeben sich, selbst in der Not, nur ungern in die Vorstädte... Unser Mietshaus wird sofort mit Beschlag belegt. Die Klienten bilden ständig, von morgens bis abends, eine Warteschlange, die sich häufig bis in das Treppenhaus und manchmal mehrere Stockwerke hinunterzieht. Am Freitag und Sonntag ist es ruhiger, denn an diesen beiden Tagen wird das Wahrsagen nicht empfohlen, da die Geister sich nicht klar ausdrücken.“ (Seiten 122/23) 

„Unsere Wohnung ist wie ein Ableger des Hühnerhofs der Landwirtschaftsmesse: außer Hennen gibt es Perlhühner, manchmal Gänse, Puten. Die Klienten bringen sie als Opfergaben. Sie hoffen so die Unterstützung der Geister zur Bewältigung ihrer Schwierigkeiten zu gewinnen. Sie opfern auch Lebensmittel: Milch, Wasser, Hammelfleisch, Fisch, Kolanüsse, Knollenfrüchte und Münzen…" (S. 128) 

„Wenn auch nur eine einvernehmliche Liebesszene zwischen zwei Erwachsenen auf dem Fernsehschirm erscheint, kommt im Zimmer Befangenheit auf. Manche schauen weg, die anderen schimpfen auf die Unmoral der Weißen. Sie sind verflucht." (Seite 148) 

Ma über die Verwandtschaft in Mali: „Keiner will mehr arbeiten. Früher war man arm, aber alle hatten zu essen. Heute arbeitet keiner mehr für das Land. Jeder hat nur das Wort ,Überweisung’ im Mund. Die Leute in Frankreich schuften sich zu Tode, aber die drüben wollen Moped und Handy.“ (Seite 169) 

Angebliche Schulden von Ma: „Die Aasgeier gehen um. Sie wollen Geld. Aber Ma hatte vorgesorgt, als sie spürte, dass sie bald sterben würde. Sie hatte uns an ihrem Bett versammelt, Koroke, Gangarana Issa und mich, um uns ihr mündliches Testament zu hinterlassen. Unter anderem warnte sie uns: Ich hab keine Schulden. Wenn einer Geld will, ist er ein Lügner! Es war weise von ihr, uns zu warnen, denn ihre Leiche war noch nicht erkaltet, als ein Mann, der sich auf einem Bein springend fortbewegt, mich bittet, eine angebliche Schuld von Ma zu bezahlen." (Seite 181)

Foto: Pixabay

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Leserpost

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Jochen Lindt / 13.02.2021

Meine Erfahrungen in Afrika können natürlich nicht mit der von Volker Seitz mithalten, aber ich habe erlebt, dass die Geldflüsse von Nord nach Süd keineswegs unter afrikanischer Kontrolle sind.  Egal ob NGOs, Umweltschützer, medizinische Helfer oder Firmen (von den Chinesen nicht zu reden) ,sie alle bringen ihre eigene finanzielle Organisation mit.  Ist doch logisch, denn unter afrikanischer Kontrolle würde eh nichts funktionieren.  Das gilt auch für die Immigranten in Europa, wenn die etwas nach Afrika überweisen, dann per MoneyGram , WesternUnion oder Caixa.  Kein Afrikaner traut den eigenen Leuten.

Wilfried Cremer / 13.02.2021

Hallo lieber Herr Seitz, Frau Cissoko ist eine gute Dichterin. Die Probetexte haben Herz & Körper, fließen aber auch schön reißend. Ich hab es mir notiert. Danke.

Wolfgang Kolb / 13.02.2021

Wer das ungeschoente Leben von Kindern und Jugendlichen in Afrika sehen moechte, welche Erfahrungen Heranwachsende machen muessen, empfehle ich die Filme “Beast of no Nation”, erschienen 2015 sowie “Adu”, erschienen 2020, anzusehen. Es stellt sich die Frage, wer hier wem die Kindheit stiehlt. Zur Zeit flammen die Proteste gegen das Buhari-Regime in Nigeria wieder auf. Die Jugend in den meisten afrikanischen Laendern ist bereit aufzustehen und wird somit zur Gefahr fuer die etablierten Fuehrer. Leider - wie so oft - schweigt unsere Presse hierzu, ist doch der Lockdown wichtiger als die Freiheit eines ganzen Kontinents.

Holger Kammel / 13.02.2021

Es ist doch irgendwie komisch. In diversen Science Fiction Romanen und Filmen gibt es die erste Hauptregel; “Hände weg von Zivilisationen, die auf einem niedrigeren Niveau stehen. Formuliert nicht zuletzt auf Grund der Erfahrungen der Kolonisation. Wir tun das genaue Gegenteil. Warum das auf einmal positiv sein soll, hat sich mir nie erschlossen. Die “linken” Intentionen sind klar. Alles, was hilft, die europäische Zivilisation zu zerstören, ist gut. Was nachkommt, wird das Paradies sein. Mit Blick auf unsere “linken Philanthropen” und die Herkunftsgesellschaften unserer Migranten, kann man konstatieren: “Ist klar, wird unbedingt das Paradies.”

Dr. Eduard Westreicher / 13.02.2021

Diese von Herrn Seitz wiedergegebenen Zitate erinnern mich an das Dilemma der Migration, dem viele Afrikaner in Europa ausgesetzt sind. Hier möchte die Entwicklungszusammenarbeit oder -hilfe tätig werden und hat den Anspruch „wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen“. Ich frage mich, ob diese Politik jemals ihrem Anspruch gerecht werden kann oder eher in die Irre führt. Die Frage muss erlaubt sein, was eigentlich die Hilfe-Politik in den letzten fast 60 Jahren erreicht hat. Ferner ist es falsch, von „wir“ zu sprechen. Wir, in den Geberländern, können über die Entwicklungshilfe nichts tun. Die Verantwortung für Erfolg oder Scheitern der Entwicklung liegt bei den Afrikanern selbst. Ihre Regierungen schaffen die Armut und die Überbevölkerung. Entwicklungshilfe zementiert eher die Bedingungen für das Dilemma. Die Migration lässt sich durch Entwicklungshilfe nicht aufhalten. Es darf übrigens nicht übersehen werden, dass die Migranten eher aus den materiell besser gestellten und besser gebildeten Bevölkerungsschichten stammen und nicht aus der sehr armen Bevölkerung. Es ließe sich noch viel dazu sagen, das Elend der Migranten auch in Europa hat eine über allgemeine Politiksprüche hinausgehende Befassung verdient. Einen Beitrag dazu könnte die von mir sehr begrüßte Veröffentlichung aller von Herrn Seitz zusammengestellten Zitate in Buchform leisten. Nach 32 Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit würde ich mich sehr darüber freuen.

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