Volker Seitz / 14.01.2021 / 15:30 / Foto: Pixabay / 10 / Seite ausdrucken

Afrika-ABC in Zitaten: Asyl

Die Kamerunerin Imbolo Mbue schreibt in ihrem Roman „Das geträumte Land“, Kiwi 2018: „Bubakar, hatte Winston gesagt, sei nicht nur ein hervorragender, auf Einwanderungsrecht spezialisierter Anwalt mit zahlreichen afrikanischen Mandanten in allen Teilen des Landes, sondern auch ein Experte darin, jeden Mandanten mit der passenden und ihm Asyl garantierenden Verfolgungsgeschichte auszustatten.“ ... „Ich habe erst im letzten Monat Asyl für die Tochter des Premierministers von irgendeinem Land in Ostafrika durchgeboxt.“ (S. 27)

„Dieser Paysan hat bei uns zu Hause noch nie eine Wahlkabine von innen gesehen, sagt jetzt aber, dass er ein Mitglied der Social Democratic Front gewesen ist. Der legt denen Beweise vor, wie seine Freunde geschlagen und monatelang eingesperrt worden sind und dass man das auch mit ihm macht, wenn er nach Kamerun zurückkehrt. Jeder, der hier ins Land kommt, kann sich über das Leben in seinem Heimatland ausdenken, was er will.“ (S. 255)

„Außerdem kam ich schnell dahinter, dass man alles nicht Überprüfbare einfach erfinden konnte, indem man sich an die Vorstellung hielt, die wir meistens von den Armen in fernen Ländern haben... Wenn man darüber nachdenkt, sind die Geschichten im Grunde alle gleich. Wir tauschen einfach nur die Namen der Länder aus. Manchmal auch die Religion, aber ansonsten gibt es kaum Unterschiede.“ (Der äthiopisch-amerikanische Schriftsteller Dinaw Mengestu in seinem Roman: „Die Melodie der Luft“, List 2012, S. 35)

„Ich nahm mir viel Zeit, um [in den Asylanträgen] die Grammatikfehler zu korrigieren, und anschließend verlieh ich den Berichten Farbe. Ich fügte erfundene Gefängnisstrafen ein. Machte Drohungen brutaler. Einem Mann, dem man in Wahrheit nur das Schlafzimmerfenster eingeworfen hatte, wurde in meiner Version gleich das ganze Haus niedergebrannt.“ (Dinaw Mengestu, wie oben, S. 142)

„Was auch immer sie in ihren Asylanträgen über Verhaftungen und Folter geschrieben hatten, viele von ihnen waren nur hier, weil es in Amerika bessere berufliche Perspektiven gab und ihre Träume sich leichter verwirklichen ließen. Und wer konnte ihnen das verübeln?“ (Dinaw Mengestu, wie oben, S. 217)

Die Nigerianerin Chika Unigwe schreibt in ihrem Roman „Schwarze Schwestern“, Klett-Cotta Tropen 2010, über die Vorgehensweise bei der Ausländerbehörde in Belgien, die über Asyl entscheidet: „Ich bestelle dir ein Taxi, das wird dich im Zentrum absetzen. Sage denen, dass du aus Liberia kommst [sie kommt aus Nigeria]. Hörst du? Behaupte, dein Vater war ein Mandigo-Stammesführer und die Soldaten von Charles Taylor haben euch nachts überfallen und deine ganze Familie getötet: Vater, Mutter, Brüder und Schwestern. Du bist ihnen entkommen, weil du dich im Küchenschrank versteckt hast. Du hast dich erst wieder heraus getraut, nachdem alles vorbei war und die Soldaten weg waren. Erzähle ihnen, du hättest gehört, wie die Soldaten schrien, dass noch einer aus der Familie fehle und dass sie den Auftrag hatten, alle umzubringen. Und dass sie deshalb wiederkommen. Mache ein trauriges Gesicht. Heule. Jammere. Raufe dir die Haare. Die Weißen lieben solche Geschichten. Sie hören es gern, wenn wir erzählen, wie wir uns gegenseitig umbringen und uns in unseren absurden Kriegen die Köpfe abhacken. Je makabrer die Geschichte, desto besser.“ (S. 115)

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Leserpost

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Kurt Müller / 14.01.2021

Ich habe es immer geahnt, danke sehr. An den Folgen hierzulande haben aber nicht solche Migranten Schuld, die sich solche traurigen Märchen ausdenken, sondern einheimische Sonderlinge, die solchem Streben keine Grenzen ziehen. Denn sie irren in der Annahme, daß überall auf der Welt die wie in Deutschland übliche Kultur der rechtschaffenen Ehrlichkeit gepflegt wird, was sich ja in dem rechtlichen Prinzip des ‘Treu und Glaubens’ niedergeschlagen hat: man hat das Recht und quasi auch die Pflicht zu glauben, dass ein Anderer die Wahrheit sagt, weil es eine unumstößliche grundlegende sittliche Pflicht ist, die Wahrheit zu sagen. Es ist Kultur, von der Wahrheit des Gesagten auszugehen und sich an Absprachen zu halten. Dies ist hierzulande tatsächlich anders im Vergleich zur sonstigen Welt und macht das Land lebenswert und wettbewerbsfähiger. Ich kenne aus eigener Lebenserfahrung die für Migranten erschütternde Erfahrung, wenn sie das erste Mal erleben, wie nach einer Besprechung etwas wie besprochen geliefert wird, weil sie gar nicht von einer Erfüllung der Absprache ausgegangen waren. Sie hatten dieses ‘ja so machen wir das ’ wie bei ihnen üblich verstanden: als unverbindliche Floskel. Denn bei ‘denen’ war es Kultur, niemals nein zu sagen, aber wenn ‘nein’ gemeint ist, wird es über verschlüsselte Botschaften eindeutig ausgedrückt, und die hatten sie nicht gesehen. Dem gemeinen Nordeuropäer, der aus seinem linksgrünen Dorf nie rauskommt, sind diese verschlüsselten Botschaften nicht geläufig, und schon ist das Mißverständnis perfekt, oder soll ich sagen: die Verarschung`? Auch Linksgrüne sind geprägt von ‘Treu und Glauben’!  Wenn es jedenfalls in naiver Weise in Verkennung der Kulturen im Rest der Welt angewendet wird, so ist es lediglich töricht. Und damit will ich andere Kulturen nicht schlechtmachen. Man sollte eben ihre Eigenarten kennen, um nicht über den Tisch gezogen zu werden. Es fehlt eben oft an Bildung, sagte schon Scholl-Latour.

Detlef Dechant / 14.01.2021

Ich habe mit “Geflüchteten unbegleiteten Jugendlichen” gearbeitet. Es war interessant, dass die meisten 17 Jahre alt waren, aus Syrien stammten und in Aleppo gewohnt haben. Bei der Nennung des Alters wurde von den anderen immer gekichert, was durch die sehr unterschiedliche Physiognomie auch mir das ein oder andere Schmunzeln entlockte. Manchmal war es ihnen auch nicht möglich, sich an den Stadtteil zu erinnern und die genaue Anschrift! So war eine Ortung über Google Maps “schwierig”!

Horst Jungsbluth / 14.01.2021

Unsere “ewig Unverantwortlichen” in Deutschland und besonders in Berlin wollen trotz solcher klaren Hinweise selbst dreiste Betrügereien nicht zur Kenntnis nehmen, einige verdienen sich eine goldene Nase und anderen passt es eben politisch in den Kram. Wenn aufgebrachte Bürger den Mund aufmachen, dann wird der von den weißen “Mobutos” sofort gestopft. So gehen Männer mit Bart als Zwölfjährige durch und selbst wenn Asylbetrüger schwerste Straftaten ohne Unterbrechung begehen, werden sie nicht etwa abgeschoben, sondern mit der entsprechenden Unterstützung geduldet.. So hat bereits Anfang der neunziger Jahre die Berliner Sozialsenatorin öffentlich bekannt gegeben, dass es in ihrem Bereich kaum Missbrauch gäbe, tatsächlich fassten die Betrüger (damals meist vom Balkan) die Sozialämter bis zu 22 Mal im Monat ab und erwarben davon Immobilien in Wien. Die Kreuzberger Sozialstadträtin meinte dazu, wenn Personen und Papiere nicht überstimmen, dann könne man gar nichts tun, da das Datenschutzgesetz es nicht zulasse. Sie verweigerte der Polizei jegliche Ermittlungen. Diese Praxis hat sich eben in der ganzen Welt rumgesprochen, also auch in Afrika und wahrscheinlich beraten die aus Steuergeldern bezahlten “Entwicklungshelfer” die Menschen vor Ort, wie einfach das geht. Das übrigens ist ein Thema, wo Sie, sehr geehrter Herr Seitz, sicherlich auch eine Menge dazu sagen könnten.

Christian Sporer / 14.01.2021

Lieber Herr Seitz, > was soll ich dazu noch sagen? Die Naivität in Deutschland ist grenzenlos. > > Ich habe dazu bei Vera Lengsfeld einen Beitrag geschrieben “Asyltourismus de Luxe” > > Es geht um eine Freundin meiner Frau. > Meine Frau ist aus Ghana und war Putzerin bei einer deutschen Familie im “tin can island estate” in Lagos Apapa. > Ich habe sie 1992 in Lagos geheiratet. > Danach waren wir ab 1995 8J in Yaounde. > Die Freundin in Yde war ihre Stammfriseuse. (Sie wissen ja, die afrikanischen Weiber mit ihren Haarproblemen) >Vor ca 2J ist sie hier aufgetaucht mit einem Touristenvisum für Italien. > Sie hat 4 Wochen bei uns gewohnt und dann ihren Pass vernichtet und Asyl beantragt.. > Heute ist sie in Tübingen in einem Asylheim und soll nach unzähligen Sprach- und Integrationskursen jetzt Altenpflegerin werden. > Da sie ab und zu hier auftaucht habe ich nach 2J keine Fortschritte bei den Deutschkenntnissen feststellen können. > Ob sie das Praktikum als Altenpflegerin durchgehalten hat oder sich lieber mit H4 begnügt kann ich Ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sagen.

Marcel Seiler / 14.01.2021

Herr Seitz, dies ist ja göttlich. Ich liebe Sie! – Aber Scherz beiseite: Vielen Dank für diesen Realismus. Für meine lebensfern erzogenen, höflichen und mit den besten Idealen ausgestatteten Neffen (alle unter 30), sind alle Afrikaner arme Opfer von Kolonialismus, Sklaverei und ganz vielen richtig fiesen Sachen. Natürlich lesen die Ihre Beiträge auch nicht, da sie sich selbstverwirklichen müssen. Wählen aber dürfen sie.

Rolf Mainz / 14.01.2021

Wer auf solche Stories hereinfällt, der/die hat es schlichtweg auch nicht besser verdient als ausgenommen zu werden.

Uta Glaubitz / 14.01.2021

Ich möchte für den Buchstaben F vorschlagen: Fußballweltmeisterschaft 2010. Denn als die WM in Südafrika war, waren die Träume und Versprechen groß. Ist daraus etwas geworden - oder rotten die teuren Stadien vor sich hin?

Hans Friedrich Tomaschek / 14.01.2021

Die Leistungen des ägyptischen Militärorchesters sollten unsere und der Ägypter geringste Sorge sein.

Volker Seitz / 14.01.2021

@Daniel Oehler Mit „ Bukra“ kann ich leider nicht dienen. Meine Sammlung bezieht sich auf Afrika südlich der Sahara. (Aus Libyen kenne ich aber auch „ Bukra Inchallah“ . Bedeutung ähnlich wie in Ägypten.) Vielleicht war es ein Fehler die -übrigens ausgezeichnete ägyptische Literatur - nicht berücksichtigen.

Daniel Oehler / 14.01.2021

Mein Kandidat für den Buchstaben B ist “Bukra”. Das ist Arabisch und bedeutet wörtlich “morgen”. Die tatsächliche Bedeutung: Morgen, Übermorgen, Überübermorgen, nächsten Monat, nächstes Jahr, am St. Nimmerleins-Tag. Den Ägyptern sagt man eine IBM-Mentalität nach: Inschallah (so Gott weil = vielleicht, vielleicht auch nicht), Bukra, Maalisch (macht nichts). Wer längere Zeit in Ägypten war, wird das für eine krasse Untertreibung aus diplomatischer Höflichkeit halten. Als Frau Mubarak den Ägyptern das “Maalisch” abgewöhnen wollte, brach die Revolution aus. Was bei dieser Mentalität herauskommt, zeigen die überaus peinlichen Auftritte des ägyptischen Militärorchesters bei Staatsbesuchen. Man suche bei Youtube mit den Stichworten “egypt orchestra national anthems”. Niemand kann Nationalhymnen so brutal erledigen wie diese Möchtegern-Musiker.

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