Das am besten gehütete Geheimnis der Deutschen ist immer noch die Erkenntnis, dass es ihnen gut geht. Jedenfalls der alles entscheidenden Mehrheit unter ihnen. Einmal im Jahr ist es ihr sogar gestattet, dieses zuzugeben. Im Advent. Im Advent sind zwei der strengsten Tabus unseres Gemeinwesens aufgehoben: Der Einkaufsexzess und die nicht minder großzügige Spendenüberweisung.
An diesem Verhalten rüttelt keine noch so überzeugend vorgetragene Finanzkrise. Das wie immer rechtzeitig in Stellung gebrachte Gebührenfernsehen feuert aus allen Rohren seiner Stalinorgel der Herzen. Die Spendenquittungen werden zügig rausgeschickt, auf dass sie pünktlich den Steuerberater erreichen.
Es wäre natürlich eine recht gemeine und ebenso schlichte Botschaft, jetzt zu behaupten, die Spenden hätten unmittelbar mit der Spendenquittung zu tun. Diese ist im besten Fall eine angenehme Begleiterscheinung des guten Willens, bisweilen vielleicht auch ein ganz guter Grund zum Aufatmen. Man hat beim Spenden Steuern gespart. Welche Kirche wollte so etwas anprangern? Schließlich gehört ein solches Verhalten auch zur eigenen Geschäftsgrundlage.
So lässt sich getrost sagen: Nicht einmal beim Spenden wirft man das Geld zum Fenster hinaus, nein, und das ist ein Erfolgsrezept unserer sozialen Marktwirtschaft. Mit jedem Euro, den man ausgibt, hat man schon wieder zwei Euro gespart. Der Unterschied zwischen den drei Euros, die so zusammenkommen, ist: Den einen geben wir aus der Hand, die beiden anderen bilden wir uns ein.
Aber da der Mensch bekanntlich nicht vom Brot allein lebt, und das nicht einmal in der sozialen Marktwirtschaft, spielen die beiden eingebildeten Euros kaum eine geringere Rolle als der eben aus der Hand gegebene einzige echte. Vielleicht sind sie in dem Augenblick, wenn wir den einen, den echten, aus der Hand geben, sogar wichtiger als dieser, sonst kämen wir bei dem Vorgang ins Grübeln oder zumindest ins Zögern, und das würde der Sache nur schaden. Unsere Wirtschaft ins Stocken geraten lassen.
Wahr ist, dass uns längst nicht mehr die blanke Not in die Fußgängerzone treibt. In die Kaufhäuser geht schon lange keiner mehr, weil er etwas dringend benötigt, sondern eher schon aus Langeweile, oder weil der Hund gerade so nervt. Weil man sonst nichts mehr mit sich anzufangen weiß, kleidet man sich eventuell neu ein. Aber auch dieser Spaß hat seine Grenzen. Einkaufen ist anstrengend. Anstrengender den je. Ist es doch eine rundum moralische Angelegenheit.
Das Kaufhaus ist die moralische Anstalt unserer Zeit. Schon beim lässigen Griff nach einem T-Shirt drängen sich einem zahllose Fragen auf. Wurde es durch Kinderarbeit hergestellt? Wurde ihm der Regenwald geopfert? Im Advent lässt sich das alles besser handhaben. Kann man doch den Griff nach dem falschen T-Shirt noch am gleichen Abend mit einem Anruf in der aktuellen Spendensendung korrigieren. Das macht das Leben unbestreitbar erträglicher. Und es veranschaulicht einem auch, dass es nicht nur ums Geld geht, wenn es den Deutschen gut geht, sondern auch um das Gute. Das aber sollte uns zu denken geben, denn wo es erklärtermaßen nicht mehr nur ums Geld geht, da geht es unter Umständen ums Ganze. Das aber ist kein Geheimnis. Es ist vielmehr ein Problem.