Bernhard Lassahn / 21.12.2019 / 06:25 / 0 / Seite ausdrucken

Advent: Der lauschige Kalender mit Laterne (21)

Wenn Kinder ein gewisses Alter erreicht haben, dann glauben sie nicht mehr an den Weihnachtsmann, sie glauben auch nicht mehr an den Osterhasen oder an die Zahnfee.

Ersatzweise hat sich der Glaube an das Einhorn enorm weit verbreitet. Manche Kinder werden sogar nach der gefürchteten Einhorn-Methode erzogen: Man sagt ihnen, dass immer dann, wenn sie sich als Umweltsünder erweisen, wenn sie böse Worte sagen oder der Mutter irgendeinen Kummer bereiten –, dass dann ein Einhorn stirbt, so wie ein Tamagotchi erlischt, wenn man vergessen hat, es zu füttern.

Es handelt sich um eine sehr weit verbreitete, aber durchaus fragwürdige Pädagogik. Die Kinder merken es nämlich schnell: Ein Tamagotchi kann man problemlos neu starten, und auf ein Einhorn mehr oder weniger kommt es überhaupt nicht an. Es gibt ohne Ende Nachschub.

Gehört das Einhorn zu den bedrohten Tierarten?

Nein, Einhörner gehören keineswegs zu den vom Aussterben bedrohten Arten. Ein Einhorn ist heute kein seltenes Wesen mehr oder gar eins, von dem es nur noch ein einziges Exemplar gäbe – wie vom letzten Mohikaner –, vielmehr sind Einhörner heutzutage in einer Menge vorhanden, die man nicht mehr überblicken kann.

Es gibt sie nicht. Deshalb kann man auch über ihren Bestand nichts sagen. Wenn es sie nicht gibt – wenn sie also nicht leben –, dann können sie auch nicht sterben. Deshalb sollte man Kindern auch kein schlechtes Gewissen machen und ihnen einreden, dass ein Einhorn ihretwegen gestorben wäre. Was nicht lebt, kann auch nicht sterben.

Wie viele Weihnachtsmänner gibt es?

Beim Weihnachtsmann tut sich ein ähnliches Problem auf. Da stellt sich nicht nur die Frage, ob es ihn überhaupt gibt, sondern außerdem die Frage, wie viele es davon gibt. Als ich noch ein Kind war, gab es nur einen. Da bin ich mir sicher. Auch später – Ende der 60er Jahre –, als ich so groß war, dass ich selber den Weihnachtsmann spielen durfte, gab es nur einen. Das war ich. So ein Weihnachtsmann-Kostüm war damals noch eine echte Seltenheit. Ich kam mir darin auch ziemlich einmalig vor.

Es soll auch immer nur einen geben. Im Disneyland achtet man streng darauf, dass von den Figuren immer nur jeweils eine zur selben Zeit zu sehen ist. Es gibt verschiedene Darsteller, die sich ständig abwechseln, doch sie müssen sich dabei so koordinieren, dass zum Beispiel eine neue Mickey Mouse immer nur dann auftritt, wenn die Mickey Mouse, die schon da ist, gerade verschwindet.

Bei Weihnachtsmännern ist das nicht so. Da gibt es keine ordnende Hand. Weihnachtsmänner trifft man überall. Sie haben ihre Einmaligkeit eingebüßt. Es gibt sogar Mannschaftsfotos. Sie kommen neuerdings im Rudel. Der Weihnachtsmann wurde von einer singulären Erscheinung zu einem Massenphänomen.

Was es nicht gibt, kann auch nicht aussterben

Es stellt sich also gar nicht die Frage, ob man noch an „den“ Weihnachtsmann glaubt, sondern ob man an „die“ Weihnachtsmänner glaubt. Je mehr es von ihnen gibt, desto mehr verlieren sie an Bedeutung. Doch selbst wenn man viele von ihnen zu sehen kriegt, heißt das noch lange nicht, dass es den Weihnachtsmann auch tatsächlich gibt. Es gibt ihn weder im Singular noch im Plural. Doch wenn es keine Weihnachtsmänner gibt, dann können sie auch nicht aussterben. Dann wird man sie nicht mehr los.

Ich merke gerade, dass sich hier grundsätzliche Fragen auftun – Fragen, auf die womöglich selbst die Philosophie immer noch keine Antwort weiß. Hören wir kurz rein in den aktuellen akademischen Disput.

Den ganzen virtuellen Adventskalender mit den bereits geöffneten Türchen 1-20 finden Sie bei o-gott.com.

 

Noch ein Tipp: Geschichten und Gedichte zu Weihnachten von den so genannten Dienstagspropheten (das ist eine Gruppe von Literaten und Musikern – Martin Betz, Sebastian Krämer, Bernhard Lassahn und Georg Weisfeld –, die im Zebrano-Theater in Berlin am zweiten Dienstag des Monats auftreten) gibt es hier: Diesmal wird Weihnachten ein Dienstag.

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