Georg Etscheit / 02.11.2020 / 13:00 / Foto: Andreas Praefcke / 19 / Seite ausdrucken

Absurdes Theater

Man kann die Szenerie gespenstisch nennen, irrsinnig oder absurd. Eines war sie gewiss: real. Am Samstagabend brachte die Bayerische Staatsoper, eines der weltweit führenden Musiktheater, ein selten gespieltes Werk heraus. Es heißt „Die Vögel“ und stammt aus der Feder von Walter Braunfels, dem Großvater des Architekten der Münchner „Pinakothek der Moderne“ und einiger Bundestagsbauten, der in den 20er Jahren beachtliche Erfolge als Komponist feierte. Sein populärstes Werk „Die Vögel“ nach Aristophanes kam am 30. November 1920 auf die Bühne des Münchner Nationaltheaters. Die Uraufführung wurde zur umjubelten Sensation. 

Ein Jahrhundert später klingt der Schlussapplaus nach der Premiere einer Neuinszenierung des Stückes von der Hand des zahm und berechenbar gewordenen „enfant terrible“ Frank Castorf extrem schütter. Der Grund war keineswegs, dass das durchgängig tonal geschriebene Werk mit Anklängen an Wagner und Strauss, nicht gefallen hätte oder die Inszenierung durchgefallen wäre. Die Erklärung war einfacher: Im riesigen Auditorium saßen nur fünfzig Besucher, darunter allein zehn Journalisten. Sie verteilten sich, in großen Abständen platziert, auf dem Balkon. Das gesamte Parkett und die Ränge blieben leer. Normalerweise haben in dem Theater 2.100 Menschen Platz. Diesmal übertraf allein die Zahl der Orchestermusiker, Sänger und Statisten die der Besucher um fast das Doppelte, ganz abgesehen von der vielköpfigen Einlassmannschaft, den Garderobieren, den Bühnenarbeitern, der Verwaltung sowie dem Regieteam. 

In einer für die Nachfahren des früheren bayerischen Herrscherhauses reservierten Proszeniumsloge, der Wittelsbacherloge, ein durchaus sympathisches Relikt des Ancien regime, saß an diesem Abend auch Franz von Bayern, aktueller Chef des Hauses und ausgewiesener Kunstkenner. Einer seiner direkten Vorfahren war der bayerische König Ludwig II., Wagner-Verehrer und Schöpfer hypertropher Schlösser. Der Menschen scheue „Kini“ war bekannt dafür, dass er sich regelmäßig „Separatvorstellungen“ gönnte. Dann saß er ganz allein im riesigen Dunkel des Residenz- oder des Nationaltheaters, und ließ sich in malerischen Settings seine Lieblingsdramen und -opern vorführen, ohne vom wenig geliebten Volk in seinem exklusiven Kunstgenuss gestört zu werden. Darunter natürlich die neuesten Schöpfungen des göttlichen Richard. Fast 200 dieser Vorstellungen sind bezeugt. 

Sondererlaubnis des bayerischen Monarchen Markus Söder

Historisch Kundige mochten sich kurz vor Beginn des zweiten Corona-Lockdowns mit erneuter Schließung sämtlicher Opern- und Theaterspielstätten der Republik an Ludwigs kostspieligen Spleen erinnert gefühlt haben. Man möchte sich nicht ausrechnen müssen, was jede Eintrittskarte an diesem Abend gekostet hätte, wären die vielen leeren Plätze auf die wenigen Besucher umgelegt worden. Vor ein paar Wochen hatte die Staatsoper per Sondererlaubnis des aktuellen bayerischen Monarchen Markus Söder, über dessen Kunstgeschmack wenig bekannt ist, wenigstens noch 500 Gäste empfangen können, was einen nicht ganz so absurden Eindruck machte. Doch mit Anschwellen der „zweiten Welle“ wurde die Zahl auf 50 reduziert.

Vergeblich bemühte sich Staatsopernintendant Nikolaus Bachler, noch so etwas wie einen normalen Spielbetrieb garantieren zu können. Wiederholt verwies er auf einen wissenschaftlich begleiteten Pilotversuch, wonach in dem Theater infolge seiner Größe und bei Einhaltung einer Reihe von Präventionsmaßnahmen sehr wohl 500 Besucher ohne Gesundheitsgefahren Platz finden könnten, womöglich sogar mehr. Und hatten nicht die Salzburger Festspiele im Sommer vorgemacht, dass man mit ausgeklügelter Besucherlenkung und einem angepassten Programm – gespielt wurden nur Stücke ohne Pause – den Kulturbetrieb auch in Zeiten von Corona weitgehend aufrechterhalten kann? Doch Bachler, wie auch viele anderen bayerische Intendanten und Orchestermanager,  bissen auf Granit.

In Aristophanes Komödie „Die Vögel“, die Braunfels mit gewissen Änderungen vertonte, übernehmen die Vögel, die urzeitlichen Herrscher des Himmels, erneut die Macht, angestiftet von zwei Athenern, die von den politischen Verhältnissen in ihrer Stadt frustriert sind. Im Zwischenreich zwischen Himmel und Erde bauen sie das sprichwörtlich gewordene „Wolkenkuckucksheim“ als Ort utopisch-idealer Herrschaft. Dabei kommen sie mit den Göttern in Konflikt, die am Ende die Vögel wieder in die Schranken weisen. Die Botschaft des Regisseurs: Jede „ideale“ Herrschaft birgt die Gefahr des Totalitarismus. Deshalb wohl ist die von Castorfs Ausstatter Aleksandar Denic auf die Drehbühne getürmte Wolkenstadt eine Mischung aus Raumstation und Abhörzentrale mit sich drohend drehender Radarantenne. Deshalb die Anspielungen auf Alfred Hitchcock, in dessen Thriller es auch Vögel sind, die eine Art Terrorregime errichten.

Mit Goebbels totalem Krieg verstummten auch die Künste

Was an diesem Abend in München gespielt wurde, ist der langsame Tod der Freiheit, der mit dem Tod der Kultur einhergeht. Gerade jetzt, wo Kultur zur stetigen Reflexion, aber auch zur Erbauung und gewiss Ablenkung der Menschen, unverzichtbar wäre. Selbst im Zweiten Weltkrieg spielten die Häuser fast bis zum Schluss, als viele Spielstätten schon in Trümmern lagen. Erst mit Josef Goebbels Erklärung des „totalen Krieges“ verstummten auch die Künste. Doch schon 1945 erstanden sie wieder. So fanden schon wenige Monate nach Kriegsende auf Anordnung des US-Generals Mark Clark wieder Salzburger Festspiele statt. So viel Kunstverstand wie ihn die angeblich banausigen Amis zeigten, kann von heutigen Politikern offenbar nicht mehr erwartet werden. 

Die jüngste Münchner Separatvorführung wurde kostenlos per Livestream übertragen. Das ersparte den Zuschauern am heimischen Computer wenigstens die unselige Maskierung während der gesamten Vorstellung, die nicht nur jeden Musikgenuss im Keim erstickt.

Foto: Andreas Praefcke CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

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Hans-Peter Dollhopf / 02.11.2020

Herr Dörre, danke für den Hinweis, dass Grölemeyer seinen Ausfluss als “geistige Nahrung” begreift. Ekelerregend. Vielleicht hält der Lockdown ja einige gute Nebenwirkungen bereit, obwohl ich doch vernahm, dass Herbert und seine Bagage glaube, “dann liegt es an uns zu diktieren, wie ne Gesellschaft auszusehen hat” als eine der sieben Plagen unserer herrschenden Pharaonin? Läuft denn was schief? Was wünscht ein rechtsstaatlicher Demokrat dem Herbert wohl zum Geburtstag? “Stirb einfach” vielleicht? Verschissmus ist wohl das passende Vokabular.

Frances Johnson / 02.11.2020

Söders Kunstgeschmack ist egal. Einen Mann, der den Ausdruck Daumenschrauben verwendet, sollte man verorten bei Antoine Fouquier de Tinville, gern auch, falls ihm das lieber ist, bei den Chefanklägern der Könige oder den Königen selbst - er mag ja Schlösser.

Andreas Rochow / 02.11.2020

Eine Inszenierung, die auf keinen Fall antidepressiv, schon gar nicht anxiolytisch sein darf. Staatstheater dieses Kalibers soll die Angststarre verstärken. Ich habe diesen Kommentar in Ohr: “Bisher war ich ich bei Corona skeptisch. Als ich das Publikum mit Maske da so sitzen sah, war mir plötzlich klar, dass die Lage todernst ist.”

Karola Sunck / 02.11.2020

In diesem Zeiten mutieren Kleingeister zu Allmachtherrscher! Es liegt nun am Volke, ob sie so weiter vegetieren wollen oder nicht. Ob sie Knechtschaft oder Freiheit wollen. Die Freiheit des Individuums ist ein kostbares Gut, sie muss, koste es was es wolle, mit allen möglichen demokratischen Mitteln verteidigt werden.  Mehr ist dazu nicht zu sagen!

Hans-Peter Dollhopf / 02.11.2020

Et kütt wie et kütt, Herr Etscheit, et Levve geiht wigger, wir schaffen das! Also erst gar nicht darüber nachdenken.

Andreas Rühl / 02.11.2020

Söders Kunstgeschmack verorte ich bei Madonna oder Spears.

T. Merkens / 02.11.2020

Lieber Autor, danke für den Hinweis auf die Oper “Die Vögel”. Diese war mir als großem Musik- und Opernliebhaber bisher unbekannt. Zu dem übrigen Unsinn in unserer Umgebung fehlen mir leider seit langem die passenden Worte. Selbst für “wehret den Anfängen” ist es offensichtlich zu spät - vielleicht ist für ein wenig Musik à la Titanic-Untergang ja noch genügend Zeit - T. M.

Hans, Michel / 02.11.2020

Wäre doch mal was, die Sänger und den Chor mit Maske auftreten zu lassen.!

Jörg Themlitz / 02.11.2020

“Das ersparte den Zuschauern am heimischen Computer wenigstens die unselige Maskierung während der gesamten Vorstellung, die nicht nur jeden Musikgenuss im Keim erstickt.”; Sind Sie sicher, dass da nicht einige Gläubige mit Virenschutz, gemeint natürlich Atemschutz, vor dem Computer sitzen? Ich sehe Menschen im Wald mit Hund und Atemschutz spazieren gehen. Außer mir, in ca. 50 Meter Entfernung, niemand zu sehen. Ich habe letzte Woche auf der Autobahn drei Spuren freie Geschwindigkeit mit einem Transporter ca. 135 km/h einen Porsche überholt. Darin saß ein einzelner Fahrer. Mit Atemschutz! Während der Pest gab es kegelförmige Masken, die hatten in der Spitze eine Kräutermischung. Lache ich aus Unverstand über solche Mitmenschen und die haben eine Kräutermischung aus Hanf… etc. eingewebt? Dann bitte um den Link, zum entsprechenden Internet Shop oder Kräuterhändler unseres Vertrauens. Zu preiswerten Generika Produkte sage ich ja.

Frances Johnson / 02.11.2020

500 gingen locker, aber auch 1000, auch in den Pausen mit mehreren Etagen. Es ist brutale Schikane.

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