Am 6. Mai des letzten Jahres trat mit Friedrich Merz der erste deutsche Bundeskanzler zweiter Wahl – also erst im zweiten Wahlgang gewählt – sein Amt an. Dass das überhaupt am selben Tag möglich war, musste zuvor noch mit einer Zweidrittelmehrheit der Alle-außer-AfD-Parteien beschlossen werden, sonst hätte der Zweitwahlkanzler noch ein paar Tage warten müssen.
Merz war bekanntlich nicht nur der erste Bundeskanzler zweiter Wahl, sondern auch der erste, der es geschafft hat, zentrale Wahlversprechen schon vor seinem Amtsantritt als Bundeskanzler zu brechen. Die Ablehnung jeglicher Neuverschuldung hatte er bekanntlich in das gigantischste Neuverschuldungsprojekt der deutschen Nachkriegsgeschichte verwandelt. Und das ohne Kriegsrecht oder ausgerufenem Notstand. Wenn es nicht so ein billiger Wortwitz wäre, könnte man schreiben, dass er im Ausmerzen des politischen Anstands noch einmal ganz neue Maßstäbe gesetzt hat. Und das, obwohl Vorvorgängerin Angela Merkel die Latte in dieser Disziplin schon wirklich hoch gelegt hatte.
Seit gut einer Woche sind die Medien voller Rückblicke, Bilanzen und Kommentare zu Merzens erstem Jahr, das Publikum konnte fast vergessen, dass der eigentliche Jahrestag erst gestern war. Wenn der Bundeskanzler sich selbst an solchen Rückblicken beteiligte, machte er keine besonders gute Figur. In Salzwedel lachten selbst die ausgewählten Bürger, die zu einem Bürgerdialog geladen waren, schon bei der Frage nach seiner Bilanz. Und ihm fiel nichts anderes ein, als zu behaupten, er hätte in dieser Zeit die NATO und Europa gerettet. Wow!
Andernorts behauptete er, dass das Migrationsproblem quasi schon gelöst worden wäre, während sich sein Innenminister Dobrindt von der Schwesterpartei CSU darüber freut, dass man damit wirkungsvoll angefangen hätte, aber noch viel zu tun bleibe. Und wer sich in deutschen Ballungsräumen nicht ausschließlich in den besseren Gegenden für die Reichen, Schönen und Berufs-Guten aufhält und öffentliche Verkehrsmittel zu jeder Tages- und Nachtzeit nutzen muss, sieht tagtäglich, dass eine Lösung der Probleme, die der unkontrollierten Massenzuwanderung folgten und folgen, noch in weiter Ferne liegt.
Bekannte Meisterschaft im Zurückrudern
Aber Friedrich Merz hatte schon vor seiner Wahl zum Bundeskanzler bewiesen, dass er durchaus mehrere unterschiedliche Meinungen gleichzeitig vertreten kann. Und für den Fall, dass ihm etwas klar Formuliertes entfleuchen sollte, das zwar wahr ist, aber sowohl seinem Koalitionspartner als auch seiner Vor-Vorgängerin nicht gefällt, hat er schon seit Jahren eine kaum zu überbietende Meisterschaft im Zurückrudern entwickelt.
Gestern nun, am eigentlichen Jahrestag, sorgte diese böse Partei, mit der er doch niemals etwas zu tun haben will, dafür, dass sich auch der Deutsche Bundestag in einer von ihr beantragten Aktuellen Stunde mit der Kanzler-Bilanz zum Jahrestag beschäftigen musste. Und die Damen und Herren Volksvertreter lieferten dem staunenden Publikum ein bemerkenswertes Stück Staatstheater, das wirklich sinnbildlich zum Zustand des Landes nach einem Jahr Merz-Regierung passte.
Die Aufführung hatte den neutral klingenden Titel „Ein Jahr Regierung unter Bundeskanzler Merz – Auswirkungen auf Deutschland als führende Industrienation“. Aber selbstverständlich durfte man eine Anklage der AfD erwarten. Die war letztlich ein Selbstläufer. Zum einen konnten die AfD-Redner auf die Reihe der gebrochenen Wahlversprechen verweisen, egal ob bei Schulden und Steuern oder dem versprochenen grundsätzlichen „Politikwechsel“, und zum anderen von der Wirtschaftskrise reden, die Tag für Tag für immer bedrückendere und beunruhigendere Nachrichten von Unternehmenspleiten, Firmenverlagerungen, Betriebsschließungen und Stellenabbau sorgen.
Das ist wie ein Heimspiel, wenn die Zustimmungswerte für den Kanzler gerade neue Rekordtiefstände erreicht haben und sich die Unionsparteien trotzdem die politische Agenda weiterhin großteils von der kleinen SPD diktieren lassen. Genüsslich konnte Bernd Baumann, der parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion, darauf verweisen, dass es ganz ohne Neuwahlen auch jetzt schon eine schwarz-blaue Mehrheit gäbe, mit der sich notwendige Reformen durchsetzen ließen. „Beenden Sie diese Koalition“, rief Baumann in den Plenarsaal.
Das dürften sicher auch etliche Unionsabgeordnete wollen, aber es traute sich an diesem Tag wieder keiner von ihnen, das auch zu sagen. Alle Redner der Koalitionäre standen in Treue fest zu Regierung und Kanzler, der selbst erwartungsgemäß zu dieser Jubiläumsrunde nicht erschien.
„Schlichtweg keine Regierungskrise“
Wer den Bundestagsabgeordneten aus den Regierungsparteien lauschte, musste glauben, dass die in einem ganz anderen Land leben als ihre AfD-Kollegen. Das wäre noch nicht überraschend, aber offenbar auch in einem anderen Deutschland als dem, über das in den letzten Monaten in fast allen Wirtschaftsnachrichten die Rede ist. Entweder ist alles auf einem guten Weg – und wenn etwas nicht auf gutem Wege ist, dann sind die Anderen dran schuld.
Sebastian Roloff von der SPD erklärte beispielsweise, die Koalition hätte die Weichen für den Aufschwung gestellt, und der hätte nur nicht kommen können, weil die Amerikaner den Irak-Krieg begonnen hätten. „Donald Trump sei Dank, ihr Freund im Oval Office“, adressierte er gleich eine Mitschuld in Richtung AfD. Jetzt ginge es darum, auszuloten, wie viele Subventionen in den nächsten Jahren im Energiesektor möglich wären. Selbstverständlich müsse sich die Wirtschaft wandeln und Klimaschutz sei weiterhin bestimmendes Ziel. Der Gedanke, dass hohe Energiepreise auch etwas mit der deutschen Energiewende-Politik zu tun haben könnten, hat in diesen Kreisen keinen Platz.
Der CDU-Abgeordnete Klaus Wiener erklärte derweil aufgeräumt: „Es gibt schlichtweg keine Regierungskrise“. Vielleicht ist das so. Vielleicht lässt sich diese Regierung einfach weder von der Wirtschaftskrise noch von der tiefen und wachsenden Glaubwürdigkeitskrise der eigenen Mannschaft beim Wahlvolk anstecken und die gute Laune verderben. „Wir ringen um gute Lösungen“, verkündete der CDU-Optimist vom Dienst und anzuschließen mit: „Wir kommen zu guten Lösungen“. Der AfD warf er vor, dass sie so täte, als hätte sie etwas mit der Krise der Industrie zu tun. Das hätte Robert Habeck in seiner Zeit als Wirtschaftskrisenminister nicht schöner sagen können.
In Herrn Wieners Welt gibt es die hohen Energiepreise nur wegen Putin und Trump, obwohl keiner von den beiden für die Stilllegung und Zerstörung funktionstüchtiger Kraftwerke verantwortlich ist. Auch nicht dafür, dass zum Zeitpunkt ihrer Abschaltung kein heimischer Ersatz für deren grundlastfähige Stromerzeugung in Aussicht stand und Deutschland inzwischen zeitweise von der Belieferung aus Nachbarländern abhängig ist. Er bleibt dabei: Die Energiepolitik gehöre zwar auf ein neues Fundament, aber mit den gleichen Zielen wie bisher.
Wiemers Parteifreund Tilman Kuban arbeitete sich derweil daran ab, das AfD-Programm als wirtschaftsfeindlich darzustellen, als würde es die katastrophale Regierungsbilanz verschönern, wenn es die Opposition auch nicht besser könnte. Was für ein armseliges Politikverständnis. Ein Anderer aus den Reihen der Merz-Gefolgschaft in der Union, Felix Schreiner, verlegte sich ebenso darauf, die „Heuchelei der AfD“ zu beklagen und so kraftvoll wie inhaltsleer zu verkünden: „Wir wissen in der Koalition, dass wir uns nicht auseinander treiben lassen“. Noch schöner war der Textbaustein: „Die Bürger haben es satt, schlechte Laune verbreitet zu bekommen“. Das hat sich der Christdemokrat wohl bei Merzens Vorgänger Olaf Scholz abgeschaut. Der warf der AfD schon vor drei Jahren vor, sie wäre eine „Schlechte-Laune-Partei“.
„Auf Anklagebänken dieses Landes landen“
Damit könnten wir noch zu einem weiteren bemerkenswerten SPD-Darsteller in dieser Staatstheater-Aufführung kommen: Mahmut Özdemir. Der zunächst allen Kritikern entgegenhielt, dass Deutschland immer noch ein führendes Industrieland sei. Wahrscheinlich ist Deindustrialisierung in seiner Welt schon ein rechter Kampfbegriff, auch wenn er leider zutreffend beschreibt, was in Deutschland gerade Fahrt aufnimmt. Aber statt darüber zu reden, setzt auch er lieber auf Attacken gegen die AfD. Nach seinen Worten seien sie es, die „mit ihren amerikanischen, chinesischen, mit ihren dubiosen russischen Verbindungen, die Brandstifter sind, die diesen Industriestandort und dieses Land abschaffen wollen“. Am Schluss seiner Rede sagte er in Richtung AfD: „Industrieller Standard von Ihnen ist es: Vetternwirtschaft und auf den Anklagebänken dieses Landes zu landen“. Was ist da wohl gerade in seinem Kopf vorgegangen?
Selbstverständlich spielten in dieser Aufführung auch Redner der nominellen Oppositionsparteien Grüne und Linke mit. Aber sie mussten sich zuvörderst gegen die AfD positionieren, wodurch ihre Oppositionsperformance recht schaumgebremst wirkte. Das fällt angesichts der Tatsache, dass Kanzler Merz seinen Amtsvorgänger Olaf Scholz in puncto Unzufriedenheit und Unbeliebtheit schon nach einem Regierungsjahr klar überholt hat, recht deutlich auf.
Julian Joswig von den Grünen war die Energiepolitik der Merz-Regierung nicht mehr grün genug, doch er arbeitete sich lieber an Wirtschaftsministerin Reiche ab als am Kanzler. Aber was die AfD angeht, gab er der Regierung recht, sie sei die größte Gefahr für die deutsche Wirtschaft.
Mirze Edis von der Linken brachte seine Sicht auf die Oppositions-Konkurrenz mit der AfD so auf den Punkt: Die haben keine Antworten, wir haben einen Plan. Angesichts dessen, was dabei herauskommen kann, wenn die Genossen SED-Erben nicht nur einen Plan haben, sondern selbigen auch umsetzen könnten, sind „keine Antworten“ allerdings in jedem Fall die erträglichere Variante.
Die Regierungsparteien verlegten sich aufs Schönreden des eigenen Tuns und die kleinen Oppositionsparteien von links darauf, die größere Opposition von rechts stärker anzugreifen als die Regierung. Deren Ergebnis ist allerdings bislang unübersehbar desaströs. Wenn die AfD dies am deutlichsten beschreibt, dann sollte es bei dieser Konstellation im Staatstheater niemanden wundern, wer beim Publikum auch wieder am stärksten punkten konnte.

Nun, wenn man sich die Reden zu der fraglichen aktuellen Stunde einmal anhört, stellt sich schon die Frage, wann (nicht ob!) irgendjemand behaupten wird, Friedrich Merz habe kraft seiner übermenschlichen Fähigkeiten schon die Ställe des Augias entmistet, die lernäische Hydra besiegt und mit den Argonauten das goldene Vlies aus Kolchis geholt. Und besonders Engagierte werden berichten, er habe auch die menschenfressenden Rosse des Diomedes gezähmt und durch die Saat von Drachenzähnen werde er die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee seit Alexander dem -großen machen. – Alles nach dem Grundsatz: Nicht das Erreichte zählt, weil das Erzählte reicht.
„… Ein Jahr Regierung unter Bundeskanzler Merz – Auswirkungen auf Deutschland als führende Industrienation …“. Der zweite Teil des hochtrabenden Satzes müsste lauten: <Ein Blick auf Deutschland als GEWESENE Industrienation>!
Recht viele Redebeiträge auf Helge Lindh Niveau, vor allem bei der CDU. Ich bin beeindruckt.
Die CDU-Helges übertreffen sogar Grüne, SPD und Linke an Geistesakrobatik.
Helges Ingenium ist inspirierend und ansteckend. (Da schützt auch keine FFP-Maske.) Er ist vielleicht der einflussreichste Mitglied des Bundestages.
Helge Hoch oder ich schieße!
Auf Kanzler darstellen erpicht !… doch Kanzler sein , das kann er nicht. Ein Jahr Kanzler ist genug, Deutschland ward zum Trauerzug, der sich nur bergab bewegt und sich jetzt zu Grabe legt .
Schlagzeilen (googeln):
17. 11. 2011
Schon der freundliche Obama erklärte den asiatischen Pazifikraum zur Priorität Nummer Eins:
Die USA haben den asiatischen Pazifikraum zum neuen strategischen Schwerpunkt erklärt.
Der Westen alter Ordnung ist nur noch zweite Wahl.
Die US-Präsenz im Asien-Pazifikraum habe Vorrang und oberste Priorität, sagte Obama. „Die USA sind eine Pazifik-Macht, und wir sind da, um zu bleiben.“ -
Damit rücken die Partner in der Atlantikregion in den Hintergrund!
14. 12. 2021
Als US-Außenminister Blinken im Dezember 2021 Indonesien besuchte, sagte er: „Der indopazifische Raum ist die am schnellsten wachsende Region auf unserem Planeten. Ich bin hier, wir sind hier, weil das, was im Indopazifik geschieht, mehr als jede andere Region die Entwicklung der Welt im 21 Jahrhundert formen wird.
Europa kommt hier nicht mehr vor!
16. 05. 2022
Bei einem Sondergipfel der USA und einiger Asean-Staaten:
Biden spricht von Zeitenwende, Epochenbruch, Kipppunkt“…
US-Präsident kündigte eine „neue Ära“ im Verhältnis zu Südostasien an.
Trump kommt da noch gar nicht vor.
Und die deutsche Industrie:
z.B. DWS zum DAX:
Erwirtschaften von Umsätzen: 2022 erwirtschafteten die DAX-Mitglieder nur mehr weniger als 20% (!) ihrer Umsätze in Deutschland, dafür aber 22% beispielsweise in den USA, und damit mehr als in Deutschland. Weitere 15% der Umsätze resultieren aus dem Handel mit China, noch 24% aus Geschäften innerhalb der EU (ohne Deutschland).
Produktionsstandorte: Hier zieht es viele DAX-Unternehmen zu niedrigeren Energiekosten und wirtschaftsfreundlicheren Bedingungen. So befand sich 2023 nur noch so 30% (!) der Vermögenswerte (Fabriken, Büros und Maschinen) der DAX-Unternehmen in Deutschland.
Erläuternder Anhang: Nimmt man den MSCI World (als ETF erhältlich) so haben wir einen US Anteil von 72,43%, der deutsche Anteil ist 2,29%; alleine Apple ist fast doppelt so viel als alle 40 DAX Konzerte (!) zusammen.
Fällt der Herren Merz und Klingbeil dazu was ein?
Zwei mal Schlagzeilen (googeln):
14. 11. 2024
Zu den Zöllen: „Kostet Trump uns 42 Milliarden?“
und ebenfalls 14. 11. 2024
„Ifo beziffert Kosten der Bürokratie auf 146 (!!!) Milliarden Euro“
pro Jahr natürlich.
Die Bürokratie kostet uns also knapp „dreieinhalb“ (!!) mal so viel wie uns Trumps Zölle so wie noch 2024 prognostiziert kosten würden. Eigentlich könnte Trump sagen: Zölle gegen Deutschland, das erledigen die doch viel perfekter selbst mit ihrer Bürokratie, nicht nur bezüglich der USA, sondern gar noch darüber hinaus in der gnadenlosen Konkurrenz der Preise im Welthandel allgemein. Man hört schallendes Gelächter über den Atlantik dröhnen.
Im wirtschaftlichen Ringen zwischen den USA und Asien/China um Dominanz in der Weltwirtschaft wird Deutschland in die Depression abrutschen.
Fällt der Herren Merz und Klingbeil dazu was ein?
Strompreise in den G20-Staaten im Jahr 2025 im Vergleich, Angaben in Eurocent je Kilowattstunde (Z.B. bei verivox, ntv 09.04.2026 (googeln)):
Spitzenreiter ist Deutschland:
Deutschland 38,00 ct
Vereinigtes Königreich 37,23 ct
Italien 36,60 ct
Frankreich 23,60 ct
Australien 23,58 ct
Japan 22,33 ct
Südafrika 19,06 ct
USA 18,14 ct
Brasilien 12,40 ct
Südkorea 12,39 ct
Kanada 11,14 ct
Argentinien 10,72 ct
Mexico 9,43 ct
Indonesien 8,41 ct
Indien 7,09 ct
China 6,95 ct
Russland 5,95 ct
Türkei 5,88 ct
Saudi Arabien 5,06 ct
Man vergleiche in der Liste vor allem mal Deutschland mit den USA und China … aber auch mit Südkorea, Indonesien und Indien!
Bezüglich der Strompreise in Deutschland: Fixe Kosten wie Steuern und Umlagen machen mehr als 50 Prozent aus.
Im wirtschaftlichen Ringen zwischen den USA und Asien/China um Dominanz in der Weltwirtschaft wird Deutschland in die Depression abrutschen.
Fällt der Herren Merz und Klingbeil dazu was ein?