Henryk M. Broder / 14.07.2011 / 09:27 / 0 / Seite ausdrucken

Absinth und ARD

Das Regens­burger Landgericht hat letzten Montag den britischen Bischof Richard Williamson wegen der Leugnung des Holocaust in Abwesenheit zu ­einer Geldstrafe von 6500 Euro verurteilt. Williamson hatte 2008 in einem Interview mit dem schwedischen Fernsehen, das in Regensburg geführt wurde, die Zahl der Holocaust-Opfer als «übertrieben» bezeichnet und die Existenz von Gaskammern in Frage gestellt. Williamson gehört der Spezies der «alten Revisionisten» an, einer aussterbenden Gattung. Wer heute in Deutschland behauptet, den ­Holocaust habe es nicht gegeben, er sei ­eine Erfindung der jüdischen (bzw. zionistischen) «Lobby», macht sich nur noch lächerlich.

Das bedeutet nicht, dass der historische Revisionismus an sich tot ist. So wie sich der gute alte Antisemitismus als Antizionismus maskiert, so hat sich auch der Revisionismus ein neues Outfit verpasst. Ging es ihm früher darum, die Nichtexistenz von Gaskammern zu beweisen, um Deutschland von der Anklage des Völkermords freizusprechen, so tritt er heute zur Ehrenrettung von Mohammed Atta und Osama Bin Laden an. 9/11, sagen die neuen Revisionisten, sei nicht das Werk islamischer Fanatiker, sondern der US-Geheimdienste gewesen, um die «Besetzung» Afghanistans und den «Überfall» auf den Irak zu rechtfertigen.

Je länger 9/11 zurückliegt, umso beliebter werden solche Konstrukte. Zum zehnten Jahrestag von 9/11 kommt über ein Dutzend neuer Bücher auf den Markt, deren Verfasser von derselben Idee besessen sind: Es war die CIA! Oder der Mossad! Oder die CIA und der Mossad. Auf keinen Fall aber Mohammed Atta und seine Gang. Letzten Sonntag wurde im Kulturmagazin «Titel, Thesen, Temperamente» der ARD ­eines dieser Bücher vorgestellt. Resümee: «Die Regierung der USA verschweigt bis heute, wie und wer die Anschläge vom 11.?9. geplant und ausgeführt hat.» Der Autor hat sich als Fachmann für den Anbau und die Nutzung von Cannabis einen Namen gemacht, ein Buch über die Geschichte des Absinths herausgegeben und einen Roman über 9/11 geschrieben. Genau der richtige Mann, um in einem Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens «unangenehme Fragen» zu stellen und sie sogleich zu beantworten.

© Die Weltwoche 14.7.11

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