Das Plagiat gilt als schlimmste Sünde im akademischen Betrieb. Gross ist die Schadenfreude, wenn einer dabei erwischt wird. Ein Dünnbrettbohrer ist der Kopist, aber auch ein eitler Pfau, der sich mit fremden Federn schmückt. Prototyp ist Karl-Theodor zu Guttenberg, der gefallene deutsche Minister.
Ein völlig anderer Typ ist Slavoj Žižek: Eitelkeit wird dem slowenischen Philosophen niemand vorwerfen wollen. Ein bärtiger Zausel in verwaschenen T-Shirts, wirkt der 65-Jährige wie der Inbegriff des Nerds. Seinen Aufstieg zum «Elvis der Kulturtheorie», wie ihn das Fachblatt «International Journal of Žižek Studies» nannte, haben derartige Äusserlichkeiten nicht verhindern können. Vielleicht haben sie ihn sogar begünstigt: Ein Mann mit Ticks, der bei seinen mit schwerem slawischen Akzent gehaltenen Vorträgen den Rotz hochzieht und sich fortwährend an Bart und Nase greift, wurde der Ex-Jugoslawe zum philosophischen Popstar.
Der Plagiatsfall, ans Licht gebracht von einem Blogger, der sich Deogolwulf nennt, ist folgendermassen gelagert: 2006 veröffentlichte Žižek einen Aufsatz über den französischen Philosophen Jacques Derrida. Dabei übernahm er einen Text eines gewissen Stanley Hornbeck, der bereits 1999 in der Zeitschrift «American Renaissance» erschienen war, einem obskuren Organ, das von white supremacists herausgegeben wird, amerikanischen Neonazis, die von der Überlegenheit der weissen Rasse überzeugt sind. Hornbeck wiederum hatte Thesen des Antisemiten Kevin MacDonald zusammengefasst, der den Juden vorwirft, durch zersetzende Kritik das Selbstvertrauen des westlichen Mannes zerstört zu haben.
Die Rechtfertigung des bekennenden Marxisten Žižek: Ein Freund habe ihm Hornbecks Elaborat per Mail zugeschickt, von wem dieses stamme, habe er nicht gewusst. Im Übrigen empfinde er keinerlei Affinität für MacDonalds Theorien. Will heissen: Ein Plagiat an sich ist für Žižek nicht weiter problematisch, solange man beim Abschreiben nicht weiss, dass der Autor des kopierten Textes ein Rassist ist.
Verwundern muss Žižeks sorgloser Umgang mit anderer Leute Texte im Grunde niemanden: «Von den französischen Denkern hat mich Roland Barthes am meisten beeinflusst», sagte er dem Magazin «Ceasefire» vor Jahren. Barthes hatte 1968 die Theorie vom «Tod des Autors» aufgestellt, mit der bis heute Germanistikstudenten im Proseminar traktiert werden: Das Konzept individueller Autorschaft ist demnach überholt, woraus man folgern könnte, dass es die gesamte Menschheit ist, die an einer Art Welttext schreibt.
Wenn man es so sieht, schwindet natürlich auch die Verantwortung des Individuums für das Geschriebene, egal ob für ein Plagiat oder extremistische Äusserungen. Man darf das alles nicht so ernst nehmen, scheint Žižek dem Publikum augenzwinkernd zu sagen.
Vielleicht ist das ja der Grund, dass die deutschsprachigen Feuilletons – abgesehen vom Onlineportal «Perlentaucher» – die Affäre bis jetzt eher auf die leichte Schulter nehmen: Wer Žižek angreift, wirkt uncool. So hat sich der Denker in eine Position gebracht, in der ihn kaum einer noch kritisieren mag. Freilich zu einem hohen Preis: Der Philosoph hat sich selbst zum Clown degradiert.
Erschienen in der Basler Zeitung: http://bazonline.ch/kultur/diverses/Abschriften-eines-Clowns/story/24917391