Rainer Bonhorst / 27.07.2016 / 06:15 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 9 / Seite ausdrucken

Abschied von der Insel der Seligen

Später Abend auf einer Ausfallstraße in Augsburg. Die Beleuchtung ist mäßig. Rechts auf einer Strecke von zwei-, dreihundert Metern dichtes und hohes Gebüsch gleich neben dem Gehweg. Nicht gerade vertrauenerweckend. Auf dem Gehweg läuft ein junges Mädchen zügig, aber keineswegs ängstlich nach Hause oder zur nächsten Haltestelle. Ganz schön mutig, denke ich mir. Und dann: In welchem Land, in welcher Stadt ist es überhaupt möglich, als junge Frau eine solche Szene zu durchlaufen, ohne allzu heftige Angstgefühle! Eigentlich phantastisch!

Die Szene, die ich gerade geschildert habe, ist nicht einmalig. Ich habe das immer wieder erlebt. Und jedesmal gedacht: Was ist das für ein Glück, was für ein Stück Lebensqualität, an einem Ort, in einem Land zu leben, in dem man sich als Frau (und übrigens auch als Mann) seines Lebens so sehr sicher sein kann. Vielleicht idealisiere ich die Lage ein bisschen. Vermutlich hatten die jungen Frauen, die Teenager, die ich da an dieser schwierigen Strecke laufen sah, zumindest ein mulmiges Gefühl. Wird wohl so sein.

Dann muss ich an eine Besuchsgruppe aus Südafrika zurückdenken. Das ist ein paar Jahre her. Eine der besuchenden Frauen sagte mit einem Ausdruck höchsten Erstaunens: „Unglaublich! Hier bei euch kann man ja überall unbesorgt herumlaufen. Das ist bei uns in Johannesburg unmöglich.“ Die Frau, keine Weiße, eine Schwarze, genoss diese Freiheit sichtlich.

Aber das ist schon eine Weile her. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich sehe unsere große Freiheit, in ungewöhnlich hoher Sicherheit zu leben, bedroht. Dazu braucht es gar keinen Terrorismus. Es genügt eine vielfach verstärkte Frauenverachtung und eine verschärfte kriminelle Energie. Dann nimmt eine bittere Entwicklung ihren Lauf. Sicherheit ist Freiheit. Wir haben es erlebt und als selbstverständlich wahrgenommen. Jetzt müssen wir, so scheint mir, langsam lernen, dass Unsicherheit gleich Unfreiheit ist.

Es war schön, eine Insel der Seligen zu sein, langweilig aber kostbar

Natürlich sind wir weit von den Zuständen entfernt, die Rio, Moskau, Caracas, die Bronx und Johannesburg plagen. Aber eine mildere Form dieser Krankheit ist dabei, uns einzuholen. Deutschland und einige unserer Nachbarländer waren mal so schön langweilig und sicher. Jetzt steckt uns die Krankheit der Angst und Unsicherheit an, von der wir so lange verschont waren.

Wir sind keine Insel der Seligen, sagen die üblichen Schlauberger, und wenn sie das sagen, höre ich einen Hauch von Genugtuung in ihrer Stimme. Als wollten sie sagen: Wird auch Zeit, dass wir das nicht mehr sind. Endlich werden wir wie die anderen, die von Angst und Unsicherheit angefressen sind. Endlich werden wir normal. Stimmt. Wir sind keine Insel der Seligen mehr. Aber das ist ein verdammter Verlust und kein Anlass zu einer verdreht-realistischen Genugtuung. Es war schön, eine Insel der Seligen zu sein. Langweilig, ja, wie auf Dauer jede Insel. Aber kostbar. Wir sind dabei, etwas Kostbares zu verlieren. 

Wie sagt der Junge zu seinen supercoolen, unspießigen Althippie-Eltern? „Wenn ich groß bin, werde ich mal Spießer.“ Schön wär's wenn er es noch werden könnte. Unsere Insel der seligen Spießer wird nach und nach zu einem verlorenen Sehnsuchtsort. Und ich Spießer finde das ist zum Heulen. Etwas Verlorenes ist schwerer zu ertragen als etwas, das man nie hatte. Es ist übrigens schon eine ganze Zeit her, dass ich eine junge Frau an der etwas düsteren Strecke, die an meinem Heimweg liegt, selbstsicher laufen sah.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost

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Klaus Elmar Müller / 28.07.2016

Ein bewegender, auch rein literarisch hochstehender Text: etwas für meine Gymnasiasten!

Florian Sperber / 28.07.2016

Herr Bonhorst, ihr Text spricht mir aus dem Herzen. Ich lebe in Berlin-Neukölln. Hier ist es schon seit Längerem die Regel, dass in jedem Aldi und Lidl ein Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst steht. Dasselbe gilt fürs Bürgeramt, das Job-Center und viele andere öffentliche Einrichtungen. In den Fenstern von Kitas und Integrationskursanbietern sieht man Schilder, die geneigte Einbrecher darüber informieren, dass bei einem Einstieg nichts Wertvolles zu holen sei. Die Polizei rückt häufig nur noch im Dutzend und mit kugelsicheren Westen aus. An den Hauswänden liest man Slogans wie “Boycott Israehell!” und der arabische Fußballverein um die Ecke hat sich als Wappen eine Karte von Israel auserkoren, die komplett in den palästinensischen Nationalfarben ausgemalt ist. Europa ist dabei, in wenigen Jahrzehnten eine Form des zivilisierten Zusammenlebens zu verlieren, dessen Grundbedingungen es sich über Jahrtausende erarbeitet hat.

Wolfgang Reeh / 28.07.2016

Liebe Redaktion, Ich will achtut ein wenig unterstuetzen, aber lieber durch einmalige Beitraege als durch Patenschaft. Wie mache ich das? Ihr seid mittlerweile fuer mich inzwischen sowas, was wohl Radio Free Europe frueher fuer unsere oestlichen Nachbarn war - besten Dank! Gruss aus Singapur! Wolfgang Reeh

Steffen Bartels MA / 27.07.2016

Kompliment! Mein Gott, tut das gut, Wahrheiten zu lesen & zu Verstand und Sinnen zu kommen, wenn man abends den deutschen Alltag des Jahres 2016 ausgesperrt hat!  Es ist heute tatsächlich eine weitaus höhere Kunst, die Vergangenheit zu verstehen als die Zukunft zu kennen…

Alexander Gregori / 27.07.2016

Lieber Herr Bonhorst, ich heule mit Ihnen. Mir gehen fast täglich ähnliche Gedanken durch den Kopf, insbesondere wenn ich die (natürlich etwas subjektiv!) seligen Orte meiner Jugend heute sehe. Und wissen Sie was das Schlimmste ist? Dass man das Gefühl hat, man könne dem nicht wirklich etwas entgegensetzen.

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