Wenn es um Tourismus geht, verstehen die Grünen immer bloß Bahnhof. Das spannende, sich ständig verändernde Wertschöpfungsmodell der „Weißen Industrie“, die weltweit mehr Menschen ernährt als jede andere Branche, hat sie nie wirklich interessiert. Daher ist der Begriff „Tourismusexperte der Grünen“ ein Kurzwitz, etwa wie „Gehen zwei Journalisten an einer Kneipe vorbei“. Tourismus ist für Grüne prinzipiell böse und zu bekämpfen, weil er Energie benötigt. Menschen, die sich spaßeshalber ins Auto oder Flugzeug setzen, sind Umweltstrolche, die es umzuerziehen gilt, notfalls per Gesetz…
Der ideale Urlauber ist aus grüner Sicht einer, der mit dem Zug (seltsamerweise glauben viele Grüne, dass die Bahn keinerlei Energie verbraucht) nicht weiter als 300 Kilometer reist, sich auf einen zertifizierten Biobauernhof verkriecht und dortselbst Körner futternd und Fledermäuse zählend die schönsten Wochen des Jahres verbringt, ohne in dieser Zeit je einen Verbrennungsmotor in Anspruch zu nehmen. Wegen tief sitzender Ressentiments gegen die Mobilität an sich ist die Kombination „grüner Reiseexperte“ eine contradictio in adjecto.
Was Anlass gibt, jetzt, in der Hauptferienzeit, mal an das segensreiche Wirken von Halo zu erinnern, die es vor elf Jahren zu höchster Medienpräsenz brachte. Was, es erinnert sich keiner mehr an Halo Saibold, geb. 1943, Bonsai-Züchterin aus Bayern? Schade. 1998 war sie Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Ausschusses für Fremdenverkehr und Tourismus der Grünen. Rot-Grün besaß gute Aussichten, Helmut Kohl nach 16 Jahren aufs Altenteil zu schicken. Da kam die Halo ins Spiel und hätte um ein Haar noch alles gekippt. Ihre Forderung, die Flugreisetätigkeit der Deutschen drastisch einzuschränken, fand sich im Boulevard als „Mallorca auf Bezugsschein“ auf den Punkt gebracht. Wörtlich hatte sie u.a. gesagt: „Es reicht vollkommen aus, wenn die Deutschen nicht jedes Jahr, sondern nur alle fünf Jahre eine Urlaubsreise mit dem Flugzeug machen.”
Man muss wissen, dass die Grünen mit Tempo-100-Parolen und der Resolution ihres Magdeburger Parteitags, Sprit für Normalverdiener unbezahlbar zu machen, bereits reichlich Wähler vergrätzt hatten. Folglich fing sich Halo nicht nur eine verbale Tracht vom SPD-Rüpel Gerhard, sondern auch eine vom Parteifreund Joschka ein („Klappe halten“). Alle, aber auch alle in der Grünen-Spitze distanzierten sich eilfertig von der Dame, sogar der verschlagene Öko-Stalinist Trittin. Dabei war doch aus Halo nur heraus gebrabbelt, was alle in der Verbieter-Partei wollten: den Pöbel, der sich seine motorisierten Urlaubsfreuden einfach nicht ausreden lassen wollte, an die kurze Reiseleine nehmen. Bloß durfte man nicht so blöd sein wie Halo, dies ausgerechnet vor einer Schicksalswahl zu verkünden!
Die erste Quittung kam rasch. Bei den Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein verloren die Grünen 3,5 Prozent.
Der „Spiegel“ gab Saibold, wie die „taz“ später feststellte, „kurz und fies den publizistisch-politischen Gnadenschuss“:
“Als Vorsitzende des Bonner Tourismus-Ausschusses kann sich die fromme Halo leider nicht selbst an ihre Gebote fürs Volk halten. In dieser Legislaturperiode jettete sie unter anderem auf die Malediven, nach Japan, London, Brasilien, Prag und Lanzarote - vermutlich im festen Willen, das Ozonloch endgültig zu schließen.”
Rot-Grün siegte bei der Wahl 1998. Nicht so Halo. Die verpasste ihren Wiedereinzug in den Bundestag. Das Ende ihrer politischen Karriere mit hübschen 18000 Mark Bezügen im Monat (plus Spesen) vor Augen, nutzte sie das Ja der Grünen zur Kosovo-Intervention als Gewissensvorschub, um ihrer undankbaren Bagage den Laufpass zu geben. Sie jobbte dann eine Zeitlang in einem Öko-Laden, bis ihr der Öko-Boom suspekt wurde. Heute gibt sie als Beruf „Gesundheitsberaterin“ an und kriegt Rente.
Die hat sie sich verdient. Ohne Halo hätten die Grünen bei der Wahl anno ´98 womöglich weit mehr als magere 6,7 Prozent bekommen. Mit einem besseren Ergebnis hätten sie vielleicht viel mehr Schaden während der ersten Periode ihrer Regierungsbeteiligung anrichten können.
Einen geruhsamen Lebensabend, liebe Halo! Und schöne Ferien auch, wo immer Sie hinfliegen.
