Jesko Matthes / 10.08.2017 / 06:12 / Foto: Dorothea Lange / 0 / Seite ausdrucken

Die neun Pforten des Nichtwählers

Von Jesko Matthes.

Wanderer, kommst du nach Deutschland, verkündige dorten, du habest mich hier liegen gesehn, wie die F.A.Z. es befahl.

Kennen Sie „Die neun Pforten“? Das ist ein hoch politischer Film von Roman Polanski. Sie glauben mir nicht? Ich werde es erklären. Bleiben wir klassisch: Gehen wir von der Idee des Guten aus: Wählen gehen ist eine heilige Pflicht. So habe ich es seit nunmehr 33 Jahren gehalten. Ein einziges Mal habe ich eine niedersächsische Landtagswahl verdaddelt, weil ich frisch verliebt und im Urlaub war und nicht rechtzeitig die Briefwahl beantragt hatte. Sogar Europawahlen wurden mir zur Pflicht. Auch die F.A.Z. motiviert mich: „80 Prozent“ möchte sie an den Wahlurnen sehen. Jawoll! So handeln gute Demokraten.

Erstmals überlege ich ernsthaft, mir stattdessen einen schönen Sonntag zu machen und abends amüsiert zuzusehen, wie mit schwierigen Mehrheiten das nächste Kabinett „Merkel“ zustande kommt. Mit der SPD als masochistischem Juniorpartner? Mit der FDP, als Neuauflage der traditionell und vor allem zuletzt so erfolgreichen Schwarzgelb-Variante? Schwarzgrün - entdecke die Möglichkeiten - mit Boris Palmer als Innenminister und Claudia Roth als Familienministerin, Renate Künast im Verteidigungsressort? Schwarzgrüngelb, das Ganze genauso, aber mit Christian Lindner als Außenminister, weil Genscher und Kinkel und Westerwelle das auch dermaleinst waren?

Ich sehe es ein. Meine Einflussmöglichkeiten an der Wahlurne sind minimal. Eigentlich habe ich mit vorgenommen, Verhinderungwähler zu werden. Also müsste ich logischer Weise Linkspartei wählen. Blöder Weise widerspricht das einigen meiner albernen Grundüberzeugungen; bereits als Westberliner war meine Neigung, Honecker, Krenz, Modrow oder Gysi zu wählen, nie sehr ausgeprägt. Ich konnte es auch gar nicht, ich prallte immer irgendwie auf die Mauer. Und ich könnte damit Martin Schulz schwächen, der doch als gangbare Alternative zu Frau Merkel... oder etwa nicht? Darf ich auf diese schäbige Weise die Rettung Europas vor sich selbst behindern?

Gewiss doch, ich könnte AfD wählen. Es gelüstet mich nach Opposition. Dummerweise lege ich mich nicht gern mit Wladimir Putin ins Bett. Ich schnarche, und er ist in Krisenzeiten immer oben ohne, das geht nicht lange gut. Übrigens könnte ich dann auch Linkspartei wählen. Aber, bleiben wir bei der Wahlarithmetik. Ich zersplitterte das konservative Lager, falls es das noch gibt, und am Ende kommt die Große Koalition dabei heraus. Irgendwie hatten wir das doch schon?

Ich ziehe den Bremsfallschirm und werde sentimental

Also, wie wäre es mit der FDP. Christian Lindner geht ja gerade auf Möllemann-Kurs, das müsste mich doch locken können. Aber auch da lande ich am Ende mit Putin im Bett, da ziehe ich lieber rasch den Bremsfallschirm und werde sentimental: Wie schön war es doch im Guido-Mobil . Na, vergleichsweise. Auf hilflos lächelnde Gesundheitsminister  stehe ich weniger.

Die Grünen? Zu denen fällt mir leider nichts ein. Ich bin noch ganz eier-bedieselt im Sommerloch. Während meine Kanzlerin die Energiewende schon so erfolgreich vollzogen hat, werden mir ganz andere Menschen geschenkt: Grüne Abgeordnete beginnen, zur CDU abzuwandern oder betätigen sich, gemessen an ihrer Parteilinie, als Geisterfahrer. Da bleiben Die Grünen bei mir mal wieder außen vor. Sorry.

Nächste Variante: Ich splitte meine Stimme. Erststimme – tja, in meinem Wahlkreis haben nur SPD oder CDU Chancen, den stärksten Kandidaten zu stellen. Von denen habe ich ja gerade genug. Zweitstimme an eine andere Partei? Siehe oben.

Okay. Bliebe noch, eine absurde Partei zu wählen. Wird die Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands (APPD) antreten? Freibier für alle? Oder wenigstens „Die Partei“ , weil die Partei immer Recht hat? Christoph Schlingensief ist leider nicht mehr da, ich vermisse ihn täglich mehr, und Horst Schlämmer ist auch nicht mehr am Start. Wahlarithmetiker sagen mir ohnehin, dass ich damit nur die Wahlbeteiligung hoch triebe und allgemeines Interesse (oder Desinteresse?) an Politik bekundete, aber an der 5 Prozent-Hürde scheitern würde.

Schließlich könnte ich meine Stimme noch ungültig machen, indem ich nichts ankreuzte oder einen Comic darauf malte, was ich leidlich kann, aber das liefe auf dasselbe hinaus.

CDU, SPD, AfD, FDP, Linkspartei, Die Grünen, absurde Wahl, ungültige Wahl, Nichtwahl: Das sind die neun Pforten. De umbrarum regni novem portis. Jetzt habe ich Luzifers Bilder beisammen. Zur Wahl werde ich mich nämlich voraussichtlich in Portugal befinden, in der Nähe von Sintra, wo Roman Polanski einen Teil seines genialen Horror-Thrillers „Die neun Pforten“ gedreht hat. Das ist ein Film, in dem man sich lange fragt, ob die weibliche Hauptdarstellerin - nein, nicht Angela Merkel, deutlich attraktiver und noch geheimnisvoller: Emanuelle Seigner - nun der Engel ist oder der Teufel. Am Ende erfährt man es; und die neunte Pforte tut sich dem auf, der sich für die ganze alberne Angelegenheit nicht interessiert, sondern nur für sich selbst.

Ich glaube, bei der Bundestagswahl mache ich es einfach auch so.

Foto: Dorothea Lange USDA via Wikimedia Commons

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