Wolfram Ackner / 05.07.2020 / 06:22 / Foto: Pixabay / 85 / Seite ausdrucken

Ab heute korrekt gegenderte Texte mit Erkenntnis-Mehrwert

Mein Meinungsbeitrag „Ein Schweißer im Schneeflocken-Kombinat“ hat mir sehr viel Zuspruch, aber gerade in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke auch einiges an Kritik eingetragen. Dass ich ein veränderungsunwilliger, abgehängter, alter Ossiprolet bin, der es nicht verkraftet, dass die Deutschen von heute gebildet, tiefenentspannt, altruistisch, antifaschistisch, feministisch und antirassistisch sind … geschenkt. Aber es wurde auch hier und da appelliert, dass auch ich Verantwortung dafür trage, damit uns „unsere“ Demokratie nicht um die Ohren fliegt. Einerseits verblüfft mich das etwas, weil ich sonst nicht den Eindruck habe, dass diese Sorte Mahner ernsthafte Probleme mit provozierenden Polemiken hat – korrekte Haltung vorausgesetzt – andererseits ist da schon etwas dran.

Wenn selbst Christian Lindner und Horst Seehofer sich mit Demuts- und Buße-Gesten vor dem linksgrünen Zeitgeist verneigen müssen, um nicht öffentlich filetiert zu werden, wenn die von den verbliebenen CDU-Konservativen heiß herbeiphantasierte Erlöserfigur Friedrich Merz laut von einer Koalition mit den Grünen träumt, wenn L'Oréal in der allgegenwärtigen Rassismusdebatte auf „Aufheller“ verzichten will, Mercedes aus seinen „Silberpfeilen“ schwarze Pfeile macht und die Adidas-Personalchefin deswegen gegangen „wurde“, weil sie wagte, bei einer internen (!) Veranstaltung zu behaupten, dass sie nicht glaubt, dass Adidas ein generelles Rassismusproblem hat – um nur mal einige wenige Beispiele aufzuzählen – dann kann tatsächlich auch so ein abgehängter Ossiprolet wie ich nicht länger abseits stehen und so tun, als ginge mich der momentan tobende Bildersturm nichts an. Deswegen hier mein Einstieg ins Zeichen-Setzen-Business, mein erster Gehversuch im Haltungs-Geschäft. Ich präsentiere Ihnen meine erste Kurzgeschichte mit politisch korrektem Erkenntnis-Mehrwert in gendersensibler Sprache.

Fangen wir an.

Vermutlich hänge ich schon seit einer Stunde vor dieser winzigen 50 Euro-Glotze, auf der ein drittklassiger SM-Porno läuft. Mich darüber zu beschweren wäre unfair, schließlich hat mich Olga aus Polen, 22, große Oberweite, französisch ohne, griechisch, russisch, spanisch, S/M ohne Zeitdruck, alles darf, nichts muss, gleich bei meinem Eintreten in ihr winziges Studio im vierten Stock dieses schäbigen Duisburger Laufhauses gefragt, ob sie eine DVD einlegen soll, damit wir ein bisschen in Stimmung kommen. Nein, mich über die grotesken Dialoge und die unästhetischen Darsteller aufzuregen, wäre müßig. Denn ich habe ein echtes Problem. Wie ich schon erwähnte, hänge ich seit einer Stunde vor der Glotze.

Das meine ich wortwörtlich.

Ich hänge mit dem Kopf nach unten. Meine weit gespreizten Beine sind mit starken Lederriemen an zwei Eisenketten befestigt, die Eisenketten laufen durch zwei massive, in die Decke eingebaute Stahlringe und enden in einer großen Kurbel gleich neben dem Andreaskreuz. Und mit Hilfe dieser Mechanik, die an eine mittelalterliche Konstruktion zum Heraufholen des Brunneneimers erinnert, hat mich Olga aus Polen, 22, große Oberweite, französisch ohne, griechisch, russisch, spanisch, S/M ohne Zeitdruck, alles darf, nichts muss, bis direkt unter die Decke gekurbelt, mit einem satten, lauten KlackKlackKlack-Geräusch, wo ich nun seit einer Stunde hänge.

Splitterfasernackt. Die Arme mit Handschellen gefesselt und mit Seilen schmerzhaft eng auf den Rücken gebunden. Eine schwarze Latexmaske über den Kopf gestreift. In meinem Mund ein Knebel, der für eine verringerte Luftzufuhr sorgen soll, wenn ich anfange zu keuchen. Macht angeblich geil, das Gefühl, zu ersticken. So weit, so merkwürdig, aber mein wahres Problem kommt jetzt erst.

In meinem Arsch steckt ein Vibrator, beinahe so groß wie eine dieser riesigen Magnum-Taschenlampen, mit denen US-Polizist*innen in Hollywoodfilmen immer durch düstere Kulissen schleichen. Aber eigentlich ist auch nicht der Vibrator mein Problem, mein Problem ist folgendes. Olga aus Polen ist seit einer Stunde verschwunden. Ich bin zwar schon oft in meinem Leben von anderen Menschen hängen gelassen worden, aber noch nie hat es mich so geschmerzt wie heute, und wie es dazu kam, erfahren Sie hier.

Ich fuhr mit meinem Honda-Diesel-SUV die A44 entlang, den sogenannten Ruhrschnellweg, der mitten durch das Herz des Molochs führt. Dortmund, Bochum, Essen, Mülheim, Duisburg … tja, und eigentlich sollte ich diese Aufzählung mit Venlo, Eindhoven, Antwerpen, Terneuzen weiterführen, Terneuzen, wo ich seit 3 Jahren arbeite … wenn ich nicht jedesmal in Duisburg in der Dunkelheit an diesem Müllheizkraftwerk vorbeifahren würde, zu dessen Füßen, wie ich von einem meiner Duisburger Montageeinsätze weiß, das Laufhaus steht.

Vier Etagen voller sündiger Weiber.

Und dieses wunderschön angestrahlte Kraftwerk, von starken Flutern in ein leuchtendes, fast schon giftiges Grün getaucht, dieser illuminierte Solitär, der aus der dunklen, einsamen Nacht, aus den grauen halbverfallenen Häuserschluchten dieses Duisburger Arbeiter*innen- und Migrant*innenviertels herausragt, zieht mich jedes Mal an wie die Motte das Licht, und ich kann nichts dagegen tun.

Aller zwei Wochen fahre ich Sonntag Nachmittag los, von Leipzig nach Terneuzen. Ich höre, laut mitgrölend, Rammsteinlieder, führe stundenlange Selbstgespräche, telefoniere mit zwischen dem Ohr und der Schulter eingeklemmtem Handy, während ich mit der einen Hand lenke und der anderen Hand den Kaffeebecher halte, bohre mit tiefster Inbrunst in der Nase … kurz und gut, ich benehme mich wie ein völlig normaler Mann, der alleine eine 800 Kilometer Autofahrt zu bestreiten hat.

Bis dann plötzlich dieses giftgrüne Kraftwerk in meinem Blickfeld erscheint, zu dessen Füßen der Puff liegt, und eine mir unbekannte Macht die Steuerung übernimmt, mich in einen willenlosen Zombie verwandelt.

M-U-S-S  A-B-B-I-E-G-E-N
M-U-S-S  A-U-T-O-B-A-H-N  V-E-R-L-A-S-S-E-N
M-U-S-S  K-R-A-F-T-W-E-R-K  F-A-H-R-E-N

Als Mensch hat man eigentlich gegen höhere Mächte keine Chance, aber ich kämpfe. Ich kämpfe wirklich. In den zwei Minuten, die mir vom ersten Erblicken des giftgrünen Rotlichtbezirks bis zur Entscheidung verbleibt, ob ich in Duisburg-Hochfeld abfahre und einen kurzen Puffbesuch einbaue oder tapfer und diszipliniert bin und einfach weiterfahre, stemme ich mich mit aller Kraft gegen diese abgehackte, blecherne Roboterstimme in meinem Kopf, gegen dieses MUSSKRAFTWERKFAHRENMUSSKRAFTWERKFAHRENMUSSKRAFTWERKFAHREN. Gehe mit mir ins Gericht und zähle mir noch mal alle Gründe auf, die dagegen sprechen.

Dass es einfach widerlich ist. Dass das Laufhaus voll ist mit schmierigen, billigen, kleinen Freier*innen. Dass man in solcher Umgebung Gefahr läuft, selbst ein schmieriger, billiger, kleiner Mensch (m/w/d) zu werden. Dass viele der Sexanbieter*innen unter falschen Versprechungen nach Westeuropa gelockt und hier zur Prostitution gezwungen werden, regelrecht von Puff zu Puff weitergereicht werden.

Diese Argumente beenden für gewöhnlich das innere Zwiegespräch. Ich straffe den Rücken durch, setze den Blinker und fahre zum Kraftwerk. Es ist schließlich keine Schande, gegen höhere Mächte zu verlieren, solange man versucht hat zu kämpfen.

So ein Laufhaus hat schon eine eigenartige Atmosphäre. Dieses in Duisburg ist ein großes vierstöckiges Haus mit langen Fluren und schmalen Treppen, auf denen sich eine Ameisenstraße von Sexkund*innen entlangwälzt, mit gehetzten Gesichtern, Blickkontakt vermeidend. Sex-Junkies auf der verzweifelten Suche nach dem nächsten Schuss. In den kleinen Zimmern sitzen die halbnackten Sexanbieter*innen auf ihren Betten und werfen den Freier*innen, die ihren Kopf hereinstecken, um routiniert-prüfend die Ware zu mustern, lockende Blicke zu. Die Menschen (m/w/d) geben sich die Klinken in die Hand, man hört die Geräusche der sich schließenden Türriegel. Kurz und gut, es geht zu wie im Taubenschlag, oder treffender, wie in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt … es fehlt nur noch, dass über den Türen der Melkabteile die kleinen grünroten Leuchtschilder der Flugzeug- oder Zugtoiletten hängen würden.

„Besetzt“
„Frei“

Keine Ahnung, warum ich diesmal bis in das winzige SM-Studio unter dem Dach hinaufstieg, das so versteckt liegt, dass ich es beim letzten Mal nur durch puren Zufall entdeckte. Vermutlich war ich einfach neugierig auf außergewöhnliche Sachen … und die habe ich mittlerweile zur Genüge bekommen, denn unmittelbar nachdem mich Olga aus Polen, 22, große Oberweite, französisch ohne, griechisch, russisch, spanisch, S/M ohne Zeitdruck, alles darf, nichts muss, wie ein Paket verschnürte, knebelte, mir die schwarze Latexmaske über das Gesicht zog, mich splitterfasernackt unter die Decke kurbelte und mir diesen Monstervibrator in den Arsch schob, ertönte urplötzlich auf der Straße vor dem Laufhaus ein wahres Orchester an Polizeisirenen, Blaulicht, den aufgeregten Stimmen der Nutt*innen, ihrer Freier*innen und die bellenden Kommandos der Beamt*innen. So kam es, dass die Polizei und der Zoll auf der Suche nach Illegal*innen das Haus stürmte … und Olga mit entsetztem Quieken über das Dach türmte.

Meine Furcht, in dieser doch etwas unpassenden Aufmachung von den Beamt*innen gefunden zu werden, wich dann schon nach zehn Minuten der blanken Panik, von ihnen NICHT gefunden zu werden. Meine Fresse, dieser Vibrator mit seinem rotierenden Kopf ist wirklich Rock’n Roll, ist wirklich Heavy Metal! Das ist kein Vibrator, dass muss der Tunnelbohrkopf Leonie sein, auf seinem Weg vom Bayrischen Bahnhof zum Leipziger Hauptbahnhof, wo er innerhalb der nächsten Stunden ankommen wird und mir aus dem Mund fällt. Wenn ich nicht im Deckenspiegel sehen könnte, dass tatsächlich noch das Ende dieses Marterinstrumentes aus meinem Arsch herausragt, würde ich vermuten, dass die Tunnelbohrmaschine Leonie schon an der ‚Haltestelle Leuschnerplatz‘ angekommen ist.

Unter mir hörte ich die emsigen Beamt*innen von Zimmer zu Zimmer gehen und Personalien aufnehmen, ohne dass auch nur einer auf die Idee kam, mal über die kleine Stiege am Ende des Ganges hier hoch zu steigen und mich aus meiner misslichen Lage zu befreien. Und meine Hilfeschreie verhallten ungehört. Was soll ich machen? Mit einem Knebel im Mund klingt alles, was man in die Welt hinausschreien möchte, wie ein gedämpftes „mppff mppff mppff“.

Und das war vor einer halben Stunde. Seitdem baumle ich mit knallrotem Kopf von der Decke und wimmere resigniert vor mich hin. Machen die Batterien von dem Ding denn nie schlapp?!? Das ist ja wie in der Duracell-Werbung, wo die drei Spielzeughasen ihren Wettlauf starten, der eine mit Duracell-Batterien betrieben, die beiden anderen mit Konkurrenzprodukten, und die drei Hasen laufen los und hauen dabei auf ihre Pauken … und der Duracellhase läuft und läuft und läuft, während der Konkurrenz schon längst der Saft ausgegangen ist. Und ich Glückspilz habe natürlich den Duracellhasen erwischt, nicht die Konkurrenzprodukte … nur, dass mein Duracellhase nicht durch die Pampa marschiert und dabei debil grinsend in seine Pauke haut, sondern hinter mir kniet und mich unglaublich hart rannimmt. Sozusagen.

Vor Schmerzen heulend, betrachte ich in den Spiegeln des SM-Studios dieses nackte gefesselte Wesen mit der Latexmaske über dem Gesicht, das mit weitgespreizten Beinen kopfüber von der Decke baumelt, mit einem Riesenpflock im Hintern. Was für ein bizarrer Anblick! Ob es das Letzte ist, was meine Augen auf dieser Welt sehen? Dieses schwarze Futonbett mit der roten Delphin-Bettwäsche? Das Andreaskreuz an der Wand? Der Schlagbock in der Ecke? Die Sammlung an Vibratoren auf dem Nachttisch? Die kitschigen Poster? Wird morgen früh die BILD-Fotograf*in hier erscheinen und ihren/seinen/xsen Auslöser rattern lassen, auf das sich ganz Deutschland mit lustvollem Schauder mein bizarres Sterben betrachten darf???

Ich atme tief durch. Ich muss entspannen, meditieren. An andere Sachen denken. Die Pein und Qualen ignorieren. Aber das stellt sich als gar nicht so einfach heraus, denn urplötzlich, mit einem skalpellscharfen Stich in meinen Unterleib, meldet sich die Blase zu Wort. Ich muss pieseln. Jetzt. Sofort. Auf der Stelle. Warum muss ich beim Autofahren auch immer eimerweise den Kaffee in mich hineinschütten … ??

Mühsam richte ich den Kopf auf und blicke nach oben. Da hängt er, der blöde Zipfel, der mir das alles eingebrockt hat. Der kleine Tyrann, der mich immer wieder in brenzlige Situationen bringt. Da hängt er, der boshafte Einflüsterer, einen halben Meter über meinem Gesicht, starrt mich mit seinem mitten auf der Stirn befindlichen Glotzauge an und erzählt mir, dass ich ihm gestatten muss, mir ins Gesicht zu pinkeln. Doofer Pimmel! Ich hasse dich!! Du und deinesgleichen, ihr habt soviel Unglück über die Welt gebracht! Ich starre dem Feind ins Zyklopen-Auge, wissend, dass ich keine Wahl habe. Wenn ich mich nicht augenblicklich erleichtere, platzt mir die Blase. Das Stechen ist einfach nur qualvoll, unerträglich. Naja, was soll’s. Dann strulle ich mir eben ins Gesicht, der Abend ist doch eh im Eimer.

Doch o je, ich kann nicht pinkeln, weil ich komplett verkrampft bin und entspannen müsste, um Wasser lassen zu können … und entspannen ist für mich im Moment leider nicht drin, weil ich dazu den Schließmuskel lockern müsste, der mit eisernem Griff den Vibrator mit seiner bohrenden, rotierenden Spitze daran hindert, auf Nimmerwiedersehen im City-Tunnel zu verschwinden. Wellen des abartigsten, bösesten Schmerzes durchfahren mich. Tränen der Hoffnungslosigkeit perlen über meine Latexmaske. Ich bin am Ende. In wenigen Minuten wird meine Blase platzen! Womit habe ich nur diese Schmerzen verdient?!? Ich werde sterben! Ich werde ohne jeden Zweifel qualvoll sterben! Olga muss vom Dach gefallen sein, oder die Bull*innen haben sie erwischt. In dem einen wie in dem anderen Fall bedeutet es meinen Tod. Ich will jetzt wirklich nicht abwertend klingen, ich will jetzt wirklich niemanden zu nahe treten, aber Olga hat doch vom Tuten keine Ahnung. Dieser Mensch mit Brüsten und Vagina kann russisch, griechisch, spanisch und französisch ohne, aber nicht eine einzige verdammte Fremdsprache! Er/Sie/Es ist doch nie in der Lage, den Beamt*innen zu erklären, dass sie nochmal schnell zurück in ihren Workshop muss, weil sie hier noch ein Werkstück im Schraubstock festgespannt hat.

“MMPPFF!!! MMPPFF!!! MMPPFF”, keuche ich den den Knebel, doch auch dieser Schrei nach Hilfe verhallt ungehört.

Resigniert halte ich stumme Zwiesprache mit meiner Schöpfer*in.

Gott*in, nimm mich zu dir, ich ertrage die Schmerzen nicht mehr! Ich schwöre, ich habe keine Angst vor dem Tode, ich bin bereit. Schließlich ist das Leben nichts anderes als ein permanentes Sterben, ein stetes, unaufhaltsames Zugehen auf den Tod. Ein „Sein zum Tode“, wie es Heidegger nannte. Schon Sokrates meinte, dass der Tod nur zweierlei bedeuten kann. Dass er entweder ein Nichts-Sein ist, so dass der Tote auch keine Wahrnehmung mehr hat; oder er ist tatsächlich ein Übergang, eine Übersiedelung der Seele von dieser Stätte an eine andere. Und dass der Tod nichts Schreckliches an sich hat. Ist er ein Nichts-Sein, ist er ein traumloser Schlaf, ein Ausruhen von diesem Leben und damit angenehm. Ist er die Umsiedelung der Seele an einen anderen Ort, verheißt dies ewiges Glück und Seligkeit.

Ich wiege abwägend den Kopf und spüre dabei, wie meine wehenden langen Haare über den Gummiboden streifen. Andererseits ist den Philosophen in dieser Frage nicht wirklich zu trauen, denn Epikur lehrte, dass wir den Tod nie erfahren können, so, wie wir den Geschmack von süßem Honig oder die Kälte eines Eiszapfens erfahren können. Ich aber spüre den Tod, und er fühlt sich tatsächlich genau so an – wie ein eiskalter Zapfen. Andererseits macht dieses den-Tod-spüren-können es tatsächlich einfacher, es nimmt mir die Furcht vor dem Tod. Denn um wie viel verlockender ist die Aussicht, mich in seine barmherzigen Arme flüchten zu können, als jene, hier vielleicht noch weitere Stunden mit dem Kopf nach unten von der Decke zu hängen. Gefesselt, geknebelt, im Unterleib tausend glühende Nadeln und im Arsch eine russische Mittelstreckenrakete. Ich werde jetzt aufhören, mich gegen das Unvermeidliche zu sträuben. Ich werde meinen Arsch öffnen und mich wie ein Samuraikrieger in meinen Vibrator stürzen. Bitte lass es schnell vorbei sein! Amen.

Doch halleluja, halleluja, halleluja, gepriesen sei die Allmächtigix! Das „Amen“ in meinem Kopf ist kaum verhallt, als urplötzlich das grauenhafte, nervtötende Summen des Vibrators schwächer wird und verstummt. Dem verfickten Duracellhasen geht endlich der Saft aus! Oh Gott, ist das schön, dass endlich dieses Bohren aufhört! Endlich kann ich mich genug entspannen, um den Wasserhahn aufdrehen zu können, endlich kann ich meine höllisch schmerzende  Blase entleeren. Vorsichtig, wie ein Maschinist, der mit sehr viel Fingerspitzengefühl zwei fragile Kreisläufe neu austarieren muss, der mit viel Gefühl gleichzeitig ein verrostetes Ventil ein Stück weit, ja nicht zu viel, zudreht und gleichzeitig vorsichtig einen alten Schieber öffnet, lockere ich den Griff um den Vibrator bis exakt zu dem Punkt, wo ich die Wasserleitung wieder freigeben kann, ohne dass der Vibrator nachrutscht.

Und Wasser marsch.

So, wie die Wassermassen der Viktoriafälle mit ungeheurer Wucht auf die Steine und Felsen der Sambesi-Schlucht aufschlagen und Gischtwolken über die betörend schöne Landschaft versprühen, im harten Gegenlicht tausende kleiner und großer Regenbögen hervorzaubernd, so schlägt mir die gelbe Flut auf die Brust und verteilt sich in feinste Wolken. Doch das Gefühl der Erleichterung währt nur kurz, denn schon nach wenigen Sekunden haben sich meine Nasenlöcher in kleine Urin-Seen verwandelt. Mit dem Kopf nach unten zu hängen und die Nase voller Pipi zu haben ist wirklich nicht angenehm … aber wenn man dazu noch einen Knebel im Mund hat, dann hat man ein echtes Problem. Wie der Schwall eines Stausees, der mit tosender Wucht die morsche Staumauer zerbröselt; erst einzelne Steine herauslösend, dann, mit der Kraft eines Titanen, der seinen Oberkörper durch dieses kleine Loch in der Mauer steckt und anfängt, mit seinen muskulösen Armen ganze Mauerbrocken herauszureißen, um der Flut ungehindert Weg zu bahnen; ergießt sich der Urin über mich, mir den letzten Atemweg nehmend. Pisse hochziehend und Pisse kraftvoll aus den Nasenlöchern stoßend, kämpfe ich gegen das Ersticken, als ich plötzlich das Klappern des Balkonfensters höre.

„DU CHLEINES FERKEL!“

Während die letzten Tropfen an mir abperlen und ich mühsam versuche, meine Panik niederzuringen, betrachte ich schwer atmend den gepiercten Bauchnabel direkt vor meinen Augen und blicke nach unten, was in meinem Fall oben bedeutet. Heulkrämpfe schütteln mich. Ich bin gerettet. Ich bin endlich gerettet!

„DU CHLEINES CHLEINES SCHWCHEIN!“ wiederholt Olga aus Polen, 22, große Oberweite, französisch ohne, griechisch, russisch, spanisch, Sadismus völlig ohne jeden Zeitdruck, überhaupt nix darf, alles muss, in ihrer gestrengen Dominastimme und streckt ihre Hand nach dem Vibrator aus.

„Oh nein, Baby, lass das Ding bitte stecken! Bitte, nimm die Hände da weg, die Stelle ist grad ein wenig überreizt. Bitte, ich will den selbst rausziehen! Bitte, mach mir die Handfesseln und den Knebel ab, ich kümmere mich selbst um den Vibrator! Bitte, nein, bitte, das Ding ist mir inzwischen im Arsch festgebacken wie eine Forelle, die zu lange auf Backpapier im Ofen lag, du wirst der Forelle die komplette Fischhaut abreißen. Wenn du denn jetzt rausziehst, dass wird wie eine Ganzkörperflüssigwachsenthaarung, bitte, Baby, nein, Hände weg …“

„AUMPPFF AUMPPFF AUMPPFF“

Das KlackKlackKlack-Geräusch der Kette ist das letzte Geräusch, dass zu mir durchdringt, bevor es vor meinen Augen schwarz wird.

Liebe Leser*innen, lassen Sie sich dieses Erlebnis ein mahnendes Beispiel sein, wohin mangelnde Triebkontrolle führen kann, reflektieren Sie Ihre eigene Einstellung zur Prostitution und bleiben Sie mir gewogen, wenn ich Ihnen in Kürze schildern werde, was eine Kettensäge, zwei Gramm Koks und eine komplett aus dem Ruder gelaufene Party damit zu tun haben, dass ich zum Vegetarier wurde.

Foto: Pixabay

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Hjalmar Kreutzer / 05.07.2020

Bravo, Herr Ackner! Danke, danke, danke für das „Wort zum Sonntag“! (Tränenlach) Deutschland als Sadomasopuff, da muss erst so ein „alter Ossiprolet“ drauf kommen. Und es trifft so voll auf die Zwölf. Bitte bleiben Sie so und gehen Sie in Deckung, falls die Schwulizei mit regenbogenfarben angemalten E-Scootern Sie in Ihrem Diesel jagt.

Markus Harding / 05.07.2020

Meine Erkenntnis daraus: Texte von Wolfram Ackner nicht mehr anklicken. Ist bei der Achse etwa irgendjemand der Meinung, so etwas könnte zukünftig als Ersatz für Archi Bechlenbergs sonntägliche Antidepressiva sein?

Anna Sophia von Velasco / 05.07.2020

Huch, da bin ich aber mächtig gespannt auf die Kommis. Jedenfalls bin ich jetzt wach.

J.G.R. Benthien / 05.07.2020

Mein persönlicher »Erkenntnismehrwert« nach der Lektüre: 1. Sie sollten einen fähigen Psychotherapeuten aufsuchen. 2. Die »Achse des Guten« setzt alle Hebel in Bewegung, ihre Reputation in den unkontrollierten Sturzflug nach unten überzuleiten. 3. Ich will immer noch keinen Gender-Dreck.

M. Grau / 05.07.2020

Was hat dieser Beitrag bitte auf Achgut.com zu suchen? Schrauben wir das Niveau hier jetzt auch ein wenig herunter, um mit N-TV gleichzuziehen? Schäbig!

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