Gunter Weißgerber / 18.08.2019 / 11:00 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 4 / Seite ausdrucken

“Ab heute heiße ich Margo” – ein Buch wird immer besser

Die Ereignisse in Deutschland seit 2015 wirken auf viele Menschen bedrohlich. Die Macht der politischen Korrektheit, die Verdrehung von Tatsachen in manchen Medien sowie die scheinbare Ignoranz der Politik gegenüber den Bedürfnissen der Bevölkerung führen vielerorts zu Frustration. Manch einer fühlt sich angesichts der staatlichen Deutungshoheit über die Wahrheit gar an die beiden deutschen Diktaturen erinnert. Nicht zuletzt, weil Teile der Linken immer weniger ihre totalitäre Ausrichtung kaschieren. Wie aber andere für die Gefahren sensibilisieren, die von einem derartigen System ausgehen? Nackte Tatsachen sind zunächst das beste. Doch dort, wo es um das sinnliche Begreifen von Folgen geht, leistet Literatur manchmal die bessere Aufklärungsarbeit. Einen gelungenen Roman über die NS- und DDR-Zeit, penibel recherchiert und authentisch bis ins Detail, legte Cora Stephan bereits im letzten Jahr vor. Er verdient, gerade auch 2019 gelesen zu werden.

Autobiografisch? Biografisch? Ein sympathisch packender Roman über wechselvolle Zeiten mit frei erfundener Handlung und ebenso erfundenen Personen? Jede Menge zeitbezogenes Detailwissen, jede Menge Zusammenhänge, die einfach passen? Cora Stephans Roman Ab heute heiße ich Margo fesselt als Familienroman und ist gleichzeitig ein gelungenes Sittenbild über das Leben in zwei Diktaturen, die mit ihren Tentakeln in der wiedervereinigten Bundesrepublik andockten.

Cora Stephan hat als Anne Chaplet das Krimischreiben geübt, was der Geschichte anzumerken ist, die bis zum Schluss die Spannung hält. Am Ende steht die anfängliche Frage noch immer im Raum: Was ist (auto-)biografisch, was wurde beigemischt? Für das erste Drittel des Buches vermutete ich biografische Elemente. Einige Geschehnisse gingen dadurch mental näher, als Erzählungen es für gewöhnlich zu erzeugen vermögen. Aber vielleicht ist das auch nur der Eindruck, weil die Autorin ihre Figuren so lebensecht agieren lässt.

Im Kern ist es ein Buch zweier Frauen, Margo und Helene, die sich aus althergebrachten Geschlechterregeln emanzipieren; gedemütigt, gequält und benutzt werden, und die sich dennoch als die eigentlich starken Persönlichkeiten erkennen lassen. Auch sie dirigieren und setzen andere ein – hier besonders das andere Geschlecht. Cora Stephan gelangen mehrere starke Akteure, am stärksten haben sich mir die Figuren Margo und Helene eingeprägt. Mit beiden lässt sich gut mitfiebern. Beide verbindet ein Geheimnis, weshalb sich ihre Wege immer wieder kreuzen.

„Das ist Ungeziefer. Das sind Juden.“

Stendal 1936: Margarete Hegewald will kein Kind mehr sein. Äußerlich meint sie damit Faltenrock, Kniestrümpfe und Strickjacke. Wäre sie dabei stehen geblieben, würde sie damit weiterhin ins gesellschaftliche Gefüge der Zeit passen. In Margarete steckt aber mehr, wesentlich mehr. Die Zöpfe müssen weg, für den eigenen Lebensunterhalt arbeiten will sie und vor allem: auf ein Auto sparen! Diese Idee kommt sozusagen vom Führer, denn der hat ja den Volkswagen angeleiert ... Wenn das der Führer wüsste! Auf den hält sie damals mit Begeisterung große Stücke. Zunächst hat Hitler ja die germanische Frau als Kameradin favorisiert – und später die Frauen in der Rüstungsproduktion eingesetzt.

Die mit dem NS-Staat und Hitler einverstandene Margarete weiß noch nicht, dass sie praktisch nicht für das System ‚konstruiert’ ist. Der junge Diplomat Alard (ihr erster Schwarm) erkennt dies hingegen sofort: „Aber Sie werden Auto fahren. Sie werden fliegen. Sie werden alles tun, was Sie sich nur wünschen, … Sie werden frei sein. Ich spüre das. … Darf ich Sie Margo nennen?“ (S. 47). Am nächsten Tag will Mutti haarklein erzählt bekommen, was es zu essen gab. „Schnittchen mit was drauf“, antwortet Margarete. „Und ab heute heiße ich Margo.“ (S.49).

Dies bleibt ihre Paradeantwort bei Auseinandersetzungen mit dem autoritären Vater, mit den Kolleginnen im Fotolabor und mit dem Frauen-am-Herd-Zeitgeist. Margo, im Grunde unpolitisch veranlagt, streift ihre NS-Bejahung sehr langsam, aber stetig ab. Das hat auch mit Helene zu tun. Helene ist Jüdin, was Margo jedoch nicht ahnt. Helene weiß das gut zu verstecken:

„‚Helene!’. Fast wären sie zusammengestoßen. Helene schrie leise auf und ließ die Fotokartons fallen, die sie in den Händen gehalten hatte. Das fehlte noch, dachte Margo, murmelte ‚Verzeihung’ und ging auf die Knie, um ihr beim Aufheben zu helfen. ‚Lass nur’, murmelte Helene und fegte mit der Hand die Fotos zusammen, die aus einem der Kästen gefallen waren. ‚Vorsicht!’ Margo war einen derart ruppigen Umgang mit mühevoll und sorgfältig erstellten Abzügen nicht gewohnt und rettete die anderen vor Helenes ungeduldigem Griff. Ihr Blick fiel auf das oberste der Fotos. Und dann wünschte sie im nächsten Augenblick, das alles nie gesehen zu haben. ‚Was ist das?’ ... ‚Ach das’, Helene nahm es ihr hastig aus der Hand. ‚Und das hier?’ … ‚Woher hast du das, um Himmels willen?’. Helene wich ihrem Blick aus. ‚Soldatenfotos. Ich habe die Kartons durchgesehen, die seit zwei Wochen nicht abgeholt worden sind.’ ‚Aber – sind solche Aufnahmen überhaupt erlaubt?’

Helen lächelte, ein schmallippiges, unfrohes Lächeln. … ‚Du weißt doch: Soldaten sollen fotografieren! Führerbefehl. Die Kamera – der optische Panzer!’ … Aber diese Bilder hier … da waren Kolonnen von Menschen, alte Leute, Frauen, Kinder. Auf einem der Fotos schlugen Männer mit Knüppeln auf Wehrlose ein, Soldaten in deutschen Uniformen schauten lachend zu. Mädchen in Kniestrümpfen und verdrehten Gliedmaßen und aufgerissenen Augen lagen am Straßenrand neben Frauen in dicken Röcken. Ein betender Mann stand vor Leichenbergen, Leichen von ganz normalen Bürgern. ‚Erklär mir bitte, was das ist’, flüsterte Margo. … ‚Wieso unternehmen unsere Männer nichts?’ ‚Warum sollten sie?’ Helene verzog den Mund, als ob sie ausspucken wollte. ‚Das sind keine Zivilisten. Das ist Ungeziefer. Das sind Juden. Die dürfen erschlagen werden.’ … Es widersprach allem, was sie (Margo, Anm. d. Aut.) gelernt hatte – über Anstand und Ehre eines deutschen Soldaten.“ (S. 153/154).

Alles am richtigen Platz

Im Verhör durch die Gestapo hält Margo intuitiv zu Helene, von der sie inzwischen den jüdischen Hintergrund kennt („Tagebucheintrag 22. Februar 1942“ S. 164-168). Dem Vorwurf einer lesbischen Beziehung zu Helene ist sie hilflos ausgesetzt, Helene als Jüdin auszuliefern, das fällt ihr nicht ein. Es ist eine menschliche Haltung, mit Antipathie zur NS-Rassenpolitik hat das noch nichts zu tun. Helene erfährt von Margos Kooperationsunwilligkeit mit der Gestapo leider nichts. Das zunehmende Vertrauen wandelt sich in eine tief konfliktbeladene Beziehung. Helene denkt, Margo sei eine Verräterin. Helene kommt ins KZ und muss die vermeintliche Illoyalität Margos als Mitursache der Verfolgung annehmen.

Cora Stephan scheut sich nicht, Helenes Überlebenskampf im KZ, und gerade im KZ-Bordell zu schildern, was sehr bedrückend zu lesen ist. Die Autorin lässt Helene auf Seite 281 sagen: „Ja, es gab Übleres als die Arbeit im Häftlingsbordell in Buchenwald. Und das, was wehtat, war nicht der Verlust der Ehre. Die war schon lange futsch. Was sich tief bis in die Knochen einfräste, war das Gefühl, von seinem eigenen Körper getrennt zu sein. Der Körper wurde gut versorgt und für seine Aufgaben in Schuss gehalten.“ Jahre später ist es der MfS-Mann Hans Stahl, der Helenes Körper für sich und seine Ziele nutzt. Nicht als Herr im KZ. Stahl vergeht sich als Besitzer und skrupelloser Nutzer von Herrschaftswissen an ihr.

Cora Stephan besitzt ein tiefes Wissen über das Leben in den Zwängen der NS-Gesellschaft, über Flucht und Vertreibung, die Atmosphäre in der alten Bundesrepublik und in der DDR, selbst die verschwundenen SED-Millionen finden ihren korrekten Platz.

Spannend und hochaktuell

Das ursprüngliche Funktionieren und das zunehmende Nichtfunktionieren Margos im täglichen Leben bis 1945 werden plastisch beschrieben. Die Autorin beweist tiefgründiges Wissen über das Leben derer, denen die NS-Gesellschaft ihre Existenzberechtigung abspricht. Cora Stephan ist nicht nur in der diesbezüglichen Literatur zu Hause, sie hat sich selbst in die Archive eingearbeitet, Lebenslinien und Schicksale aufgenommen. Politisch eine kluge Frau, fängt sie ebenfalls Zusammenhänge und Konfliktlinien der letzten dreißig Jahre ein. Der Autorin ist es nicht anzumerken, dass sie westdeutsch sozialisiert ist. Ihre Erzählung wirkt bis ins Detail authentisch, auch oder gerade da, wo es ostdeutscher Erfahrungen bedarf. Der Autorin gelingt auf Seite 496 noch eine sehr interessante Szene. MfS-Mann Stahl zu Helene:

„‚Es wird über kurz oder lang zu einer Vereinigung beider deutscher Staaten kommen.’ ‚Ein Ende der DDR? Was für eine Idee!’ Stahl wiegte den Kopf. ‚Oder der BRD. Wie auch immer: Unsere Abteilung jedenfalls sollte auf jede Wendung der Geschichte vorbereitet sein.’“ Der DDR-Schriftsteller Erich Loest ließ das 2008 seinen im „Falco“ speisenden Ratzel ähnlich sagen. Um die Partei zu retten, musste der Staat zeitweise geopfert werden.

Diese zeitliche Besitzpause scheinen die SED-Nachfolger inzwischen überstanden zu haben. Weite Bereiche der gesellschaftlichen Diskussion der um die „DDR“ vergrößerten Bundesrepublik werden im Moment von einem Gemisch aus altlinker westdeutscher Denke und der sogenannten SED-Reformer durchwabert. Selbst die Antifa, die unter „DDR“-Bedingungen gut und gern als Abteilung des MfS ihren Dienst hätte tun können, gehört spätestens seit dem Herbst 2018 auch zum offiziellen Mobiliar der SPD. Denn Diffamieren, Zersetzen, Bedrohen waren das Kerngeschäft des MfS gegen die eigene Bevölkerung und alles, was nicht SED-konform war, galt als faschistisch. Cora Stephan schreibt spannend und hochaktuell.

Ab heute heiße ich Margo ist ein Kriminalroman als Familiengeschichte vom Dritten Reich bis ins Deutschland der Wiedervereinigung. Margo bietet erzählerisch und detailfest genau den Stoff, aus dem viele ausgezeichnete TV-Mehrteiler gestrickt waren, die in den letzten drei Jahrzehnten auf die Bildschirme kamen. Fehlen nur das Drehbuch und weitblickende Filminvestoren.

Ab heute heiße ich Margo von Cora Stephan, 2018, Köln: Kiepenheuer & Witsch, hier bestellbar

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Ruth Herrmann / 18.08.2019

Herrn Weißgerber kann ich nur zustimmen, ich habe das Buch eben das zweite Mal gelesen, obwohl ich doch eher zu Sachbüchern neige.  Frau Stephan gebührt große Anerkennung, sie hat Zeitgeschichte verpackt in einem spannenden Roman. Ein tolles Buch, das man empfehlen und verbreiten muss. Übrigens, wer Günter de Bruyn noch kennt, “Der neunzigste Geburtstag” auch sehr lesenswert!

sybille eden / 18.08.2019

Das ist wirklich ein großartiges Buch , aber leider werden es wieder nur diejenigen lesen ,die vieles davon sowieso schon wissen.

Markus Knust / 18.08.2019

Ich bedanke mich ebenfalls und habe mir das Buch gleich auf meinen Reader gezogen.

Marc Blenk / 18.08.2019

Lieber Herr Weißgerber, danke für den Literaturhinweis. Ich werde mir das Buch bestellen.

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