Michael Meyen war ganz oben angekommen im Wissenschaftsolymp. Doch dann kam Corona. Angst geht um in der Wissenschaft.
Der 1967 in Bergen auf Rügen geborene Journalist und Medienforscher wurde schon mit Mitte 30, nämlich im Jahr 2002, auf eine Professur für Allgemeine und Systematische Kommunikationswissenschaft an die Ludwig-Maximilians-Universität München berufen. Er erhielt renommierte Auszeichnungen für seine Publikationen und war Initiator und Sprecher von drei großen Forschungsverbänden. So hätte es weitergehen können.
Doch dann kam Corona. Und spätestens nach seiner Beteiligung an der maßnahmenkritischen Aktion #allesaufdentisch im Oktober 2021 wurde Meyen plötzlich zu einer persona non grata. Mittlerweile läuft sogar ein Disziplinarverfahren der Landesanwaltschaft Bayern gegen ihn. Vorgeworfen wird ihm unter anderem seine zeitweise Mitherausgeberschaft der Zeitung „Demokratischer Widerstand“.
In seinem aktuellen Buch „Wie ich meine Uni verlor“ handelt Meyen aber nur am Rande seine persönlichen Erfahrungen ab. Vielmehr zeichnet er darin die Entwicklungen nach, die Universitäten während der letzten Jahrzehnte durchlaufen haben und die dazu geführt hätten, dass die Freiheit der Wissenschaft systematisch ausgehöhlt worden sei.
Dabei sei die Universität „das Nadelöhr, das jeder passieren muss, der irgendwann irgendwo etwas zu sagen haben will“. Meyen beschreibt drei Hebel, die Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre erdacht worden seien, aber heute erst ihre volle Wirkung entfalten, weil „die ersten Produkte der neuen Universität die Schaltstellen in Politik, Wirtschaft, Verwaltung entern und als Professoren gar nicht mehr auf die Idee kommen können, dass akademische Lehre mehr ist als die Zertifizierung von Sekundärtugenden und Forschung keine Magd der Macht“.
Qualität steht nicht mehr im Mittelpunkt
Diese drei Hebel, auf die Meyen sich bezieht, sind der Bologna-Prozess, die Politisierung der Forschung durch den Zwang zu Drittmittelaquise und der Druck durch Rankings und Veröffentlichungsindizes, in deren Mittelpunkt nicht mehr die Qualität von Publikationen steht, sondern deren schematische Messbarkeit. So legt der sogenannte H-Index den Rang eines Wissenschaftlers etwa durch die Zahl seiner Zitationen fest: Möglichst viele oft zitierte kurze Texte zählen dadurch mehr als ein noch so fundiertes Buch.
Und zum Bologna-Prozess, der Universitäten weitgehend verschult habe und kaum mehr Raum für eigenständiges Denken lasse, merkt Meyen sarkastisch an, dass er durch seine allerersten Studienerfahrungen in der DDR gut auf ihn vorbereitet gewesen sei. Ab 1988 hatte Meyen nämlich in Leipzig Journalistik studiert, bald jedoch achtzehn Monate des Umbruchs erlebt, die er als eine Zeit der Freiheit, der Offenheit und der Neugierde erinnert.
Durchaus selbstkritisch reflektiert Meyen hingegen seine Naivität und seine SED-Mitgliedschaft in jungen Jahren. Und auch der Untertitel seines Buchs klingt selbstironisch: „Dreißig Jahre Bildungskrieg. Bilanz eines Ostdeutschen.“ Und Meyen legt nach: Wenn es heute um „Gendern, Corona, Klima“ geht, höre er „Klassenfeind, Weltfrieden und die unverbrüchliche Freundschaft zum großen Bruder, zur Sowjetunion“.
Auch wenn sich Meyens durch und durch aufschlussreiches Buch stellenweise geradezu vergnüglich liest: Meyens Bilanz fällt insgesamt ernüchternd aus. Eine Angst gehe um in der Wissenschaft, die sich schwer greifen, aber auf die Moralisierung aller Lebensbereiche zurückführen lasse. Diese Angst beschneide alles: Themenbreite, Fragen und Antworten. Heerscharen von Wissenschaftlern stürzen sich Meyen zufolge vor allem auf die Fragen, Theorien und Methoden, denen die „Koalition“ aus Großunternehmen und Staat via EU-Kommission, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Landesministerien, Behörden, Parteien oder Stiftungen ihre Töpfe widmet. Diese steuergefüllten Fördertöpfe dienen implizit oder explizit der Kaderproduktion, so Meyen.
Leitmedien liefern die Themen und die Moral
Zur Rolle der Leitmedien stellt Meyen in diesem Zusammenhang fest, dass Leitmedien zwar die Themen liefern, über die jeder mit jedem reden könne, aber dazu auch gleich noch die Moral, die man damit verbinden sollte, wenn man nicht geschnitten werden möchte. Der Mensch sei nun einmal ein soziales Tier und möchte dazugehören. Um nicht aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden, seien die meisten dazu bereit, ihren eigenen Augen und Ohren zu misstrauen und nachzuplappern, was die Mehrheit sagt. Wenn jedoch die Resonanz in den Leitmedien zu einem Kriterium für wissenschaftliche Qualität werde, dann habe das ganz unabhängig von politischen Geldtöpfen Folgen für die Personalauswahl, für die Forschungsthemen und sogar für die akademische Lehre.
Mit einer Berufungspraxis, die sich an Geldern von außen orientiert, habe sich die Politik außerdem einen Weg in das Innerste der Universitäten gebahnt, der viel eleganter sei als einst der Radikalenerlass: Heute säubert man nicht mehr, sondern infiltriert. Und Meyen resümiert: „Wissenschaft ist die Religion der Gegenwart. Um etwas durchzusetzen, brauche ich Priester mit Professorentitel, Studien, Akademien, Ethikräte. Ohne die Weihen von Gelehrten keine Absolution. Diese Deutungshoheit macht die Universitäten attraktiv für alle, die tatsächlich etwas durchsetzen können. Große Unternehmen, Stiftungen, Parteien, überhaupt: die Politik und ihre Behörden.“
Meyen beherrscht die Kunst, mit leichter Feder Illusionen zu rauben. So diagnostiziert er, dass die Moralisierung der akademischen Forschung der letzte Schritt auf dem Weg zur außengeleiteten Universität sei, der in den 1990er Jahren begonnen habe und auch deshalb so lange dauern musste, damit sich die Insassen daran gewöhnen konnten. Dennoch kommt Meyen letztlich zu dem Schluss: „Wir sollten weder unsere Zeitungen verlorengeben noch unsere Schulen und Universitäten.“
Michael Meyen, Wie ich meine Uni verlor, edition ost 2023, 174 Seiten
Lesen sie zum gleichen Thema das nun schon in zweiter Auflage in der Achgut-Edition erscheinende Buch:
Land ohne Mut
von Michael Esfeld. Er beschreibt darin, wie wir durch die Rückkehr zur Vernunft den Angriff der Kollektivisten auf die offene Gesellschaft und den Rechtsstaat abwehren können. Bestellbar hier.

Wer von der Linie der Partei abweicht, sei es aus Anstand, aus Leichtsinn oder aus Trotz, wird aussortiert. Das ist so im totalitären Staat. Das ist schiere Notwendigkeit. Das abschließende Zitat der Rezensentin aber läßt mich ratlos stehen: Was soll ich bitte anfangen mit einer gleichgeschalteten Zeitung, oder Schule, oder Universität? Wo „arbeiten“ denn die Master of Gender Studies? Genau dort, wo die Absolventen des Marxismus-Leninismus-Studiums gearbeitet haben: im Ministerium für Liebe.
Bei indubio wird übrigens auch gegendert. Jedenfalls vom Moderator.
Interessant dazu auch das Interview mit ihm in der aktuellen „Sezession“. Oder hat die Achse da ‚ne Brandmauer?
Alles richtig, aber was hier beschrieben wird ist natürlich auch nur eine, wenn auch wichtige Facette des Ganzen. Das Ganze ist die systematische Entwicklung eines nicht offen sichtbaren Pilzgeflechts von Beziehungen zwischen Personen mit gleichen Interessen: Macht (auch Deutungsmacht), Geld, Ansehen. Es geht um die Ausbeutung der Vielen durch die Wenigen. Das ist nicht neu sondern alt. Dasselbe geschah in Europa durch die Entwicklung des Adels während des Mittelalters. Es geschah in der römischen Republik. Es geschah die ganze bekannte Geschichte hindurch. Neu ist lediglich der Versuch, dieses System global zu etablieren. Allerdings wird der Versuch nicht nur scheitern, sondern das ganze System wird bis auf die Grundfesten kollabieren. Es ist bereits dabei zu kollabieren. Um das zu sehen, muss man aber auf Dinge achten, die außerhalb der Sphäre der politisch-ökonomischen Berichterstattung liegen, Dinge, die nur am Rande, als Kuriosität hin und wieder mal in den Nachrichten auftauchen. Warten wir noch mal zwei, drei Jahre,
Alleine die Tatsache, dass alle Universitäten, Bildungseinrichtungen, Forschungseinrichtungen, Museen, Gedenkstätten in vorauseilendem Gehorsam die ideologisch & politisch motivierte, manipulative Gendersprache übernommen haben belegt, dass (beinahe) alle deutschen Minister, Universitätspräsidenten, Dekane, Professoren, Lehrer, Wissenschaftler, Forscher, Institutsdirektoren, Museumsdirektoren, Kuratoren erbärmliche, feige, charakterlose Opportunisten & Mitläufer sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie alle so dumm sind, um auf die seichte Ideologie der Gendersprache herein zu fallen. Darauf fallen nur Ideologen, Ignoranten, Idioten herein. Naivität & Gedankenlosigkeit kann ich nicht als mildernde Umstände gelten lassen. Ich stelle die obligatorische Frage wie diese Waschlappen sich zur Zeit des Nationalsozialismus verhalten hätten?
„der Bologna-Prozess, die Politisierung der Forschung durch den Zwang zu Drittmittelaquise und der Druck durch Rankings und Veröffentlichungsindizes“ – ja, aber viel früher: Die Zerstörung der deutschen Wissenschaft durch das erste Erdbeben von 1933 UND das zweite Erdbeben von 1968, wobei das weltbeste Gebäude möglicherweise den zweiten Stoß ausgehalten hätte, wenn es nicht bereits vom ersten zur Hälfte zerstört worden wäre. Auch die Philosophe des Postmodernismus, die im Grunde das Existenzrecht der Wissenschaft bestreitet, ist nicht zu vergessen.
Dazu passt auch: an einer Aussage des Mode-Filosofen Precht zum orthodoxen Judentum wurde heute „Kritik geübt“. Daraufhin wurde das wie selbstverständlich aus dem Interview herausgeschnitten. Jetzt will Precht natürlich noch seinen Kotau dazu folgen lassen. Es geht nicht um die Frage ob er Stuß geredet hat oder nicht, es geht um Stromlinienförmigkeit, Rückgratlosigkeit, Oppportunismus, Zensur und Selbstanklage nach sozialistischer Manier. Nicht nur an den Unis, auch in den Medien, den Verbänden, den Kirchen, überall eben. „Das beste Deutschland, das wir je hatten“ 2023.