Moritz Mücke, Gastautor / 13.05.2019 / 12:00 / Foto: Pixabay / 25 / Seite ausdrucken

Linke Ziele ohne Kernkraft? Sorry, ihr schießt euch ins Knie!

Von Moritz Mücke.

Kein wichtiges Ziel linker Politik kann erreicht werden ohne die sichere Vierte Generation der Kernkraft: Nur mit ihr lässt sich der CO2-Austoß verringern, ohne dabei die Grundlastfähigkeit einer Industrienation zu gefährden. Nur mit ihr lässt sich bereits existierender Atommüll zeitnah abbauen. Nur mit ihr lässt sich an ein bedingungsloses Grundeinkommen oder die Bewältigung des demographischen Wandels denken, denn jeder Sozialtransfer wird von steigenden Stromkosten früher oder später aufgefressen.

Nur mit ihr. Nur mit Vier.

Entspannter lebt es sich auf der anderen Seite. Konservative und Liberale sind weniger bekümmert über Atommüll und Klimawandel. Günstige Grundlast ließe sich auch mit Kohle und Erdgas bewältigen. Von ersterer haben wir reichlich, bei letzterem gibt es Auswahlmöglichkeiten: Wladimir via Nord Stream oder Flüssiggas von Onkel Donald. Selbst an unwahrscheinlichen Orten wie Griechenland, Zypern und Israel lässt sich alles, was das Herz begehrt, aus den Böden fracken.

Klar, dass etwa die Union kurz vor der Europawahl kein Wort über Generation Vier verliert. In ihrem Programm steht lediglich etwas davon, dass Deutschlands Ausstieg aus der alten Kernkraft „nicht durch emissionsintensiven Strom aus anderen Ländern ersetzt werden“ dürfe. Auch die FDP gähnt sich gekonnt aus der Affäre: „Wir Freien Demokraten respektieren die Entscheidung anderer europäischer Länder, weiter auf die Kernkraft zu setzen. Wir fordern jedoch die effektive Durchsetzung eines einheitlichen europäischen Sicherheitsniveaus für die Nutzung von Kernkraft.“ Eine packende Lektüre!

Windräder gehen in Flammen auf

Schockierend allerdings, dass die linken Parteien über die Vierte Generation schweigen, obwohl diese CO2-neutral ist und alte Atomabfälle als Brennstoff nutzen kann. Die Linkspartei schreibt in ihrem Wahlprogramm sogar die Auflösung von EURATOM herbei, Deutschlands verbliebenem Fuß in der Pforte zur neuen Technologie. Die SPD halluziniert über einen „Fahrplan zum europäischen Atomausstieg“. Die allerheiligste Klima-Partei ist kaum erwähnenswert, da in ihrem Dunstkreis die Popularität und wissenschaftlich fundierte Grünheit der Vierten Generation geradezu passiv-aggressiv bestritten wird, was in der Vergangenheit sogar zu juristischen Verwerfungen geführt hat. 

Leider ist ausgerechnet die AfD die einzige Partei, der G-IV einen Satz wert ist. In ihrem Europawahlprogramm fordert sie, „dass sich Deutschland wieder an der weit fortgeschrittenen Entwicklung neuartiger Typen von Kernreaktoren beteiligt.“ (Sämtliche Witze über die „Reaktionären“, die sich den „Reaktoren“ anschmiegen, spare ich mir an dieser Stelle. Jeder kann sich seinen Teil denken, und Framing-Manuals gibt es überall.)

Der AfD-Satz könnte strenggenommen falsch sein, da Deutschland schon heute über EURATOM am Generation IV International Forum beteiligt ist. Allerdings ist er bezeichnend für die erheiternde Verwirrung der deutschen Parteien in Energiefragen. Will etwa die SPD den Fortschrittsgedanken ausgerechnet der AfD überlassen? Und währenddessen weiter Windmühlen anbeten, eine aus dem Mittelalter stammende Technologie? Klar darf man einwenden, dass die heutigen Dinger besser sind, aber gilt das nicht auch für die Vierte Generation? Warum verzeiht man ihr nicht ihre Vorfahren? Aktuell jedenfalls sind es Windkraftwerke, die zunehmend in Flammen aufgehen, weil sich Verschleiß bemerkbar macht, worüber auch das ZDF dankenswerterweise bildgewaltig berichtet hat.

Die Welt mit teutonischem Tech-Trübsal betäuben?

Noch ein Paradoxon: Die GroKo (& Co) verweigert sich nicht nur dem Fortschritt, sondern sogar der Fremdenfreundlichkeit. Sie betreibt eine nationalistische Energiepolitik, die sich nur rhetorisch in Europa-Phrasen flüchten kann. Polen wehrt sich längst gegen Deutschlands überfallartige Zappelstromexporte. Auch anderen Nachbarn wird man solche Netzaggressionen nicht ewig verheimlichen können. Und bei so einem Thema will man das Feld der AfD überlassen?

Derweil redet die ganze Welt über die Vierte Generation. Deshalb rede ich darüber. Allein in den USA gehen in den letzten Wochen alle sichtbaren Meinungsartikel in dieselbe Richtung. Dazu zähle ich die Mainstream-Linke (New York Times: „Kernkraft kann die Welt retten“), die Mainstream-Rechte (Wall Street Journal: „Das Klima braucht Kernkraft“), die Technologiefreunde (MIT Technology Review: „Die neuen, sichereren Kernreaktoren, die helfen könnten, den Klimawandel zu stoppen“), und die Trumpisten (Washington Examiner: „Nur Fracking und Kernkraft können den Planeten Erde retten“). Im heillos zerstrittenen US-Kongress herrscht bei der Förderung neuer Forschungsvorhaben parteiübergreifende Kooperationsbereitschaft (Nuclear Energy Innovation and Modernization Act, Nuclear Energy Leadership Act).

Aber auch die deutsche WELT hat unlängst von neuen Trends berichtet und sich für den „perfekten Kernreaktor“ des Berliner Instituts für Festkörperphysik stark gemacht (Bezahlschranke). Da das auch mich überrascht hat, tweetete ich die kurzmöglichste Zusammenfassung in die englischsprachige Welt hinaus. Es gab fast 100.000 Impressionen, woraus sich schlussfolgern lässt, dass es weltweit zahlreiche Menschen gibt, die Twitter nach den entsprechenden Hashtags absuchen und auch daran interessiert sind, was das kernkraftskeptische Deutschland von G-IV hält. Wenn es hier klappt, kann es überall klappen. Die Zukunft wartet nicht auf uns, aber das ist kein Grund, sie trotzig auszusitzen und die Welt mit teutonischem Tech-Trübsal zu betäuben.

China und Russland nutzen schon Gen-IV-Reaktoren

Freilich macht auch die Forschung auf dem Bereich Fusionskraft, dem flatterhaften Vetter der Vierten Generation, Fortschritte. Aufgrund jahrzehntelanger staatlich geförderter Grundlagenforschung lassen sich Versuchsanlagen heute dramatisch kleiner dimensionieren, worauf das MIT-Spinoff Commenwealth Fusion Systems baut, indem es auf die neuen REBCO-Supraleiter setzt. Dazu kommen in Kalifornien bessere Computermodelle und Machine Learning, um Testläufe effektiver auszuwerten. Allein die Tatsache, dass es zunehmend private Unternehmen sind, die sich der Fusion annehmen, lässt aufhorchen. Nicht nur die praktische Umsetzung, sondern die wirtschaftliche Profitabilität ist nun greifbar.

Allerdings ist die Fusionskraft – also die eierlegende Wollmilchsau – in gewisser Weise weniger „grün“ als die in Frage kommenden Designs der Generation IV. Denn nur letztere können unsere existierenden Atomabfälle in den Brennstoffkreislauf integrieren, wodurch dieser komplett geschlossen wird. Auch aus anderen Gründen bieten sie sich als Thema für die Europawahl an: Internationale Kooperation, hohe Investitionssummen und eine enge Verzahnung mit der politischen Bürokratie sind hier von Vorteil. In China und Russland sind erste Gen-IV-Reaktoren schon im Einsatz.

Abschließend lässt sich festhalten, dass den deutschen Parteien vor der Europawahl in der Energiepolitik bereits drei Erfolge geglückt sind. Erstens: Das polarisierte Amerika sieht aus wie ein Paradies brüderlicher Einmütigkeit. Zweitens: China und Russland sehen aus wie die unanfechtbaren Fackelträger globaler Technologieführerschaft. Drittens: Die AfD sieht aus wie die treibende Kraft von Fortschrittlichkeit, Wissenschaftsbegeisterung und Fremdenfreundlichkeit. Da kann man nur gratulieren.

Die Website von Moritz Mücke finden Sie hier.

Foto: Pixabay

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Gerd Koslowski / 13.05.2019

Weitgehend mit Ihnen einverstanden Herr Mücke: Atomkraft, ja bitte. Nur, dass die heutigen Windkraftmaschinen besser sein sollen als die mittelalterlichen will mir nicht einleuchten. Eine Getreidewindmühle hat einen Kornboden für den Rohstoff und einen Mehlboden zur Lagerung des Fertigproduktes, kann also betrieben werden wenn der richtige Wind weht. Für mich eindeutig das überlegene Konzept.

Alexander Damaskinos / 13.05.2019

Schön geschrieben. Nur die Ablehnung der AfD wird immer wieder sichtbar. Und es muss ganz klar heißen “Die AfD IST die treibende Kraft von Fortschrittlichkeit, Wissenschaftsbegeisterung und Fremdenfreundlichkeit.”

Wolfgang Kaufmann / 13.05.2019

Ja, Deutschlands Rolle im europäischen Energieverbund ist hochgradig aggressiv. Seit 5:45 wird zurückgezappelt!

Dr. Klaus Rocholl / 13.05.2019

“Kein wichtiges Ziel linker Politik kann erreicht werden ohne ... “ Mann - mußte ich lachen!  Der Satz ist deutlich zu lang: Kein wichtiges Ziel linker Politik kann erreicht werden.  (PUNKT!) Mehr muß man zu “Zielen linker Politik” wirklich nicht sagen.

Sanne Weisner / 13.05.2019

Ich habe ja kein Problem damit, dass sich die AfD der Energieversorgungsproblematik und der neuen AKW-Technologie annimmt. Blöd nur, dass die anderen aktuell lieber dem Gretel Gaukelei-Trend und der Stromerzeugung durch Magie nachlaufen bzw. zu feige sind sich gegen diese antiwissenschaftlichen Träumereien zu wehren.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Moritz Mücke, Gastautor / 27.05.2020 / 06:20 / 32

Trump und die Kunst, den Himmel zu sehen

Ein amerikanischer Präsident muss damit rechnen, nach den Erwartungen beurteilt zu werden, die er im Wahlkampf angeregt hat. Das Land „wieder groß“ zu machen, war…/ mehr

Moritz Mücke, Gastautor / 01.05.2020 / 15:00 / 18

Vorsicht Wokeness!

Bei der Wortschöpfung „The Great Awokening“ handelt es sich um eine humoristische Meisterleistung. Der Begriff, zuerst vom Journalisten Matthew Yglesias eingeführt, ist zweischichtig. Erstens spielt…/ mehr

Moritz Mücke, Gastautor / 15.12.2019 / 15:30 / 6

Sehr gewinnend: Loserdenken

Scott Adams gehört zu den erfolgreichsten Menschen der Welt. Das ist nicht im finanziellen Sinne zu verstehen, denn er ist „nur“ ein Multimillionär. Was an…/ mehr

Moritz Mücke, Gastautor / 23.10.2019 / 06:15 / 37

Washington: Wenn der Sumpf kippt

Es gibt ein Geheimnis der US-Politik, das sich nur erschließt, wenn man zwei unscheinbare Fakten miteinander verzahnt. Der erste lautet so: Die Wahrscheinlichkeit als bereits…/ mehr

Moritz Mücke, Gastautor / 07.10.2019 / 15:00 / 6

Die Gefahr der Expertokratie

Eine der besten Einsichten in moderne Politik bietet die letzte Zeile aus dem Song Hotel California: „You can check out any time you like, but you…/ mehr

Moritz Mücke, Gastautor / 07.09.2019 / 06:06 / 34

Merkels China-Besuch: Die einen buckeln, die anderen kleben

Es war einmal ein alter Mann, der bescheiden sein Feld bestellte. Als sein Vaterland ihn brauchte, zögerte er nicht, die Arbeit, mit der er seine…/ mehr

Moritz Mücke, Gastautor / 29.07.2019 / 12:42 / 30

Wie Sokrates aus der SPD flog

Es ist unheimlich, wie sehr die SPD dem antiken Athen ähnelt. Zu der Zeit, als die Stadt dem berühmten Sokrates zu Leibe rückte, hatte sie…/ mehr

Moritz Mücke, Gastautor / 03.04.2019 / 14:00 / 7

Die Zukunft der Trump-Russland Halluzination

Ein altgriechisches Wort, das ich gerne mag, ist Pharmakon. Es kann sowohl „Gift“ als auch „Gegengift“ bedeuten. Der deutschen Sprache, scheint es, fehlt ein Begriff…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com