10.08.2026
In Russland heißt ein Frühstücksbuffet „Schwedski Stol“ („Schwedischer Tisch“). Was dort geboten wird, ähnelt dem traditionellen englischen Frühstück und ist vor allem - deftig. Dem Porridge entspricht eine warme, salzig-süße Buchweizengrütze, nicht mein Fall. Die sehr flüssige russische Erdbeermarmelade („Warenje“) kann man nicht aufs Brot streichen, sondern gießt sie über Joghurt oder russischen Quark, der trocken und bröselig ist. Salat „Olivier“, ein Mayonnaisensalat mit Kartoffeln, Erbsen und Schinken gehört zum Standardprogramm und in Rechauds werden Gemüse, Chickenwings und eine Art Eierkuchen warmgehalten. An meinem Buffet geht es gesittet zu, die Kinder verhalten sich vorbildlich und werden von ihren Eltern immer wieder sanft, aber bestimmt, zur Ordnung gerufen.
Die zuweilen achtspurigen Straßen im Moskauer Zentrum dürften Fans der deutschen „Verkehrswende“ wenig Freude machen. Russische Automobilisten und vor allem Motorradfahrer lieben es, ordentlich auf die Tube zu drücken, selbst innerorts. Die Polizei lässt sie gewähren. Bußgelder für Verkehrssünder in Russland sind dem Vernehmen nach ausgesprochen sozialverträglich und es soll viele Pönitenten geben, die gar nicht daran denken sie zu zahlen. Dieses Stück Freiheit steht einstweilen nicht zur Disposition.
Viele Deutschen meiden Russland, weil sie fürchten, „willkürlich“ auf der Straße festgenommen zu werden. Das steht jedenfalls seit Jahren in den Reisewarnungen des Auswärtigen Amts, offenbar in der Absicht, die Menschen von Besuchen abzuschrecken. Aber dafür müsste man schon an die Kremlmauer pinkeln oder das Grab des unbekannten Soldaten schänden. Viel realer ist die Gefahr, von einem Elektroscooter oder Fahrradboten über den Haufen gefahren zu werden, die in halsbrecherischem Tempo die Bürgersteige unsicher machen.
Der Bauernmarkt auf dem Preobraschenski Platz ist einer der größten der Stadt. Ich wollte hier ein wenig Käse kaufen, weil der vom Frühstücksbuffet ungenießbar ist. Ich erstand ein Stück Gorgonzola aus Brasilien, das mir die Standinhaberin wärmstens empfahl, und ein Stück Parmesankäse aus Argentinien. Mit Markenbezeichnungen nimmt man es hier nicht so genau, schließlich ist nicht nur der Zar weit, sondern auch Uschi von der Leyen. Die Frau erklärte mir, dass der „Gorgonzola“ wirklich aus Brasilien stamme, der argentinische „Parmesan“ dagegen aus dem Baltikum und infolge der Handelssanktionen über den Umweg Südamerika nach Russland importiert werde. Echten Schweizer Greyerzer gibt es auch, er kostet umgerechnet vier Euro pro hundert Gramm - für Durchschnittsrussen kaum erschwinglich. Der meiste Käse und andere Milchprodukte hier stammen aus Russland und Weißrussland, gelegentlich aus dem Kaukasus. Ich werde mich da noch durchprobieren.
Im Plastiktüten-Paradies
Eine Tafel Lindt „Excellence“ in einem Lädchen in einer Metro-Passage kostet umgerechnet drei Euro. Das monatliche Durchschnittsgehalt (brutto) liegt in Russland bei gut 1000 Euro, in Großstädten oft deutlich darüber. Klingt nach wenig, ist es aber nicht, wenn man bedenkt, dass die meisten Russen eine eigene Wohnung besitzen aus der Zeit als das Staatseigentum privatisiert wurde, womit ein gewichtiger Posten in der monatlichen Ausgabenbilanz wegfällt. Außerdem sind die Nebenkosten inklusive öffentlicher Verkehrsmittel sehr günstig und auch Benzin und Diesel sind trotz jüngster Preissteigerungen infolge einer regional unterschiedlich ausgeprägten Treibstoffknappheit infolge ukrainischer Angriffe auf Raffinerien im Vergleich deutlich billiger als in Deutschland.
Wenn man in Russland einkaufen geht, wird einem überall ungefragt ein „Paket“ in die Hand gedrückt. Ein „Paket“ ist eine Plastiktüte. Herrlich! Ich werde mir einen kleinen Vorrat anlegen und mit nach Hause nehmen.
11.08.2026
Schon eine Woche in Moskau und immer noch kein Lastenfahrrad gesehen.
Apropos Ökologie. Das Lieblingshobby der Deutschen, die Mülltrennung, ist in Russland so gut wie unbekannt. Doch daran gewöhnt man sich schnell. Die Wasserflasche aus Plastik ohne Uschis Patentverschluss landet, zack, im großen Eimer. Freiheit!
Ganz ist die Ökowelle allerdings auch an den Russen nicht vorübergegangen. In Moskau werden neuerdings große Plätze und Brücken temporär begrünt. Der Theaterplatz vor dem Bolschoi Theater ist jetzt eine Art Botanischer Garten. Den Leuten gefällt es.
Ökologie zum letzten: Die Supermarktkette „Wkuswill“ kommt dem am nächsten, was bei uns unter Biomarkt läuft. Doch die Russen, die es sich leisten können, dort einzukaufen, sind vor allem daran interessiert, „gesunde“ Lebensmittel ohne Zusatzstoffe zu kaufen. Weltenrettung via „Klimaschutz“ spielt bei der Kaufentscheidung nicht mal eine Nebenrolle.
Ökologie auf Russisch zum allerletzten: In Moskau gibt es sogar Elektrobusse, sie werden als lärm- und erschütterungsarm gepriesen. Überhaupt scheint die Hauptstadt in elektrischer Energie zu baden. Kaum ein repräsentatives Gebäude, dass nachts von außen nicht beleuchtet ist. Und überall riesige, stromfressende Digitalreklamen. Windrad heißt auf Russisch „Wertuschka“. Es soll auch in Russland irgendwo ein paar davon geben.
Die frühere „Allunionsausstellung“, kurz WDNCh, wo zu Sowjetzeiten die einzelnen Sowjetrepubliken in schmucken Pavillons im Zuckerbäckerstil ihre „volkswirtschaftlichen Errungenschaften“ präsentierten, ist heute so etwas wie ein Wissens- und Vergnügungspark. Von den Länderpavillons sind nur noch die „befreundeter“ Nationen übriggeblieben, insbesondere Weißrussland, Kasachstan, (mit Einschränkungen) Aserbaidschan. Im einstigen Ukrainischen Pavillon gibt es heute eine Ausstellung zur Entwicklung der russischen Sprache, der Kyrilliza. Daneben das „Haus des Heroismus“, wo es auch um die Helden der „Militärischen Spezialoperation“ geht. Leider war es geschlossen, als ich den Park heute besuchte. Im weißrussischen Pavillon erfährt man allerlei Wissenswertes über Dauerpräsident Lukaschenko und kann in einem Restaurant Kartoffelpuffer essen - Weißrussland ist ein bedeutendes Kartoffelanbaugebiet. Im aserbaidschanischen Pavillon wird mit der schnellen Abwicklung von Bankgeschäften ins Ausland geworben. Seit Russland vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten wurde, scheint das Geschäft dort zu florieren.
Die russische Variante der „Schwammstadt“
Die zentrale Kastanienallee auf der WDNCh aus dem Jahre 1939 steht unter Denkmalschutz. Die Miniermotte scheint es noch nicht bis hierher geschafft zu haben.
Auf dem riesigen Gelände gibt es auch ein „Haus des russischen Weins“. Die Weinbranche in Russland entwickelt sich noch, das Angebot ist recht klein, die Preise hoch - umgerechnet 40 bis 50 Euro verlangt man hier für eine mittelprächtige Flasche. Ich kaufe probehalber eine Flasche Weißwein der autochthonen Sorte Sibirkowi. Sie stammt von einem vor gut zehn Jahren gegründeten Privatweingut am Unterlauf des Don in Südrussland, nicht allzu weit entfernt von der Kampfzone. Auf dem Etikett prangt ein Stör. Ein kleiner Teil des Erlöses pro Flasche spendiert die Winzerfamilie für den Tierschutz, unter anderem ein Wiederansiedlungsprogramm für den Stör. Im Hotel genehmige ich mir ein Glas. Das florale Aroma und die knackige Säure sind gar nicht schlecht, doch der brandige Alkohol zieht einem die Schuhe aus. Hat da jemand Wodka reingeschüttet?
Endlich bin ich Putin begegnet! Nicht leibhaftig natürlich, sondern auf zahlreiche Fotos in einer Dauerausstellung auf dem WDNCh-Gelände, die russischen Staatskarossen unterschiedlicher Führer und dem präsidentiellen Sicherheitsdienst gewidmet ist. Lenin und Stalin waren, kein Scheiß, im Rolls Royce unterwegs, danach wurde die englische Luxusmarke von vaterländischen Modellen abgelöst, bis auf Jelzin, der sich in einem Mercedes Benz S 600 Guard Pullmann kutschieren ließ. Putin bereist sein Land in einem speziell für ihn konstruierten, gepanzerten Aurus Senat. Wenn die Präsidenteneskorte anrauscht, werden die Straßen kurzfristig für den normalen Verkehr gesperrt. In einer Ecke der Schau gibt es einen Tisch, an dem Kinder Soldaten der „Sonderoperation“ Briefe schreiben können. Das Interesse der Kids an einem Fahrsimulator schien größer zu sein.
In wenigen Wochen sind in Russland Duma- und Kommunalwahlen, aber ich habe noch kein einziges Wahlplakat gesehen. Vielleicht könnte man sich das „Reich des Bösen“ wenigstens in dieser Hinsicht als Vorbild nehmen? Eines der wichtigsten Wahlkampfthemen sind Sperrungen des mobilen Internets, vor allem des Messengerdienstes Telegram, dessen Gründer Pawel Durow seit Juli vom russischen Inlandsgeheimdienst per internationalem Haftbefehl gesucht wird.
In Moskau gibt es Restaurants von Küchen aus aller Welt und sie sind immer gut besucht. Besonders beliebt ist die grusinische Küche, obwohl die Beziehungen zu Georgien wegen der zunehmenden Westorientierung des Kaukasuslandes etwas angespannt sind. Grusinische Küche (inklusive grusinischer Weine - Georgien ist die älteste Weinbaunation der Welt) ist in Russland das, was die Italiener in Deutschland sind. Das Nationalgericht Katschapuri, belegte Teigfladen, ähnelt einer Pizza. Ich aß einen dieser zarten Fladen mit einem (im Gegensatz zu italienischer Pizza) gar nicht fettigen Käse und trank dazu eine Flasche Granatapfelcidre, weil das grusinische Bier gerade ausgegangen war.
Um mich herum in Kitaigorod viel plauderndes, feierndes, abhängendes Jungvolk, ähnlich gekleidet und aufgemacht wie im Westen mit den gleichen Marken wie überall, nur manchmal deutlich fantasievoller, man kann auch sagen ausgeflippter. Die Durchtätowierungs-und Piercingrate kann auch mithalten. Mag sein, dass sich hier jugendlicher Protest gegen das „Regime“ äußert.
Von Dürre in Moskau keine Spur. Abends schüttet es aus Kübeln und abschüssige Straßen verwandeln sich in Wildbäche. Das liegt auch daran, dass die Abflussrohe der Häuser nicht direkt in die Kanalisation führen, sondern das Wasser auf die Straßen leiten - die russische Variante der „Schwammstadt“. Als Fußgänger muss man höllisch aufpassen, nicht von oben bis unten nassgespritzt zu werden, wenn ein Auto heranbraust. Die Passanten bleiben gelassen ob des Starkregens, selbst wenn sie, wie viele, ohne Regenschirm unterwegs sind und wie nasse Pudel aussehen. Hier ist Wetter noch Wetter und kein Klima.
Lesen Sie in der nächsten Folge am kommenden Montag: Schnellzug, Kloster und Friedhof

Junge Menschen,Russen, Ukrainer, Deutsche….möchten eine Zukunft in Frieden,Wohlstand und Freiheit.Kriegsprofiteure fürchten den Frieden, er stört ihre dreckigen Geschäfte. Millionen Tote sind für sie nur ein „ Kollateralschaden.“ Danke Herr Etscheit für den Reisebericht. Ich hoffe, daß die Menschen wieder reisen, sich kennen und schätzen lernen.
So stelle ich mir einen Reisebericht aus D in den Jahren 1940/41 vor.
Noch ist Polen nicht verloren….
„In wenigen Wochen sind in Russland Duma- und Kommunalwahlen, aber ich habe noch kein einziges Wahlplakat gesehen“. Wozu auch?
Danke für den kulinarisch gewürzten Reisebericht. Sie könnten ihn noch mit selbstgemachten Fotos abschmecken.
Mir gefallen die Fotoserien von Herrn Broder sehr gut.
Seien Sie so gut und nehmen Sie mir ein Döschen Kaviar mit. Es gibt auch praktische 1 kg Dosen für Sparfüchse. Sie müssen nicht 10 mal reisen.
Ich aß einmal eine ganze Dose in einem Sitz. Ich schielte schon nach der zweiten Dose. Der großzügige Gastgeber, ein Millionär, wurde totenblass und bestellte mir noch eine große-sättigende Portion, ich weiß nicht mehr… halbe Kuh… mit Trüffeln.
Ich würde die Dose heute nicht mehr schaffen. Vorbei die Jugend, als ich 2 Suppen, 2 Vorspeisen, 1 Hauptspeise, 2 Desserts schaffte.
Ich verabschiedete mich einmal aus dem St. Peter Stiftskulinarium in Salzburg mit den Worten: „Das war köstlich, aber ich gehe jetzt noch ein zweites mal Abendessen.“
jemand, der gut und gerne ißt, ist auch jemand, der die anderen schönen Dinge sieht und unterhaltend beschreibt. Mehr als die Kultur russischen Städte würde mich die Natur des größten Landes der Welt interessieren – davon muß es ja reichlich geben. Vielleicht passiert ja sogar etwas in Sachen Ukrainekrieg, während Sie da sind, Herr Etscheit. Es ist ja gerade eine Delegation aus den USA angekommen und der Penisklavierspieler, der, so munkelt man, seinen Widersacher Budanov mit einem Angriff auf dessen Behörde, dazu bewegen will, nicht anzutreten, hat ja gerade großzügig einen Waffenstillstand angeboten.