Wir leben in einer Welt, die immer stärker in digitale Abstraktionen abdriftet. Die Versuchung, Probleme endlos theoretisch zu wälzen, ist groß. Wir posten Meinungen, klicken uns durch Ratgeber, simulieren Handlungen im Kopf – und merken kaum, dass wir immer seltener wirklich etwas tun und noch seltener etwas schaffen.
In dieser Entwicklung zeigt sich eine neue, bislang unterschätzte Form der Entfremdung: Arbeit wird zunehmend von ihrem inneren Sinn entkoppelt. Für viele junge Menschen – insbesondere junge Männer – entsteht der Eindruck, man könne Erfolg, Status und Einkommen auch ohne echte Kompetenz erzielen: durch geschicktes Marketing, persönliche Inszenierung, den Einsatz von KI, durch „Hacks“, Abkürzungen und Skalierungsversprechen. Wertschöpfung wird simuliert, nicht geleistet.
Was sich hier zeigt, ist ein neuer Typus des modernen Menschen – den Typus eines Akteurs, der sich nicht mehr über Können, sondern über Anpassung und Selbstvermarktung definiert, in einer Welt, in der die Simulation die Realität ersetzt. Beide Linien münden in dem, was man den „Symbolverkäufer“ nennen könnte: einem Menschen, der mit Zeichen statt mit Dingen arbeitet, dessen Tätigkeit Bedeutung, nicht Bestand erzeugt.
Seine Werkzeuge sind Marketing, Sprache, Marken, Profile, Präsentationen – alles Formen symbolischer Arbeit, die Wirklichkeit imitiert, aber nichts Nützliches hervorbringt. Der Anthropologe David Graeber beschreibt ihn als Betreiber eines „Bullshit Jobs“, einer Tätigkeit, die so tut, als wäre sie notwendig, aber weder für die Gesellschaft noch für den Handelnden selbst Sinn erzeugt.
Man könnte auch von einer neonarzisstischen Produktivität einer Generation sprechen, die sich selbst unablässig in Szene setzt und dabei die Fähigkeit zum echten Tun – und die Bodenhaftung zum echten Sein – verliert. Diese jungen Menschen sind oft überzeugend, dynamisch, selbstbewusst, digital und hochvernetzt. Sie verbringen unzählige Stunden damit, sich und ihre Effizienz zu vermarkten: Sie handeln mit Kryptowährungen, betreiben Coaching, optimieren Profile, posten Erfolgsslogans, fälschen Lebensläufe und experimentieren mit KI-Tools.
Doch was sie tun, bleibt in der Schwebe: Tätigkeit ohne Werk, Bewegung ohne Ziel, Energie ohne Richtung.
Diese Menschen sind nicht faul im klassischen Sinn. Im Gegenteil: Sie sind hyperaktiv und verbringen unzählige Stunden vor Bildschirmen, optimieren ihr Profil, verfolgen Markttrends, analysieren Algorithmen, drehen Videos, testen Strategien, handeln mit Kryptowährungen oder digitalen Produkten und coachen sich gegenseitig in „Finanzfreiheit“ und „Selbstoptimierung“.
Doch hinter all dem steckt selten echte Substanz – keine reale Fertigkeit, kein greifbares Werk, kein Produkt, das Bestand hätte, wenn der Strom ausfiele. Sie leben in einer symbolischen Ökonomie, in der Aufmerksamkeit zur Währung geworden ist und Wirkung mit Wirksamkeit verwechselt wird.
Was den Symbolverkäufern fehlt, ist die Erfahrung, dass etwas außerhalb des eigenen Selbst tatsächlich von ihnen abhängt. Dass ihre Hände, ihr Wissen, ihr Urteil etwas hervorbringen, das bleibt, das trägt, das anderen nützt. Diese Haltung ist kein Zeichen von Klugheit, sondern Ausdruck einer tiefen Verlorenheit. Denn der Mensch erfährt seinen Wert nicht primär durch Sichtbarkeit oder Gewinn, sondern durch sinnerfüllte Wirksamkeit. Wer nichts wirklich kann, wer nichts beherrscht, wer keinen realen Beitrag leistet, gerät früher oder später in eine existentielle Krise – unabhängig davon, wie gut er sich nach außen verkauft.
Warum die digitalisierte Welt Techné braucht
Die digitale Welt hält uns in einem paradoxen Zustand: ständig geistig aktiv, aber nie wirklich denkend. Das Handy überflutet unser Gehirn mit Reizen, die das automatische, assoziative System 1 nach Kahneman permanent in Alarmbereitschaft halten. Jeder Klick, jedes Wischen, jede Benachrichtigung erzeugt einen winzigen Impuls – ein Gefühl von Relevanz, das sich sofort wieder auflöst. Das Gehirn reagiert unaufhörlich, ordnet jedoch nicht mehr. Es gibt keine leeren Zwischenräume, keine Stille, keine Refraktionszeit des Denkens.
So entsteht eine neue Form der Erschöpfung: eine Hyperaktivität der Passivität. Der Mensch scheint beschäftigt, doch sein Denken bleibt oberflächlich, getrieben, flach. System 2 – das langsame, prüfende, integrierende, planende Denken – wird unablässig gereizt, aber nie wirklich aktiviert. Es ist wie ein Muskel, der ständig unter Spannung steht, ohne sich je zu bewegen. Er ermüdet, ohne stärker zu werden. Im Ernstfall ist es nicht einsatzfähig.
Im Gegensatz dazu wirkt die ruhig, gelassen und kompetent verrichtete tägliche Arbeit wie eine kognitive Rekalibrierung. Auf den ersten Blick scheint es eine ebenso automatische System-1-Funktion – eine Abfolge routinierter Handlungen –, tatsächlich aber ist es sinnvolle und kontemplative Betätigung, die den beruhigten Geist freisetzt. Die sinnvolle Arbeit aktiviert zwar System 1, doch nicht um zu überfordern, sondern um System 2 freizuspielen. Während das digitale Scrollen das prüfende Denken fragmentiert und reizt, beruhigt die manuelle Tätigkeit den Kopf, ordnet ihn und stellt die geistige Balance wieder her. Der Mensch denkt nicht über jeden Handgriff nach, aber das Denken ruht in der Bewegung.
So wird bei der gut gemachten Arbeit die Tätigkeit zum Ort der Ordnung. Sie denkt, ohne zu zerdenken. Der Widerstand des Materials zwingt den Geist in eine echte Beziehung zur Welt. Ein natürlicher Austausch zwischen System 1 und 2 wird spielerisch eingeübt und das Gehirn stimuliert. Die sinnvolle, dienende Arbeit ist damit keine Flucht aus der Moderne, sondern die Rückkehr zur inneren Hierarchie des Denkens. Es erlaubt dem Menschen, im Tun zu verweilen, statt in der Überreizung geistig zu verfallen. In dieser stillen Wiederholung, in der Konzentration auf Form und Präzision, findet das Denken seine ursprüngliche Ruhe wieder – nicht durch Stillstand, sondern durch Rhythmus.
Die digitale Denkstörung besteht also weniger in der Dauerreizung von System 1, sondern in der Unfähigkeit, System 2 zu aktivieren, wenn es angebracht und notwendig ist. Techné reaktiviert diese Fähigkeit. (Anm. d. Red.: „Techné“ definiert der Autor in einem früheren Kapitel nach Aristoteles als „die Kunst des schöpferischen Könnens. Sie ist die kreative Fähigkeit, etwas Neues, nie Dagewesenes herzustellen – im Unterschied zum bloßen Handeln.“)
Die Verankerung in der Realität
Bereits lange vor der digitalen Revolution brachten ähnliche Probleme Henry David Thoreau dazu, den Luxus der Zivilisation gegen das schlichte Leben in einer Blockhütte zu tauschen. Lange bevor es möglich wurde, einen Großteil seiner Existenz in einem virtuellen Raum zu verbringen und der KI alle Aspekte des Lebens zu überlassen. Das achte Kapitel hat gezeigt, wie der Bildschirm Denken entkoppelt: Aufmerksamkeit zerfällt, Urteil wird ausgelagert, das Selbstgefühl hängt von Reizen ab. Techné ist die Gegenbewegung: Sie bindet Aufmerksamkeit an eine Aufgabe, Urteil an Konsequenzen und Selbstwert an Kompetenz. Was die digitale Welt simuliert – Wirksamkeit –, stellt Techné real her.
In der digitalen Denkstörung löst sich das Denken von der Realität, weil es ohne Handlung bleibt. In der Techné kehrt das Denken an seinen Ursprung zurück: in die Begegnung mit dem Widerstand der Welt. Sie ist nicht bloß Therapie, sondern Antidot – die tätige Wiederherstellung jener Denkordnung, die durch Geschwindigkeit, Reiz und Simulation verloren ging. Die digitale Denkstörung ist kein bloßes Nebengeräusch der Moderne, sondern eine strukturelle Verschiebung und Reduktion unserer schöpferischen Fähigkeiten. Genau hier setzt Techné an. Praktisches Können zwingt uns zurück in die Zeitlichkeit und Kausalität der Realität. Wer mit Holz arbeitet, weiß: Schlechte Vorbereitung oder ein falscher Schnitt lassen sich nicht durch schnelles Googeln korrigieren. Jede Handlung ist Teil einer Kette von Ursachen und Wirkungen, die Aufmerksamkeit, Vorausplanung und Präzision erfordern.
Techné ist das Gegenteil des digitalen Konsumierens, weil sie Denken und Handeln untrennbar verbindet. Genau darin liegt auch ihre Zumutung. Techné konfrontiert uns mit Widerstand, mit Fehlern, mit Begrenzungen. Sie erlaubt kein Bluffen. Wer arbeitet, steht unter dem stillen Zwang der Realität: Das Werk misslingt oder gelingt. Es gibt keine Likes, die ein schiefes Regal stabilisieren, und keine rhetorische Wendung, die einen falschen Schnitt im Holz rückgängig macht.
Viele fliehen vor dieser Erfahrung – nicht aus Faulheit, sondern aus Angst vor dem eigenen Unvermögen. Die digitale Welt bietet dafür ideale Ausweichräume: Man kann beschäftigt wirken, ohne etwas zu leisten; informiert erscheinen, ohne etwas zu verstehen; erfolgreich aussehen, ohne kompetent zu sein. Techné durchbricht diese Illusionen – und genau deshalb wird sie gemieden.
In der Handarbeit, im Kochen, im Musizieren oder in der Gartenarbeit ist das Gehirn nicht nur Beobachter, sondern aktiver, schöpferischer Regisseur: Es entwirft Pläne, überprüft sie am realen Ergebnis und passt sie iterativ an. Während der Bildschirm uns zu passiven Konsumenten macht, fordert uns Techné auf, Produzenten zu sein – mit allen Rückkopplungsschleifen, die echte Meisterschaft ausmachen.
Darüber hinaus wirkt Techné als Training gegen die Fragmentierung der Aufmerksamkeit. Digitale Medien zerlegen unsere Zeit in Sekundenhäppchen, Techné dagegen verlangt Kontinuität. Ein Brot backt man nicht in 15-Sekunden-Clips, und auch ein Möbelstück entsteht nicht zwischen zwei Push-Benachrichtigungen.
Diese Arbeiten zwingen dazu, mit der eigenen Ungeduld zu ringen, und belohnen nicht mit virtuellen Likes, sondern mit einem sichtbaren, greifbaren Ergebnis. Wer diesen Rhythmus verinnerlicht, stärkt nicht nur seine Konzentrationsspanne, sondern kultiviert Ausdauer – jene Fähigkeit, schwierige Dinge nicht sofort aufzugeben, die im digitalen Zeitalter so selten geworden ist.
Techné ist auch ein Gegenmittel zur „Illusion von Wissen“. In der Werkstatt, auf dem Bau oder in der Küche gibt es keine Ausreden: Entweder das Regal steht oder es kippt. Entweder die Soße schmeckt oder sie ist versalzen.
Das Ergebnis ist ein unmittelbares Feedback, das keine algorithmische Beschönigung kennt. Dieses direkte Verhältnis von Ursache und Wirkung schärft das Urteilsvermögen – nicht nur in praktischen Dingen, sondern auch im Denken. Wer gewohnt ist, Hypothesen an der Realität zu prüfen, statt nur bestätigende Informationen zu googeln, entwickelt eine Skepsis gegenüber bequemen Antworten und trainiert den Mut, Fehler zu korrigieren.
Dies ist ein Auszug aus dem neuen Buch „Kopflos. Wie Denken funktioniert. Warum wir es verlernt haben. Wie wir es zurückgewinnen“ von Raphael M. Bonelli, hier bestellbar.
Raphael M. Bonelli, geb. 1968, ist Neurowissenschaftler und habilitierter Psychiater. Er arbeitet in der Wiener Innenstadt in eigener Praxis. Forschungsaufenthalte führten ihn an die Harvard University, die University of California Los Angeles (UCLA) und die Duke University. Bonelli leitet das RPP-Institut und betreibt damit Social-Media-Kanäle mit insgesamt etwa 350.000 Abonnenten. Er ist Autor mehrerer Bücher über psychologische Themen, sein letztes Buch „Bauchgefühle“ wurde ein SPIEGEL-Bestseller.
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Krass, die vielen Meinungen.
Der Buschmann, der Jäger, hat am Tag im Schnitt zwei Stunden „gearbeitet“, also gejagt. Der Rest des Tages war Freizeit, Schmuck basteln, schnitzen, Nachkommen zeugen, über Gott/Götter sinnieren, so Zeug. Luxus kannte er nicht, GELD auch nicht. Und wenn’s bei der Jagd nicht mehr lief, ist er samt Sippe verhungert oder weitergezogen.
Der „moderne“ Mensch braucht GELD. Keynes dachte, in 100 Jahren, also ca. jetzt, würden die Menschen kaum noch arbeiten, weil die Maschinen den Menschen die Arbeit abnähmen. Dieser letzte Nebensatz ist dank Industrialisierung, Automatisierung, Digitalisierung, KI auf einem guten Weg. Es entsteht zunehmend das Problem: Woher bekommt der nicht oder kaum noch arbeitende Mensch dann sein GELD?
In der Bibel steht „am 7 Tag erschuf Gott das GELD“ nicht. Ist also nicht sein Problem.
In einem Satz? „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur du denkst.“ Der Text ist übrigens von Gunter Gabriel. Juliane Werding war die Interpretin.
@ Hermann Echt jetzt. Man braucht Beziehungen für das Austragen von Zeitungen. Jedenfalls nicht hier beim Wochenblatt, die suchen immer. Man auch Nebenverdienste generieren, Gartenarbeit, kleine handwerkliche Dienste, Malerarbeiten… Man muss schon etwas Fantasie haben. Alte Leute, die ihr Haus nicht mehr allein in Schuss halten können, gibt es endlos. In meiner Jugend musste man sich auch kümmern, die haben nicht angerufen. Wir hatten auch gar kein Telefon. Was ich beim Zeitungsaustragen schon sehe, es gibt halt immer weniger Zeitungen.
Die Verschulung im Studium bewirkt, dass nur auswendig gelernt wird, und dann praktisch später etwas ganz anderes gemacht wird, eben, wie es alle machen. Ich persönlich habe einen guten Allgemein-Arzt gefunden. Durch Glück und durch Empfehlung. Aber vorher war es eine Katastrophe. Ganz lange her, habe ich mir immer solche Ärzte gesucht, die genau das machen, was ich ihnen sage. Die gibt es auch. Es war aber immer ein Krampf, bis sie soweit sind.
Die „Praktiker“ verhöhnen jeden, der eine Theorie versteht. Die Theoretiker verachten jeden, der praktisch arbeiten kann. Beide sind in der Sackgasse. Man muss VERSTEHEN, was man praktisch tut. Nur wenige Prozent der Menschen überhaupt, sind dazu imstande. Das Arbeiten nach Dienstvorschrift, ist, wie die Musik einer Spielorgel. Man begreift sofort, dass dort die Seele fehlt. Das Schlimmste ist es, wenn das ganze Land, der ganze Staat von Spielorgeln in Lärm verwandelt wird, die nie darüber nachgedacht haben, warum sie das tun, was sie ohne Kritikfähigkeit uns allen antun.
Techné ist keine Mode, kein Zug, auf den man Aufspringen kann. Es ist daran gebunden, dass man sich nicht ständig in falschen platten Theorien verliert, die man selbst nicht zu hinterfragen imstande ist, und deshalb jeden bekämpfen muss, der sie hinterfragt. Gerade hier auf der Achse, dem Propagandablatt für Flatterstrom, Wirbelschleppen. und die Unmöglichkeit der Speicherung, mutet der Versuch, die Leser für Techné zu interessieren, wie ein schlechter Scherz an. Wir reißen sie nieder, nieder, nieder. Und wir verurteilen alle, die aus der Sprengung Belustigung ziehen. Das ist komplett gespalten!
„Thomas Szabó / 01.05.2026
Giacomo Casanova führte ein “Bullshit-Leben„ und genoss es in vollen Zügen.“ – Was aber auch nur möglich war, weil er Gönner fand – und vor allem Gönnerinnen, die an das glaubten, was er ihnen versprach, insbesondere seine alchemistischen Künste betreffend. Wie sagte er von einer: Das Schlimmste, was mir passieren könnte wäre, daß sie wieder normal wird. – Für viele andere ging ein Leben auf solcher Grundlage recht übel aus.